29.10.2026

Unmenschliche Frauen

Die Blutgräfin
Ulrike Ottingers Film Die Blutgräfin
(Foto: Neue Visionen)

Neue Filme über untote Freunde der Menschen: Ulrike Ottingers Die Blutgräfin und Taika Waititis Klara und die Sonne

Von Rüdiger Suchsland

Was macht den Menschen mensch­lich – und was macht ihn womöglich so uner­träg­lich, dass man lieber keiner wäre? Ulrike Ottinger zeigt eine Wieder­gän­gerin. In Klara und die Sonne begegnen wir einer anderen Gestalt jenseits des Mensch­li­chen. Hinter beidem steht eine scheinbar einfache Frage: Muss man ein Mensch sein, um mensch­lich zu handeln? Was macht uns eigent­lich mensch­lich? Unser Bewusst­sein, unsere Gefühle, unsere Fähigkeit zu lieben? Oder reicht es, wenn jemand uns versteht, uns beisteht und das Gute in uns sieht?
Viel­leicht verraten uns die Untoten und die Maschi­nen­wesen mehr über unsere Hoff­nungen, Eitel­keiten und Grau­sam­keiten als die Menschen selbst.

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Tanz der Vampirin. Ulrike Ottingers Film Die Blut­gräfin ist ein sehr wiene­ri­scher Spaß und ein souver­änes Spiel mit dem Vampir­genre.

»Blutgasse 7« – Eine Blutgasse gibt es in Wien tatsäch­lich. Nahe dem Stephansdom, liegt sie zwischen Würs­tels­tänden, wo man eine »Eitrige« isst, und hoch­klas­sigen Restau­rants mit gutbür­ger­li­cher Küche mit einer »Blutwurst für den kleinen Hunger«
Ums Essen, um Ernährung und Genuss dreht sich in diesem Film gewis­ser­maßen alles. Wie könnte es auch anders sein, bei einem Vampir­film?

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Die 84-jährige Ulrike Ottinger ist eine deutsche Regis­seurin, die aus Südwest­deutsch­land nahe dem Bodensee stammt, die lange in Paris lebte und heute in Berlin – aber dieser Film ist ein unbedingt wiene­ri­scher Film: Das skurrile, spie­le­ri­sche Verhältnis zum Tod durch­zieht alles in diesem sehr lustigen, dabei intel­li­genten, dann aber auch wieder wild herum­blö­delnden Kinowerk.

Vorbild der Haupt­figur ist eine histo­ri­sche Frau, die man zu Lebzeiten tatsäch­lich die »Blut­gräfin« nannte und mit den aller wildesten, vermut­lich aus poli­ti­schen Gründen erfun­denen bösen Legenden und Verschwörungs­theo­rien beschrieb: In Jung­frau­en­blut habe sie gebadet, um ewige Jugend zu erlangen, eine hoch­ade­lige Seri­en­mör­derin sei sie gewesen: Elisabeth Bathory (1560-1614), die man schließ­lich verur­teilte und die in Kerker­haft starb.

In diesem Film spielt das keine größere Rolle, er will etwas völlig anderes. Dies ist ein mutiger Film, der genau das macht, worauf die Regis­seurin offen­sicht­lich Lust hatte: Ein großer Spaß, Klamauk, ein wildes barock über­la­denes Spiel mit dem Genre und mit Camp-Ästhetik, also einer Form der Künst­lich­keit und bewussten Über­trei­bung. Ottinger inter­es­siert sich für das Über­la­dene, das Thea­tra­li­sche, das Exzen­tri­sche und für Formen, die sich demons­trativ nicht um die Regeln des 'guten Geschmacks' scheren, sondern diese lustvoll über­schreiten.

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Am ehesten erinnert das an Roman Polanskis Welt­erfolg Tanz der Vampire von 1967. Wie dieser ist Die Blut­gräfin zugleich Hommage und Parodie des klas­si­schen Vampir­films.
So begegnet man hier der Ikono­grafie des Genres und Zitaten, die uns an das verschneite Trans­sil­va­nien erinnern, an den Vampir als aris­to­kra­ti­sches Monster, vom Aussterben bedrohtes Wesen voller eroti­scher wie morbider Faszi­na­tion. Hinter der komischen Ober­fläche bleibt die Lust am Unheim­li­chen erhalten.

Das Kino ist der richtige Ort für Vampir­stoffe, denn es geht in diesem eigen­wil­ligen Genre immer um das, was man sieht. Das Zeigen des Unvor­stell­baren entfaltet in diesem Fall seinen Glamour und eine größere Macht, als die Vorstel­lungs­kraft in Buchform es je könnte.

Darum gehören Vampire spätes­tens seit Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu, der 1922 Bram Stokers Pulp-Roman »Dracula« mit alptraum­hafter Wirkung aufgriff, essen­tiell zum Kino – gerade in den 90er und Nuller-Jahren erlebte der Stoff wieder einen Boom – mit Francis Ford Coppolas Dracula ange­fangen, über Interview mit einem Vampir und die True Blood-Serie bis zur Twilight-Saga, die die Teenies der Nuller­jahre begeis­terte.
Ulrike Ottingers Film ist demge­genüber eine reflek­tierte Variante – kein Hinschmelzen, sondern eher eine belus­tigte souveräne Entfal­tung der Motive.

Ottingers Film verwan­delt Ernst in Spiel, Pathos in Pose und Kitsch in eine eigene Form der Schönheit.

Trotzdem – wir sind schließ­lich in Wien – ist der Wahnsinn immer nur einen Fußbreit entfernt.

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Ein Herz aus Algo­rithmen. Während das Kino künst­liche Intel­li­genz oft als Bedrohung insze­niert, zeigt Klara und die Sonne das Gegenteil.
Kann eine Maschine mensch­li­cher sein als ein Mensch? Im Film Klara und die Sonne wird ein künst­li­ches Mädchen zur Gefährtin einer schwer kranken Jugend­li­chen. Die Verfil­mung von Kazuo Ishiguros Roman erzählt über­ra­schend opti­mis­tisch von KI, Liebe und Hoffnung.

In dem Roman Klara und die Sonne vom Lite­ra­tur­no­bel­preis­träger Kazuo Ishiguro ist die Titel­heldin ein künst­li­ches Mädchen. Sie beob­achtet die Menschen – mit einer Naivität, die manchmal wie Weisheit wirkt. Die Verfil­mung vom neuseelän­di­schen Regisseur Taika Waititi macht aus dem Buch einen zugäng­li­cheren Stoff mit über­ra­schender Pointe: Während Roboter im Kino oft als Bedrohung erscheinen, ist dieses künst­liche Wesen fast mensch­li­cher als die Menschen.

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Klara ist ein nettes junges Mädchen, 14 oder 15 Jahre alt und viel­leicht ein bisschen naiv und unbedarft für ihr Alter. Aber das macht nichts, sondern ist sehr angenehm. Sie sieht vor allem das Gute in den Menschen. Und in der Welt.
Das ist erstaun­lich, denn Klara ist kein Mensch. Sie ist ein KF, ein »Künst­li­cher Freund« in einer Welt in der nahen Zukunft, in der Maschinen mit Künst­li­cher Intel­li­genz exis­tieren, die den Menschen zum Verwech­seln ähnlich sínd. Sie haben Bewusst­sein, und erledigen Aufgaben. »Künst­liche Freunde« sind Roboter gegen Einsam­keit, als Spiel­ge­fährten und Vertraute.

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Klara und die Sonne ist kein Kinder­buch. Das 2021 erschie­nene Werk von Lite­ra­tur­no­bel­preis­träger Kazuo Ishiguro hat seiner­zeit recht gut zur Pandemie gepasst, denn es erzählt von Isolation, von Beob­ach­tung, vom wirk­li­chen Sinn des Lebens und von einer todes­be­droh­li­chen Krankheit – von Aufop­fe­rung und von Heilung.

»Klara und die Sonne« ist kein Kinder­buch, sondern eine leicht­ver­s­tänd­lich, anschau­lich verpackte, im Grunde sehr anspruchs­volle philo­so­phisch-lite­ra­ri­sche Unter­su­chung über das Leben mit Künst­li­chen Intel­li­genzen und Maschinen, die vom Menschen immer schwerer unter­scheidbar werden.
Mit anderen Worten: Es ist hoch­ak­tuell, denn wir alle kennen das: Wir schreiben in den Computer eine Frage oder Such­an­zeige und können nicht ganz sicher sein, ob die Antwort von einem Menschen stammt. Oder wir verwi­ckeln uns mit unserer KI, der wir längst einen Vornamen gegeben haben, in Debatten über Anstand oder Welt­an­schauung oder darüber, ob sie eigent­lich ein Bewusst­sein hat.

Dieses Buch für Erwach­sene wird in diesem Film in einen Jugend­stoff verwan­delt, zumindest einen Stoff für junge Erwach­sene.

Dies ist keine schlechte Entschei­dung, auch wenn sie manche Fans des Buches erzürnen dürfte, denn manches fällt weg oder wird weich gespült.

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Die Handlung dreht sich zunächst um Klara, einen besonders empa­thi­schen Roboter. Sie ist speziell, und zu ihrer beson­deren Empathie und dem, was sie speziell macht, gehört, dass sie aus irgend­einem Grund den Gedanken entwi­ckelt hat, dass die Sonne eine Art Gott ist, zu dem man Bitten schicken kann, in der Aussicht, dass sie erfüllt werden.
Wir kennen solche Sonnen­kulte von Natur­völ­kern ferner Früh­zeiten – und viel­leicht ist die Vorstel­lung, Roboter mit primi­tiven Kulturen zu verglei­chen, gar nicht so schlecht. Einst­weilen lebt Klara in einer Firma für ältere Modelle und hofft auf Kunden.

Dann, eines Tages, ist es soweit. Jetzt geht die Geschichte erst richtig los. Aus ihrer naiven, aber extrem präzisen Sicht beob­achtet Klara das mensch­liche Verhalten. Im Laufe der Handlung wird deut­li­cher, dass Klara nicht nur als Gefährtin für Josie gedacht ist – die Mutter verfolgt Hinter­ge­danken für den Fall, dass ihre Tochter Josie ihre schwere Krankheit nicht überlebt.

Man kann nicht alles erzählen, was noch passieren wird. Aber dieser Science-Fiction und seine Haupt­figur, das Robo­ter­mäd­chen Klara, unter­scheiden sich essen­tiell von den meisten anderen Roboter-Wesen die wir aus dem Kino kennen. Diese sind oft gefähr­lich, eine Bedrohung, in der sich die Angst von uns allen, vor allem von uns Deutschen, vor autonomen Maschinen mani­fes­tiert.

Kazuo Ischiguro, der Japaner, der seit Jahr­zehnten in Groß­bri­tan­nien lebt, will die Ängste nicht klein­reden, aber er sieht doch das Positive und erzählt von einem Maschi­nen­wesen, das mensch­li­cher ist als die Menschen.
Und das wie ein guter Geist, wie die »Bezau­bernde Jeannie« in der Fern­seh­serie, klug und weise mit kleinen Tricks ins Leben der Menschen eingreift und es besser macht – ein opti­mis­ti­scher Film über ein Thema, das uns sonst gerne Angst macht.

Und wem das alles zu opti­mis­tisch ist, und vor allem zu un-erwachsen, der kann sich ja nach dem Kino­be­such den Roman besorgen.