Unmenschliche Frauen |
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| Ulrike Ottingers Film Die Blutgräfin | ||
| (Foto: Neue Visionen) | ||
Was macht den Menschen menschlich – und was macht ihn womöglich so unerträglich, dass man lieber keiner wäre? Ulrike Ottinger zeigt eine Wiedergängerin. In Klara und die Sonne begegnen wir einer anderen Gestalt jenseits des Menschlichen. Hinter beidem steht eine scheinbar einfache Frage: Muss man ein Mensch sein, um menschlich zu handeln? Was macht uns eigentlich
menschlich? Unser Bewusstsein, unsere Gefühle, unsere Fähigkeit zu lieben? Oder reicht es, wenn jemand uns versteht, uns beisteht und das Gute in uns sieht?
Vielleicht verraten uns die Untoten und die Maschinenwesen mehr über unsere Hoffnungen, Eitelkeiten und Grausamkeiten als die Menschen selbst.
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Tanz der Vampirin. Ulrike Ottingers Film Die Blutgräfin ist ein sehr wienerischer Spaß und ein souveränes Spiel mit dem Vampirgenre.
»Blutgasse 7« – Eine Blutgasse gibt es in Wien tatsächlich. Nahe dem Stephansdom, liegt sie zwischen Würstelständen, wo man eine »Eitrige« isst, und hochklassigen Restaurants mit gutbürgerlicher Küche mit einer »Blutwurst für den kleinen Hunger«
Ums Essen, um Ernährung und Genuss dreht sich in diesem Film gewissermaßen alles. Wie könnte es auch anders sein, bei einem Vampirfilm?
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Die 84-jährige Ulrike Ottinger ist eine deutsche Regisseurin, die aus Südwestdeutschland nahe dem Bodensee stammt, die lange in Paris lebte und heute in Berlin – aber dieser Film ist ein unbedingt wienerischer Film: Das skurrile, spielerische Verhältnis zum Tod durchzieht alles in diesem sehr lustigen, dabei intelligenten, dann aber auch wieder wild herumblödelnden Kinowerk.
Vorbild der Hauptfigur ist eine historische Frau, die man zu Lebzeiten tatsächlich die »Blutgräfin« nannte und mit den aller wildesten, vermutlich aus politischen Gründen erfundenen bösen Legenden und Verschwörungstheorien beschrieb: In Jungfrauenblut habe sie gebadet, um ewige Jugend zu erlangen, eine hochadelige Serienmörderin sei sie gewesen: Elisabeth Bathory (1560-1614), die man schließlich verurteilte und die in Kerkerhaft starb.
In diesem Film spielt das keine größere Rolle, er will etwas völlig anderes. Dies ist ein mutiger Film, der genau das macht, worauf die Regisseurin offensichtlich Lust hatte: Ein großer Spaß, Klamauk, ein wildes barock überladenes Spiel mit dem Genre und mit Camp-Ästhetik, also einer Form der Künstlichkeit und bewussten Übertreibung. Ottinger interessiert sich für das Überladene, das Theatralische, das Exzentrische und für Formen, die sich demonstrativ nicht um die Regeln des 'guten Geschmacks' scheren, sondern diese lustvoll überschreiten.
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Am ehesten erinnert das an Roman Polanskis Welterfolg Tanz der Vampire von 1967. Wie dieser ist Die Blutgräfin zugleich Hommage und Parodie des klassischen Vampirfilms.
So begegnet man hier der Ikonografie des Genres und Zitaten, die uns an das verschneite
Transsilvanien erinnern, an den Vampir als aristokratisches Monster, vom Aussterben bedrohtes Wesen voller erotischer wie morbider Faszination. Hinter der komischen Oberfläche bleibt die Lust am Unheimlichen erhalten.
Das Kino ist der richtige Ort für Vampirstoffe, denn es geht in diesem eigenwilligen Genre immer um das, was man sieht. Das Zeigen des Unvorstellbaren entfaltet in diesem Fall seinen Glamour und eine größere Macht, als die Vorstellungskraft in Buchform es je könnte.
Darum gehören Vampire spätestens seit Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu, der 1922 Bram Stokers Pulp-Roman »Dracula« mit alptraumhafter Wirkung aufgriff, essentiell zum Kino – gerade in den 90er und Nuller-Jahren erlebte der Stoff wieder einen Boom – mit Francis Ford Coppolas Dracula angefangen, über Interview mit einem Vampir und die True Blood-Serie bis zur Twilight-Saga, die die Teenies der
Nullerjahre begeisterte.
Ulrike Ottingers Film ist demgegenüber eine reflektierte Variante – kein Hinschmelzen, sondern eher eine belustigte souveräne Entfaltung der Motive.
Ottingers Film verwandelt Ernst in Spiel, Pathos in Pose und Kitsch in eine eigene Form der Schönheit.
Trotzdem – wir sind schließlich in Wien – ist der Wahnsinn immer nur einen Fußbreit entfernt.
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Ein Herz aus Algorithmen. Während das Kino künstliche Intelligenz oft als Bedrohung inszeniert, zeigt Klara und die Sonne das Gegenteil.
Kann eine Maschine menschlicher sein als ein Mensch? Im Film Klara und die Sonne wird ein künstliches Mädchen
zur Gefährtin einer schwer kranken Jugendlichen. Die Verfilmung von Kazuo Ishiguros Roman erzählt überraschend optimistisch von KI, Liebe und Hoffnung.
In dem Roman Klara und die Sonne vom Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro ist die Titelheldin ein künstliches Mädchen. Sie beobachtet die Menschen – mit einer Naivität, die manchmal wie Weisheit wirkt. Die Verfilmung vom neuseeländischen Regisseur Taika Waititi macht aus dem Buch einen zugänglicheren Stoff mit überraschender Pointe: Während Roboter im Kino oft als Bedrohung erscheinen, ist dieses künstliche Wesen fast menschlicher als die Menschen.
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Klara ist ein nettes junges Mädchen, 14 oder 15 Jahre alt und vielleicht ein bisschen naiv und unbedarft für ihr Alter. Aber das macht nichts, sondern ist sehr angenehm. Sie sieht vor allem das Gute in den Menschen. Und in der Welt.
Das ist erstaunlich, denn Klara ist kein Mensch. Sie ist ein KF, ein »Künstlicher Freund« in einer Welt in der nahen Zukunft, in der Maschinen mit Künstlicher Intelligenz existieren, die den Menschen zum Verwechseln ähnlich sínd. Sie haben
Bewusstsein, und erledigen Aufgaben. »Künstliche Freunde« sind Roboter gegen Einsamkeit, als Spielgefährten und Vertraute.
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Klara und die Sonne ist kein Kinderbuch. Das 2021 erschienene Werk von Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro hat seinerzeit recht gut zur Pandemie gepasst, denn es erzählt von Isolation, von Beobachtung, vom wirklichen Sinn des Lebens und von einer todesbedrohlichen Krankheit – von Aufopferung und von Heilung.
»Klara und die Sonne« ist kein Kinderbuch, sondern eine leichtverständlich, anschaulich verpackte, im Grunde sehr anspruchsvolle philosophisch-literarische Untersuchung über das Leben mit Künstlichen Intelligenzen und Maschinen, die vom Menschen immer schwerer unterscheidbar werden.
Mit anderen Worten: Es ist hochaktuell, denn wir alle kennen das: Wir schreiben in den Computer eine Frage oder Suchanzeige und können nicht ganz sicher sein, ob die Antwort von einem
Menschen stammt. Oder wir verwickeln uns mit unserer KI, der wir längst einen Vornamen gegeben haben, in Debatten über Anstand oder Weltanschauung oder darüber, ob sie eigentlich ein Bewusstsein hat.
Dieses Buch für Erwachsene wird in diesem Film in einen Jugendstoff verwandelt, zumindest einen Stoff für junge Erwachsene.
Dies ist keine schlechte Entscheidung, auch wenn sie manche Fans des Buches erzürnen dürfte, denn manches fällt weg oder wird weich gespült.
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Die Handlung dreht sich zunächst um Klara, einen besonders empathischen Roboter. Sie ist speziell, und zu ihrer besonderen Empathie und dem, was sie speziell macht, gehört, dass sie aus irgendeinem Grund den Gedanken entwickelt hat, dass die Sonne eine Art Gott ist, zu dem man Bitten schicken kann, in der Aussicht, dass sie erfüllt werden.
Wir kennen solche Sonnenkulte von Naturvölkern ferner Frühzeiten – und vielleicht ist die Vorstellung, Roboter mit primitiven
Kulturen zu vergleichen, gar nicht so schlecht. Einstweilen lebt Klara in einer Firma für ältere Modelle und hofft auf Kunden.
Dann, eines Tages, ist es soweit. Jetzt geht die Geschichte erst richtig los. Aus ihrer naiven, aber extrem präzisen Sicht beobachtet Klara das menschliche Verhalten. Im Laufe der Handlung wird deutlicher, dass Klara nicht nur als Gefährtin für Josie gedacht ist – die Mutter verfolgt Hintergedanken für den Fall, dass ihre Tochter Josie ihre schwere Krankheit nicht überlebt.
Man kann nicht alles erzählen, was noch passieren wird. Aber dieser Science-Fiction und seine Hauptfigur, das Robotermädchen Klara, unterscheiden sich essentiell von den meisten anderen Roboter-Wesen die wir aus dem Kino kennen. Diese sind oft gefährlich, eine Bedrohung, in der sich die Angst von uns allen, vor allem von uns Deutschen, vor autonomen Maschinen manifestiert.
Kazuo Ischiguro, der Japaner, der seit Jahrzehnten in Großbritannien lebt, will die Ängste nicht kleinreden, aber er sieht doch das Positive und erzählt von einem Maschinenwesen, das menschlicher ist als die Menschen.
Und das wie ein guter Geist, wie die »Bezaubernde Jeannie« in der Fernsehserie, klug und weise mit kleinen Tricks ins Leben der Menschen eingreift und es besser macht – ein optimistischer Film über ein Thema, das uns sonst gerne Angst macht.
Und wem das alles zu optimistisch ist, und vor allem zu un-erwachsen, der kann sich ja nach dem Kinobesuch den Roman besorgen.