Die Kuh, der Koch und Odysseus |
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| Das Re-Enactment alter Zeiten verdeckt die Gegenwart nicht. Es findet mitten in ihr statt. | ||
| (Foto: Axel Timo Purr) | ||
Von Axel Timo Purr
»Wer sich das Alte vergegenwärtigt und dadurch das Neue erkennt, kann anderen ein Lehrer sein.« (溫故知新)
— Konfuzius, Gespräche, II, 11
Es gibt vermutlich schlechtere Orte, Christopher Nolans Odyssee ein zweites Mal zu sehen als in Haikou, der Hauptstadt der südchinesischen Insel Hainan. Zumal China längst das eigentliche IMAX-Land der Welt ist: Weit über 800 IMAX-Kinos gibt es inzwischen in der Volksrepublik. Eine Zahl, die umso erstaunlicher wirkt, wenn man aus Deutschland kommt, wo man die entsprechend ausgestatteten Säle fast noch einzeln aufzählen kann. Das Haikou ZOSE International Cinema an der Guoxing Avenue ist selbst innerhalb dieser gewaltigen Kinolandschaft ein bemerkenswerter Ort. Als eines der Flaggschiff-Kinos der auf Hainan beheimateten ZOSE-Kette eröffnete es vor gut zehn Jahren Haikous ersten IMAX-Saal. Im Sommer 2025 wurde dieser noch einmal grundlegend technisch aufgerüstet: Seitdem verfügt das Kino über Hainans erstes IMAX-System der neuesten Laser-Generation und einen 12.1-Kanal-Sound. Die Leinwand misst knapp 25 mal 13 Meter, fast 320 Quadratmeter Bildfläche vor 449 Plätzen.
Das sind Zahlen, die zunächst nur nach technischem Blabla klingen. Bis das Licht ausgeht.
Die Leinwand ist ungefähr doppelt so groß wie jene im Münchner Arri, in dem ich den Film kurz vor dem deutschen Kinostart, vier Wochen vor dem chinesischen Start am 14. August gesehen hatte. Und mehr noch als in München versteht man ziemlich genau, was Christopher Nolan meint, wenn er seit Jahren nicht müde wird, Kino weniger als Distributionsform denn als räumliche Erfahrung zu verteidigen. Nahezu ideale IMAX-Verhältnisse also für einen Film, den Nolan als ersten narrativen Spielfilm vollständig mit IMAX-Kameras gedreht hat.
Das Überraschende dieser zweiten Sichtung ist zunächst, dass sich an meinem Urteil über den Film erstaunlich wenig ändert. Auch auf einer fast 320 Quadratmeter großen Leinwand bleiben die ersten zwei Stunden für mich weitgehend belanglos. Figuren werden verschoben, Konflikte behauptet, Mythos in Plot verwandelt, und all das mit der technoiden Autorität, mit der Nolan inzwischen selbst einen Mann beim Öffnen einer Tür aussehen lassen kann, als hinge das Schicksal des Abendlandes davon ab.
Und dann geschieht in der letzten Stunde doch etwas. Nicht unbedingt mit dem Film, sondern mit mir selbst.
Wenn Bild und Ton in diesem Saal ihre ganze Macht entfalten, wenn Wasser, Körper, Gewalt und Bewegung den Raum tatsächlich in Besitz nehmen und die Schallvibrationen kaum mehr aufhören, funktioniert Die Odyssee plötzlich zwar weiterhin weniger als Erzählung, aber umso mehr als physischer Angriff. Ich bin auch diesmal nicht überzeugt von Nolans Arbeit, aber erheblich stärker von ihm überwältigt. Und vielleicht liegt genau darin ein erster Schlüssel zu seinem bemerkenswerten Erfolg in China.
Denn Die Odyssee ist hier keineswegs abgestürzt. Im Gegenteil: Das erste Wochenende brachte 244 Millionen Yuan und damit Nolans stärksten China-Start überhaupt. Noch auffälliger ist der IMAX-Anteil. Am Startwochenende kamen allein 90 Millionen Yuan aus IMAX-Sälen, einschließlich der Vorpremieren waren es 132,3 Millionen. Und das, obwohl IMAX-Leinwände weniger als ein Prozent aller chinesischen Screens ausmachen. Zeitweise entfiel mehr als die Hälfte des gesamten chinesischen Umsatzes des Films auf IMAX.
Ein erheblicher Teil des chinesischen Publikums will Nolan offenbar genau so sehen, wie Nolan gesehen werden möchte. Nicht irgendwann, irgendwo und irgendwie, sondern möglichst groß, möglichst laut und möglichst überwältigend. In einem Land, in dem Smartphones, Streaming und eine schier grenzenlose digitale Unterhaltungsindustrie mindestens ebenso aggressiv um Aufmerksamkeit kämpfen wie in Europa, verkauft sich das Kino dort besonders gut, wo es etwas bieten kann, das kein anderes Medium besitzt: als Event.
Nur erklärt das noch nicht, weshalb ausgerechnet Homer funktioniert.
Eine Antwort darauf gab bereits Ende Juli eine junge chinesische Podcasterin, noch bevor der Film regulär startete. Zhong Shu, mit bürgerlichem Namen Yiyang Zhuge, interviewte Nolan in Peking. Sie fragte Nolan in ihrem Interview nicht nach Matt Damon, Charlize Theron oder den Schwierigkeiten eines IMAX-Drehs. Ihre erste Frage lautete sinngemäß, ob Nolan der Barde einer Zivilisation in der Abenddämmerung sei.
Das Gespräch wurde millionenfach verbreitet, auch im Westen; nicht zuletzt, weil es dort vielerorts Erstaunen darüber auslöste, dass ein chinesisches Interview über einen Hollywood-Blockbuster plötzlich bei Homer, Zivilisationsgeschichte, politischer Philosophie und dem Verhältnis von Aufstieg und Untergang landete.
Dass dies keineswegs nur die Marotte einer außergewöhnlich gut vorbereiteten Podcasterin ist, hat Leonardo Pape kürzlich im österreichischen Standard beschrieben. Zhong Shu promovierte in politischer Philosophie am Boston College, beschäftigte sich intensiv mit den griechischen Klassikern und Hannah Arendt und hat mit der ersten chinesischen Übersetzung von Plutarchs Moralia überraschend einen Bestseller gelandet. Zugleich erlebt die Beschäftigung mit der europäischen Antike in China seit Jahren einen Aufschwung. Universitäten gründen Klassik-Abteilungen, seit 2024 gibt es eine von der chinesischen Führung initiierte »Weltkonferenz der Klassiker«.
Wer in diesen Wochen durch China reist, begegnet diesem Bedürfnis, sich über die Vergangenheit der eigenen Gegenwart zu versichern, und das auch weit entfernt von Universitäten und staatlichen Konferenzen. In Peking, Chengdu oder Xi’an sieht man überall junge Frauen – gelegentlich auch Männer –, die sich in historischen chinesischen Gewändern vor den Ikonen des eigenen Altertums fotografieren lassen. Das ist Tourismus und Instagram beziehungsweise Xiaohongshu, natürlich. Aber es ist auch eine eigentümliche Form populärer Geschichtsaneignung: Die glorreiche Vergangenheit wird angezogen, geschminkt, fotografiert und für ein paar Minuten nachgespielt.
Besonders eindrücklich wird das dort, wo die Zeiten in einem einzigen Bild aufeinanderprallen. Auf der Stadtmauer von Xi’an posieren Frauen in prachtvollen Gewändern vor einer Architektur, die an die imperiale Vergangenheit der Stadt erinnert. Hinter dieser sorgfältig inszenierten Wiederkehr des alten China stehen die Hochhäuser und Trabantenstädte des heutigen China. Das Re-Enactment verdeckt die Gegenwart nicht. Es findet mitten in ihr statt.
Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb das chinesische Interesse an Homer weniger exotisch ist, als es aus europäischer Perspektive zunächst erscheinen mag. Eine Gesellschaft, die ihre eigene Gegenwart so demonstrativ mit einer mehrere Jahrtausende zurückreichenden Zivilisationsgeschichte verbindet, muss keinen großen gedanklichen Sprung vollziehen, um auch die Gründungsmythen einer anderen alten Kultur ernst zu nehmen.
Natürlich besitzt diese Klassiker-Renaissance eine politische Seite. Die chinesische Führung präsentiert das Land gern als jahrtausendealten Zivilisationsstaat und sucht den Dialog mit Griechenland und Rom auch deshalb, weil sich damit eine historische Erzählung entwerfen lässt, die älter ist als die liberale Moderne des Westens. Aber die Sache wäre zu einfach erklärt, würde man darin nur staatliche Ideologie sehen.
Unter jüngeren Chinesen kursierte bereits vor Nolans Film der Begriff der »Odyssee-Jahre«: jene lange Phase des Suchens und Umherirrens zwischen Ausbildung und einem erwachsenen Leben, dessen Versprechen immer unsicherer geworden sind. Zhong Shu hält diese Analogie übrigens für reichlich schief. Odysseus, sagt sie, sei gerade nicht orientierungslos. Er weiß genau, wohin er will.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Verbindung. Man kann in sehr alten Texten nach etwas suchen, gerade weil die eigene Gegenwart ihre Gewissheiten verloren hat.
Und so läuft Nolan in China ausgesprochen gut, wird aber gleichzeitig von einem Film überholt, der auf den ersten Blick kaum gegensätzlicher sein könnte.
Wen Muyes Once Upon a Time in the Middle East, in China unter dem Titel Welcome to Dragon Restaurant gestartet, hat seit dem 11. August bereits weit über 1,5 Milliarden Yuan umgesetzt. Darin eröffnet ein Chinese in einer fiktiven Stadt im Nahen Osten ein Restaurant, um seine Schulden abzubezahlen. Dann wird das Land von den USA überfallen – der Irakkrieg ist als historisches Vorbild kaum zu übersehen – und der Koch verwandelt sein Restaurant im Chaos in einen Zufluchtsort für Waisenkinder.
Dass dieser Mann von Shen Teng gespielt wird, ist entscheidend. Er gehört zu den beliebtesten Schauspielern Chinas, ein Komiker von großer Schlagfertigkeit und zugleich eine Identifikationsfigur, die weniger wie ein entrückter Filmstar wirkt als wie der nette Nachbar, den man schon sein ganzes Leben kennt. Nun steht ausgerechnet dieser Jedermann zwischen amerikanischen Soldaten und Kindern im Nahen Osten und tut etwas denkbar Unideologisches: Er kocht.
Unverkennbar lässt sich diese Geschichte an das Selbstbild anschließen, das die chinesische Außenpolitik derzeit von der eigenen Rolle in der Welt entwirft: China als pragmatische, möglichst neutrale Macht, die vermittelt und Handel treibt, während andere ihre ideologischen und militärischen Konflikte austragen. Ebenso unverkennbar sind die Leerstellen dieses Selbstbildes: von Pekings Haltung zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine über Taiwan bis zur eigenen robusten Machtpolitik in Südostasien.
Interessanter ist deshalb vielleicht, dass das chinesische Publikum den Film offenbar nicht allein geopolitisch liest. In den Diskussionen auf Douban taucht immer wieder das Essen auf. Ein Nutzer fasst die vermeintlich chinesische Weisheit des Films ungefähr so zusammen: Dynastien kommen und gehen, Ebbe und Flut wechseln sich ab. Wenn man selbst ohnehin ganz unten steht, bleibt vor allem eines: jeden Bissen ordentlich zu essen. Das Fortbestehen des Lebens und des Essens und allemal des großartigen chinesischen Essens, ist Sinn genug.
Man kann das banal und eskapistisch finden. Man kann darin aber auch eine ziemlich alte und gut abgehangene Form des Materialismus erkennen: Gegen die großen Ideologien und geopolitischen Erzählungen setzt der Film einen Mann, ein Restaurant, hungrige Kinder und die Notwendigkeit, morgen wieder etwas zu essen zu haben.
Und dann ist da noch diese Kuh.
Niu Lai, ein 86-minütiger Animationsfilm eines Mutter-Sohn-Teams, nahm in seinen ersten Tagen gerade einmal einige Tausend Yuan ein. Dann verbreiteten sich Ausschnitte seiner grotesk unbeholfenen Animation im chinesischen Netz. Das Publikum wollte plötzlich wissen, ob ein Film tatsächlich so aussehen könne. Die Zahl der Vorstellungen explodierte, Memes entstanden, aus Spott wurde Neugier und aus Neugier ein kollektiver Kinobesuch. Inzwischen liegt das Einspielergebnis bei einem Vielfachen dessen, was nach dem Start überhaupt denkbar schien. Ökonomisch ist das noch immer eine andere Liga als Nolan. Kulturell ist es vielleicht die schönste Pointe dieses chinesischen Kinosommers.
Denn selten standen drei Filme gleichzeitig so exemplarisch für drei vollkommen verschiedene Vorstellungen davon, warum Menschen noch ins Kino gehen sollten. Die Odyssee bietet die Perfektion: eine technische Überwältigungsmaschine, die ihre volle Wirkung nur unter Bedingungen entfaltet, die man zu Hause nicht herstellen kann. Once Upon a Time in the Middle East bietet Identifikation: Weltpolitik heruntergebrochen auf einen chinesischen Jedermann, der lieber kocht als kämpft. Und Niu Lai bietet das genaue Gegenteil der Perfektion: die Freude am Fehler, am Abseitigen, am gemeinsam entdeckten Kuriosum.
Vielleicht erklärt gerade diese Gleichzeitigkeit mehr über das Kino der Gegenwart als jeder einzelne Box-Office-Rekord. Die einen suchen die Vergangenheit, die anderen die Gegenwart und wieder andere einfach etwas, das sie noch nie gesehen haben. Dem Kino kann eigentlich kaum etwas Besseres passieren.