13.08.2026

Ohne Sonne

Sonnenfinsternis
»Everytime« in München: Die partielle Sonnenfinsternis am 12. August 2026
(Foto: films pour demain)

Wenn die Welt grau wird: Überlegungen zum Motiv der Sonnenfinsternis im Kino

Von Rüdiger Suchsland

Ein Körper schiebt sich vor einen anderen. Die Sonne verschwindet nicht; sie wird verdeckt. Das Licht wird nicht vernichtet; es wird für einen kurzen Augen­blick daran gehindert, die Erde zu erreichen. Ein astro­no­mi­scher Vorgang, bere­chenbar auf die Sekunde, verwan­delt sich für den Menschen dennoch in etwas, das älter ist als jede Wissen­schaft: in eine Unter­bre­chung der Welt­ord­nung.

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Es war tatsäch­lich fast auf den Tag genau vor 27 Jahren, »artechock« war noch jung, genau wie wir, es gab noch die D-Mark und das »jetzt-Magazin« und die »Süddeut­sche Zeitung« war über 50 Seiten dick, als München sich verdun­kelte. Um 12:35 Uhr passierte es, da kam die „Sofi“, wie wir alle sie damals nannten, unschuldig und vernied­li­chend, wie die netten 90er im Rückblick eben waren. Die Tauben gingen zum Schlafen in ihre Nester, und wir gingen raus in die Stadt.
An die große Stille erinnere ich mich noch. Ich war mit dem Fahrrad von meiner Wohnung in der Arcis­s­traße zum Lite­ra­tur­haus gefahren, wo »artechock« damals seinen Sitz hatte. Und weil das doch nicht so ein richtig guter Ort dafür war, weiter zum Königs­platz zum Sonnen­fins­ternis Gucken.

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Unter anderem dort wurden dort auch ein paar Szenen gedreht für München – Geheim­nisse einer Stadt, jenen Essayfilm von Dominik Graf und Michael Althen, der seiner­zeit vor den Augen von Thomas Willmann gar keine Gnade fand. Ich habe im Film auch mitge­spielt (ausnahms­weise). Die Sonnen­fins­ternis aber war erst der erste Drehtag.

Man sieht, wie es in München am hell­lichten Tag dunkel wird, wie Straßen, Plätze, Häuser, Menschen aus ihrem normalen Tages­ab­lauf buchs­täb­lich heraus­fallen. Die Stadt wird für wenige Minuten aus ihrem normalen Zeit- und Wahr­neh­mungs­rhythmus gerissen. Im Film sind die Aufnahmen mit Bildern und Motiven aus den zuvor erzählten Geschichten montiert.

Die Fins­ternis ist keine Episode des Films, sondern das formale Gegen­s­tück zu all den Episoden. Der Ausnah­me­zu­stand jenseits der Norma­lität, aber ein Ausnah­me­zu­stand, der die Einzel­schick­sale plötzlich zu einem einzigen gemein­samen Augen­blick konden­siert.
Der Erzähler im Film sagt sinngemäß: »Bei einer Sonnen­fins­ternis stehen alle Gefühle still.«

Und daraus entwi­ckelt sich die Idee eines kurzen, inten­siven Augen­blicks, in dem Vergan­gen­heit und Zukunft zusam­men­fallen, Sehnsucht und Erin­ne­rung für einen Augen­blick zur Ruhe kommen. Eine sehr roman­ti­sche Vorstel­lung – hinter der zugleich eine präzise filmische Idee steckt.

Denn das Kino handelt von Zeit, und ein Film ist immer, wie eine Sonnen­fins­ternis, eine kurze Suspen­die­rung der Zeit.

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Das Kino führt Dinge zusammen, die in der Realität zeitlich und räumlich getrennt sind. Vergan­gen­heit und Gegenwart können neben­ein­ander exis­tieren; Tote und Lebende können sich begegnen; erfundene und doku­men­ta­ri­sche Menschen können denselben Raum teilen.

Graf und Althen wollten ausdrück­lich keinen touris­ti­schen München-Film machen. Sie vermeiden das Hofbräu­haus, die Frau­en­kirche und andere Wahr­zei­chen, suchen allen­falls Filmorte, zeigen ansonsten Räume und Gebäude, die die Stadt neu zusam­men­setzen. Auch die Sonnen­fins­ternis hebt die lokale Topo­grafie auf. München wird für einen Augen­blick zu »der Stadt«, einer Stadt an sich.

Aus dem Zufall eines realen histo­ri­schen Ereig­nisses wird damit eine Utopie des Kinos: Für einen Augen­blick werden alle Geschichten gleich­zeitig sichtbar.

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Chris Marker ist nun tatsäch­lich der wich­tigste Stich­wort­geber für eine Film­ge­schichte der Sonnen­fins­ternis.

Marker war einer jener Filme­ma­cher, für die das Kino niemals bloß aus Bildern bestand. Bilder waren für ihn Erin­ne­rungen, Beweise, Fallen, poli­ti­sche Waffen, Gespenster. La jetée, Sans soleil, Le fond de l’air est rouge, Level Five – bei diesen Filmen ging es niemals nur darum, was ein Bild zeigt und eine Geschichte erzählt. Es geht darum, was ein Bild mit der Zeit tut.

Das macht seine kleine Arbeit »E-CLIP-SE« von 1999 so faszi­nie­rend.

Der Film ist nur wenige Minuten lang und zeigt Menschen, die eine Sonnen­fins­ternis beob­achten. Das klingt zunächst fast zu banal für einen Filme­ma­cher wie Marker. Doch genau darin liegt seine Gewitzt­heit: Marker muss die Sonnen­fins­ternis nicht symbo­lisch aufladen. Er muss keine Geschichte darum bauen. Er muss sie nicht zum Welt­un­ter­gang erklären.
Er filmt Menschen beim Schauen, Zuschauen, Sehen. So wird aus der Sonnen­fins­ternis plötzlich eine kleine poli­ti­sche Theorie des Zuschauers.

Da stehen Menschen mit Schutz­brillen und richten ihren Blick nach oben. Sie sehen etwas, das zugleich für alle da und für jeden indi­vi­duell erfahrbar ist. Eine Menschen­menge entsteht nicht durch gemein­sames Handeln, sondern durch gemein­sames Sehen.

Wie im Kino.

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Im Kino sitzen Menschen ebenfalls im Dunkeln und schauen in dieselbe Richtung. Sie teilen einen Raum, ohne mitein­ander zu sprechen. Sie sehen dasselbe Bild und erleben doch etwas anderes.
Die Sonnen­fins­ternis ist gewis­ser­maßen das natür­liche Kino. Nur dass die Natur hier die Kamera übernimmt.
Marker inter­es­sierte sich immer wieder für die Beziehung zwischen kollek­tivem Gedächtnis und indi­vi­du­ellem Blick. In Sans soleil wird die Welt zu einem Archiv von Bildern, die sich gegen­seitig kommen­tieren, wider­spre­chen und über­la­gern. Japan, Afrika, Revo­lu­tion, Krieg, Fernsehen, Erin­ne­rung: Nichts bleibt einfach Gegenwart. Alles wird schon im Augen­blick seines Erschei­nens zur Erin­ne­rung.

Die Sonne spielt dabei – schon im Titel – eine eigen­tüm­liche Rolle, selbst wenn der Film nicht einfach als »Sonnen­fins­ter­nis­film« miss­ver­standen werden darf. Das »sonnen­lose« Bild ist bei Marker kein Bild völliger Dunkel­heit. Es ist vielmehr ein Bild von Erin­ne­rung: von einer Welt, deren Gegenwart immer schon vom Schatten der Vergan­gen­heit durch­zogen ist.

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Ganz anders Antonioni: Sein Kino ist eine Kunst der Unter­bre­chung. Antonioni zerlegt die konti­nu­ier­liche Wirk­lich­keit in Einstel­lungen, lässt Zeit vergehen und hält sie zugleich fest, entscheidet darüber, was im Bild erscheint und was außerhalb bleibt. Jede Einstel­lung schafft Sicht­bar­keit durch Ausschluss. Was wir sehen, ist immer auch das Ergebnis dessen, was wir nicht sehen. Eine Sonnen­fins­ternis macht diese Grund­be­din­gung des Sehens für einige Minuten als reales Ereignis erfahrbar: Etwas ist da und wird dennoch unsichtbar. Es ist nicht verschwunden; es wird verdeckt. Das ist ein kleiner, aber entschei­dender Unter­schied, und er erklärt viel­leicht, warum die Sonnen­fins­ternis im Kino sehr oft dort auftaucht, wo von Wahr­neh­mung, Entfrem­dung, Erin­ne­rung oder poli­ti­scher Ordnung die Rede ist.

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Michel­an­gelo Anto­nionis L’eclisse von 1962 ist einer jener Filme, die man lange unter den Stich­wör­tern »Entfrem­dung« und »Exis­ten­tia­lismus« verortet. Ein Paar, Monica Vitti und Alain Delon, lebt in einer Welt, in der die üblichen Gewiss­heiten von Nähe, Liebe und sozialer Zugehö­rig­keit brüchig geworden sind. Antonioni inter­es­siert sich aber nicht primär für eine gestörte Liebes­be­zie­hung und deren psycho­lo­gi­sche Geschichte. Er inter­es­siert sich für eine Gesell­schaft, in der Bezie­hungen zunehmend unter den Bedin­gungen einer abstrakten, ökono­misch orga­ni­sierten Wirk­lich­keit stehen.

Delon arbeitet an der Börse. Antonioni macht hier Abstrakt­heit sichtbar: Menschen schreien, gesti­ku­lieren, handeln, verlieren Geld, gewinnen Geld; ihre Körper geraten in Bewegung, während zugleich etwas Unsicht­bares, nämlich der Kurswert, über ihre Hand­lungen entscheidet. Die Szene ist deshalb so modern, weil sie eine Welt zeigt, in der die Wirk­lich­keit immer stärker von Größen bestimmt wird, die sich nicht mehr unmit­telbar wahr­nehmen lassen.

Antonioni filmt diese Welt ohne Erklärungen. Er zeigt Räume. Moderne Archi­tektur, leere Straßen, Büro­ge­bäude, Baustellen, Wohnungen, Schau­fenster. Menschen wirken darin fast wie Gegen­s­tände unter Gegen­s­tänden. Das war 1962 eine radikale filmische Entschei­dung und ist heute keines­wegs veraltet. Im Gegenteil: Die Gegenwart hat die von Antonioni beschrie­bene Abstrak­tion noch weit über­troffen. Märkte sind schneller geworden, Kommu­ni­ka­tion ist digi­ta­li­siert, die Finanz­welt ist weit­ge­hend unsichtbar geworden; zugleich verbringen Menschen einen beträcht­li­chen Teil ihres Lebens in Räumen, die von ökono­mi­schen und tech­ni­schen Systemen orga­ni­siert werden, deren Funk­ti­ons­weise sie nicht kennen. Anto­nionis Figuren sind deshalb modern. Weil sie in einer Welt leben, in der entschei­dende Prozesse außerhalb ihrer Wahr­neh­mung statt­finden.

Die »Fins­ternis« des Films ist keine natür­liche, sondern menschen­ge­macht. Die Sonne ist nicht weg. Sie wird verdeckt.

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Antonioni und Marker setzen an einem gemein­samen Punkt an. Bei ihnen ist nicht die Angst vor der Dunkel­heit das Entschei­dende, sondern die Unsi­cher­heit darüber, was wir überhaupt sehen können.

Antonioni und Marker lassen etwas fehlen, ohne zu verspre­chen, dass es zurück­kommt. Die Leer­stelle wird nicht zum Rätsel, das gelöst werden soll. Sie bleibt Leer­stelle.

Das hat aktuelle poli­ti­sche Konse­quenzen: Eine Gesell­schaft, die jede Leer­stelle sofort mit einer Erklärung füllt, ist anfällig für Propa­ganda. Die poli­ti­sche Kultur der Gegenwart produ­ziert deshalb nicht zufällig eine enorme Menge an Erklärungen. Wo ein Ereignis unüber­sicht­lich ist, erscheinen sofort Schuld­zu­wei­sungen, Verschwörungs­theo­rien, Exper­ten­mei­nungen, Gegen­ex­perten mit ihren Narra­tiven, und dazu Bilder, die behaupten, endlich zu zeigen, »was wirklich passiert ist«. Die Fins­ternis ist kaum einge­treten, schon wird um ihre Deutung gekämpft.

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Eine zweite Tradition des Sonnen­fins­ter­nis­films ist der Moment, in dem die wirkliche Natur in eine künstlich erzeugte Filmwelt einbricht. Einer der spek­ta­kulärsten Fälle ist Barabbas von Richard Fleischer aus dem Jahr 1961. Für die Kreu­zi­gungs­szene wurde tatsäch­lich eine Sonnen­fins­ternis genutzt. Das Ereignis war also nicht volls­tändig herge­stellt, sondern geschah vor der Kamera.
Das ist film­his­to­risch inter­es­sant, weil es das Verhältnis von Insze­nie­rung und Wirk­lich­keit umkehrt. Norma­ler­weise versucht das Kino, die Natur zu kontrol­lieren. Es baut die Welt so lange um, bis sie der Szene entspricht. Hier musste die Produk­tion auf die Natur warten. Die Sonne hatte ihren eigenen Drehplan.

Es gibt Bilder, die das Kino erfindet. Und es gibt Bilder, die das Kino nur vorfindet. Die Sonnen­fins­ternis gehört zur zweiten Kategorie – und gerade deshalb ist sie eines der stärksten Bilder, die das Kino besitzt.
Die reale Fins­ternis erinnert daran, dass es Ereig­nisse gibt, die sich der Insze­nie­rung wider­setzen. Das Kino kann sie aufnehmen, aber nicht herstellen. Es kann ihre Dauer messen, aber nicht verlän­gern. Es kann ihre Wirkung montieren, aber nicht wieder­holen.

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Für einige Minuten wird der Tag zur Ausnahme. Danach kehrt die Norma­lität zurück. Die Börse öffnet wieder, die Straßen füllen sich, die Menschen gehen nach Hause. Bei Antonioni ist genau diese Rückkehr zur Norma­lität das eigent­lich Unheim­liche: Die Welt läuft weiter, obwohl die Figuren aus ihr verschwunden sind. Bei Marker bleibt die Erin­ne­rung an das gemein­same Sehen, aber auch die Frage, was aus diesem Bild werden wird. Die Fins­ternis endet; ihr Bild bleibt.