Als in Hollywood die Angst einzog |
![]() |
|
| (Foto: Locarno Film Festival · A King in New York) | ||
Die diesjährige Locarno-Retrospektive »Red & Black – Hollywood Left and the Blacklist« zeigt ein amerikanisches Kino, das unter politischem Druck nicht verstummte, sondern sich veränderte. Gerade deshalb ist die Rückschau auf die repressive McCarthy-Ära heute so unangenehm aktuell.
+ + +
»Do not forsake me oh my darling« – bei dieser Musik erinnern wir uns sofort: High Noon, Grace Kelly als frisch angetraute Braut auf der kleinen Kutsche, und Gary Cooper als etwas sturer Gerechtigkeitskämpfer, ein Marshall, der noch einmal nicht klein beigeben möchte, obwohl ihn das doch eigentlich gar nichts mehr angeht.
Ein klassischer Western.
Aber was soll der
denn mit Politik zu tun haben, mit Kommunistenhatz in den 50er Jahren?
Es sind solche überraschenden Entdeckungen, die man in der Retrospektive von Locarno machen kann und die vor allem die Beschäftigung mit den mehr als 50 Filmen in dieser Reihe lohnen.
+ + +
Fred Zinnemanns Western High Noon von 1952 ist ein Film über Feigheit. Über die braven Bürger, die lieber die Vorhänge vor ihren Fenstern fest zuziehen, anstatt ihrem Marschall zu helfen. Einer hat Angst, ein anderer findet, es sei nicht seine Angelegenheit, ein dritter hat geschäftliche Gründe, ein vierter will keinen Ärger. Schließlich steht Gary Cooper fast allein auf der Straße.
Man muss High Noon als verschlüsseltes Pamphlet gegen McCarthy lesen. Man kann sehen, wie er vorführt, dass eine Gesellschaft ihre Freiheit verlieren kann, ohne dass die Menschen zu überzeugten Diktaturanhängern werden. Es genügt, dass jeder Einzelne einen guten Grund findet, nichts zu tun.
Das ist vielleicht die unangenehmste Lektion dieser Retrospektive: Die meisten Menschen, die ein repressives System am Laufen halten, sind keine Fanatiker. Sie sind im Gegenteil sehr vernünftig. Es ist die »Eclipse of Reason«, die Sonnenfinsternis der Vernunft, wie Max Horkheimer 1936 seinen berühmten Aufsatz betitelte, der im Deutschen »Kritik der instrumentellen Vernunft« heißt.
Wer Diktaturen verhindern will, muss lernen, manchmal unvernünftig zu sein.
+ + +
Vor einigen Jahren hat David Fincher die gleiche Geschichte erzählt, die Geschichte von Verfolgung und Druck, aber anders und auf seine Weise. Mank hieß der Film, der 2020 ein Wahrnehmungsopfer der Pandemie wurde und in dem Gary Oldman einen Mann spielte, der ein Wahrnehmungsopfer der Kommunistenjagd wurde – der Hollywood-Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz, der unter anderem für Orson Welles dessen Welterfolg Citizen Kane schrieb.
Es ist eine merkwürdige Zeitreise, die man dieser Tage beim Filmfestival von Locarno unternehmen kann. Die USA der frühen Fünfziger Jahre waren ein Land, wo schon ein falsches Wort den Arbeitsplatz kosten konnte. Schauspieler und Regisseure wurden vor Rechtfertigungskomitees vorgeladen, ein Drehbuchautor verschwand aus den Credits, ein Weltstar wie Charlie Chaplin reiste nach Europa und durfte nie wieder einreisen, Produzenten wurden eingeschüchtert.
Die Studios aber
machten weiter ihre Geschäfte, die Regierung im entstehenden Kalten Krieg sprach von »Sicherheit«, Zeitungen schrieben schnell von Verrätern und Terroristen. Und alle behaupten, die Freiheit sei in Gefahr...
+ + +
Die McCarthy-Ära war der Moment in der Geschichte des amerikanischen Kinos, in dem Hollywood plötzlich Angst bekam.
Angst vor seinen eigenen Künstlern. Vor Schauspielern, Drehbuchautoren, Regisseuren, Produzenten, die politisch liberal waren oder sogar links standen.
Ausgerechnet die amerikanische Filmindustrie, die Freiheit und Individualismus propagiert, begann, Menschen aus ihrem Beruf zu entfernen.
Sie stellte sich politische Fragen: Wer muss häufiger im Bild erscheinen? Wer darf es nicht? Wer bekommt eine Namensnennung? Wer darf arbeiten? Und was geschieht mit einem Film, wenn sein Autor nicht genannt werden darf?
Wir kennen solche Fragen auch heute, aber allenfalls aus Debatten über Diversitätslisten und Sichtbarkeitswünsche, oder aus autoritären Gesellschaften.
Sie gehören zur Geschichte der »Schwarzen Liste« in den USA, aber viele der mehr als 50 Filme aus der berüchtigten »McCarthy-Ära« erinnern manche im Publikum sehr an unsere Gegenwart.
1947 wurden die sogenannten »Hollywood Ten« vorgeladen. Zehn Filmschaffende, die sich weigerten, über ihre politischen Überzeugungen und Kontakte Auskunft zu geben. Die Studios reagierten mit einem Statement: Wer als kommunistischer Sympathisant galt, sollte nicht mehr beschäftigt werden. Diese Blacklist war kein sauber formulierter staatlicher Erlass. Sie funktionierte durch eine Mischung aus politischem Druck, öffentlicher Denunziation und wirtschaftlicher Angst.
Das amerikanische Kino der fünfziger Jahre erzählt diese Angst erstaunlich oft, ohne sie direkt auszusprechen.
+ + +
Zum Beispiel Jules Dassin. Einer der großen amerikanischen Regisseure des Film Noir. Immer wieder geht es in seinen Filmen um Gejagte und Betrogene, um Outlaws, die unsere Sympathien verdienen. Wegen seiner politischen Vergangenheit geriet Dassin auf die Blacklist und floh nach Europa.
Er war nicht der Einzige. Joseph Losey ging nach Großbritannien. Charlie Chaplin wurde ausgebürgert. Abraham Polonsky konnte lange nicht mehr unter seinem Namen arbeiten. Dalton Trumbo schrieb Drehbücher unter Pseudonym. Andere arbeiteten im Ausland oder überhaupt nicht mehr. Die Schwarze Liste veränderte das amerikanische Kino. Und sie veränderte, welche Geschichten erzählt wurden und werden konnten.
+ + +
Eine gute zusammenfassende Schilderung der Ereignisse bietet besonders deutlich, prägnant und in den Thesen eigenwillig der Dokumentarfilm Red Hollywood von Thom Andersen (Los Angeles Plays Itself) aus dem Jahr 1996.
Andersen erzählt die Geschichte der Hollywood-Linken nicht über Biografien, sondern über die Filme selbst. Er zeigt Ausschnitte aus Filmen, die während der Blacklist entstanden sind oder von Menschen gemacht wurden, die später verfolgt wurden, und lässt ehemalige Filmschaffende über ihre Arbeit sprechen.
Plötzlich sieht man Hollywood mit anderen Augen: Man erkennt, dass in den vierziger und frühen fünfziger Jahren soziale Konflikte keineswegs nur in ausdrücklich politischen Filmen vorkamen. Sie stecken in Gangsterfilmen, Melodramen, Gefängnisfilmen, Western und Film noirs. Es geht um Gewerkschaften, Armut, Rassismus, Klassenverhältnisse, Ausbeutung, Korruption.
Die Geschichte der Blacklist ist keine Geschichte, in der auf der einen Seite nur Helden und auf der anderen nur Schurken stehen. Es gibt Menschen, die widerstehen. Menschen, die nachgeben. Menschen, die andere verraten. Menschen, die selbst erst Widerstand leisten und später kooperieren.
Das macht die Geschichte unangenehm. Und gegenwärtig. Denn die Mechanismen, die man in diesen Filmen beobachten kann, sind erstaunlich vertraut: politische Polarisierung, öffentliche Denunziation, der Druck auf Medien und Kulturinstitutionen, die Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen und die Versuchung, sich selbst zu zensieren, bevor es jemand anderes tut.