13.08.2026

Als in Hollywood die Angst einzog

A King in New York
(Foto: Locarno Film Festival · A King in New York)

In den Zeiten der »Red Scare«: Die diesjährige Retrospektive in Locarno erzählt die Geschichte der »Schwarzen Liste« im US-Kino

Von Rüdiger Suchsland

Die dies­jäh­rige Locarno-Retro­spek­tive »Red & Black – Hollywood Left and the Blacklist« zeigt ein ameri­ka­ni­sches Kino, das unter poli­ti­schem Druck nicht verstummte, sondern sich verän­derte. Gerade deshalb ist die Rückschau auf die repres­sive McCarthy-Ära heute so unan­ge­nehm aktuell.

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»Do not forsake me oh my darling« – bei dieser Musik erinnern wir uns sofort: High Noon, Grace Kelly als frisch ange­traute Braut auf der kleinen Kutsche, und Gary Cooper als etwas sturer Gerech­tig­keits­kämpfer, ein Marshall, der noch einmal nicht klein beigeben möchte, obwohl ihn das doch eigent­lich gar nichts mehr angeht.
Ein klas­si­scher Western.
Aber was soll der denn mit Politik zu tun haben, mit Kommu­nis­ten­hatz in den 50er Jahren?

Es sind solche über­ra­schenden Entde­ckungen, die man in der Retro­spek­tive von Locarno machen kann und die vor allem die Beschäf­ti­gung mit den mehr als 50 Filmen in dieser Reihe lohnen.

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Fred Zinne­manns Western High Noon von 1952 ist ein Film über Feigheit. Über die braven Bürger, die lieber die Vorhänge vor ihren Fenstern fest zuziehen, anstatt ihrem Marschall zu helfen. Einer hat Angst, ein anderer findet, es sei nicht seine Ange­le­gen­heit, ein dritter hat geschäft­liche Gründe, ein vierter will keinen Ärger. Schließ­lich steht Gary Cooper fast allein auf der Straße.

Man muss High Noon als verschlüs­seltes Pamphlet gegen McCarthy lesen. Man kann sehen, wie er vorführt, dass eine Gesell­schaft ihre Freiheit verlieren kann, ohne dass die Menschen zu über­zeugten Dikta­tu­r­an­hän­gern werden. Es genügt, dass jeder Einzelne einen guten Grund findet, nichts zu tun.

Das ist viel­leicht die unan­ge­nehmste Lektion dieser Retro­spek­tive: Die meisten Menschen, die ein repres­sives System am Laufen halten, sind keine Fanatiker. Sie sind im Gegenteil sehr vernünftig. Es ist die »Eclipse of Reason«, die Sonnen­fins­ternis der Vernunft, wie Max Hork­heimer 1936 seinen berühmten Aufsatz betitelte, der im Deutschen »Kritik der instru­men­tellen Vernunft« heißt.
Wer Dikta­turen verhin­dern will, muss lernen, manchmal unver­nünftig zu sein.

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Vor einigen Jahren hat David Fincher die gleiche Geschichte erzählt, die Geschichte von Verfol­gung und Druck, aber anders und auf seine Weise. Mank hieß der Film, der 2020 ein Wahr­neh­mungs­opfer der Pandemie wurde und in dem Gary Oldman einen Mann spielte, der ein Wahr­neh­mungs­opfer der Kommu­nis­ten­jagd wurde – der Hollywood-Dreh­buch­autor Herman J. Mankie­wicz, der unter anderem für Orson Welles dessen Welt­erfolg Citizen Kane schrieb.

Es ist eine merk­wür­dige Zeitreise, die man dieser Tage beim Film­fes­tival von Locarno unter­nehmen kann. Die USA der frühen Fünfziger Jahre waren ein Land, wo schon ein falsches Wort den Arbeits­platz kosten konnte. Schau­spieler und Regis­seure wurden vor Recht­fer­ti­gungs­ko­mi­tees vorge­laden, ein Dreh­buch­autor verschwand aus den Credits, ein Weltstar wie Charlie Chaplin reiste nach Europa und durfte nie wieder einreisen, Produ­zenten wurden einge­schüch­tert.
Die Studios aber machten weiter ihre Geschäfte, die Regierung im entste­henden Kalten Krieg sprach von »Sicher­heit«, Zeitungen schrieben schnell von Verrätern und Terro­risten. Und alle behaupten, die Freiheit sei in Gefahr...

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Die McCarthy-Ära war der Moment in der Geschichte des ameri­ka­ni­schen Kinos, in dem Hollywood plötzlich Angst bekam.
Angst vor seinen eigenen Künstlern. Vor Schau­spie­lern, Dreh­buch­au­toren, Regis­seuren, Produ­zenten, die politisch liberal waren oder sogar links standen.

Ausge­rechnet die ameri­ka­ni­sche Film­in­dus­trie, die Freiheit und Indi­vi­dua­lismus propa­giert, begann, Menschen aus ihrem Beruf zu entfernen.

Sie stellte sich poli­ti­sche Fragen: Wer muss häufiger im Bild erscheinen? Wer darf es nicht? Wer bekommt eine Namens­nen­nung? Wer darf arbeiten? Und was geschieht mit einem Film, wenn sein Autor nicht genannt werden darf?
Wir kennen solche Fragen auch heute, aber allen­falls aus Debatten über Diver­si­täts­listen und Sicht­bar­keits­wün­sche, oder aus auto­ri­tären Gesell­schaften.

Sie gehören zur Geschichte der »Schwarzen Liste« in den USA, aber viele der mehr als 50 Filme aus der berüch­tigten »McCarthy-Ära« erinnern manche im Publikum sehr an unsere Gegenwart.

1947 wurden die soge­nannten »Hollywood Ten« vorge­laden. Zehn Film­schaf­fende, die sich weigerten, über ihre poli­ti­schen Über­zeu­gungen und Kontakte Auskunft zu geben. Die Studios reagierten mit einem Statement: Wer als kommu­nis­ti­scher Sympa­thi­sant galt, sollte nicht mehr beschäf­tigt werden. Diese Blacklist war kein sauber formu­lierter staat­li­cher Erlass. Sie funk­tio­nierte durch eine Mischung aus poli­ti­schem Druck, öffent­li­cher Denun­zia­tion und wirt­schaft­li­cher Angst.

Das ameri­ka­ni­sche Kino der fünfziger Jahre erzählt diese Angst erstaun­lich oft, ohne sie direkt auszu­spre­chen.

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Zum Beispiel Jules Dassin. Einer der großen ameri­ka­ni­schen Regis­seure des Film Noir. Immer wieder geht es in seinen Filmen um Gejagte und Betrogene, um Outlaws, die unsere Sympa­thien verdienen. Wegen seiner poli­ti­schen Vergan­gen­heit geriet Dassin auf die Blacklist und floh nach Europa.

Er war nicht der Einzige. Joseph Losey ging nach Groß­bri­tan­nien. Charlie Chaplin wurde ausge­bür­gert. Abraham Polonsky konnte lange nicht mehr unter seinem Namen arbeiten. Dalton Trumbo schrieb Dreh­bücher unter Pseudonym. Andere arbei­teten im Ausland oder überhaupt nicht mehr. Die Schwarze Liste verän­derte das ameri­ka­ni­sche Kino. Und sie verän­derte, welche Geschichten erzählt wurden und werden konnten.

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Eine gute zusam­men­fas­sende Schil­de­rung der Ereig­nisse bietet besonders deutlich, prägnant und in den Thesen eigen­willig der Doku­men­tar­film Red Hollywood von Thom Andersen (Los Angeles Plays Itself) aus dem Jahr 1996.

Andersen erzählt die Geschichte der Hollywood-Linken nicht über Biogra­fien, sondern über die Filme selbst. Er zeigt Ausschnitte aus Filmen, die während der Blacklist entstanden sind oder von Menschen gemacht wurden, die später verfolgt wurden, und lässt ehemalige Film­schaf­fende über ihre Arbeit sprechen.

Plötzlich sieht man Hollywood mit anderen Augen: Man erkennt, dass in den vierziger und frühen fünfziger Jahren soziale Konflikte keines­wegs nur in ausdrück­lich poli­ti­schen Filmen vorkamen. Sie stecken in Gangs­ter­filmen, Melo­dramen, Gefäng­nis­filmen, Western und Film noirs. Es geht um Gewerk­schaften, Armut, Rassismus, Klas­sen­ver­hält­nisse, Ausbeu­tung, Korrup­tion.

Die Geschichte der Blacklist ist keine Geschichte, in der auf der einen Seite nur Helden und auf der anderen nur Schurken stehen. Es gibt Menschen, die wider­stehen. Menschen, die nachgeben. Menschen, die andere verraten. Menschen, die selbst erst Wider­stand leisten und später koope­rieren.

Das macht die Geschichte unan­ge­nehm. Und gegen­wärtig. Denn die Mecha­nismen, die man in diesen Filmen beob­achten kann, sind erstaun­lich vertraut: poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung, öffent­liche Denun­zia­tion, der Druck auf Medien und Kultur­in­sti­tu­tionen, die Angst vor wirt­schaft­li­chen Konse­quenzen und die Versu­chung, sich selbst zu zensieren, bevor es jemand anderes tut.