Die verborgenen Schichten des Kinos |
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Bologna ist im Juni eine Stadt des Kinos. Nicht jenes Kinos, das auf Premieren, rote Teppiche und die Schlagzeilen des nächsten Tages setzt, sondern jenes, das geblieben ist. Oder genauer: jenes, das wiederentdeckt werden will. Das Filmfestspiel »Il Cinema Ritrovato«, das in diesem Sommer 2026 seine vierzigste Ausgabe feiert, ist ein Ort der Wiederbegegnungen: Hier versammelt sich die Filmgeschichte, um sich selbst neu zu betrachten. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird das Kino hier mit viel Sorgfalt lebendig gehalten. Der Name ist Programm. »Cinema Ritrovato« bedeutet »wiedergefundenes Kino«. Jahr für Jahr suchen Filmarchive, Restaurierungswerkstätten und Kinematheken auf der ganzen Welt nach verschollenen, beschädigten oder vergessenen Werken. In Bologna kehren diese auf die Leinwand zurück. Nicht so sehr als historische Artefakte, sondern als Filme, die weiterhin etwas über die Gegenwart erzählen.
Das Festival verteilt sich über die gesamte Altstadt. In den historischen Sälen des Cinema Lumière, im prachtvollen Modernissimo oder unter freiem Himmel auf der Piazza Maggiore wird Filmgeschichte zum öffentlichen Ereignis. Wenn abends das Publikum auf den Stufen und Plätzen der Altstadt zusammenkommt, entsteht jenes seltene Gefühl, dass Kino mehr sein kann als Unterhaltung – ein gemeinsamer Raum der Erinnerung und der Kommunikation.
Doch Bologna interessiert sich nicht nur für verlorene Filme, sondern auch für neue Blicke auf bekannte Werke. Zu den großen Höhepunkten der diesjährigen Ausgabe gehören Ken Russells lange verstümmelter Skandalfilm The Devils oder Wim Wenders’ Frühwerk Summer in the City, das jetzt erstmals nach seiner Restaurierung wieder einem größeren Publikum zugänglich wird. Dieses Jahr steht ferner die französische Autorenfilmerin Agnès Varda im Mittelpunkt, sowie der spanische Regisseur Juan Antonio Bardem (1922-2002), der Onkel des bekannten Schauspielers Javier Bardem. Mit Filmen wie Felices Pascuas (1954) oder La Venganza (1958) hat er eindrucksvoll gezeigt, dass er sich im Feld der schwarzen Komödie ebenso leichtfüßig zu bewegen wusste, wie im harschen ruralen Melodram mit Westernmotivik.
Wer von der großen Filmkunst spricht, der kann von Michael Mann nicht schweigen: Die neue 4K-Restaurierung von Manhunter (1986) erzählt von der Begegnung mit der Figur des Hannibal Lecter, noch vor The Silence of the Lambs (1991), und erscheint heute als Schlüsselwerk des modernen amerikanischen Kinos. Die kühlen Neonfarben, die präzise Bildgestaltung und die fast hypnotische Atmosphäre überwältigen in der restaurierten Fassung mit einer neuen Intensität.
Genau darin liegt die Idee des Festivals. Filmgeschichte wird nicht als abgeschlossener Kanon verstanden, sondern als offener Prozess. Neben Klassikern stehen vergessene Namen wie Paula Delsol, Mitchell Leisen, Gunvor Nelson oder Ritwik Ghatak. Retrospektiven zu Barbara Stanwyck oder Joséphine Baker zeigen, dass Filmgeschichte immer auch eine Geschichte der Auslassungen ist. Bologna liest das Kino nicht als Abfolge großer Meisterwerke, sondern als Netz von Beziehungen und Einflüssen.
Doch das »Cinema Ritrovato« spielt sich nicht nur in den Kinosälen ab. Wer durch Bologna läuft, begegnet dem Festival an beinahe jeder Ecke. In der Galleria Modernissimo lädt die Ausstellung »Viva Varda!« dazu ein, in die Bildwelt von Agnès Varda einzutauchen. Fotografien, Filmausschnitte und persönliche Dokumente erzählen von einer Künstlerin, deren Werk bis heute nachwirkt. Wenige Straßen weiter herrscht auf der Piazza Pier Paolo Pasolini reges Treiben. Zwischen Regalen und Tischen voller Filmgeschichte stöbern Sammler, Historiker und Cinephile nach seltenen und neuen Büchern, restaurierten Blu-rays, DVDs, oder limitierten Editionen. Denn Kino ist auch eine Kunst, die mehrfach gesehen werden will. Mit jedem Wiedersehen verändert sich der Blick. Ein Film erschöpft sich nicht in seiner ersten Vorführung. Er begleitet seine Zuschauer durch die Zeit, offenbart neue Details, neue Gedanken und neue Bedeutungen. Vielleicht erklärt das die besondere Atmosphäre von Bologna. Filmgeschichte wird hier gesammelt, diskutiert, weitergegeben.
Zwischen den Arkaden sitzen Besucher mit Katalogen auf den Knien, diskutieren über eine Restaurierung oder vergleichen ihre Entdeckungen des Tages. Vor den Kinos bilden sich lange Schlangen. Man hört Italienisch, Französisch, Englisch, Deutsch – und überall die Sprache der Cinephilen: Filmtitel, Regisseurnamen und Erinnerungen an Vorführungen, die manchmal Jahrzehnte zurückliegen.
Gerade darin ähnelt Bologna dem Festival Lumière in Lyon. Beide verstehen Kino als kulturelles Gedächtnis. Doch während Lyon die Kontinuitäten der Filmgeschichte pflegt, gräbt Bologna ihre verborgenen Schichten frei. Es sucht nach den Filmen, die aus dem Kanon gefallen sind, nach den Bildern, die verloren schienen, und nach den Stimmen, die lange überhört wurden. Vierzig Jahre nach seiner Gründung ist das »Cinema Ritrovato« deshalb nicht nur ein fixer Treffpunkt für Cinephile. Es ist ein öffentliches Kinogedächtnis. Ein Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart miteinander ins Gespräch kommen. Und vielleicht einer der letzten Orte, an denen man erleben kann, dass Kino nicht nur aus Neuheiten besteht, sondern aus Bildern, die immer wieder zu uns zurückkehren – jedes Mal mit neuen Augen, jedes Mal ein wenig tiefer.