25.06.2026

Die verborgenen Schichten des Kinos

Il cinema ritrovato

»Il Cinema Ritrovato« in Bologna bringt das Kino als Raum gemeinsamer Erinnerung zurück

Von Marc Trappendreher

Bologna ist im Juni eine Stadt des Kinos. Nicht jenes Kinos, das auf Premieren, rote Teppiche und die Schlag­zeilen des nächsten Tages setzt, sondern jenes, das geblieben ist. Oder genauer: jenes, das wieder­ent­deckt werden will. Das Film­fest­spiel »Il Cinema Ritrovato«, das in diesem Sommer 2026 seine vier­zigste Ausgabe feiert, ist ein Ort der Wieder­be­geg­nungen: Hier versam­melt sich die Film­ge­schichte, um sich selbst neu zu betrachten. Zwischen Vergan­gen­heit und Gegenwart wird das Kino hier mit viel Sorgfalt lebendig gehalten. Der Name ist Programm. »Cinema Ritrovato« bedeutet »wieder­ge­fun­denes Kino«. Jahr für Jahr suchen Film­ar­chive, Restau­rie­rungs­werks­tätten und Kine­ma­theken auf der ganzen Welt nach verschol­lenen, beschä­digten oder verges­senen Werken. In Bologna kehren diese auf die Leinwand zurück. Nicht so sehr als histo­ri­sche Artefakte, sondern als Filme, die weiterhin etwas über die Gegenwart erzählen.

Das Festival verteilt sich über die gesamte Altstadt. In den histo­ri­schen Sälen des Cinema Lumière, im pracht­vollen Moder­nis­simo oder unter freiem Himmel auf der Piazza Maggiore wird Film­ge­schichte zum öffent­li­chen Ereignis. Wenn abends das Publikum auf den Stufen und Plätzen der Altstadt zusam­men­kommt, entsteht jenes seltene Gefühl, dass Kino mehr sein kann als Unter­hal­tung – ein gemein­samer Raum der Erin­ne­rung und der Kommu­ni­ka­tion.

Doch Bologna inter­es­siert sich nicht nur für verlorene Filme, sondern auch für neue Blicke auf bekannte Werke. Zu den großen Höhe­punkten der dies­jäh­rigen Ausgabe gehören Ken Russells lange vers­tüm­melter Skan­dal­film The Devils oder Wim Wenders’ Frühwerk Summer in the City, das jetzt erstmals nach seiner Restau­rie­rung wieder einem größeren Publikum zugäng­lich wird. Dieses Jahr steht ferner die fran­zö­si­sche Autoren­fil­merin Agnès Varda im Mittel­punkt, sowie der spanische Regisseur Juan Antonio Bardem (1922-2002), der Onkel des bekannten Schau­spie­lers Javier Bardem. Mit Filmen wie Felices Pascuas (1954) oder La Venganza (1958) hat er eindrucks­voll gezeigt, dass er sich im Feld der schwarzen Komödie ebenso leicht­füßig zu bewegen wusste, wie im harschen ruralen Melodram mit Western­mo­tivik.

Wer von der großen Filmkunst spricht, der kann von Michael Mann nicht schweigen: Die neue 4K-Restau­rie­rung von Manhunter (1986) erzählt von der Begegnung mit der Figur des Hannibal Lecter, noch vor The Silence of the Lambs (1991), und erscheint heute als Schlüs­sel­werk des modernen ameri­ka­ni­schen Kinos. Die kühlen Neon­farben, die präzise Bild­ge­stal­tung und die fast hypno­ti­sche Atmo­sphäre über­wäl­tigen in der restau­rierten Fassung mit einer neuen Inten­sität.

Genau darin liegt die Idee des Festivals. Film­ge­schichte wird nicht als abge­schlos­sener Kanon verstanden, sondern als offener Prozess. Neben Klas­si­kern stehen verges­sene Namen wie Paula Delsol, Mitchell Leisen, Gunvor Nelson oder Ritwik Ghatak. Retro­spek­tiven zu Barbara Stanwyck oder Joséphine Baker zeigen, dass Film­ge­schichte immer auch eine Geschichte der Auslas­sungen ist. Bologna liest das Kino nicht als Abfolge großer Meis­ter­werke, sondern als Netz von Bezie­hungen und Einflüssen.

Doch das »Cinema Ritrovato« spielt sich nicht nur in den Kinosälen ab. Wer durch Bologna läuft, begegnet dem Festival an beinahe jeder Ecke. In der Galleria Moder­nis­simo lädt die Ausstel­lung »Viva Varda!« dazu ein, in die Bildwelt von Agnès Varda einzu­tau­chen. Foto­gra­fien, Film­aus­schnitte und persön­liche Dokumente erzählen von einer Künst­lerin, deren Werk bis heute nachwirkt. Wenige Straßen weiter herrscht auf der Piazza Pier Paolo Pasolini reges Treiben. Zwischen Regalen und Tischen voller Film­ge­schichte stöbern Sammler, Histo­riker und Cinephile nach seltenen und neuen Büchern, restau­rierten Blu-rays, DVDs, oder limi­tierten Editionen. Denn Kino ist auch eine Kunst, die mehrfach gesehen werden will. Mit jedem Wieder­sehen verändert sich der Blick. Ein Film erschöpft sich nicht in seiner ersten Vorfüh­rung. Er begleitet seine Zuschauer durch die Zeit, offenbart neue Details, neue Gedanken und neue Bedeu­tungen. Viel­leicht erklärt das die besondere Atmo­sphäre von Bologna. Film­ge­schichte wird hier gesammelt, disku­tiert, weiter­ge­geben.

Zwischen den Arkaden sitzen Besucher mit Katalogen auf den Knien, disku­tieren über eine Restau­rie­rung oder verglei­chen ihre Entde­ckungen des Tages. Vor den Kinos bilden sich lange Schlangen. Man hört Italie­nisch, Fran­zö­sisch, Englisch, Deutsch – und überall die Sprache der Cine­philen: Filmtitel, Regis­seur­namen und Erin­ne­rungen an Vorfüh­rungen, die manchmal Jahr­zehnte zurück­liegen.

Gerade darin ähnelt Bologna dem Festival Lumière in Lyon. Beide verstehen Kino als kultu­relles Gedächtnis. Doch während Lyon die Konti­nui­täten der Film­ge­schichte pflegt, gräbt Bologna ihre verbor­genen Schichten frei. Es sucht nach den Filmen, die aus dem Kanon gefallen sind, nach den Bildern, die verloren schienen, und nach den Stimmen, die lange überhört wurden. Vierzig Jahre nach seiner Gründung ist das »Cinema Ritrovato« deshalb nicht nur ein fixer Treff­punkt für Cinephile. Es ist ein öffent­li­ches Kino­ge­dächtnis. Ein Ort, an dem Vergan­gen­heit und Gegenwart mitein­ander ins Gespräch kommen. Und viel­leicht einer der letzten Orte, an denen man erleben kann, dass Kino nicht nur aus Neuheiten besteht, sondern aus Bildern, die immer wieder zu uns zurück­kehren – jedes Mal mit neuen Augen, jedes Mal ein wenig tiefer.