18.06.2026
Cinema Moralia – Folge 392

»Unsere Zeiten brauchen keine Wohlfühlparolen.«

Staatsschutz
Eine reale Fiktion über strukturalen Rassismus in der Justiz: Der Film Staatsschutz
(Foto: Plaion Pictures)

»Staatsschutz«: Regisseur Faraz Shariat gegen eine romantisierende Vorstellung von Vielfalt; aber wenn ein Festival politisch sein will, gibt es Integrationspreise an Deutsche – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 392. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»So gut, wie der poli­ti­sche Korre­spon­dent der FAZ, Günter Bannas, den Poli­tik­be­trieb aufschreibe, könne es eh kein Schrift­steller.«

– Rainald Goetz

Wir mögen Lolitas – jeden­falls solange sie weit weg von uns sind, und es nur Länder und Regionen angeht, die wir mit super­gutem Gewissen als unde­mo­kra­tisch und »feindlich« von uns abspalten und fern­halten können.

Eran Riklis' schöner Film Lolita lesen in Teheran war darum ein relativ großer Arthouse-Erfolg in den deutschen Kinos. Das eindring­lich erzählte Drama handelt von einer Gruppe mutiger Frauen, die sich in Teheran heimlich trifft, um verbotene westliche Literatur, eben unter anderem »Lolita«, zu lesen. Die Geschichte basiert auf den Memoiren von Azar Nafisi, die im Film von der wunder­baren Gols­hifteh Farahani eindrucks­voll verkör­pert wird.

Freie, »böse«, »beschä­mende«, »skan­dalöse«, »unan­ge­mes­sene«, »gren­zü­ber­schrei­tende«, »nicht mehr zeit­ge­mäße«, »frau­en­feind­liche« »verlet­zende«, »trig­gernde«, »sexis­ti­sche«, eben verbotene Literatur und Kunst ist in dem Film ein stiller Akt des Wider­stands: Vladimir Nabokov, F. Scott Fitz­ge­rald, Henry James und Jane Austen werden gerade weil sie nicht achtsam sind, zu einer Waffe der Selbst­er­mäch­ti­gung von Frauen inmitten poli­ti­scher Repres­sion und mora­li­scher Kontrolle.

Jeder, der ihn noch nicht kennt, kann sich den Film leider nicht mehr im Kino ansehen. Aber auf DVD/Blue Ray oder im Stream bei Mubi. Im Sommer läuft er noch einmal im Rahmen der Film­kunst­wo­chen München und kann im Neuen Maxim auf der Leinwand gesehen werden (25.7. und 3.8.).

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Dann können wir gemeinsam darüber nach­denken, ob wir uns eine ähnlich einhel­lige Begeis­te­rung über einen Film vorstellen können, der »Lolita lesen in Berlin« heißt oder »Wenders schauen an der UdK«?

Ich habe da so meine Zweifel!

Natürlich hinkt der Vergleich an manchen Stellen. Aber sind die Unter­schiede so stark, sind nicht die Ähnlich­keiten größer, als wir uns einge­stehen möchten?

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»Die Meinungs­frei­heit hat zum Ziel, die Wahrheit sagen zu dürfen«, schrieb neulich ein sehr gescheiter Facebook-Freund.

Hier habe ich ihm folgen­der­maßen geant­wortet: »Nein lieber X, die Meinungs­frei­heit hat das Ziel, irren zu dürfen, ohne dafür rechtlich bestraft zu werden; sie hat das Ziel, zu ermög­li­chen, dass Menschen auch Dinge anders einschätzen, als die über­wie­gende Mehrheit, und dass sie das öffent­lich tun dürfen. Man darf ihnen wider­spre­chen, aber man darf ihnen nicht den Mund verbieten, außer es wird hetze­risch – und darüber wachen die Gerichte, nicht die Mehrheit der Selbst­ge­rechten.«

Und »Wahrheit« entsteht vor allem durch Wider­spruch zu herr­schenden Meinungen. Diesen schützen die Grund­rechte.

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Beim klit­ze­kleinen Filmfest Emden-Norderney bekam der Regisseur Faraz Shariat (Futur Drei, Staats­schutz) jetzt den »Inte­gra­ti­ons­preis der Insel Norderney«.

Das hat ihn gefreut, aber offenbar auch ein bisschen geärgert. Er hat seine »Dankes­rede« veröf­fent­licht, die ich sehr gut und hoch­in­ter­es­sant finde und hier ungekürzt zitiere.

»Vielen Dank für diesen Preis. Es bedeutet mir viel, dass ich für meine Arbeit an einem Film ausge­zeichnet werde, der vom Wider­stand gegen die rechten Struk­turen in diesem Land erzählt. Und gleich­zeitig möchte ich ehrlich sein: Ich habe ein ambi­va­lentes Verhältnis zu einem Preis, der 'Inte­gra­ti­ons­preis' heißt. Denn Inte­gra­tion in Deutsch­land bedeutet: Beweise, dass du dazu­gehören darfst. Menschen sollen sich inte­grieren – durch Sprache, durch Leistung, durch Anpassung, durch Dank­bar­keit. Ich frage mich: Worin eigent­lich? In einem Land, in dem rechte Gewalt seit Jahr­zehnten Menschen ermordet und staat­liche Insti­tu­tionen daran scheitern, Konse­quenzen daraus zu ziehen? In einem Land, in dem migran­ti­sche Familien nach rassis­ti­schen Anschlägen selbst unter Verdacht geraten, während die Täter im Umfeld von Polizei, Medien und Politik verharm­lost und mitunter sogar gedeckt werden? In einem Land, in dem rechts­extreme Forde­rungen Schritt für Schritt in Regie­rungs­po­litik übersetzt werden, während von den Betrof­fenen Beson­nen­heit erwartet wird. Wir erleben gerade, wie Grund­rechte zunehmend verhan­delbar werden. Menschen werden trotz Krieg und Verfol­gung abge­schoben, während gleich­zeitig dieselben poli­ti­schen Kräfte, die von Menschen­rechten sprechen, Waffen­ex­porte, Kriege, Zers­törung und die Unter­s­tüt­zung von Genoziden mittragen und legi­ti­mieren. Und wenn Menschen dann fliehen, Schutz brauchen oder einfach überleben wollen, begegnet man ihnen mit Lagern, wieder­holten Abschie­bungen und Miss­trauen. Auch die Entrech­tung und Ausbür­ge­rung von Menschen wie Abdallah A. zeigen, wie schnell Zugehö­rig­keit in Deutsch­land wieder entzogen werden kann, wenn Menschen politisch uner­wünscht werden. Als wäre Staats­bür­ger­schaft oder Mensch­lich­keit etwas, das man sich permanent verdienen muss. Und das, während die Idee der Remi­gra­tion längst Teil eines faschis­ti­schen Partei­pro­gramms ist und breite gesell­schaft­liche Zustim­mung findet. Faschismus beginnt nicht erst bei Neonazis. Er beginnt dort, wo Menschen lernen, dass manche Leben weniger zählen als andere. Wo Migration zur Bedrohung erklärt, Soli­da­rität krimi­na­li­siert und staat­liche Gewalt als Ordnung verkauft wird. Und wo Schweigen als Vernunft gilt. Und deshalb glaube ich auch nicht an eine roman­ti­sie­rende Vorstel­lung von Vielfalt, in der am Ende einfach alle friedlich mitein­ander im Einklang stehen. Unsere Zeiten brauchen keine Wohl­fühl­pa­rolen. Sie brauchen klare Kante. Wehr­haf­tig­keit. Die Bereit­schaft zu inter­ve­nieren und zu kämpfen. Deshalb möchte ich heute hier viel­leicht sogar ein Plädoyer für das Gegenteil von Inte­gra­tion halten. Viel­leicht müssen wir, so wie Max Czollek es sagt, lernen, uns zu desin­te­grieren – aus einem poli­ti­schen System, das den Zugang zu Menschen­rechten an Leistung knüpft, das Gewalt und Hetze gegen Migranten und Flucht­su­chende norma­li­siert, statt die größte Bedrohung unserer Zeit – Rechts­extre­mismus – zu bekämpfen. Desin­te­gra­tion bedeutet nicht Rückzug. Sondern Wider­stand. Die Weigerung, sich mit Unmensch­lich­keit zu arran­gieren. Die Entschei­dung, nicht kompa­tibel zu werden mit Verhält­nissen, die andere entwür­digen. Und ich wünsche mir ein Kino, das genau das tut: Ein Kino, das Deutsch­land stört. Das unbequem bleibt. Das eingreift. Und das sich weigert, Menschen auf Opfer­rollen oder Vorzei­ge­mi­grant:innen zu redu­zieren. Danke an alle, die diesen Film möglich gemacht haben. Und danke an alle, die trotz dieses gesell­schaft­li­chen Klimas weiter­kämpfen. Von Trauer zu Wut zu Wider­stand.«

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Faraz Shariat ist ein iranischs­täm­miger Regisseur, der in Köln geboren wurde, also nicht einge­wan­dert. Es ist absurd, ihm einen Inte­gra­ti­ons­preis zu geben. Die Begrün­dung hierfür hätte ich gern gelesen.

Trotzdem bringt auch der Preis­träger einiges durch­ein­ander. Nicht jede staat­liche Maßnahme ist Gewalt und Repres­sion. Pauschal und raunend redet er von »Genoziden« und Demo­kraten sind für ihn offenbar nur dieje­nigen, die seine Ansichten teilen.

Aber egal: Es ist unsere freie Gesell­schaft, deren Teil Shariat ist, und in der er sich nicht inte­grieren muss. Andere aller­dings schon. Sie müssen lernen, dass auch Freiheit und der Schutz von Kunst- und Meinungs­frei­heit Grenzen haben und Insti­tu­tionen brauchen.

Auch das gehört zum Staats­schutz.