Cinema Moralia – Folge 392
»Unsere Zeiten brauchen keine Wohlfühlparolen.« |
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| Eine reale Fiktion über strukturalen Rassismus in der Justiz: Der Film Staatsschutz | ||
| (Foto: Plaion Pictures) | ||
»So gut, wie der politische Korrespondent der FAZ, Günter Bannas, den Politikbetrieb aufschreibe, könne es eh kein Schriftsteller.«
– Rainald Goetz
Wir mögen Lolitas – jedenfalls solange sie weit weg von uns sind, und es nur Länder und Regionen angeht, die wir mit supergutem Gewissen als undemokratisch und »feindlich« von uns abspalten und fernhalten können.
Eran Riklis' schöner Film Lolita lesen in Teheran war darum ein relativ großer Arthouse-Erfolg in den deutschen Kinos. Das eindringlich erzählte Drama handelt von einer Gruppe mutiger Frauen, die sich in Teheran heimlich trifft, um verbotene westliche Literatur, eben unter anderem »Lolita«, zu lesen. Die Geschichte basiert auf den Memoiren von Azar Nafisi, die im Film von der wunderbaren Golshifteh Farahani eindrucksvoll verkörpert wird.
Freie, »böse«, »beschämende«, »skandalöse«, »unangemessene«, »grenzüberschreitende«, »nicht mehr zeitgemäße«, »frauenfeindliche« »verletzende«, »triggernde«, »sexistische«, eben verbotene Literatur und Kunst ist in dem Film ein stiller Akt des Widerstands: Vladimir Nabokov, F. Scott Fitzgerald, Henry James und Jane Austen werden gerade weil sie nicht achtsam sind, zu einer Waffe der Selbstermächtigung von Frauen inmitten politischer Repression und moralischer Kontrolle.
Jeder, der ihn noch nicht kennt, kann sich den Film leider nicht mehr im Kino ansehen. Aber auf DVD/Blue Ray oder im Stream bei Mubi. Im Sommer läuft er noch einmal im Rahmen der Filmkunstwochen München und kann im Neuen Maxim auf der Leinwand gesehen werden (25.7. und 3.8.).
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Dann können wir gemeinsam darüber nachdenken, ob wir uns eine ähnlich einhellige Begeisterung über einen Film vorstellen können, der »Lolita lesen in Berlin« heißt oder »Wenders schauen an der UdK«?
Ich habe da so meine Zweifel!
Natürlich hinkt der Vergleich an manchen Stellen. Aber sind die Unterschiede so stark, sind nicht die Ähnlichkeiten größer, als wir uns eingestehen möchten?
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»Die Meinungsfreiheit hat zum Ziel, die Wahrheit sagen zu dürfen«, schrieb neulich ein sehr gescheiter Facebook-Freund.
Hier habe ich ihm folgendermaßen geantwortet: »Nein lieber X, die Meinungsfreiheit hat das Ziel, irren zu dürfen, ohne dafür rechtlich bestraft zu werden; sie hat das Ziel, zu ermöglichen, dass Menschen auch Dinge anders einschätzen, als die überwiegende Mehrheit, und dass sie das öffentlich tun dürfen. Man darf ihnen widersprechen, aber man darf ihnen nicht den Mund verbieten, außer es wird hetzerisch – und darüber wachen die Gerichte, nicht die Mehrheit der Selbstgerechten.«
Und »Wahrheit« entsteht vor allem durch Widerspruch zu herrschenden Meinungen. Diesen schützen die Grundrechte.
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Beim klitzekleinen Filmfest Emden-Norderney bekam der Regisseur Faraz Shariat (Futur Drei, Staatsschutz) jetzt den »Integrationspreis der Insel Norderney«.
Das hat ihn gefreut, aber offenbar auch ein bisschen geärgert. Er hat seine »Dankesrede« veröffentlicht, die ich sehr gut und hochinteressant finde und hier ungekürzt zitiere.
»Vielen Dank für diesen Preis. Es bedeutet mir viel, dass ich für meine Arbeit an einem Film ausgezeichnet werde, der vom Widerstand gegen die rechten Strukturen in diesem Land erzählt. Und gleichzeitig möchte ich ehrlich sein: Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu einem Preis, der 'Integrationspreis' heißt. Denn Integration in Deutschland bedeutet: Beweise, dass du dazugehören darfst. Menschen sollen sich integrieren – durch Sprache, durch Leistung, durch Anpassung, durch Dankbarkeit. Ich frage mich: Worin eigentlich? In einem Land, in dem rechte Gewalt seit Jahrzehnten Menschen ermordet und staatliche Institutionen daran scheitern, Konsequenzen daraus zu ziehen? In einem Land, in dem migrantische Familien nach rassistischen Anschlägen selbst unter Verdacht geraten, während die Täter im Umfeld von Polizei, Medien und Politik verharmlost und mitunter sogar gedeckt werden? In einem Land, in dem rechtsextreme Forderungen Schritt für Schritt in Regierungspolitik übersetzt werden, während von den Betroffenen Besonnenheit erwartet wird. Wir erleben gerade, wie Grundrechte zunehmend verhandelbar werden. Menschen werden trotz Krieg und Verfolgung abgeschoben, während gleichzeitig dieselben politischen Kräfte, die von Menschenrechten sprechen, Waffenexporte, Kriege, Zerstörung und die Unterstützung von Genoziden mittragen und legitimieren. Und wenn Menschen dann fliehen, Schutz brauchen oder einfach überleben wollen, begegnet man ihnen mit Lagern, wiederholten Abschiebungen und Misstrauen. Auch die Entrechtung und Ausbürgerung von Menschen wie Abdallah A. zeigen, wie schnell Zugehörigkeit in Deutschland wieder entzogen werden kann, wenn Menschen politisch unerwünscht werden. Als wäre Staatsbürgerschaft oder Menschlichkeit etwas, das man sich permanent verdienen muss. Und das, während die Idee der Remigration längst Teil eines faschistischen Parteiprogramms ist und breite gesellschaftliche Zustimmung findet. Faschismus beginnt nicht erst bei Neonazis. Er beginnt dort, wo Menschen lernen, dass manche Leben weniger zählen als andere. Wo Migration zur Bedrohung erklärt, Solidarität kriminalisiert und staatliche Gewalt als Ordnung verkauft wird. Und wo Schweigen als Vernunft gilt. Und deshalb glaube ich auch nicht an eine romantisierende Vorstellung von Vielfalt, in der am Ende einfach alle friedlich miteinander im Einklang stehen. Unsere Zeiten brauchen keine Wohlfühlparolen. Sie brauchen klare Kante. Wehrhaftigkeit. Die Bereitschaft zu intervenieren und zu kämpfen. Deshalb möchte ich heute hier vielleicht sogar ein Plädoyer für das Gegenteil von Integration halten. Vielleicht müssen wir, so wie Max Czollek es sagt, lernen, uns zu desintegrieren – aus einem politischen System, das den Zugang zu Menschenrechten an Leistung knüpft, das Gewalt und Hetze gegen Migranten und Fluchtsuchende normalisiert, statt die größte Bedrohung unserer Zeit – Rechtsextremismus – zu bekämpfen. Desintegration bedeutet nicht Rückzug. Sondern Widerstand. Die Weigerung, sich mit Unmenschlichkeit zu arrangieren. Die Entscheidung, nicht kompatibel zu werden mit Verhältnissen, die andere entwürdigen. Und ich wünsche mir ein Kino, das genau das tut: Ein Kino, das Deutschland stört. Das unbequem bleibt. Das eingreift. Und das sich weigert, Menschen auf Opferrollen oder Vorzeigemigrant:innen zu reduzieren. Danke an alle, die diesen Film möglich gemacht haben. Und danke an alle, die trotz dieses gesellschaftlichen Klimas weiterkämpfen. Von Trauer zu Wut zu Widerstand.«
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Faraz Shariat ist ein iranischstämmiger Regisseur, der in Köln geboren wurde, also nicht eingewandert. Es ist absurd, ihm einen Integrationspreis zu geben. Die Begründung hierfür hätte ich gern gelesen.
Trotzdem bringt auch der Preisträger einiges durcheinander. Nicht jede staatliche Maßnahme ist Gewalt und Repression. Pauschal und raunend redet er von »Genoziden« und Demokraten sind für ihn offenbar nur diejenigen, die seine Ansichten teilen.
Aber egal: Es ist unsere freie Gesellschaft, deren Teil Shariat ist, und in der er sich nicht integrieren muss. Andere allerdings schon. Sie müssen lernen, dass auch Freiheit und der Schutz von Kunst- und Meinungsfreiheit Grenzen haben und Institutionen brauchen.
Auch das gehört zum Staatsschutz.