79. Filmfestspiele Cannes 2026
Bulgarien, mon Amour |
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| Valeska Grisebachs Das geträumte Abeneuter | ||
| (Foto: Filmfestival Cannes 2026) | ||
Ich möchte heute dort beginnen, wo ich beim letzten Mal aufgehört habe – die Arbeits- und Abgabebedingungen bei Artechock sind in diesem Jahr strenger und für mich unbequemer, als sonst in den Jahren zuvor; deswegen gibt es leider weniger Podcasts und manchmal in diesem Fall auch unvollständige Texte. Denn ein paar zentrale Dinge hätte ich zu dem großartigen Film von Christophe Honoré – Mariage au goût d’orange – sehr gerne noch gesagt, das ich beim letzten Mal in der Eile vergessen habe: Vor allem die hochinteressante Erzählweise mit ihren Schneisen in die Zukunft. Statt zurückzublicken auf das, was geschehen ist, zeigt der Film, der vor allem an einem Tag im Jahr 1978 spielt, an dem zwei Großfamilien durch eine Hochzeit verbunden werden, Vorausblicke auf das was geschehen wird. Damit erscheint alles, was jetzt geschieht, in einem melancholischen Licht. Zugleich begreifen wir: Carpe Diem!
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Am Samstag sind zum Abschluss der Filmfestspiele die Preise vergeben worden. Diesmal haben viele meiner persönlichen Favoriten tatsächlich Preise bekommen, sogar die etwas weniger gehypten Filme wie Notre Salut, dieser ganz erstaunliche Film von Emmanuel Marre über das Frankreich während des Vichy-Regimes. Am Mittwoch dazu noch mehr. Nur für James Gray tut es mir leid. Er hat gar nichts bekommen.
Wer im einzelnen gewonnen hat, das kann man sehr gut hier bei
den Kollegen von Variety und vom Hollywood Reporter nachlesen.
Im großen Ganzen gehen für mich die Preise endlich mal wieder sehr in Ordnung – bis auf den geteilten Regiepreis und dort die Auszeichnung für den spanischen Film La Bola Negra – die ist eigentlich eine Schande!
Auch der Film von Lucas Dhont (Coward) hätte aus meiner Sicht nichts gebraucht, aber es gibt Regisseure, die gewinnen einfach jahrelang mit jedem ihrer Filme irgendeinen Preis in Cannes und Dhont gehört dazu.
Außerdem waren sich das wohl die queeren Aktivisten in der Jury selber schuldig. Zu den Gewinnern in einem Festival, in dem das osteuropäische Kino besonders stark war und die drei Hauptpreise gewann, gehört auch die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach, deren Film Das geträumte Abenteuer zumindest zur Hälfte ein bulgarischer ist, denn er spielt dort, hat ausschließlich bulgarische Sprache und außerdem bulgarische Laiendarsteller. Wenn der US-Western
eine Phantasie und Wunschprojektion ist, dann ist dies auch die südöstliche New Frontier der EU in Bulgarien, von der Grisebach erzählt.
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1999 war ich das einzige Mal in meinem Leben in Bulgarien. Ich erinnere mich noch genau, wie mich mein damaliger FR-Redakteur Peter Körte gefragt hat: »Willst du nicht für uns nach Sofia fahren? Wann kommt man schon mal nach Bulgarien?« Das habe ich mir auch gedacht, und bin deshalb kurz vor Weihnachten für eine Woche zu einem Filmfestival des Goethe-Instituts nach Sofia gefahren – eine unvergessliche Reise. Gleichzeitig zeigt die Bemerkung ja schon genau das, was bis heute die Wahrnehmung Bulgariens in Deutschland ausmacht und was möglicherweise auch den Blick einiger Besucher dieses Films genauso bestimmt.
Ich erinnere mich vor allem an folgende Dinge: Das erste ist, dass Sofia der einzige Ort war, an dem ich in meinem Leben jemals Bären habe tanzen sehen. Auf der Straße, nur an einer Kette vom Dompteur gehalten und mit Maulkorb. Dann das krasse Phänomen, dass im Kino die Filmdialoge einfach auf Bulgarisch eingesprochen wurden. Drittens, dass es mitten in dem einigermaßen modernen, wenn auch von deutlich abgebröckeltem 70er-Jahre-Charme geprägten Sofia sehr gut erhaltene römische und
byzantinische Ruinen gab. Diese Präsenz der antiken Kultur und das imperialen Erbes spielt auch eine nicht unwesentliche Rolle in diesem Film. Denn die Hauptfigur ist eine Archäologin, die die Überreste eines alten römischen Baus ausgräbt. Die vierte Erinnerung ist das Gold auf den Pflastersteinen und da drauf dann der knallrote Coca-Cola-Weihnachtswagen mit dem Weihnachtsmann davor. Tatsächlich werde ich beim Coca-Cola-Weihnachtsmann immer an Sofia denken, denn dies war
quasi das ultimative Symbol für den Eroberungszug des Westens im alten Ostblock, der die ganzen 90er Jahre prägte.
Ich erinnere mich auch an die Rezeption des schönen Grand-Hotels, in der der westeuropäische Besucher am Abend immer unzweideutige Angebote gutaussehender Frauen bekam. Dazu passte ein Funktionär des dortigen, neu eröffneten Goethe-Instituts, der nach meinem Eindruck vor allem bei Journalisten gut aussehen wollte, der aber auch eine Schar hübscher bulgarischer
Mädchen um sich herum versammelt hatte, alle so Anfang-Mitte 20, ein Bild bei dem heute von Geschmäckle reden würde. Manche von diesen jungen Frauen hatten studiert und waren erkennbar hochgebildet, und diesen Goethe-Menschen weit überlegen, intellektuell wie in der Gesittung, und es war interessant mit ihnen zu sprechen und mehr über Bulgarien und ihre Sicht auf Europa zu erfahren.
Eine von ihnen war Mira.
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Seitdem treffe ich sie immer wieder auf Filmfestival. Mira kenne ich also schon seit über 25 Jahren. Sie ist eine Selfmade-Frau ist und das bedeutet in Bulgarien zweifellos noch mehr, als in Berlin-Mitte.
Im Café erklärt Mira mir, dass sie Quoten verabscheut, nicht weil man nicht die Gleichstellung der Frau erreichen müsste, sondern weil Quoten »nur dazu führen, dass das System sich seine eigenen Kinder heranzieht und den potentiellen Nachwuchs diszipliniert«. Wir haben nichts davon, sagt sie. »wenn Frauen in irgendwelchen Gremien und Positionen sind und dann dort das gleiche machen, wie bisher die Männer. Besser wäre es, dort Männer zu haben, die etwas anderes machen.«
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Aber eigentlich wollten wir über Bulgarien sprechen und über Valeska Grisebachs Blick auf Bulgarien. Wie ich den Film finde, will Mira wissen, und sagt mir dann, dass das alles »total realistisch« sei, aber Ausländer bestimmt Probleme hätte, das angemessen zu verstehen.
Aber eins nach dem anderen: 2017 präsentierte Valeska Grisebach Western in Cannes, einen der anregendsten europäischen Filme dieser Jahre. Sie verband darin das Imaginäre des Western-Genres mit dem Bulgariens, allerdings bis zu beider Unkenntlichkeit. Interessant waren vor allem die unverblümten Spannungen, die aus Migration, Arbeit und kulturellen Reibungen entstehen, und die Western zeigte. Ihr Kino besitzt die seltene Fähigkeit zu geduldiger Distanz, ohne dass es so didaktisch wird, wie bei Petzold und anderen Vertretern der Berliner Schule. Über Politik wird bei Grisebach nicht stundenlang gequasselt, sie erscheint eher und ist in Gesten und Beziehungen anwesend. Neun Jahre später kehrt Grisebach mit Das geträumte Abenteuer nach Bulgarien zurück, diesmal in die Grenzregion zwischen Europa und der Türkei, um eine andere Form des Western zu entwerfen – komplexer und schwerer fassbar.
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Ein Mann kehrt in das Dorf zurück, in dem er seine Jugend verbrachte, und eine Vergangenheit hat. Eine Weile verschwindet er, um aber doch wieder aufzutauchen. Der Schwerpunkt liegt auf der Archäologin Veska (Yana Radeva), die mit der die Präsenz mafiöser Netzwerke konfrontiert wird, die sie dann nebenbei als eine Art Zufallsdetektivin untersucht.
Der Film mäandert und verzweigt sich wie ein Flussdelta ständig in mögliche narrative Wege, ohne sich je vollständig einem davon zu verschreiben. Einerseits eine Kriminalgeschichte, andererseits ein Grenzfilm, eine Archäologie Bulgarien und seiner sozialen und kulturellen Schichten, ein zeitgenössischer Western.
Grisebach filmt mit extremer Kargheit, ohne narrative Zugeständnisse. Ihr Territorium ist nie bloß Landschaft, sondern – eben archäologisch –
sedimentiertes Gedächtnis. Und der Film ist ein Film über Männlichkeit und männliche Amoral und weibliche Moral. Diese Konstellation ist etwas zu schlicht für meinen Geschmack, ohne Rücksicht auf die Komplexität des menschlichen Lebens.
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Der Film ist interessant und sehenswert, aber es hat schon auch seinen Grund, dass er zwar bei den Kritikern ankommt und bei der Jury, dass er aber bei dem durchaus aussagekräftigen Zuschauer-Rating der IMDB einen relativ geringen Wert hat. Die Frage muss also erlaubt sein: Warum spricht dieser Film nicht zum breiten Publikum?
Man kann darum sagen, dass der Film, der in Cannes Grisebachs Film am meisten ähnelt, der Film Her Private Hell von Niklas Winding Refn ist.
Die Regisseurin macht unbeirrt ihr Ding ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht auf Zuschauer, nur nach ihrem persönlichen Gusto. Dazu hat sie alles Recht der Welt. Das ist Autorenkino. Genau dazu ist ein Festival wie das von Cannes da.
Manchmal, vor allem beim letzten Drittel von Grisebachs Film, fühlt man sich in das Kino von Nuri Bilge Ceylan versetzt. Man hat präzise, mitunter witzige Dialoge, man hat ein reiches Ensemble von Figuren, die man inzwischen kennengelernt hat, es gibt ein Nachdenken, es gibt verschiedene Ebenen der Erzählung – eine davon bildet die alte Vergangenheit der Region; das andere die Welt der Schmuggler, Menschenhandel Drogenhandel; das dritte die Mafia und das »Zeitalter der Männer« in den 90er Jahren, als alles möglich war und als das Land sich aus dem als Joch empfundenen Herrschaft der Kommunisten befreite. Und schließlich die Liebesgeschichte der zwei bis drei Hauptfiguren, das Verhältnis von Alt und Jung. Vielleicht ist die Hauptfigur auch wie bei NBC ein alter ego der Regisseurin.
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Ich bin hier nicht dazu da, irgendetwas gut oder schlecht zu finden. Sondern ich bin dafür da, die Filme zu sehen und danach das aufzuschreiben, was ich denke.
Mir geht es da wie den Briten und den Amerikanern. Ich teile Meredith Taylors Fazit: »For devoted arthouse audiences, The Dreamed Adventure may register as a richly textured meditation on borders, masculinity and memory. For everyone else, it is likely to feel overextended and dramatically underpowered — an interesting subject stretched far beyond its limits.«
Mich interessiert einfach ein anderes Kino mehr und es hat nichts mit »still« und »langsam« oder »laut« und »schnell« zu tun, sondern mit einer bestimmten Form von Intensität und mit lustvollen Zugang zu den Bildern, den ich z.B in den Werken von Albert Serra, die auch ziemlich langsam sind und teilweise noch länger als Grisebachs Film trotzdem immer entdecke. Hier nicht.
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Meine Lieblingsbäckerei auf der Ecke zum Debussy macht ab Montag erstmal drei Tage Betriebsferien. Man kann sich vorstellen, dass das Festival krasse Überstunden produziert, denn immer gibt es eine kleine Schlange und außerdem treffe ich dort sehr oft Bekannte. Also ein Festivalspot.
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Hope vom Koreaner Na Hong-Jin war schönes Kino zum Wachbleiben am allerletzten Tag. Ein guter, ungewöhnlicher Film im Wettbewerb, aber kein Preisträger. »Hope« ist der Titel und spielt mit der Doppelbedeutung Hoffnung und dem Name einer kleinen koreanischen Ortschaft, die von einer unbekannten Bedrohung verwüstet wird.
In den ersten Bildern sehen wir Bum-seok, einen örtlichen Polizeibeamten, der untersucht, wie eine Kuh von einer mutmaßlichen
Bestie von enormen Ausmaßen angegriffen wurde. Nach und nach tauchen wir in eine apokalyptische Landschaft ein, in der Straßenlaternen, Ziegelsteine, Glasscheiben, Türen, Fenster und Autos durch die Luft fliegen. Etwas Monströses vernichtet alles, obwohl wir dieses Etwas erst nach 40 Minuten zu sehen bekommen. Leichen und verletzte Überlebende tauchen auf, doch das Geheimnis bleibt vollständig intakt. Erst nach vierzig Minuten Laufzeit erscheint eine monströse Kreatur von etwa vier
Metern Höhe auf der Leinwand, die wie ein Geist und ein Indianer aussieht, und sich in einem Wutzustand befindet. Nun beginnt eine entfesselte und rasante Verfolgungsjagd, die den Zuschauer in eine vollkommen delirierende Inszenierung hineinzieht.
Na Hong-jin liefert hier einen ambitionierten Film ab – die bislang teuerste Produktion des koreanischen Kinos –, der als eine der intensivsten, brutalsten und spektakulärsten Action- und Verfolgungsübungen funktioniert, die seit George Millers Mad Max – Fury Road (2015, vor elf Jahren in Cannes) auf der Leinwand zu sehen waren. In Hope ist alles zuviel, alles Exzess. Es gibt unmögliche bigger-than-life-Verfolgungsjagden, Explosionen und Sequenzen, die immer wieder immer weiter an ihre Grenzen getrieben werden. Die große Leistung des Films liegt genau in dieser frenetischen, unerschöpflichen Bewegung, die es schafft, digital erschaffene Kreaturen mit der physischen Arbeit von Stuntleuten und Action-Doubles in erstaunlicher Geschmeidigkeit und voller Geschmack zu verbinden. Das Gefühl von Geschwindigkeit, Wucht und Chaos ist mit außergewöhnlicher Präzision choreografiert und verwandelt jede Filmsekunde in ein Spiel permanenter Bewegung.
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Diese ganzen Verfolgungsjagden sind eine andauernde Achterbahnfahrt. Das ist ein bisschen redundant und viel zu lang, aber es liegt auch viel drin. Kurioserweise ist der Film teilweise in Rumänien gedreht und nicht in Korea. Vom ganzen Setting her ist dies eine globale Produktion und wenn sogar die Koreaner anfangen, in Rumänien zu drehen, dann kann es noch heiter werden...
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An manchen Stellen kommt die Action selbst hier kurz zum Stillstand, damit wir entdecken können, was sich hinter dem ersten Monster verbirgt, das nach einer Stunde Film ausgeschaltet wird. Erwartbar geht es aber bald weiter, und wir erfahren, dass ihr Ursprung von einem anderen Planeten stammt.
Das Werk entwickelt sich daraufhin ganz anders, nämlich weg vom Monster-Slasher zu einem großen Science-Fiction-Epos mit Kaisern, Prinzen und Figuren, die entschlossen sind, das Schicksal des
Kosmos in die Hand zu nehmen. Alles deutet außerdem darauf hin, dass Hope als Beginn eines Kino-Mehrteilers konzipiert wurde – ein neues Universum, das Na Hong-jin offenbar in immer maßlosere Territorien ausdehnen will. In einem Moment, in dem das amerikanische Actionkino in erschöpften Formeln und Franchises gefangen zu sein scheint, die sich nicht mehr neu erfinden können, erscheint Hope wie der sehr charmante und geglückte
Versuch, all das niederzureißen: Ein Film, der das Actionkino bis an die äußerste Grenze von Exzess und visuellem Delirium treibt.
Michael Fassbender und Alicia Vikander sind nicht (wie im Podcast fälschlich vermutete) Co-Produzenten des Films, aber prominente Unterstützer.