07.05.2026
Cinema Moralia – Folge 387

Kommunikatives Handeln mit den Mitteln der Kunst

Nürnberg
Nürnberg: Russell Crowe als Hermann Göring
(Foto: Weltkino)

Mit Besuchen oder Bauten oder Phantasie und die Kommunkationssperren der ARD – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 387. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Ganz platt gesagt: Alles, was nicht verboten ist, ist erst mal erlaubt.«
– Carsten Brosda, Hamburger Kultu­e­se­nator

Wunderbar freche Anmer­kungen zum deutschen Film finden sich in Alexander Kluges Buch »Utopie: Film« von 1983. Man würde ein derartig anti­au­to­ri­täres Heran­gehen an Kino, an Gesell­schaft und an Politik auch unseren heutigen Verhält­nissen wünschen, von der Film­kritik wie von manchen publi­zie­renden Filme­ma­chern:
»Der deutsche Film ist zu nett und zu tief. Es fehlen: schwarze Parodien auf die herme­ti­sche Melan­cholie, auf die protes­tan­ti­sche Uner­bitt­lich­keit der rele­vanten Problem­filme. Auf die Wim-Thoelke und Robert-Lemke-Freund­lich­keit.
Es fehlen: Herz­kranke Poli­zei­prä­si­denten mit Söhnen in der Haus­be­setzer-Szene, brot­zeit­fas­sende Land­wirt­schafts­mi­nister auf der Alm, Handstand-geübte Grüne in Sondie­rungs­ge­spräch mit SPD-Linken in Maßan­zügen plus jeweilige Partei­ba­sis­kämpfe um Mandate und Rota­ti­ons­prin­zi­pien (Zentra­lismus und Fantasie) = Politik und Kitsch = die 14 schlaf­losen Nächte der FDP-Frauen.
Es fehlen Luft­fahrt­in­ge­nieu­rinnen in der Mittel­stands­par­tei­zen­trale nach einem Hearing mit autonomen Femi­nis­tinnen im Antrags­clinch...«

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Frech war auch Natalie Baye , jene sehr besondere fran­zö­si­sche Schau­spie­lerin, die viel zu früh gerade verstorben ist. 2006 habe ich sie hier für artechock inter­viewt. Im Gespräch spricht sie nicht zuletzt über ihre Zusam­men­ar­beit mit Francois Truffaut: »Es gab nicht einen Film, bei dessen Dreh es nicht irgend­einen Moment gab, der mich an Truffaut erinnert hat.«

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Der Verfas­sungs­schutz setzt seine gerade laufende Werbe­kam­pagne für linke Buch­hand­lungen fort. Wie die »Hamburger Morgen­post« und der NDR melden, soll die »Buch­hand­lung im Schan­zen­viertel« wegen »Bedenken« des Verfas­sungs­schutzes keine Förder­mittel mehr erhalten. Was damit genau gemeint ist, ist aller­dings unklar, und lässt selbst Politiker verwirrt zurück. So etwa den Hamburger Kultur­se­nator Carsten Brosda (SPD).

Brosda hat jetzt demons­trativ (?) die Buch­hand­lung besucht, die wie andere drei Buch­hand­lungen ins Visier von Kultur­staats­mi­nister Weimer sowie des Verfas­sungs­schutzes geraten ist. Der Senator kaufte dort ein und sagte gegenüber der »Zeit«: »Ich habe keine Angst vor linken Gedanken. ... Ich suche auch nach Büchern, die mich aufregen, nicht nur nach solchen, die mir recht geben. Weil es mich schlauer macht.« Außerdem kündigt Brosda an, dass die Hanse­stadt ab sofort mit 700.000 Euro pro Jahr unab­hän­gige Verlage fördern wird.

Der »Buch­hand­lung im Schan­zen­viertel« dürfte jetzt erstmal voraus­sicht­lich ein Umsatz­plus blühen – alle drei vom Kultur­staats­mi­nister markierten Buch­hand­lungen hatten in den letzten Wochen viele Neukunden, die aus Neugier und Soli­da­rität bei ihnen erstmals vorbei­schauten.

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»Ich wollte dann mal deutlich machen, dass Buch­hand­lungen geistige Tank­stellen sind, und dass es dem einen oder anderen, der gerade Angst vor Buch­hand­lungen hat, auch guttun würde, sich mal dort auftanken zu lassen.«

Im Gegensatz zu Tank­stellen gibt es hier aber keine gravie­rend stei­genden Preise, sondern mit der verrin­gerten Umsatz­steuer sogar so etwas wie einen dauer­haften Tankra­batt.

Es werde »schräg, wenn manche anfangen, vor kultur­po­li­ti­schen Entschei­dungen immer erst den Verfas­sungs­schutz zu fragen. Das ist eine Vermen­gung unter­schied­li­cher Sphären.« Wenn der Verfas­sungs­schutz Gefahren hart belegen könne, dann habe die wehrhafte Demo­kratie auch Instru­mente, um dagegen vorzu­gehen und unsere Demo­kratie und ihre Frei­heiten zu schützen.
»Aber im Vorfeld zu erklären: 'Wir haben nichts Justi­zia­bles, aber irgendwas ist komisch und deshalb darf nicht mehr gefördert werden' – das ist ein Schritt, der wegführt von einer liberalen, offenen Gesell­schaft.«

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Brosda erteilt auch allen anderen platten Indienst­nahmen der Kultur eine Absage. Offenbar muss so etwas heute dazu gesagt werden: »Zu sagen: 'Macht etwas, was explizit für die Demo­kratie wirbt!', instru­men­ta­li­siert die Kunst und beschä­digt die Freiheit, die vorgeb­lich vertei­digt werden soll.«

Diese Bemerkung gilt explizit auch für Kino- und Film­för­de­rung, für die die Bundes­kul­tur­po­litik entschei­dend mitver­ant­wort­lich ist.

Brosda spreche mit Weimer, sagt er und erinnert daran er habe »eine solche Diskus­sion« auch schon mit Claudia Roth von den Grünen gehabt, »die zwar im Gestus anders, aber in der Sache auch der Meinung war, die Kultur müsse mithelfen, die Demo­kratie zu vertei­digen. Ich habe da ein Stör­ge­fühl.«

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Ein span­nender Text des Archi­tek­tur­his­to­ri­kers Stephan Trueby beschäf­tigt sich mit dem Privat­haus des kürzlich verstor­benen Philo­so­phen Jürgen Habermas in Starnberg. Trueby arbeitet heraus, was dieses Gebäude am Starn­berger See mit Habermas Theorien zu tun hat, dass es ein außer­ge­wöhn­li­ches Stück Archi­tek­tur­mo­derne und ein Stück Bau gewordene Philo­so­phie ist. Kommu­ni­ka­tives Handeln mit den Mitteln der Archi­tektur.

Es steht noch nicht unter Denk­mal­schutz – Truebys Würdigung legt dringend nahe, dieses Gebäude kulturell weiter zu nutzen und als Erin­ne­rungsort alte Bundes­re­pu­blik weiter mit Leben zu füllen.

Der einzig­ar­tige Bungalow, den die Münchner Archi­tekten Heinz Hilmer und Christoph Sattler enger Zusam­men­ar­beit mit Habermas planten, gäbe auch einen tollen Filmset ab.

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Wie der Kultur­wis­sen­schaftler Detlef Horster einmal schrieb, sprengte der gebürtige Düssel­dorfer Habermas, der zum zentralen Vertreter der zweiten Gene­ra­tion der Frank­furter Schule wurde, Barrieren »sowohl zwischen theo­re­ti­schen Tradi­tionen, wie der konti­nen­tal­eu­ropäi­schen und der ameri­ka­ni­schen, als auch zwischen verschie­denen einzelnen theo­re­ti­schen Diszi­plinen«. Damit ist auch das Programm von »Cinema Moralia«, das seit auch bald 20 Jahren hier regel­mäßig unre­gel­mäßig erscheint, ganz gut umschrieben: Es geht hier immer wieder darum, die (immer engeren) Grenzen von Kino und Film zu über­schreiten, die Schnitt­mengen mit anderen Künsten und kultu­rellen Phäno­menen heraus­zu­ar­beiten, wie zu poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Vorgängen.
Oder anders, mit André Bazin, gesagt: »Wer nur von Kino etwas versteht, versteht auch nichts vom Kino.«

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Wer immer noch nicht glaubt, wie weltfremd die ARD ist der sollte sich einmal mit den Vorstel­lungen der dortigen Verant­wort­li­chen befassen die in den letzten Wochen öffent­lich wurden. Unter dem Titel »Spotlight doku­men­tar­film« erklären dort ARD-Mitar­beiter in stam­melnden Texten: »Wie geschicht­liche Inhalte Sicht­bar­keit gewinnen, wissen die ARD-Verant­wort­li­chen auch besser. Die Unsitte beginnt bereits mit den Wort­bil­dungen und idio­ti­schen Angli­zismen etwa ›visual lead publi­shing‹ oder spotlight oder ›content strategy‹, die in jedem Fall keine Strategie ist.«

Mit dem öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk wird es zu Ende gehen wenn nicht bald jemand solche Prozesse oder auch das »Change Manage­ment« bei manchen Sendern, gemeint sind die Verant­wort­li­chen für Kürzungen für Zusam­men­le­gung und für Stel­len­abbau beendet.

Viele Worte und Seiten für nichts. Dazu nächste Woche eine Detail­ana­lyse.

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»Die Freiheit der Kunst gilt, unbedingt und fast ohne jede Einschrän­kung, auch für die miss­lun­genen, die bösen und die häss­li­chen Werke – aber ande­rer­seits macht von dieser Freiheit auch der Gebrauch, der beim Schreiben, beim Insze­nieren, beim Produ­zieren eines hoch­am­bi­tio­nierten und ohne Zweifel gut gemeinten Films irgend­wann ruft: Halt, stopp, aufhören, das geht so nicht!«
Claudius Seidl in der »SZ« (in Bezug auf Nürnberg).

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Jetzt kommt Nürnberg in die deutschen Kinos: ein span­nender Erin­ne­rungs­par­cours und Kinofilm über eine hoch­in­ter­es­sante Episode eines der wich­tigsten Gerichts­ver­fahren des 20. Jahr­hun­derts. Der Film lohnt unein­ge­schränkt, aber er ist nicht restlos geglückt.

Neben Seidls Film­kritik ist auch der Text von Andreas Kilb in der FAZ sehr lohnens­wert. Er benutzt die Film­kritik zu einer Reflexion über das Main­stream­kino: »Es ist das alte Dilemma des Main­stream­kinos, das große Rollen an große Stars vergibt, statt nach Gesich­tern zu suchen, die der Ruhm noch nicht beschriftet hat. 'He made us feel german again', sagt Crowe [gemeint ist Crowes Rolle Göring; RS] über Hitler, aber er könnte auch über sich selbst sprechen, denn er beschert uns das volle, falsche Göring-Gefühl. Das letzte Wort in 'Nürnberg' indessen hat der Psych­iater: 'Abra­ka­dabra'. Viel­leicht steckt darin ja das ganze Geheimnis dieses Films. Er wollte die Geschichte mit dem alten Zauber­spruch aus Hollywood beschwören. Aber sie kam nicht.«

Manche werfen dem Film auch vor, Doku­men­tar­auf­nahmen aus den NS-Vernich­tungs­la­gern nach ihrer »Befreiung« zu verwenden. Das klingt als wüsste sich der Regisseur nicht zu helfen und weiche der Darstel­lung der Shoah auf diese Weise aus. Das ist falsch.
Was diese Kritiker offenbar übersehen oder nicht wissen: Regisseur James Vander­bilt benutzt exakt jenes Film­ma­te­rial, das selbst im Haupt­kriegs­ver­bre­cher-Prozess den Ange­klagten vorge­führt wurde. Diese Vorfüh­rung war durch die Wirkung der Bilder einer der Wende­punkte des Prozesses. Die Wirk­lich­keit konnte ihnen schon damals nicht stand­halten. Genau diese Erfahrung repro­du­ziert jetzt der Film.
Einmal mehr eine Lektion über die Macht der Bilder.