Cinema Moralia – Folge 387
Kommunikatives Handeln mit den Mitteln der Kunst |
![]() |
|
| Nürnberg: Russell Crowe als Hermann Göring | ||
| (Foto: Weltkino) | ||
»Ganz platt gesagt: Alles, was nicht verboten ist, ist erst mal erlaubt.«
– Carsten Brosda, Hamburger Kultuesenator
Wunderbar freche Anmerkungen zum deutschen Film finden sich in Alexander Kluges Buch »Utopie: Film« von 1983. Man würde ein derartig antiautoritäres Herangehen an Kino, an Gesellschaft und an Politik auch unseren heutigen Verhältnissen wünschen, von der Filmkritik wie von manchen publizierenden Filmemachern:
»Der deutsche Film ist zu nett und zu tief. Es fehlen: schwarze Parodien auf die hermetische Melancholie, auf die protestantische Unerbittlichkeit der
relevanten Problemfilme. Auf die Wim-Thoelke und Robert-Lemke-Freundlichkeit.
Es fehlen: Herzkranke Polizeipräsidenten mit Söhnen in der Hausbesetzer-Szene, brotzeitfassende Landwirtschaftsminister auf der Alm, Handstand-geübte Grüne in Sondierungsgespräch mit SPD-Linken in Maßanzügen plus jeweilige Parteibasiskämpfe um Mandate und Rotationsprinzipien (Zentralismus und Fantasie) = Politik und Kitsch = die 14 schlaflosen Nächte der FDP-Frauen.
Es fehlen
Luftfahrtingenieurinnen in der Mittelstandsparteizentrale nach einem Hearing mit autonomen Feministinnen im Antragsclinch...«
+ + +
Frech war auch Natalie Baye , jene sehr besondere französische Schauspielerin, die viel zu früh gerade verstorben ist. 2006 habe ich sie hier für artechock interviewt. Im Gespräch spricht sie nicht zuletzt über ihre Zusammenarbeit mit Francois Truffaut: »Es gab nicht einen Film, bei dessen Dreh es nicht irgendeinen Moment gab, der mich an Truffaut erinnert hat.«
+ + +
Der Verfassungsschutz setzt seine gerade laufende Werbekampagne für linke Buchhandlungen fort. Wie die »Hamburger Morgenpost« und der NDR melden, soll die »Buchhandlung im Schanzenviertel« wegen »Bedenken« des Verfassungsschutzes keine Fördermittel mehr erhalten. Was damit genau gemeint ist, ist allerdings unklar, und lässt selbst Politiker verwirrt zurück. So etwa den Hamburger Kultursenator Carsten Brosda (SPD).
Brosda hat jetzt demonstrativ (?) die Buchhandlung besucht, die wie andere drei Buchhandlungen ins Visier von Kulturstaatsminister Weimer sowie des Verfassungsschutzes geraten ist. Der Senator kaufte dort ein und sagte gegenüber der »Zeit«: »Ich habe keine Angst vor linken Gedanken. ... Ich suche auch nach Büchern, die mich aufregen, nicht nur nach solchen, die mir recht geben. Weil es mich schlauer macht.« Außerdem kündigt Brosda an, dass die Hansestadt ab sofort mit 700.000 Euro pro Jahr unabhängige Verlage fördern wird.
Der »Buchhandlung im Schanzenviertel« dürfte jetzt erstmal voraussichtlich ein Umsatzplus blühen – alle drei vom Kulturstaatsminister markierten Buchhandlungen hatten in den letzten Wochen viele Neukunden, die aus Neugier und Solidarität bei ihnen erstmals vorbeischauten.
+ + +
»Ich wollte dann mal deutlich machen, dass Buchhandlungen geistige Tankstellen sind, und dass es dem einen oder anderen, der gerade Angst vor Buchhandlungen hat, auch guttun würde, sich mal dort auftanken zu lassen.«
Im Gegensatz zu Tankstellen gibt es hier aber keine gravierend steigenden Preise, sondern mit der verringerten Umsatzsteuer sogar so etwas wie einen dauerhaften Tankrabatt.
Es werde »schräg, wenn manche anfangen, vor kulturpolitischen Entscheidungen immer erst den Verfassungsschutz zu fragen. Das ist eine Vermengung unterschiedlicher Sphären.« Wenn der Verfassungsschutz Gefahren hart belegen könne, dann habe die wehrhafte Demokratie auch Instrumente, um dagegen vorzugehen und unsere Demokratie und ihre Freiheiten zu schützen.
»Aber im Vorfeld zu erklären: 'Wir haben nichts Justiziables, aber irgendwas ist komisch und deshalb darf nicht
mehr gefördert werden' – das ist ein Schritt, der wegführt von einer liberalen, offenen Gesellschaft.«
+ + +
Brosda erteilt auch allen anderen platten Indienstnahmen der Kultur eine Absage. Offenbar muss so etwas heute dazu gesagt werden: »Zu sagen: 'Macht etwas, was explizit für die Demokratie wirbt!', instrumentalisiert die Kunst und beschädigt die Freiheit, die vorgeblich verteidigt werden soll.«
Diese Bemerkung gilt explizit auch für Kino- und Filmförderung, für die die Bundeskulturpolitik entscheidend mitverantwortlich ist.
Brosda spreche mit Weimer, sagt er und erinnert daran er habe »eine solche Diskussion« auch schon mit Claudia Roth von den Grünen gehabt, »die zwar im Gestus anders, aber in der Sache auch der Meinung war, die Kultur müsse mithelfen, die Demokratie zu verteidigen. Ich habe da ein Störgefühl.«
+ + +
Ein spannender Text des Architekturhistorikers Stephan Trueby beschäftigt sich mit dem Privathaus des kürzlich verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas in Starnberg. Trueby arbeitet heraus, was dieses Gebäude am Starnberger See mit Habermas Theorien zu tun hat, dass es ein außergewöhnliches Stück Architekturmoderne und ein Stück Bau gewordene Philosophie ist. Kommunikatives Handeln mit den Mitteln der Architektur.
Es steht noch nicht unter Denkmalschutz – Truebys Würdigung legt dringend nahe, dieses Gebäude kulturell weiter zu nutzen und als Erinnerungsort alte Bundesrepublik weiter mit Leben zu füllen.
Der einzigartige Bungalow, den die Münchner Architekten Heinz Hilmer und Christoph Sattler enger Zusammenarbeit mit Habermas planten, gäbe auch einen tollen Filmset ab.
+ + +
Wie der Kulturwissenschaftler Detlef Horster einmal schrieb, sprengte der gebürtige Düsseldorfer Habermas, der zum zentralen Vertreter der zweiten Generation der Frankfurter Schule wurde, Barrieren »sowohl zwischen theoretischen Traditionen, wie der kontinentaleuropäischen und der amerikanischen, als auch zwischen verschiedenen einzelnen theoretischen Disziplinen«. Damit ist auch das Programm von »Cinema Moralia«, das seit auch bald 20 Jahren hier regelmäßig
unregelmäßig erscheint, ganz gut umschrieben: Es geht hier immer wieder darum, die (immer engeren) Grenzen von Kino und Film zu überschreiten, die Schnittmengen mit anderen Künsten und kulturellen Phänomenen herauszuarbeiten, wie zu politischen und gesellschaftlichen Vorgängen.
Oder anders, mit André Bazin, gesagt: »Wer nur von Kino etwas versteht, versteht auch nichts vom Kino.«
+ + +
Wer immer noch nicht glaubt, wie weltfremd die ARD ist der sollte sich einmal mit den Vorstellungen der dortigen Verantwortlichen befassen die in den letzten Wochen öffentlich wurden. Unter dem Titel »Spotlight dokumentarfilm« erklären dort ARD-Mitarbeiter in stammelnden Texten: »Wie geschichtliche Inhalte Sichtbarkeit gewinnen, wissen die ARD-Verantwortlichen auch besser. Die Unsitte beginnt bereits mit den Wortbildungen und idiotischen Anglizismen etwa ›visual lead publishing‹ oder spotlight oder ›content strategy‹, die in jedem Fall keine Strategie ist.«
Mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird es zu Ende gehen wenn nicht bald jemand solche Prozesse oder auch das »Change Management« bei manchen Sendern, gemeint sind die Verantwortlichen für Kürzungen für Zusammenlegung und für Stellenabbau beendet.
Viele Worte und Seiten für nichts. Dazu nächste Woche eine Detailanalyse.
+ + +
»Die Freiheit der Kunst gilt, unbedingt und fast ohne jede Einschränkung, auch für die misslungenen, die bösen und die hässlichen Werke – aber andererseits macht von dieser Freiheit auch der Gebrauch, der beim Schreiben, beim Inszenieren, beim Produzieren eines hochambitionierten und ohne Zweifel gut gemeinten Films irgendwann ruft: Halt, stopp, aufhören, das geht so nicht!«
Claudius Seidl in der »SZ« (in Bezug auf Nürnberg).
+ + +
Jetzt kommt Nürnberg in die deutschen Kinos: ein spannender Erinnerungsparcours und Kinofilm über eine hochinteressante Episode eines der wichtigsten Gerichtsverfahren des 20. Jahrhunderts. Der Film lohnt uneingeschränkt, aber er ist nicht restlos geglückt.
Neben Seidls Filmkritik ist auch der Text von Andreas Kilb in der FAZ sehr lohnenswert. Er benutzt die Filmkritik zu einer Reflexion über das Mainstreamkino: »Es ist das alte Dilemma des Mainstreamkinos, das große Rollen an große Stars vergibt, statt nach Gesichtern zu suchen, die der Ruhm noch nicht beschriftet hat. 'He made us feel german again', sagt Crowe [gemeint ist Crowes Rolle Göring; RS] über Hitler, aber er könnte auch über sich selbst sprechen, denn er beschert uns das volle, falsche Göring-Gefühl. Das letzte Wort in 'Nürnberg' indessen hat der Psychiater: 'Abrakadabra'. Vielleicht steckt darin ja das ganze Geheimnis dieses Films. Er wollte die Geschichte mit dem alten Zauberspruch aus Hollywood beschwören. Aber sie kam nicht.«
Manche werfen dem Film auch vor, Dokumentaraufnahmen aus den NS-Vernichtungslagern nach ihrer »Befreiung« zu verwenden. Das klingt als wüsste sich der Regisseur nicht zu helfen und weiche der Darstellung der Shoah auf diese Weise aus. Das ist falsch.
Was diese Kritiker offenbar übersehen oder nicht wissen: Regisseur James Vanderbilt benutzt exakt jenes Filmmaterial, das selbst im Hauptkriegsverbrecher-Prozess den Angeklagten vorgeführt wurde. Diese Vorführung war durch
die Wirkung der Bilder einer der Wendepunkte des Prozesses. Die Wirklichkeit konnte ihnen schon damals nicht standhalten. Genau diese Erfahrung reproduziert jetzt der Film.
Einmal mehr eine Lektion über die Macht der Bilder.