22.03.2026

Zwei Herzen schlugen, ach, in ihrer Brust

Marlies Kirchner
Aus Fotos wollte sie am liebsten verschwinden: Marlies Kirchner, 2017
(Foto: Bernd Brehmer)

Ein Nachruf auf Marlies Kirchner, die legendäre Betreiberin der Theatiner Filmkunst und Grande Dame des europäischen Kinos

Von Dunja Bialas

Hélas! à quel amour on veut que je renonce!
– Titus in Jean Racines »Bérenice«, Acte II (1670)

»Dunja, wir müssen was tun!« Mit diesen Worten scheuchte mich Marlies Kirchner im Pandemie-Jahr 2020 aus meiner Apathie. Die Älteste unter den Münchner Kino­be­treiber*innen wollte nicht hinnehmen, dass die Kinos geschlossen blieben. Sie wollte wieder öffnen und Filme zeigen. De facto initi­ierte sie mit ihrem Anruf die »Gemein­schaft der Münchner Kinos«, für die ich in den Folge­mo­naten viele offene Briefe in Richtung Baye­ri­sche Staats­kanzlei verfasste. Marlies Kirchner war hellwach, sie liebte ihr Kino, und das Kino ganz allgemein. Jetzt ist sie mit 96 Jahren im Kreise ihrer Familie verstorben.

Ein Leben mit dem Kino

So ganz genau aber kann man nicht wissen, wie alt Marlies Kirchner wirklich war. Sie hat ihr Alter immer geheim gehalten, und sie wollte auch nicht, dass man darüber sprach. Aufge­wachsen war sie in Bochum. In Montreux studierte sie an einer Spra­chen­schule und kam 1953 als Fremd­spra­chen­kor­re­spon­dentin zum Göttinger Verleih »Neue Filmkunst« von Walter Kirchner. Mit ihrem späteren Mann und mit ihrem Bruder, dem Göttinger Filmclub-Betreiber und Produ­zenten Ernst Liesen­hoff, begann für Marlies Liesen­hoff das Leben mit dem Kino auf den Film­fest­spielen von Cannes, wo sie die Verhand­lungen um Film­rechte führte. 1957 übernahm dann das Ehepaar Walter und Marlies Kirchner das Münchner Kino in der Thea­ti­ner­pas­sage, das damals erst ein Jahr exis­tierte und Film-Cabinett hieß. Kurz darauf wurde Marlies Kirchner Thea­ter­lei­terin der »Theatiner Filmkunst«, wie das Kino jetzt in Anspie­lung auf Kirchners Verleih hieß.

Als Marlies Kirchner 1976 als Kino­be­trei­berin übernahm, führte sie die Linie der Neuen Filmkunst fort und zeigte überaus erfolg­reich zeit­genös­si­sches Weltkino mit einem roma­nis­ti­schen Schwer­punkt. Unter­ti­telte 35mm-Origi­nal­fas­sungen wurden oft nur für das Theatiner gezogen, das seine Pionier­stel­lung als Fremd­spra­chen­kino unter­mau­erte. Die Zeiten aber änderten sich, und mit dem digitalen Zeitalter zeigten auch immer mehr Kollegen fremd­spra­chige Filme.

Liebe und Pflicht

Marlies Kirchners Sorge galt neben ihrem Kino, das sie in der auch etwas schwie­rigen exqui­siten Lage am Odeons­platz am Laufen halten musste, auch ganz allgemein dem Kino und der Qualität der Filmkunst, die bald »Arthouse« hieß. Den erfolg­rei­chen fran­zö­si­schen Komödien der 2010er-Jahre, die für eine gute Bilanz an der Kinokasse wichtig waren, begegnete sie mit großer Ambi­va­lenz. Das war nicht das von ihr gemeinte fran­zö­si­sche Kino, für das sie jeden Tag aufsperren wollte. Andere, anspruchs­vol­lere Filme fand sie aber oft ebenso zwie­spältig – weil der Besuch einbre­chen konnte. Zwei Herzen schlugen da in ihrer Brust. Wie in den klas­si­schen Tragödien von Corneille und Racine lebte die cinephile Kino­be­trei­berin mit dem unauf­lös­baren Dilemma, zwischen Liebe und Pflicht gefangen zu sein.

Diese Last trug sie, und sie gab weder der einen noch der anderen Seite allzu sehr nach. Das machte sie auch heroisch. 2022 schlug sie die fran­zö­si­sche Gene­ral­kon­sulin zum »Officier dans l’ordre des Arts et Lettes«. 2016 erhielt sie außerdem die Berlinale-Kamera, einen der höchsten Ehren­preise der Berlinale, 2017 die Medaille »München leuchtet«. 2018 wurde die Theatiner Filmkunst mit dem Europa Cinemas Award ausge­zeichnet, der höchsten Auszeich­nung für ein europäi­sches Kinos.

Verschwun­dene Jahre

Seit den Corona-Jahren aber war sie eine Verschwun­dene. Weil sie ihr Kino nicht mehr öffnen konnte, war ihr eine Routine abhanden gekommen, die sie im Leben gehalten hatte. Jeden Tag war sie mit Tram und U-Bahn vom südlichen Stadtrand zum Odeons­platz gekommen, sperrte in der eleganten Theatiner-Passage das Kino auf, kümmerte sich um den Ticket­ver­kauf und spen­dierte den Stamm­gästen eine Tasse frisch aufge­brühten Kaffee. Marlies Kirchner hatte verstanden, dass das Kino immer auch als ein sozialer Ort zu begreifen sei. Als ein Ort, in dem Menschen zusam­men­finden, die Filme lieben. Sie machte auch den Einzel­gän­gern, Verein­zelten, viel­leicht auch Verschro­benen und Verlo­renen die Tür auf. Obwohl sie vornehme Distanz hielt, entging ihr nicht, welche soziale Funk­tionen ein Kino haben kann.

Die Pandemie verbannte sie in die Häus­lich­keit, die ihr zuvor fremd gewesen war. Nur einmal noch habe ich sie nach dem Corona-Shutdown gesehen. Die sonst behende die Frei­treppe in ihrem Kino rauf- und runter­ge­klommen war, tat sich plötzlich schwer. Bewahrt aber hatte sie sich jedoch eine Eigen­schaft, die ihr nichts nehmen konnte, selbst nicht ihr hohes Alter: Sie hatte etwas Mädchen­haftes an sich. Einen Blick mit hell­wa­chen, funkelnden Augen. Der leichte Schalk, der sich in ihren Gesichts­zügen spiegelte. Ihr Infor­miert­sein, ihre Meinungs­stärke beein­druckten. Ihr Lachen, auch wenn sie etwas ablehnte. Die Frische, Leben­dig­keit, ihr Humor fielen in jeder Begegnung mit ihr auf. Auch wenn ich sie oft und in vielen Texten eine »Grande Dame des Kinos« genannt habe, war sie doch viel mehr eine junge, mit Wachheit auf das Kino blickende Frau – egal wie alt sie war.

Sie selbst hielt immer zu den Frauen und bot einem mit über Neunzig das Du an. Eine wunder­bare Geste, die eine seltene Augenhöhe, Akzeptanz und Soli­da­rität schuf. Ihre Soli­da­rität galt auch der Münchner Kino­ge­mein­schaft, und sie galt dem guten europäi­schen Film, den sie fast siebzig Jahre lang ins Kino in der Thea­ti­ner­pas­sage gebracht hatte.

Der Abschied von der Theatiner Filmkunst fiel Marlies Kirchner nicht leicht. So wie sie in der Pandemie darauf drängte, wieder öffnen zu können, so hielt sie auch bis ins hohe Alter als Betrei­berin am Kino fest. Erst im Januar 2024 übergab sie es in neue Hände. Claire Schleeger und Bastian Hauser, die neuen Betreiber des Theatiner, waren lang­jäh­rige Mitwir­kende in ihrem Haus, in sie hat sie das Vertrauen gelegt, das Kino in seiner cine­philen und europäi­schen Tradition weiter­zu­führen. So sehr sie an ihrem Kino festhielt, so sehr hat sie es auch immer durch­lässig gehalten, ließ ihre Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­beiter immer wieder das Programm gestalten, wie bei den Film­kunst­wo­chen oder beim Jubiläums­pro­gramm zu 60 Jahren Theatiner. Als die Digi­ta­li­sie­rung kam, behielt sie auf Wunsch ihrer Mitar­beiter einen 35mm-Projektor. So hielt sie das Kino auch in einer analogen Nostalgie lebendig, die der neuen Cineasten-Gene­ra­tion wichtig ist.

Der Abschied von Marlies Kirchner fällt uns schwer. So schwer, wie Marlies Kirchner der Abschied vom Kino.