Zwei Herzen schlugen, ach, in ihrer Brust |
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| Aus Fotos wollte sie am liebsten verschwinden: Marlies Kirchner, 2017 | ||
| (Foto: Bernd Brehmer) | ||
Von Dunja Bialas
Hélas! à quel amour on veut que je renonce!
– Titus in Jean Racines »Bérenice«, Acte II (1670)
»Dunja, wir müssen was tun!« Mit diesen Worten scheuchte mich Marlies Kirchner im Pandemie-Jahr 2020 aus meiner Apathie. Die Älteste unter den Münchner Kinobetreiber*innen wollte nicht hinnehmen, dass die Kinos geschlossen blieben. Sie wollte wieder öffnen und Filme zeigen. De facto initiierte sie mit ihrem Anruf die »Gemeinschaft der Münchner Kinos«, für die ich in den Folgemonaten viele offene Briefe in Richtung Bayerische Staatskanzlei verfasste. Marlies Kirchner war hellwach, sie liebte ihr Kino, und das Kino ganz allgemein. Jetzt ist sie mit 96 Jahren im Kreise ihrer Familie verstorben.
So ganz genau aber kann man nicht wissen, wie alt Marlies Kirchner wirklich war. Sie hat ihr Alter immer geheim gehalten, und sie wollte auch nicht, dass man darüber sprach. Aufgewachsen war sie in Bochum. In Montreux studierte sie an einer Sprachenschule und kam 1953 als Fremdsprachenkorrespondentin zum Göttinger Verleih »Neue Filmkunst« von Walter Kirchner. Mit ihrem späteren Mann und mit ihrem Bruder, dem Göttinger Filmclub-Betreiber und Produzenten Ernst Liesenhoff, begann für Marlies Liesenhoff das Leben mit dem Kino auf den Filmfestspielen von Cannes, wo sie die Verhandlungen um Filmrechte führte. 1957 übernahm dann das Ehepaar Walter und Marlies Kirchner das Münchner Kino in der Theatinerpassage, das damals erst ein Jahr existierte und Film-Cabinett hieß. Kurz darauf wurde Marlies Kirchner Theaterleiterin der »Theatiner Filmkunst«, wie das Kino jetzt in Anspielung auf Kirchners Verleih hieß.
Als Marlies Kirchner 1976 als Kinobetreiberin übernahm, führte sie die Linie der Neuen Filmkunst fort und zeigte überaus erfolgreich zeitgenössisches Weltkino mit einem romanistischen Schwerpunkt. Untertitelte 35mm-Originalfassungen wurden oft nur für das Theatiner gezogen, das seine Pionierstellung als Fremdsprachenkino untermauerte. Die Zeiten aber änderten sich, und mit dem digitalen Zeitalter zeigten auch immer mehr Kollegen fremdsprachige Filme.
Marlies Kirchners Sorge galt neben ihrem Kino, das sie in der auch etwas schwierigen exquisiten Lage am Odeonsplatz am Laufen halten musste, auch ganz allgemein dem Kino und der Qualität der Filmkunst, die bald »Arthouse« hieß. Den erfolgreichen französischen Komödien der 2010er-Jahre, die für eine gute Bilanz an der Kinokasse wichtig waren, begegnete sie mit großer Ambivalenz. Das war nicht das von ihr gemeinte französische Kino, für das sie jeden Tag aufsperren wollte. Andere, anspruchsvollere Filme fand sie aber oft ebenso zwiespältig – weil der Besuch einbrechen konnte. Zwei Herzen schlugen da in ihrer Brust. Wie in den klassischen Tragödien von Corneille und Racine lebte die cinephile Kinobetreiberin mit dem unauflösbaren Dilemma, zwischen Liebe und Pflicht gefangen zu sein.
Diese Last trug sie, und sie gab weder der einen noch der anderen Seite allzu sehr nach. Das machte sie auch heroisch. 2022 schlug sie die französische Generalkonsulin zum »Officier dans l’ordre des Arts et Lettes«. 2016 erhielt sie außerdem die Berlinale-Kamera, einen der höchsten Ehrenpreise der Berlinale, 2017 die Medaille »München leuchtet«. 2018 wurde die Theatiner Filmkunst mit dem Europa Cinemas Award ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung für ein europäisches Kinos.
Seit den Corona-Jahren aber war sie eine Verschwundene. Weil sie ihr Kino nicht mehr öffnen konnte, war ihr eine Routine abhanden gekommen, die sie im Leben gehalten hatte. Jeden Tag war sie mit Tram und U-Bahn vom südlichen Stadtrand zum Odeonsplatz gekommen, sperrte in der eleganten Theatiner-Passage das Kino auf, kümmerte sich um den Ticketverkauf und spendierte den Stammgästen eine Tasse frisch aufgebrühten Kaffee. Marlies Kirchner hatte verstanden, dass das Kino immer auch als ein sozialer Ort zu begreifen sei. Als ein Ort, in dem Menschen zusammenfinden, die Filme lieben. Sie machte auch den Einzelgängern, Vereinzelten, vielleicht auch Verschrobenen und Verlorenen die Tür auf. Obwohl sie vornehme Distanz hielt, entging ihr nicht, welche soziale Funktionen ein Kino haben kann.
Die Pandemie verbannte sie in die Häuslichkeit, die ihr zuvor fremd gewesen war. Nur einmal noch habe ich sie nach dem Corona-Shutdown gesehen. Die sonst behende die Freitreppe in ihrem Kino rauf- und runtergeklommen war, tat sich plötzlich schwer. Bewahrt aber hatte sie sich jedoch eine Eigenschaft, die ihr nichts nehmen konnte, selbst nicht ihr hohes Alter: Sie hatte etwas Mädchenhaftes an sich. Einen Blick mit hellwachen, funkelnden Augen. Der leichte Schalk, der sich in ihren Gesichtszügen spiegelte. Ihr Informiertsein, ihre Meinungsstärke beeindruckten. Ihr Lachen, auch wenn sie etwas ablehnte. Die Frische, Lebendigkeit, ihr Humor fielen in jeder Begegnung mit ihr auf. Auch wenn ich sie oft und in vielen Texten eine »Grande Dame des Kinos« genannt habe, war sie doch viel mehr eine junge, mit Wachheit auf das Kino blickende Frau – egal wie alt sie war.
Sie selbst hielt immer zu den Frauen und bot einem mit über Neunzig das Du an. Eine wunderbare Geste, die eine seltene Augenhöhe, Akzeptanz und Solidarität schuf. Ihre Solidarität galt auch der Münchner Kinogemeinschaft, und sie galt dem guten europäischen Film, den sie fast siebzig Jahre lang ins Kino in der Theatinerpassage gebracht hatte.
Der Abschied von der Theatiner Filmkunst fiel Marlies Kirchner nicht leicht. So wie sie in der Pandemie darauf drängte, wieder öffnen zu können, so hielt sie auch bis ins hohe Alter als Betreiberin am Kino fest. Erst im Januar 2024 übergab sie es in neue Hände. Claire Schleeger und Bastian Hauser, die neuen Betreiber des Theatiner, waren langjährige Mitwirkende in ihrem Haus, in sie hat sie das Vertrauen gelegt, das Kino in seiner cinephilen und europäischen Tradition weiterzuführen. So sehr sie an ihrem Kino festhielt, so sehr hat sie es auch immer durchlässig gehalten, ließ ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer wieder das Programm gestalten, wie bei den Filmkunstwochen oder beim Jubiläumsprogramm zu 60 Jahren Theatiner. Als die Digitalisierung kam, behielt sie auf Wunsch ihrer Mitarbeiter einen 35mm-Projektor. So hielt sie das Kino auch in einer analogen Nostalgie lebendig, die der neuen Cineasten-Generation wichtig ist.
Der Abschied von Marlies Kirchner fällt uns schwer. So schwer, wie Marlies Kirchner der Abschied vom Kino.