Der Erfinder des Podcasts |
![]() |
|
| Artisten in der Zirkuskuppel der KI: ratlos. Primitive Diversity blieb der letzte Langfilm von Alexander Kluge | ||
| (Foto: Rapid Eye Movies) | ||
»Ich glaube, die schärfste Ideologie ist diejenige, die Realität für real hält.«
– Alexander Kluge»Im Zweifel für die Zwitterwesen/ Aus weit entfernten Sphären/«
Im Zweifel fürs Erzittern/ Beim Anblick der Chimären/
– Tocotronic: »Im Zweifel für den Zweifel«
Den Text von Tocotronic dürfte Alexander Kluge nicht in jeder Zeile unterschrieben haben, dass er andere Zeilen – »Verzärtelung, innere Zerknirschung, Im Zweifel fürs Zusammenklappen/ Vor gesamtem Saal ... Im Zweifel für Ziellosigkeit« – mit Sympathie begleitete, dass er die Musik und die Haltung der Hamburger Band liebte, dessen kann man sich sicher sein.
Im Jahr 2019 sang Dirk von Lowtzow dieses Lied in einer Sologitarrenversion, bei der großen, von Kluge inspirierten und moderierten Veranstaltung im Berliner HKW über die digitale Welt unter dem Titel »Von Zett bis Omega«, die man relativ komplett auf Video nachvollziehen kann.
Bei der trat auch die Schauspielerin Lilith Stangenberg auf. Stangenberg hat jetzt für Kluge das unternommen, was er für seinen zwölf Tage vor ihm verstorbenen Freund, den Philosophen Jürgen Habermas, gemacht hatte: Nämlich gleich zwei Nachrufe
geschrieben: In der FAZ und jetzt in der »Zeit«.
+ + +
»Wir begannen unmittelbar zu drehen«, erzählt Stangenberg in der FAZ von ihrer ersten Begegnung, »die nächsten zehn Stunden drehten wir in einem ununterbrochenen Taumel auf die ihm eigene Art, die keine 'Fehler' zu kennen schien, die sowohl intellektuell als auch darstellerisch keine Grenzen steckte, sondern mich wie eine Seiltänzerin in unvereinbare Höhen schickte, fast so, als hoffe er auf den Charme der Unvollkommenheit, auf den Sturz ins Leben.
Bis dahin dachte ich,
ich sei von preußischer Natur und Disziplin, wurde aber angesichts von Alexanders Jugend und Durchhaltevermögen eines Besseren belehrt. Erstaunlicherweise hatte die Arbeit mit ihm, trotz aller philosophischen Kaskaden, nie etwas Verkopftes, sondern war vor allem eines: verspielt! Jeder Filmemacher in Deutschland kann von Alexander etwas lernen in puncto: Freiheit! Mut! Respektlosigkeit!«
+ + +
Alexander Kluge war vieles, aber mehr als alles andere war er ein äußerst wohlwollender, positiver Mensch.
Einer, der es nicht nötig hatte, sich dadurch selbst zu erheben, dass er andere niedermacht, den ich nie polemisch erlebt habe, der sich allenfalls mal sanft ironisch über Dritte äußerte, der lieber produktiv und konstruktiv dachte, als destruktiv. Und solidarisch: »Wir müssen Geleitzüge bilden, Herr Suchsland.«
+ + +
Kluge war der gegenwärtigste Mensch, den ich kannte: neugierig und hellwach, charmant und jung. »Ich habe ein anderes Alter, wenn ich einkaufen gehe und wenn ich Filme mache«, sagte er einmal treffend.
Immer forderte Alexander Kluge das Beste im Menschen heraus.
Für mich war die Begegnung mit Kluges Texten, Fernsehsendungen und dann auch Filmen in den späten 1980er Jahren eine prägende Erfahrung. Es war wichtig, dass Kluge lebte. Dass er produktiv blieb. Dass es immer noch mehr von Kluge zu sehen und zu hören und zu lesen gab.
Kluge war immer ein Trost, eine große Anregung, aber auch immer ein Rätsel. Dass er das war, tröstete auch.
+ + +
Er war eine Ausnahmeerscheinung im Kino und im Fernsehen, in der Medienpolitik und in der Theorie, in der Literatur. Ein eigensinniger Stichwortgeber und gewinnender Anreger. In kein Raster zu fassen, ein flirrender Luftgeist, der sich immer wieder allen Vereinnahmungen entzog. Ein Patriot nur der Kunst, der Kultur und der Abwehr historischer Verdrängungen; ein verdeckter Ermittler im Aufklärungsdienst der Gegenwart.
Adorno-Schüler, Fritz-Lang-Assistent, einer der auch
in Preisen international erfolgreichsten deutschen Filmkünstler. Studierter und praktizierender Jurist und cleverer Medienpolitiker, überhaupt ein Praktiker, zugleich skurriler, eigensinniger Flügelspieler unter den deutschen Intellektuellen und doch zugleich einer der bedeutendsten öffentlichen Intellektuellen und Stichwortgeber der Gegenwart, wie es ansonsten nur Jürgen Habermas gewesen ist.
Es ist alles andere als zufällig, dass sowohl Kluge wie Habermas beide mit München und Frankfurt verbunden sind, nicht aber mit Berlin. Das Beobachten aus der Peripherie, der urbanen kosmopolitischen Halbdistanz wird in ihrem Werk zur Tugend; Alexander Kluges immer fragmentarische Vorgehensweise, die an Walter Benjamins ebenfalls notwendig fragmentarisches »Passagenwerk« erinnert – auch Kluge lehnt die lineare Erzählweise des 19. Jahrhunderts ab: Geschichte ist Montage aus verborgenen Schichten, Abgründen, Katakomben –, und in der das filmische Prinzip der Montage zur universalen Methode erhoben wird, »denn die Welt lässt sich nicht anders denn als zerstückelte in ihrem Zusammenhang zeigen« (Habermas), hält den Blick in Bewegung, erlaubt schnelle Perspektivwechsel und erzwingt Aufmerksamkeit.
Ähnlich wie im Fall des 12 Tage vor ihm verstorbenen Jürgen Habermas ist es nicht möglich, die Dimension dieses universalen Werkes, das im Fall von Kluge auch literarische Arbeiten, Filme, Fernsehen, Interviews umfasst, in einem einzigen Text auch nur ansatzweise auszuloten. Wir müssen es deswegen bei Andeutungen und Hinweisen belassen und uns auf ein paar Schwerpunkte konzentrieren.
+ + +
Erstens: In einer Radiodiskussion, dem SWR-Forum, das sich noch am Tag seines Todes mit Kluge befasste, saß ich mit der Hamburger Literaturkritikerin Iris Radisch und dem Kölner Hörspiel-Autor und Ex-Kluge-Mitarbeiter Andreas Ammer zusammen. Radisch sagte viel Interessantes und sprach grundsätzlich wohlwollend über Kluge, nur mit seinen Fernsehsendungen konnte sie offenkundig wenig anfangen: »fast Störfunk..., Anti-Fernsehen..., Zumutung..., Gestus des Lehrstückhaften..., wie sowjetische Wochenschauen geschnitten...«
Mir ging es umgekehrt: Im Privatfernsehen kam Kluge zu sich selbst. Und wenn man diese tausenden von Gesprächen mit Künstlern, Intellektuellen, Wissenschaftlern, wenigen Politikern, dazu aber auch Fake-Interviews mit erfundenen oder gespielten historischen und fiktiven Figuren, die dann von Helge Schneider, Hannelore Hoger und vor allem Peter Berling verkörpert wurden, wenn man diese sah und wiedersieht, dann waren sie seit 1987 Podcasts avant la lettre: Lange, und vor
allem offene Gespräche auf Augenhöhe, spielerisch, nicht formatiert oder normiert wie Talk-Shows oder die üblichen Fernsehinterviews.
Kluge ist mit ihnen kein Geringerer als der Erfinder des Podcasts.
+ + +
Zweitens: Mit diesen Formaten ist Kluge auch der Erfinder eines anderen Kinos, ein Erweiterer des Kinos.
Kluges größtes Vorbild, der Regisseur, den er am meisten schätzte, war Jean-Luc Godard.
Von ihm wie von Eisenstein hatte er gelernt, dass die Montage als die Kunst der Verbindung, Verknüpfung, Gegenüberstellung, Entfaltung, des In-Beziehung-Setzens das wichtigste Prinzip des Filmemachens ist, das offene Experimentieren das zweitwichtigste.
Und dass dem Kino alles
erlaubt ist. Alexander Kluge war der Letzte, der noch wusste, wie man alles in einem Film unterbringen kann, und auch fand, dass man das tun sollte.
Die Welt war für Kluge, den phantasievollen Progressiven selbst eine Art Kino. Eine Traumfabrik, in der die Gegenwart mit den übrigen Zeiten kommuniziert.
Die Referenzepoche waren dabei für ihn die Avantgarden der 20er-Jahre, neben Lang und Pabst, weniger Murnau und Dreyer und dem frühen Hollywood, vor allem die sowjetischen Kinogenies Eisenstein und Vertov, deren primäre Kunst auch die Montage war. Eisensteins Idee, das »Kapital« von Marx zu verfilmen, setzte er vor 15 Jahren in typischer Kluge-Manier um: Als Farce, als Kommentar, der sich um die großen Werke der Sowjets rankte. Nur das Kino, wusste er, ist komplex genug, um die Gegenwart in ihrer Vielfalt darzustellen und über sie hinaus zu denken.
+ + +
Drittens: Man hat mich darauf hingewiesen, dass Kluge politisch ein »libertärer Sozialist« gewesen sei. Das finde ich zwar recht treffend, würde aber doch vermuten, dass er diese Ansicht freundlich zurückgewiesen hätte. Wichtig ist natürlich, dass Kluge materialistisch gedacht hat.
Seine Haltung den Verhältnissen gegenüber war wohl die eines Partisans, oder wie er sich gelegentlich nannte, eines »Maulwurfs«. Er wollte nicht öffentlich das Bestehende anklagen und fand sture
Verhinderung und stumpfe Ablehnung blöde; praktizierte eher Tai-Chi: »Nutze die Kraft des Gegners.«
Also: Wenn das Privatfernsehen kommt, sollte man nicht darüber jammern oder schimpfen, sondern sich ein Stück daraus sichern, es mit einem Trojanischen Pferd infiltrieren.
Wenn das deutsche Kino schlecht ist, muss man selbst bessere und vor allem andere Filme machen.
+ + +
Viertens: Mithilfe der Techniken »Künstlicher Intelligenz« erfand sich der Filmemacher Kluge, der seinen letzten Kinofilm Mitte der 80er Jahre gedreht und sich danach von der großen Leinwand verabschiedet hatte, auch als Filmregisseur und Bildkünstler in den letzten Jahren noch einmal ganz neu. Er hatte sich die hypermoderne Technik im Nu angeeignet, liebte daran vor allem ihre kreativen Potentiale, die Tatsache, dass KI »halluzinierte«, und »promptete« darum auch mal an
einem Tag drei Kurzfilme, die er dann auch theoretisch mit den »Minutenfilmen« aus der Anfangszeit des Mediums in Verbindung brachte. So geschehen für eine gemeinsame Veranstaltung beim Frankfurter Kongress »Zukunft deutscher Film« vor zwei Jahren.
Beim bedeutenden Festival von Rotterdam lief 2024 sein letzter 90-minütiger Kinofilm Primitive Diversity,
komplett KI-generiert.
+ + +
Fünftens: Kritische Theorie war alles das, aber ihre Fortsetzung mit Mitteln der Bildkulturen und der Erzählung; also eigentlich weniger Theorie als Handlung.
Für Kluge liegt der Kern von Kunst und Denken im »Anti-Realismus der Gefühle«: Gefühle sind zu reich und komplex, als dass der Verstand sie vollständig begreifen könnte. Alle Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang.
Darum sucht und findet er Spielräume, Lücken, Auswege.
+ + +
Diesen Tag, den Tag von der Nachricht seines Todes und die Tage seitdem konnte ich mir nie vorstellen. Ich kann es auch jetzt nicht.
Alexander Kluge lebt weiter, ist mir fast präsenter in den Stunden von Sendungen, die ich jetzt sehe, Hörstücken, die ich jetzt höre, seiner Stimme, die Ja sagt und nicht Nein.
Er blickte immer nach vorn, auf die Möglichkeiten und versteckten Potentiale, die in der Gegenwart und unmittelbaren Zukunft lagen. Einer seiner Hausgötter war Robert Musil,
der Schriftsteller des »Möglichkeitssinns«. Keine zwei Wochen nach seinem Freund Jürgen Habermas, dem er in der FAZ einen kurzen, sehr schönen und sehr traurigen Nachruf schrieb, in dem er dann natürlich skizzierte, wie eine konstruktive, handelnde Reaktion der Lebenden darauf sein müsste, ist Alexander Kluge jetzt selber gestorben. Ohne ihn ist nicht nur die Filmwelt um vieles ärmer.