02.04.2026

Der Erfinder des Podcasts

Primitive Diversity
Artisten in der Zirkuskuppel der KI: ratlos. Primitive Diversity blieb der letzte Langfilm von Alexander Kluge
(Foto: Rapid Eye Movies)

Jeder Filmemacher in Deutschland kann von Alexander Kluge etwas lernen: Nachruf auf einen Universalkünstler und romantischen Realisten

Von Rüdiger Suchsland

»Ich glaube, die schärfste Ideologie ist diejenige, die Realität für real hält.«
– Alexander Kluge

»Im Zweifel für die Zwit­ter­wesen/ Aus weit entfernten Sphären/«
Im Zweifel fürs Erzittern/ Beim Anblick der Chimären/
– Toco­tronic: »Im Zweifel für den Zweifel«

Den Text von Toco­tronic dürfte Alexander Kluge nicht in jeder Zeile unter­schrieben haben, dass er andere Zeilen – »Verzär­te­lung, innere Zerknir­schung, Im Zweifel fürs Zusam­men­klappen/ Vor gesamtem Saal ... Im Zweifel für Ziel­lo­sig­keit« – mit Sympathie beglei­tete, dass er die Musik und die Haltung der Hamburger Band liebte, dessen kann man sich sicher sein.
Im Jahr 2019 sang Dirk von Lowtzow dieses Lied in einer Solo­gi­tar­ren­ver­sion, bei der großen, von Kluge inspi­rierten und mode­rierten Veran­stal­tung im Berliner HKW über die digitale Welt unter dem Titel »Von Zett bis Omega«, die man relativ komplett auf Video nach­voll­ziehen kann.
Bei der trat auch die Schau­spie­lerin Lilith Stan­gen­berg auf. Stan­gen­berg hat jetzt für Kluge das unter­nommen, was er für seinen zwölf Tage vor ihm verstor­benen Freund, den Philo­so­phen Jürgen Habermas, gemacht hatte: Nämlich gleich zwei Nachrufe geschrieben: In der FAZ und jetzt in der »Zeit«.

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»Wir begannen unmit­telbar zu drehen«, erzählt Stan­gen­berg in der FAZ von ihrer ersten Begegnung, »die nächsten zehn Stunden drehten wir in einem unun­ter­bro­chenen Taumel auf die ihm eigene Art, die keine 'Fehler' zu kennen schien, die sowohl intel­lek­tuell als auch darstel­le­risch keine Grenzen steckte, sondern mich wie eine Seil­tän­zerin in unver­ein­bare Höhen schickte, fast so, als hoffe er auf den Charme der Unvoll­kom­men­heit, auf den Sturz ins Leben.
Bis dahin dachte ich, ich sei von preußi­scher Natur und Disziplin, wurde aber ange­sichts von Alex­an­ders Jugend und Durch­hal­te­ver­mögen eines Besseren belehrt. Erstaun­li­cher­weise hatte die Arbeit mit ihm, trotz aller philo­so­phi­schen Kaskaden, nie etwas Verkopftes, sondern war vor allem eines: verspielt! Jeder Filme­ma­cher in Deutsch­land kann von Alexander etwas lernen in puncto: Freiheit! Mut! Respekt­lo­sig­keit!«

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Alexander Kluge war vieles, aber mehr als alles andere war er ein äußerst wohl­wol­lender, positiver Mensch.
Einer, der es nicht nötig hatte, sich dadurch selbst zu erheben, dass er andere nieder­macht, den ich nie polemisch erlebt habe, der sich allen­falls mal sanft ironisch über Dritte äußerte, der lieber produktiv und konstruktiv dachte, als destruktiv. Und soli­da­risch: »Wir müssen Geleit­züge bilden, Herr Suchsland.«

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Kluge war der gegen­wär­tigste Mensch, den ich kannte: neugierig und hellwach, charmant und jung. »Ich habe ein anderes Alter, wenn ich einkaufen gehe und wenn ich Filme mache«, sagte er einmal treffend.

Immer forderte Alexander Kluge das Beste im Menschen heraus.

Für mich war die Begegnung mit Kluges Texten, Fern­seh­sen­dungen und dann auch Filmen in den späten 1980er Jahren eine prägende Erfahrung. Es war wichtig, dass Kluge lebte. Dass er produktiv blieb. Dass es immer noch mehr von Kluge zu sehen und zu hören und zu lesen gab.
Kluge war immer ein Trost, eine große Anregung, aber auch immer ein Rätsel. Dass er das war, tröstete auch.

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Er war eine Ausnah­me­erschei­nung im Kino und im Fernsehen, in der Medi­en­po­litik und in der Theorie, in der Literatur. Ein eigen­sin­niger Stich­wort­geber und gewin­nender Anreger. In kein Raster zu fassen, ein flir­render Luftgeist, der sich immer wieder allen Verein­nah­mungen entzog. Ein Patriot nur der Kunst, der Kultur und der Abwehr histo­ri­scher Verdrän­gungen; ein verdeckter Ermittler im Aufklärungs­dienst der Gegenwart.
Adorno-Schüler, Fritz-Lang-Assistent, einer der auch in Preisen inter­na­tional erfolg­reichsten deutschen Film­künstler. Studierter und prak­ti­zie­render Jurist und cleverer Medi­en­po­li­tiker, überhaupt ein Praktiker, zugleich skurriler, eigen­sin­niger Flügel­spieler unter den deutschen Intel­lek­tu­ellen und doch zugleich einer der bedeu­tendsten öffent­li­chen Intel­lek­tu­ellen und Stich­wort­geber der Gegenwart, wie es ansonsten nur Jürgen Habermas gewesen ist.

Es ist alles andere als zufällig, dass sowohl Kluge wie Habermas beide mit München und Frankfurt verbunden sind, nicht aber mit Berlin. Das Beob­achten aus der Peri­pherie, der urbanen kosmo­po­li­ti­schen Halb­di­stanz wird in ihrem Werk zur Tugend; Alexander Kluges immer frag­men­ta­ri­sche Vorge­hens­weise, die an Walter Benjamins ebenfalls notwendig frag­men­ta­ri­sches »Passa­gen­werk« erinnert – auch Kluge lehnt die lineare Erzähl­weise des 19. Jahr­hun­derts ab: Geschichte ist Montage aus verbor­genen Schichten, Abgründen, Kata­komben –, und in der das filmische Prinzip der Montage zur univer­salen Methode erhoben wird, »denn die Welt lässt sich nicht anders denn als zerstü­ckelte in ihrem Zusam­men­hang zeigen« (Habermas), hält den Blick in Bewegung, erlaubt schnelle Perspek­tiv­wechsel und erzwingt Aufmerk­sam­keit.

Ähnlich wie im Fall des 12 Tage vor ihm verstor­benen Jürgen Habermas ist es nicht möglich, die Dimension dieses univer­salen Werkes, das im Fall von Kluge auch lite­ra­ri­sche Arbeiten, Filme, Fernsehen, Inter­views umfasst, in einem einzigen Text auch nur ansatz­weise auszu­loten. Wir müssen es deswegen bei Andeu­tungen und Hinweisen belassen und uns auf ein paar Schwer­punkte konzen­trieren.

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Erstens: In einer Radio­dis­kus­sion, dem SWR-Forum, das sich noch am Tag seines Todes mit Kluge befasste, saß ich mit der Hamburger Lite­ra­tur­kri­ti­kerin Iris Radisch und dem Kölner Hörspiel-Autor und Ex-Kluge-Mitar­beiter Andreas Ammer zusammen. Radisch sagte viel Inter­es­santes und sprach grund­sätz­lich wohl­wol­lend über Kluge, nur mit seinen Fern­seh­sen­dungen konnte sie offen­kundig wenig anfangen: »fast Störfunk..., Anti-Fernsehen..., Zumutung..., Gestus des Lehr­s­tück­haften..., wie sowje­ti­sche Wochen­schauen geschnitten...«

Mir ging es umgekehrt: Im Privat­fern­sehen kam Kluge zu sich selbst. Und wenn man diese tausenden von Gesprächen mit Künstlern, Intel­lek­tu­ellen, Wissen­schaft­lern, wenigen Poli­ti­kern, dazu aber auch Fake-Inter­views mit erfun­denen oder gespielten histo­ri­schen und fiktiven Figuren, die dann von Helge Schneider, Hannelore Hoger und vor allem Peter Berling verkör­pert wurden, wenn man diese sah und wieder­sieht, dann waren sie seit 1987 Podcasts avant la lettre: Lange, und vor allem offene Gespräche auf Augenhöhe, spie­le­risch, nicht forma­tiert oder normiert wie Talk-Shows oder die üblichen Fern­seh­in­ter­views.
Kluge ist mit ihnen kein Gerin­gerer als der Erfinder des Podcasts.

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Zweitens: Mit diesen Formaten ist Kluge auch der Erfinder eines anderen Kinos, ein Erwei­terer des Kinos.
Kluges größtes Vorbild, der Regisseur, den er am meisten schätzte, war Jean-Luc Godard.
Von ihm wie von Eisen­stein hatte er gelernt, dass die Montage als die Kunst der Verbin­dung, Verknüp­fung, Gegenü­ber­stel­lung, Entfal­tung, des In-Beziehung-Setzens das wich­tigste Prinzip des Filme­ma­chens ist, das offene Expe­ri­men­tieren das zweit­wich­tigste.
Und dass dem Kino alles erlaubt ist. Alexander Kluge war der Letzte, der noch wusste, wie man alles in einem Film unter­bringen kann, und auch fand, dass man das tun sollte.
Die Welt war für Kluge, den phan­ta­sie­vollen Progres­siven selbst eine Art Kino. Eine Traum­fa­brik, in der die Gegenwart mit den übrigen Zeiten kommu­ni­ziert.

Die Refe­ren­zepoche waren dabei für ihn die Avant­garden der 20er-Jahre, neben Lang und Pabst, weniger Murnau und Dreyer und dem frühen Hollywood, vor allem die sowje­ti­schen Kino­ge­nies Eisen­stein und Vertov, deren primäre Kunst auch die Montage war. Eisen­steins Idee, das »Kapital« von Marx zu verfilmen, setzte er vor 15 Jahren in typischer Kluge-Manier um: Als Farce, als Kommentar, der sich um die großen Werke der Sowjets rankte. Nur das Kino, wusste er, ist komplex genug, um die Gegenwart in ihrer Vielfalt darzu­stellen und über sie hinaus zu denken.

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Drittens: Man hat mich darauf hinge­wiesen, dass Kluge politisch ein »liber­tärer Sozialist« gewesen sei. Das finde ich zwar recht treffend, würde aber doch vermuten, dass er diese Ansicht freund­lich zurück­ge­wiesen hätte. Wichtig ist natürlich, dass Kluge mate­ria­lis­tisch gedacht hat.
Seine Haltung den Verhält­nissen gegenüber war wohl die eines Partisans, oder wie er sich gele­gent­lich nannte, eines »Maulwurfs«. Er wollte nicht öffent­lich das Beste­hende anklagen und fand sture Verhin­de­rung und stumpfe Ablehnung blöde; prak­ti­zierte eher Tai-Chi: »Nutze die Kraft des Gegners.«

Also: Wenn das Privat­fern­sehen kommt, sollte man nicht darüber jammern oder schimpfen, sondern sich ein Stück daraus sichern, es mit einem Troja­ni­schen Pferd infil­trieren.
Wenn das deutsche Kino schlecht ist, muss man selbst bessere und vor allem andere Filme machen.

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Viertens: Mithilfe der Techniken »Künst­li­cher Intel­li­genz« erfand sich der Filme­ma­cher Kluge, der seinen letzten Kinofilm Mitte der 80er Jahre gedreht und sich danach von der großen Leinwand verab­schiedet hatte, auch als Film­re­gis­seur und Bild­künstler in den letzten Jahren noch einmal ganz neu. Er hatte sich die hyper­mo­derne Technik im Nu ange­eignet, liebte daran vor allem ihre kreativen Poten­tiale, die Tatsache, dass KI »hallu­zi­nierte«, und »promptete« darum auch mal an einem Tag drei Kurzfilme, die er dann auch theo­re­tisch mit den »Minu­ten­filmen« aus der Anfangs­zeit des Mediums in Verbin­dung brachte. So geschehen für eine gemein­same Veran­stal­tung beim Frank­furter Kongress »Zukunft deutscher Film« vor zwei Jahren.
Beim bedeu­tenden Festival von Rotterdam lief 2024 sein letzter 90-minütiger Kinofilm Primitive Diversity, komplett KI-generiert.

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Fünftens: Kritische Theorie war alles das, aber ihre Fort­set­zung mit Mitteln der Bild­kul­turen und der Erzählung; also eigent­lich weniger Theorie als Handlung.
Für Kluge liegt der Kern von Kunst und Denken im »Anti-Realismus der Gefühle«: Gefühle sind zu reich und komplex, als dass der Verstand sie volls­tändig begreifen könnte. Alle Gefühle glauben an einen glück­li­chen Ausgang.
Darum sucht und findet er Spiel­räume, Lücken, Auswege.

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Diesen Tag, den Tag von der Nachricht seines Todes und die Tage seitdem konnte ich mir nie vorstellen. Ich kann es auch jetzt nicht.
Alexander Kluge lebt weiter, ist mir fast präsenter in den Stunden von Sendungen, die ich jetzt sehe, Hörs­tü­cken, die ich jetzt höre, seiner Stimme, die Ja sagt und nicht Nein.
Er blickte immer nach vorn, auf die Möglich­keiten und versteckten Poten­tiale, die in der Gegenwart und unmit­tel­baren Zukunft lagen. Einer seiner Haus­götter war Robert Musil, der Schrift­steller des »Möglich­keits­sinns«. Keine zwei Wochen nach seinem Freund Jürgen Habermas, dem er in der FAZ einen kurzen, sehr schönen und sehr traurigen Nachruf schrieb, in dem er dann natürlich skiz­zierte, wie eine konstruk­tive, handelnde Reaktion der Lebenden darauf sein müsste, ist Alexander Kluge jetzt selber gestorben. Ohne ihn ist nicht nur die Filmwelt um vieles ärmer.