02.04.2026

Ein Film beginnt dort, wo jemand nicht mehr schweigt

Alexander Kluge, State Visit (2020)
Alexander Kluges Minutenfilm State Visit (2020)
(Foto: Alexander Kluge, State Visit (2020))

Alexander Kluge, Karl Ebermaier und das Filmprojekt »Der Exodus von Yaoundé«

Von Jean-Pierre Bekolo

Es gibt Begeg­nungen, die wie Schnitte im Film sind. Man glaubt, sich über Kino zu unter­halten, und plötzlich bricht die Geschichte in den Raum ein.

Ich habe ihn zum letzten Mal in München gesehen, im November vergan­genen Jahres. Alexander Kluge hatte mich in seiner Wohnung in der Fried­richstraße empfangen, durch Frank Gessner. Wir sprachen über die Zukunft des Kinos, über das, was ich »Kino ohne Kamera« nenne — die Idee, dass die Kamera heute in fünf Milli­arden Händen liegt, in den Smart­phones. Sie ist nicht mehr das rare Werkzeug. Die eigent­liche Arbeit des Filme­ma­chers findet künftig davor und danach statt: in der Auswahl, der Montage, der Entschei­dung. Dem Schnitt.

Kluge kannte mein Projekt »Der Exodus von Yaoundé«. Er hörte mir aufmerksam zu. Dann sagte er plötzlich: »Ich muss ihm antworten.«

Ich verstand nicht sofort. Er sprach von meinem Projekt, das den Aufbruch der Deutschen aus Kamerun erzählt. Aber wem wollte er antworten? Die Person war Karl Ebermaier, der deutsche Gouver­neur von Kamerun. Derjenige, der am 8. August 1914 — nur vier Tage nach Kriegs­be­ginn, am 4. August — die Hinrich­tung von Rudolf Duala Manga Bell und Martin-Paul Samba anordnete, zwei kame­ru­ni­schen Wider­stands­kämp­fern, die gehängt wurden. Kluge fügte hinzu: »Das war nicht nötig.«

Wie selbst­ver­s­tänd­lich trat er so in ein Gespräch ein mit Ebermaier. Und mit der Geschichte.

Mit jener Geschichte des Exodus der deutschen Truppen durch den Urwald, begleitet von vielen Kame­ru­ne­rinnen und Kame­ru­nern — fast 60.000 Menschen, die zwei Monate lang marschierten, die Kolonie flohen, um das spanische Terri­to­rium in Guinea zu erreichen.

Obwohl er im Februar nicht am Salon du Montage teil­nehmen konnte, den ich in Berlin unter dem Motto »Edit the World« veran­stal­tete, waren wir mitten­drin.

Dann kam der Brief. Adres­siert an meine Produ­zentin Kristina Konrad, zur Weiter­lei­tung an die FFA — die deutsche Film­för­de­rung. Kluge sprach sich darin für mein Projekt aus. In seinem Schreiben vom 6. Januar 2026 erwähnte er nicht nur die Qualität des Vorhabens. Er betonte, was ihn faszi­nierte: die Umkehrung der Macht­ver­hält­nisse. »Die Kolo­ni­al­macht Deutsches Reich tritt hier nicht als mächtiger Potentat und Okkupator in Erschei­nung, sondern am Ende ihrer Herr­schaft — quasi ohne den Kolo­ni­al­herren-Status«, schrieb er.
Und er fügte hinzu: »Ich glaube, dass für die Zuschauer eines solchen Films dieser Augen­blick, wo die Kolo­ni­al­macht gerade nicht mächtig ist, einen neuar­tigen Blick erlaubt, der über die post­ko­lo­niale Debatte hinaus­weist.«

Kluge begnügte sich nicht damit, »Der Exodus von Yaoundé« zu unter­s­tützen. Er schlug vor, selbst mit seinen »Minu­ten­filmen« beizu­tragen — jenen kurzen Formen, die er erfunden hat und die uner­war­tete Konstel­la­tionen eröffnen. In einem Gestus der Montage wollte er verbinden, was der offi­zi­elle Diskurs getrennt hatte: die Kolonie und das Mutter­land, den Henker und seinen Sturz, das deutsche Archiv und die kame­ru­ni­sche Erin­ne­rung.

Kluge antwor­tete nicht auf meine Erzählung. Er antwor­tete auf das Bild, das ich ihm entge­gen­hielt — auf eine Geschichte, die darauf wartet, endlich montiert zu werden.

Diese Antwort ist sein Vermächtnis. Kein Werk, das man betrachtet, sondern eine Methode: der Schnitt als Werkzeug des Über­le­bens in einer bild­ge­sät­tigten Welt. Er hinter­lässt uns ein Chantier, kein Testament.

Heute ist die Kamera überall. Aber filmen allein genügt nicht. Was uns fehlt, ist jemand, der entscheidet — der schneidet, der verbindet, der antwortet. Kluge hat meine Intuition vom »Kino ohne Kamera« bestätigt: Ein Film beginnt nie mit der Kamera. Er beginnt dort, wo jemand nicht mehr schweigt.

Aber er hat mich auch eines gelehrt: Wir antworten außerhalb der Zeit. Wir antworten der Geschichte. Wir antworten den Toten. Dieser Brief, dieses »Ich muss ihm antworten«, galt nicht mir. Es galt Karl Ebermaier. Kluge durch­querte einhun­dert­zwölf Jahre, um ihm zu sagen: »Das war nicht nötig.«

Mit wem also werde ich diesen Film machen? Mit Kluge. Mit Ebermaier. Mit Duala Manga Bell und Samba. Mit den sech­zig­tau­send Marschie­renden des Exodus.

Jetzt bin ich an der Reihe, über Kluge zu sagen: »Ich muss ihm antworten.«

Jean-Pierre Bekolo ist Film­re­gis­seur und Gründer des Salon du Montage in Berlin.