19.03.2026

Kinderfilm als Gegenwartslabor

Beef
Ingride Santos' Beef, Gewinner des FIPRESCI-Preises
(Foto: Buff #43)

Beim 43. BUFF Malmö zeigt der erste FIPRESCI-Wettbewerb, wie Coming-of-Age-Filme von Patchwork-Familien, Migration und Selbstermächtigung erzählen – und warum Beef (Ruido) von Ingride Santos herausragt

Von Axel Timo Purr

Als für das BUFF Inter­na­tional Film Festival in Malmö und seine 43. Ausgabe erstmals eine FIPRESCI-Jury einge­richtet wurde, war das mehr als nur eine zusätz­liche Auszeich­nung. Es war ein Signal. Und ein Versuch, das Kinder- und Jugend­film-Genre, das in der inter­na­tio­nalen Kritik oft eher als pädago­gi­sches Nebenfach behandelt wird, dorthin zu holen, wo es eigent­lich hingehört: ins Zentrum der filmi­schen Aufmerk­sam­keit. Denn ohne gute Kinder­film gibt es auch keine guten Filme für Erwach­sene. Dass diese Initia­tive künftig auch auf andere Kinder­film­fes­ti­vals ausge­weitet werden soll, wirkt daher weniger wie ein orga­ni­sa­to­ri­scher Schritt als wie ein kultur­po­li­ti­scher. Und wer sich allein die dies­jäh­rigen Nomi­nierten auf dem BUFF in Malmö ansah, merkte schnell: Kinder­film ist längst kein geschützter Raum mehr, sondern ein Labor gesell­schaft­li­cher Gegenwart.

Fast alle Filme kreisten um eine ähnliche Erfahrung: Kinder und Jugend­liche, die sich in dysfunk­tio­nalen, frag­men­tierten oder schlicht über­for­derten Fami­li­en­kon­stel­la­tionen zurecht­finden müssen – Patchwork, Migration, Abwe­sen­heit, neue Eltern, alte Verlet­zungen. Was auf den ersten Blick nach klas­si­schen Coming-of-Age-Geschichten aussieht, entpuppt sich schnell als etwas Grund­sätz­li­cheres: der Versuch junger Menschen, in einer fluid gewor­denen Gesell­schaft eine Form von Selbst­er­mäch­ti­gung zu finden. Ein Prozess, der – wie jeder Erwach­sene irgend­wann leidvoll erfährt – nie wirklich abge­schlossen ist.

Schon Bérangère McNeeses The Girls from Above beob­achtet diesen Such­pro­zess mit feiner Empathie. Der Film folgt jungen Frauen, die in einer Welt zwischen Hoffnung und Absturz ganz ohne insti­tu­tio­nelle Hilfe ihren eigenen Blick auf die Dinge entwi­ckeln. Völlig anders, mit märchen­hafter Symbolik arbeitet My Stepmom Is a Witch von Joëlle Desjardins Paquette: Die neue Partnerin des Vaters wird zur Hexe, eine alte Figur, um ein modernes Trauma zu verhan­deln – Scheidung, neue Familie, Loya­li­täten, die sich verschieben. Magie wird hier zur Form der Fami­li­en­the­rapie. Splish Splash Forever! von Natascha Beller hingegen will nebem poppiger Coolness vor allem die Poli­ti­sie­rung der Jugend. Das Gefühl, dass wir alle Migranten in einer sich wandelnden Welt sind, ist hier radikal in den Vorder­grund gestellt. Marcel Barellis Anima­ti­ons­film Mary Anning verbindet hingegen histo­ri­sche Selbst­er­mäch­ti­gung mit moderner Sensi­bi­lität: ein Coming-of-Age im Jahr 1811, gemalt wie ein Bilder­buch, begleitet von Singer-Song­writer-Klängen. Fossilien der Vergan­gen­heit treffen hier auf die emotio­nalen Fossilien der Gegenwart. Nipster von Sunniva Eir Tangvik Kveum wiederum erzählt von Jugend­ra­di­ka­li­sie­rung zwischen schwe­di­schem Öko-Akti­vismus und Nazi-Blut-und-Boden-Rhetorik. Und dann ist da Mira von Marie Limkilde, viel­leicht der stillste und klügste Film im Wett­be­werb: ein faszi­nie­render Mix aus Voice-over, Animation und Alltags­be­ob­ach­tung. Es geht um Grup­pen­druck, um erste Liebe, um die Insta­bi­lität moderner Bezie­hungen; auch die der Mutter, die von Freund zu Freund wechselt, während die Groß­mutter zum emotio­nalen Anker wird. Ein Film über Intuition, darüber, dem eigenen Bauch­ge­fühl zu trauen. Fast wie Film von Ingmar Bergman für eine jüngere Gene­ra­tion.

Doch der Film, der die FIPRESCI-Jury am Ende über­zeugte, operierte mit einem sehr anderen Rhythmus. Beef (Ruido) von Ingride Santos erzählt von Lati, einer afro-spani­schen Jugend­li­chen in Barcelona, die nach dem Tod ihres Vaters in der Welt des Freestyle Battle-Rap eine Sprache für sich entdeckt. Was zunächst wie eine Variante des bekannten Karate Kid-Narrativs wirkt – eine Mentorin, ein Talent, eine Szene, die erobert werden muss – entfaltet schnell eine erstaun­liche und immer wieder über­ra­schende Tiefe.

Denn hier wird Rap nicht nur als Wett­be­werb insze­niert, sondern als Therapie, Protest und rohe Energie zugleich. Die Beats und Reime sind der Ort, an dem sich Identität formt. Hinter jeder Punchline steht die Geschichte einer Familie: die Mutter, eine Muslimin aus Mali, deren Tradi­tionen in jeder Entschei­dung der Tochter nach­hallen. Sprache wird zur Waffe, aber auch zur Brücke – zwischen Gene­ra­tionen, Kulturen, Konti­nenten.

Der Film beschreibt dieses langsame Coming-of-Age mit großer Genau­ig­keit. Aus Unsi­cher­heit wird Stärke, aus Beob­ach­tung Haltung. Die Texte der Rap-Battles werden zum eigent­li­chen filmi­schen Raum. Sie tragen den Film – und öffnen zugleich größere Reso­nanz­räume, sei es Begräb­nis­ri­tuale, Schwes­ter­be­zie­hungen, Musik. Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um Migration zwischen Mali und Spanien, sondern auch um die kolo­nialen Linien, die Europa und Latein­ame­rika verbinden.

Wenn das Finale schließ­lich in Mexiko statt­findet, wirkt das nicht wie ein exoti­scher Orts­wechsel, sondern wie eine Erwei­te­rung des Diskurses. Alle kämpfen hier mit denselben Mitteln: Sprache und Rhythmus. Ein Battle der Kolo­nia­li­sierten, die sich mit Worten gegen­seitig heraus­for­dern – und zugleich eman­zi­pieren und dann auch noch mit einem Zwinkern Eminems 8 Mile refe­ren­zieren.

Beef (Ruido) ist deshalb mehr als nur ein Musikfilm. Er ist eine bewegende Ode an Freund­schaft, an kultu­relle Hybri­dität und an die Kraft von Sprache. Oder, wie man viel­leicht sagen könnte: ein neuer, post-dardenne’scher und post-loacher Neorea­lismus – nur dass hier nicht Stille oder Sozi­al­kritik, sondern der Beat den Takt vorgibt.

Dass die erste FIPRESCI-Auszeich­nung dieses seit 43 Jahren exis­tie­renden Kinder- und Jugen­dilm­fes­ti­vals an diesen Film ging, ist dann viel­leicht auch kein Zufall, sondern ein Verspre­chen. Kinder- und Jugend­film kann mehr sein als pädago­gi­sche Begleit­musik. Manchmal ist er der Ort, an dem die Zukunft bereits spricht – laut, rhyth­misch und mit erstaun­li­cher Klarheit.