Kinderfilm als Gegenwartslabor |
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| Ingride Santos' Beef, Gewinner des FIPRESCI-Preises | ||
| (Foto: Buff #43) | ||
Von Axel Timo Purr
Als für das BUFF International Film Festival in Malmö und seine 43. Ausgabe erstmals eine FIPRESCI-Jury eingerichtet wurde, war das mehr als nur eine zusätzliche Auszeichnung. Es war ein Signal. Und ein Versuch, das Kinder- und Jugendfilm-Genre, das in der internationalen Kritik oft eher als pädagogisches Nebenfach behandelt wird, dorthin zu holen, wo es eigentlich hingehört: ins Zentrum der filmischen Aufmerksamkeit. Denn ohne gute Kinderfilm gibt es auch keine guten Filme für Erwachsene. Dass diese Initiative künftig auch auf andere Kinderfilmfestivals ausgeweitet werden soll, wirkt daher weniger wie ein organisatorischer Schritt als wie ein kulturpolitischer. Und wer sich allein die diesjährigen Nominierten auf dem BUFF in Malmö ansah, merkte schnell: Kinderfilm ist längst kein geschützter Raum mehr, sondern ein Labor gesellschaftlicher Gegenwart.
Fast alle Filme kreisten um eine ähnliche Erfahrung: Kinder und Jugendliche, die sich in dysfunktionalen, fragmentierten oder schlicht überforderten Familienkonstellationen zurechtfinden müssen – Patchwork, Migration, Abwesenheit, neue Eltern, alte Verletzungen. Was auf den ersten Blick nach klassischen Coming-of-Age-Geschichten aussieht, entpuppt sich schnell als etwas Grundsätzlicheres: der Versuch junger Menschen, in einer fluid gewordenen Gesellschaft eine Form von Selbstermächtigung zu finden. Ein Prozess, der – wie jeder Erwachsene irgendwann leidvoll erfährt – nie wirklich abgeschlossen ist.
Schon Bérangère McNeeses The Girls from Above beobachtet diesen Suchprozess mit feiner Empathie. Der Film folgt jungen Frauen, die in einer Welt zwischen Hoffnung und Absturz ganz ohne institutionelle Hilfe ihren eigenen Blick auf die Dinge entwickeln. Völlig anders, mit märchenhafter Symbolik arbeitet My Stepmom Is a Witch von Joëlle Desjardins Paquette: Die neue Partnerin des Vaters wird zur Hexe, eine alte Figur, um ein modernes Trauma zu verhandeln – Scheidung, neue Familie, Loyalitäten, die sich verschieben. Magie wird hier zur Form der Familientherapie. Splish Splash Forever! von Natascha Beller hingegen will nebem poppiger Coolness vor allem die Politisierung der Jugend. Das Gefühl, dass wir alle Migranten in einer sich wandelnden Welt sind, ist hier radikal in den Vordergrund gestellt. Marcel Barellis Animationsfilm Mary Anning verbindet hingegen historische Selbstermächtigung mit moderner Sensibilität: ein Coming-of-Age im Jahr 1811, gemalt wie ein Bilderbuch, begleitet von Singer-Songwriter-Klängen. Fossilien der Vergangenheit treffen hier auf die emotionalen Fossilien der Gegenwart. Nipster von Sunniva Eir Tangvik Kveum wiederum erzählt von Jugendradikalisierung zwischen schwedischem Öko-Aktivismus und Nazi-Blut-und-Boden-Rhetorik. Und dann ist da Mira von Marie Limkilde, vielleicht der stillste und klügste Film im Wettbewerb: ein faszinierender Mix aus Voice-over, Animation und Alltagsbeobachtung. Es geht um Gruppendruck, um erste Liebe, um die Instabilität moderner Beziehungen; auch die der Mutter, die von Freund zu Freund wechselt, während die Großmutter zum emotionalen Anker wird. Ein Film über Intuition, darüber, dem eigenen Bauchgefühl zu trauen. Fast wie Film von Ingmar Bergman für eine jüngere Generation.
Doch der Film, der die FIPRESCI-Jury am Ende überzeugte, operierte mit einem sehr anderen Rhythmus. Beef (Ruido) von Ingride Santos erzählt von Lati, einer afro-spanischen Jugendlichen in Barcelona, die nach dem Tod ihres Vaters in der Welt des Freestyle Battle-Rap eine Sprache für sich entdeckt. Was zunächst wie eine Variante des bekannten Karate Kid-Narrativs wirkt – eine Mentorin, ein Talent, eine Szene, die erobert werden muss – entfaltet schnell eine erstaunliche und immer wieder überraschende Tiefe.
Denn hier wird Rap nicht nur als Wettbewerb inszeniert, sondern als Therapie, Protest und rohe Energie zugleich. Die Beats und Reime sind der Ort, an dem sich Identität formt. Hinter jeder Punchline steht die Geschichte einer Familie: die Mutter, eine Muslimin aus Mali, deren Traditionen in jeder Entscheidung der Tochter nachhallen. Sprache wird zur Waffe, aber auch zur Brücke – zwischen Generationen, Kulturen, Kontinenten.
Der Film beschreibt dieses langsame Coming-of-Age mit großer Genauigkeit. Aus Unsicherheit wird Stärke, aus Beobachtung Haltung. Die Texte der Rap-Battles werden zum eigentlichen filmischen Raum. Sie tragen den Film – und öffnen zugleich größere Resonanzräume, sei es Begräbnisrituale, Schwesterbeziehungen, Musik. Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um Migration zwischen Mali und Spanien, sondern auch um die kolonialen Linien, die Europa und Lateinamerika verbinden.
Wenn das Finale schließlich in Mexiko stattfindet, wirkt das nicht wie ein exotischer Ortswechsel, sondern wie eine Erweiterung des Diskurses. Alle kämpfen hier mit denselben Mitteln: Sprache und Rhythmus. Ein Battle der Kolonialisierten, die sich mit Worten gegenseitig herausfordern – und zugleich emanzipieren und dann auch noch mit einem Zwinkern Eminems 8 Mile referenzieren.
Beef (Ruido) ist deshalb mehr als nur ein Musikfilm. Er ist eine bewegende Ode an Freundschaft, an kulturelle Hybridität und an die Kraft von Sprache. Oder, wie man vielleicht sagen könnte: ein neuer, post-dardenne’scher und post-loacher Neorealismus – nur dass hier nicht Stille oder Sozialkritik, sondern der Beat den Takt vorgibt.
Dass die erste FIPRESCI-Auszeichnung dieses seit 43 Jahren existierenden Kinder- und Jugendilmfestivals an diesen Film ging, ist dann vielleicht auch kein Zufall, sondern ein Versprechen. Kinder- und Jugendfilm kann mehr sein als pädagogische Begleitmusik. Manchmal ist er der Ort, an dem die Zukunft bereits spricht – laut, rhythmisch und mit erstaunlicher Klarheit.