Nordischer Radikalismus entlarvt |
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| Spiegel einer breiteren Generationserfahrung... | ||
| (Foto: Buff #43) | ||
Nipster unter der Regie von Sunniva Eir Tangvik Kveum (Schweden, 2026) war auf der Website des BUFF Malmö Film Festival sofort mit dem Hinweis „ausverkauft“ versehen. Das neue schwedische Jugenddrama über radikale Bewegungen junger Menschen in Schweden wurde mit markanten Schlagworten wie Politik, Gruppenzwang und Faschismus angekündigt und zog rasch die Aufmerksamkeit des Festivalpublikums auf sich. Doch je höher die Erwartungen, desto größer die Irritation: In seinem Versuch, möglichst viele Themen gleichzeitig zu verhandeln, verliert der Film zunehmend den Fokus und ringt darum, eine klare zentrale Idee zu formulieren. Am Ende bleibt die Frage, was genau an der schwedischen Gegenwart hier eigentlich untersucht werden soll – und warum der Film selbst darauf keine überzeugende Antwort findet.
Allein der Titel gehört schon zu den interessantesten Elementen des Films. „Nipster“ bezeichnet einen „Nazi-Hipster“ – also Rechtsextreme, die eine moderne, modische Ästhetik übernehmen, um ihre Ideologie zeitgemäßer und gesellschaftlich anschlussfähiger erscheinen zu lassen. In diesem hybriden Stil verbinden sich klassische Hipster-Codes mit nationalistischen und rassistischen Weltbildern – ein irritierender Kontrast zwischen Erscheinung und Ideologie.
Im Zentrum der Handlung steht die siebzehnjährige Chris (Saga Stenman), die nach und nach mit einer solchen Gruppe in Kontakt gerät und schließlich selbst zu einem ihrer aktivsten Mitglieder wird. Die Motivation hinter diesem Prozess liegt in einer vertrauten jugendlichen Verletzlichkeit: dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Chris fühlt sich unter Gleichaltrigen isoliert und entdeckt in der geheimnisvollen, exklusiven Welt der Nipster eine neue Form von Identität. Die
Möglichkeit, sich hinter einer Maske zu verbergen – und gleichzeitig das Gefühl zu haben, Teil einer subversiven Bewegung zu sein – entfaltet eine wachsende Anziehungskraft.
Ein weiterer interessanter Aspekt liegt im visuellen Kontrast des Films: der Gegenüberstellung einer idyllischen schwedischen Sommerlandschaft mit der langsam wachsenden Bedrohung durch diese Gruppe. Ähnlich wie in Midsommar von Ari Aster wird eine zunächst friedliche Umgebung schrittweise von der Präsenz einer destruktiven Gemeinschaft überlagert.
Ein dritter vielversprechender Strang betrifft das Konzept des sogenannten ökologischen Faschismus – eine ideologische Mischung aus Umweltbewusstsein und radikalem Aktivismus, die ins Extrem getrieben wird. Diese Verbindung bildet einen zentralen Bestandteil der Weltanschauung der Gruppe, der Chris beitritt, und verweist auf ein gegenwärtiges Phänomen, bei dem ökologische Anliegen von extremistischen politischen Narrativen vereinnahmt werden.
Bis zu diesem Punkt scheinen die thematischen Elemente sinnvoll miteinander verbunden. Doch Drehbuchautorin Sarah Olsson und Regisseurin Kveum begnügen sich damit nicht. Offensichtlich bemüht, ein möglichst breites Spektrum zeitgenössischer Themen abzubilden, erweitern sie die Handlung zusätzlich um Rassismus, Migration, Mobbing, familiäre Krisen und die zerstörerische Dynamik sozialer Medien. Statt die Erzählung zu vertiefen, führt diese thematische Ausweitung jedoch zu einer zunehmenden Fragmentierung. In seiner relativ kurzen Laufzeit von 78 Minuten führt der Film zahlreiche Motive ein, entwickelt jedoch kaum eines wirklich weiter. Jedes dieser Themen ist für die heutige schwedische – und allgemein europäische – Jugend zweifellos relevant. Doch wenn sie in einem einzigen erzählerischen Gefäß zusammengeführt werden, verlieren sie paradoxerweise an Schärfe.
In gewisser Weise wird Nipster dadurch selbst zum Spiegel einer breiteren Generationserfahrung. Viele junge Menschen sehen sich heute mit einer überwältigenden Vielzahl globaler Krisen konfrontiert und fühlen sich gedrängt, auf alle gleichzeitig zu reagieren. Der Film spiegelt diesen Zustand fast unbeabsichtigt wider: den Versuch, mehrere Kämpfe parallel zu führen, während es kaum gelingt, den Fokus lange genug aufrechtzuerhalten, um auch nur einen davon wirklich zu durchdringen.
Diese Tendenz zur Breite statt zur Tiefe zeigt sich auch in der Figurenzeichnung. Die psychologischen Beweggründe der Mitglieder der Nipster-Gruppe bleiben weitgehend unerforscht. Dadurch entsteht kein wirklich überzeugendes Verständnis dafür, warum Jugendliche aus einer der wohlhabendsten Gesellschaften Europas überhaupt den Weg in eine destruktive Ideologie finden.
So erinnert Nipster letztlich an ein grundlegendes erzählerisches Dilemma: Wenn eine Geschichte versucht, jedes Problem zugleich zu behandeln, verliert sie leicht die Klarheit, die nötig wäre, um auch nur eines davon wirklich zu ergründen. Oder anders gesagt: Ein Film, der die ganze Welt erklären will, läuft Gefahr, am Ende nichts wirklich zu erklären.