16.03.2026

Nordischer Radikalismus entlarvt

Nipster
Spiegel einer breiteren Generationserfahrung...
(Foto: Buff #43)

In Nipster untersucht Sunniva Eir Tangvik Kveum beim 43. BUFF Malmö Film Festival die Verführungskraft rechter Jugendbewegungen – mit interessanten Ansätzen, aber ohne klaren Fokus

Von Elena Rubashevska

Nipster unter der Regie von Sunniva Eir Tangvik Kveum (Schweden, 2026) war auf der Website des BUFF Malmö Film Festival sofort mit dem Hinweis „ausver­kauft“ versehen. Das neue schwe­di­sche Jugend­drama über radikale Bewe­gungen junger Menschen in Schweden wurde mit markanten Schlag­worten wie Politik, Grup­pen­zwang und Faschismus angekün­digt und zog rasch die Aufmerk­sam­keit des Festi­val­pu­bli­kums auf sich. Doch je höher die Erwar­tungen, desto größer die Irri­ta­tion: In seinem Versuch, möglichst viele Themen gleich­zeitig zu verhan­deln, verliert der Film zunehmend den Fokus und ringt darum, eine klare zentrale Idee zu formu­lieren. Am Ende bleibt die Frage, was genau an der schwe­di­schen Gegenwart hier eigent­lich unter­sucht werden soll – und warum der Film selbst darauf keine über­zeu­gende Antwort findet.

Allein der Titel gehört schon zu den inter­es­san­testen Elementen des Films. „Nipster“ bezeichnet einen „Nazi-Hipster“ – also Rechts­extreme, die eine moderne, modische Ästhetik über­nehmen, um ihre Ideologie zeit­ge­mäßer und gesell­schaft­lich anschluss­fähiger erscheinen zu lassen. In diesem hybriden Stil verbinden sich klas­si­sche Hipster-Codes mit natio­na­lis­ti­schen und rassis­ti­schen Welt­bil­dern – ein irri­tie­render Kontrast zwischen Erschei­nung und Ideologie.

Im Zentrum der Handlung steht die sieb­zehn­jäh­rige Chris (Saga Stenman), die nach und nach mit einer solchen Gruppe in Kontakt gerät und schließ­lich selbst zu einem ihrer aktivsten Mitglieder wird. Die Moti­va­tion hinter diesem Prozess liegt in einer vertrauten jugend­li­chen Verletz­lich­keit: dem Wunsch nach Zugehö­rig­keit. Chris fühlt sich unter Gleich­alt­rigen isoliert und entdeckt in der geheim­nis­vollen, exklu­siven Welt der Nipster eine neue Form von Identität. Die Möglich­keit, sich hinter einer Maske zu verbergen – und gleich­zeitig das Gefühl zu haben, Teil einer subver­siven Bewegung zu sein – entfaltet eine wachsende Anzie­hungs­kraft.
Ein weiterer inter­es­santer Aspekt liegt im visuellen Kontrast des Films: der Gegenü­ber­stel­lung einer idyl­li­schen schwe­di­schen Sommer­land­schaft mit der langsam wach­senden Bedrohung durch diese Gruppe. Ähnlich wie in Midsommar von Ari Aster wird eine zunächst fried­liche Umgebung schritt­weise von der Präsenz einer destruk­tiven Gemein­schaft über­la­gert.

Ein dritter viel­ver­spre­chender Strang betrifft das Konzept des soge­nannten ökolo­gi­schen Faschismus – eine ideo­lo­gi­sche Mischung aus Umwelt­be­wusst­sein und radikalem Akti­vismus, die ins Extrem getrieben wird. Diese Verbin­dung bildet einen zentralen Bestand­teil der Welt­an­schauung der Gruppe, der Chris beitritt, und verweist auf ein gegen­wär­tiges Phänomen, bei dem ökolo­gi­sche Anliegen von extre­mis­ti­schen poli­ti­schen Narra­tiven verein­nahmt werden.

Bis zu diesem Punkt scheinen die thema­ti­schen Elemente sinnvoll mitein­ander verbunden. Doch Dreh­buch­au­torin Sarah Olsson und Regis­seurin Kveum begnügen sich damit nicht. Offen­sicht­lich bemüht, ein möglichst breites Spektrum zeit­genös­si­scher Themen abzu­bilden, erweitern sie die Handlung zusätz­lich um Rassismus, Migration, Mobbing, familiäre Krisen und die zerstö­re­ri­sche Dynamik sozialer Medien. Statt die Erzählung zu vertiefen, führt diese thema­ti­sche Auswei­tung jedoch zu einer zuneh­menden Frag­men­tie­rung. In seiner relativ kurzen Laufzeit von 78 Minuten führt der Film zahl­reiche Motive ein, entwi­ckelt jedoch kaum eines wirklich weiter. Jedes dieser Themen ist für die heutige schwe­di­sche – und allgemein europäi­sche – Jugend zwei­fellos relevant. Doch wenn sie in einem einzigen erzäh­le­ri­schen Gefäß zusam­men­ge­führt werden, verlieren sie para­do­xer­weise an Schärfe.

In gewisser Weise wird Nipster dadurch selbst zum Spiegel einer breiteren Gene­ra­ti­ons­er­fah­rung. Viele junge Menschen sehen sich heute mit einer über­wäl­ti­genden Vielzahl globaler Krisen konfron­tiert und fühlen sich gedrängt, auf alle gleich­zeitig zu reagieren. Der Film spiegelt diesen Zustand fast unbe­ab­sich­tigt wider: den Versuch, mehrere Kämpfe parallel zu führen, während es kaum gelingt, den Fokus lange genug aufrecht­zu­er­halten, um auch nur einen davon wirklich zu durch­dringen.

Diese Tendenz zur Breite statt zur Tiefe zeigt sich auch in der Figu­ren­zeich­nung. Die psycho­lo­gi­schen Beweg­gründe der Mitglieder der Nipster-Gruppe bleiben weit­ge­hend uner­forscht. Dadurch entsteht kein wirklich über­zeu­gendes Vers­tändnis dafür, warum Jugend­liche aus einer der wohl­ha­bendsten Gesell­schaften Europas überhaupt den Weg in eine destruk­tive Ideologie finden.

So erinnert Nipster letztlich an ein grund­le­gendes erzäh­le­ri­sches Dilemma: Wenn eine Geschichte versucht, jedes Problem zugleich zu behandeln, verliert sie leicht die Klarheit, die nötig wäre, um auch nur eines davon wirklich zu ergründen. Oder anders gesagt: Ein Film, der die ganze Welt erklären will, läuft Gefahr, am Ende nichts wirklich zu erklären.