26.02.2026
76. Berlinale 2026

Das Film-Tripel

Auslandsreise
Ein Film wie ein gutes Buch: Ted Fendts Auslandsreise
(Foto: Berlinale · Ted Fendt/Superzoom Film)

Drei beste Filme auf der 76. Berlinale: Retrospektive, Forum Special, Forum

Von Timur Özkan

Farocki: Video­gramme einer Revo­lu­tion

Videogramme einer Revolution
(Foto: Berlinale · Harun Farocki)

Ein Staat wird vernichtet, ein neuer wird aufgebaut. Die Revo­lu­tion in Rumänien ’89. Wie so oft bei Farocki geht es um Bilder, Werkzeug der Bilder ist die Kamera. In den 80ern hielten VHS-Kameras Einzug als verhält­nis­mäßig erschwing­liche Alter­na­tive in Privat­haus­halte. Als es zum Umsturz kommt, werden sie zur poli­ti­schen Waffe. Als die Kameras des Staats­fern­se­hens aufhören zu senden, filmen sie weiter. Heimlich, versteckt von Balkonen oder aus der Distanz. Sie zeigen, was nicht gesehen werden soll. Als es zu gewalt­tä­tigen Ausein­an­der­set­zungen kommt, sind sie ein Immu­ni­täts­ver­spre­chen: »Wir sind jetzt Kriegs­re­porter, uns kann nichts mehr passieren.« Worte mitten aus dem Kugel­hagel. Farockis und Andrei Ujicas Montage, zusam­men­ge­setzt aus verschie­denen Perspek­tiven, offi­zi­ellen Narra­tiven und Gegen­schuss, lässt mit seltener Klarheit vieles sichtbar werden: Wie die Kamera erst im Dienste des Staats­sen­ders elemen­tares Mittel zur Lenkung des Staats­ap­pa­rates ist, später zur genauen Kontrolle von Infor­ma­ti­ons­flüssen und der Massen. Und sie zeigt: Staaten sind Konstrukte, und doku­men­tiert, fast beiläufig, wie aus einem kurz­zei­tigen Vakuum ein neuer konzi­piert wird: wie sollen wir uns nennen, was ist unsere Flagge.

Die Bilder erfassen die Welt, gleich­zeitig doku­men­tieren sie die Werdung der Bilder selbst, und schließ­lich, wenn Fernseher abgefilmt und die konzi­pierten Bilder öffent­lich­keits­wirksam werden: die Werdung der Welt.

Chetna Vora: Frauen in Berlin

Frauen in Berlin
(Foto: Berlinale · Film­uni­ver­sität Babels­berg)

Was für eine Entde­ckung! Und was für eine Hinter­grund­ge­schichte: 1981 dreht die indische Regie­stu­dentin Chetna Vora in der DDR ihren Abschluss­film. Das Prüfungs­kom­mitee verlangt eine Kürzung des gut zweis­tün­digen Films auf 43 Minuten, Vora weigert sich und stiehlt die Film­rollen. Bevor diese, nachdem der Diebstahl entdeckt war in ihrer Wohnung konfis­ziert wurden, gelang es ihr jedoch den gesamten Film heimlich, auf eine Leinwand proji­ziert, auf VHS abzu­filmen. Diese VHS-Kassette, nun in digi­ta­li­sierter Form, ist die heute einzig existente Version des Films.

Die Heim­lich­keit ist den Bildern, dem Material also einge­schrieben, zwischen­durch sieht man wie die VHS-Kamera neu scharf gestellt, das Bild neu kadriert wird. Und doch öffnet sich trotz oder viel­leicht gerade durch diesen »Blick durch das Schlüs­sel­loch« eine ungemeine, kraft­volle Intimität, eine seltene unmit­tel­bare Nähe, wenn Voras Frauen erzählen: von Bezie­hungen und Ehen, zumeist geschei­terten, Ängsten, Hoff­nungen, Alltäg­li­chem. All das ist oft von solch einer Lakonie durch­setzt, dass dem Saal das Lachen aus den Mündern schießt – viel­leicht drückt es auch die Tragik weg, die exis­ten­ti­elle Wucht die unter all dem lauert, und einem – auch hier, auch heute noch – näher ist als man bereit sein möchte, einzu­ge­stehen.

Ted Fendt: Auslands­reise

Auslandsreise
(Foto: Berlinale · Ted Fendt/Superzoom Film)

Berlin im Sommer. Eine Freun­des­gruppe, Leonie liest Anna Maria Ortese. Bald steigt der Lesekreis mit ein. Gedreht auf 16mm-Material, welches es vermag, das gegen­wär­tige Berlin nochmal in eine Dimension des Traum­haften zu entrücken, wenn­gleich auch diese sich den reellen Problemen, allen voran der Wohnungsnot, keines­wegs entziehen kann.

Die sprach­liche Welt des Films entfaltet eine Symphonie an Klängen: Es wird gelesen und vorge­lesen, wir hören Deutsch, mit Akzent und ohne, Italie­nisch, Fran­zö­sisch, darüber erklingt ein Sprechen, das mal ungemein prosaisch, stili­siert ist, dann wieder wie eine unwahr­schein­lich geglückte Impro­vi­sa­tion wirkt. Diese Stil­brüche hallen wieder in Orteses Werk, welches, so erfahren wir aus dem Lesekreis, ebenfalls das Verhältnis von Realismus und Fantastik, sowie deren Übergänge und Bruch­stellen verhan­delt. Solche dialo­gi­schen Asso­zia­ti­ons­mög­lich­keiten zwischen filmi­scher Realität und der Literatur gibt es zuhauf, ohne dass sie dem Film (und dem Zuschauer) gewaltsam aufge­zwungen wären. Vielmehr öffnet sich ein Raum, der es erlaubt, Rück­schlüsse zwischen Text und Filmwelt, schließ­lich Film und dem eigenem Leben zu schließen, so als würde man selbst Zeit auf diesen Park­bänken, in diesen Zimmern und Straßen verbringen. Das gelingt durch eine Nähe, die sicher auch in den einfachen Produk­ti­ons­um­ständen bedingt ist, wenn­gleich es Fendts Handwerk Unrecht tun würde, sie allein als Resultat jener Umstände zu begreifen. Der Sommer geht, Herbst und Winter kommen, und bald wieder, unver­meidbar …

Ein Jahr begleiten wir Leonie und ihre Umgebung. Wir sehen das Leben in ellip­ti­schen Episoden erzählt, dabei doch, als ständiger Begleiter und in schönster Form: das Leben mit der Literatur.