76. Berlinale 2026
Das Film-Tripel |
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| Ein Film wie ein gutes Buch: Ted Fendts Auslandsreise | ||
| (Foto: Berlinale · Ted Fendt/Superzoom Film) | ||
Von Timur Özkan
Ein Staat wird vernichtet, ein neuer wird aufgebaut. Die Revolution in Rumänien ’89. Wie so oft bei Farocki geht es um Bilder, Werkzeug der Bilder ist die Kamera. In den 80ern hielten VHS-Kameras Einzug als verhältnismäßig erschwingliche Alternative in Privathaushalte. Als es zum Umsturz kommt, werden sie zur politischen Waffe. Als die Kameras des Staatsfernsehens aufhören zu senden, filmen sie weiter. Heimlich, versteckt von Balkonen oder aus der Distanz. Sie zeigen, was nicht gesehen werden soll. Als es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, sind sie ein Immunitätsversprechen: »Wir sind jetzt Kriegsreporter, uns kann nichts mehr passieren.« Worte mitten aus dem Kugelhagel. Farockis und Andrei Ujicas Montage, zusammengesetzt aus verschiedenen Perspektiven, offiziellen Narrativen und Gegenschuss, lässt mit seltener Klarheit vieles sichtbar werden: Wie die Kamera erst im Dienste des Staatssenders elementares Mittel zur Lenkung des Staatsapparates ist, später zur genauen Kontrolle von Informationsflüssen und der Massen. Und sie zeigt: Staaten sind Konstrukte, und dokumentiert, fast beiläufig, wie aus einem kurzzeitigen Vakuum ein neuer konzipiert wird: wie sollen wir uns nennen, was ist unsere Flagge.
Die Bilder erfassen die Welt, gleichzeitig dokumentieren sie die Werdung der Bilder selbst, und schließlich, wenn Fernseher abgefilmt und die konzipierten Bilder öffentlichkeitswirksam werden: die Werdung der Welt.
Was für eine Entdeckung! Und was für eine Hintergrundgeschichte: 1981 dreht die indische Regiestudentin Chetna Vora in der DDR ihren Abschlussfilm. Das Prüfungskommitee verlangt eine Kürzung des gut zweistündigen Films auf 43 Minuten, Vora weigert sich und stiehlt die Filmrollen. Bevor diese, nachdem der Diebstahl entdeckt war in ihrer Wohnung konfisziert wurden, gelang es ihr jedoch den gesamten Film heimlich, auf eine Leinwand projiziert, auf VHS abzufilmen. Diese VHS-Kassette, nun in digitalisierter Form, ist die heute einzig existente Version des Films.
Die Heimlichkeit ist den Bildern, dem Material also eingeschrieben, zwischendurch sieht man wie die VHS-Kamera neu scharf gestellt, das Bild neu kadriert wird. Und doch öffnet sich trotz oder vielleicht gerade durch diesen »Blick durch das Schlüsselloch« eine ungemeine, kraftvolle Intimität, eine seltene unmittelbare Nähe, wenn Voras Frauen erzählen: von Beziehungen und Ehen, zumeist gescheiterten, Ängsten, Hoffnungen, Alltäglichem. All das ist oft von solch einer Lakonie durchsetzt, dass dem Saal das Lachen aus den Mündern schießt – vielleicht drückt es auch die Tragik weg, die existentielle Wucht die unter all dem lauert, und einem – auch hier, auch heute noch – näher ist als man bereit sein möchte, einzugestehen.
Berlin im Sommer. Eine Freundesgruppe, Leonie liest Anna Maria Ortese. Bald steigt der Lesekreis mit ein. Gedreht auf 16mm-Material, welches es vermag, das gegenwärtige Berlin nochmal in eine Dimension des Traumhaften zu entrücken, wenngleich auch diese sich den reellen Problemen, allen voran der Wohnungsnot, keineswegs entziehen kann.
Die sprachliche Welt des Films entfaltet eine Symphonie an Klängen: Es wird gelesen und vorgelesen, wir hören Deutsch, mit Akzent und ohne, Italienisch, Französisch, darüber erklingt ein Sprechen, das mal ungemein prosaisch, stilisiert ist, dann wieder wie eine unwahrscheinlich geglückte Improvisation wirkt. Diese Stilbrüche hallen wieder in Orteses Werk, welches, so erfahren wir aus dem Lesekreis, ebenfalls das Verhältnis von Realismus und Fantastik, sowie deren Übergänge und Bruchstellen verhandelt. Solche dialogischen Assoziationsmöglichkeiten zwischen filmischer Realität und der Literatur gibt es zuhauf, ohne dass sie dem Film (und dem Zuschauer) gewaltsam aufgezwungen wären. Vielmehr öffnet sich ein Raum, der es erlaubt, Rückschlüsse zwischen Text und Filmwelt, schließlich Film und dem eigenem Leben zu schließen, so als würde man selbst Zeit auf diesen Parkbänken, in diesen Zimmern und Straßen verbringen. Das gelingt durch eine Nähe, die sicher auch in den einfachen Produktionsumständen bedingt ist, wenngleich es Fendts Handwerk Unrecht tun würde, sie allein als Resultat jener Umstände zu begreifen. Der Sommer geht, Herbst und Winter kommen, und bald wieder, unvermeidbar …
Ein Jahr begleiten wir Leonie und ihre Umgebung. Wir sehen das Leben in elliptischen Episoden erzählt, dabei doch, als ständiger Begleiter und in schönster Form: das Leben mit der Literatur.