26.02.2026
76. Berlinale 2026

Das Festival der Dilettanten

Chronicles From the Siege
Schwere Last: Über diesen Film wird kaum geschrieben – bei uns schon! Chronicles From the Siege, Gewinner des »Perspectives«-Wettbewerbs
(Foto: Berlinale · Issaad Film Productions)

Die Berlinale braucht Empathie und Humanismus und Sensibilität und feine Unterschiede, sie braucht weniger Politik

Von Rüdiger Suchsland

»Es geht nicht um poli­ti­sche Filme, sondern darum, politisch Filme zu machen.«
– Jean-Luc Godard

Auf eine Kurz­formel gebracht könnte man die Berlinale so beschreiben: Politiker reden über Filme, Filme­ma­cher und Schau­spieler reden über Politik.

Damit ist eigent­lich schon alles gesagt, nicht nur über dieses Jahr. Versuchen es trotzdem etwas ausführ­li­cher.

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Die Berliner Film­fest­spiele, deren 76. Ausgabe am Wochen­ende zu Ende gingen, vermarktet sich selbst als explizit »poli­ti­sches Film­fes­tival«.
Das Etikett des poli­ti­schen Film­fes­ti­vals ist ein Label, das sich genau genommen nicht besonders klar von anderen unter­scheidet. Denn im Grunde ist es selbst­ver­s­tänd­lich, dass Filme immer politisch sind – nur die Berlinale tut so, als sei dies etwas Beson­deres. Aber wäre ein Film­fes­tival überhaupt denkbar, das sich umgekehrt explizit »unpo­li­tisch« nennt? In Zeiten öffent­li­cher Hyste­ri­sie­rung, Social-Media-Erregung und fort­wäh­rend plat­zender Filter­blasen fällt der Berlinale dieses Label aber nun zunehmend auf die Füße.

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Immer wieder schafft es die Berlinale, dass nicht über Filme geschrieben und gespro­chen wird, sondern über irgend­einen Polit-Quatsch, oder die Frage, wie politisch Filme sein sollen – sie schafft es, zu einer Film­ver­mei­dungs­ma­schine und Kultur­ver­mei­dungs­ma­schine zu werden. Viel­leicht ist das ja auch das heimliche Ziel der Berlinale: Dass niemand mehr über ihre Filme redet, weil die einfach zu schlecht sind.

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Beim Film­fes­tival von Cannes wäre das Meinungs­ge­blubber von Turn­pat­schen-You-Tubern wie Tilo Jung trotzdem schon nach zwei Tagen von allen vergessen worden, weil starke Filme für inter­es­san­teren Diskurs bestimmen. Bei der Berlinale gibt es hingegen nichts, was davon ablenkt.

Was daher am meisten stört, ist, dass die poli­ti­sche Debatte sowohl auf der Berlinale, wie in ihrer Rezeption kaum mit einer ästhe­ti­schen in Verbin­dung gebracht wird: Wenn die Berlinale ihre ganzen, durch post-struk­tu­ra­lis­ti­sche Theorien, Mini­ma­lismus und Pseudo-Poesie verklau­su­lierten Meinungs­filme ohne eigenes Erkennt­nis­in­ter­esse zeigt, ohne sie film­his­to­risch oder ästhe­tisch einzu­ordnen, ist es doch nur logisch, dass dann die von Film losgelösten politisch genannten Debatten kommen.

Den Zeitgeist mitab­zu­bilden, ist gut und richtig. Aber das kann nur Sinn machen, um damit einen Streit über den Zeitkern, über die geistige Situation der Epoche auszu­lösen, den das Festival dann moderiert und damit das Publikum über­rascht, nicht aber damit selbst über­for­dert ist.

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Inten­dantin Tricia Tuttle setzt Zeichen, sie redet über Meinungs­frei­heit und Diver­sität und Inklusion und den ganzen Kram. Das ist gut. Aber dann macht sie solche Fotos wie das, was jetzt gerade rum geht, und wenn Leute im Saal rufen »Free Gaza from Hamas« werden sie von Mode­ra­torin Désirée Nosbusch zurecht­ge­wiesen: Jetzt sei nicht die Zeit für Dialog.

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Das poli­ti­sche Grund­pro­blem ist, dass die Berlinale sich als diplo­ma­ti­sche »Plattform für alle« darstellt und sich um grund­sätz­liche Meinungen herum­drückt, aber in dieser pseudo-staats­män­ni­schen Attitüde nie souverän genug ist.

Die Berlinale verpasst ihre Chancen. Sie versam­melt viele Politiker, Beamte, Stake­holder in Berlin, weist ihnen aber die Rolle der Statisten zu: Sie flanieren über den Filmmarkt, werden mit Kreativen foto­gra­fiert oder bei Premieren begrüßt. Die also tatsäch­lich für Politik zuständig sind, werden zwar einge­laden und sind anwesend, sie werden aber in ihrer Verant­wor­tung, ihrem Beruf nie adres­siert. Der ganze deutsche Kultur­be­trieb und auch dieser inter­na­tio­nale linke Betrieb mag Politiker nicht, misstraut ihnen, aber hat vor allem Angst vor ihnen – in Zwei­fels­fall zu Recht, denn wenn sie sie adres­sieren würden, dann würde als erstes die eigene Blase platzen und sie müssen sich streiten, sie müssen ihre oft absurden Posi­tionen vertei­digen. Das ist für ein Festival, das behauptet, so politisch zu sein, schon komisch: Das Feld wird den Laien und Dilet­tanten über­lassen. Die Dilet­tanten der Kunst, die Politiker, geben auf dem roten Teppich grotesk ober­fläch­liche, rein geschmäck­le­ri­sche Ad-hoc-Inter­views zu ihren Lieb­lings­filmen oder dem Berlinale-Wett­be­werb. Und die Künstler dilet­tieren zu Politik: Regis­seure salbadern über Gaza, Schau­spieler über Mindest­lohn und Trump, alle über Klima­po­litik und Vega­nismus.

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Und die Inten­dantin Tricia Tuttle, müsste nun auch inhalt­lich konkret in die Verant­wor­tung genommen werden und gefragt, was sie denn mit »Palästina-Soli­da­rität« eigent­lich meint? Diese Ebene wird in all den Diskus­sionen aber bisher überhaupt nicht ange­spro­chen.

Was dabei völlig in Verges­sen­heit gerät, und das gilt für Tuttle wie für Wenders, wie für jeden Filme­ma­cher: Es gibt auch das Recht, die eigene Kunst von der Politik fern zu halten.

Dieser Gedanke sollte bei der Berlinale wieder eine stärkere Rolle spielen. Nicht Filme­ma­cher, die behaupten, Politik sei wichtiger als Kino.

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Die Berlinale braucht Empathie und Huma­nismus und Sensi­bi­lität und feine Unter­schiede, sie braucht weniger Politik, denn die Fixierung auf Politik schadet den Filmen und ihrer Wahr­neh­mung.