76. Berlinale 2026
Das Festival der Dilettanten |
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| Schwere Last: Über diesen Film wird kaum geschrieben – bei uns schon! Chronicles From the Siege, Gewinner des »Perspectives«-Wettbewerbs | ||
| (Foto: Berlinale · Issaad Film Productions) | ||
»Es geht nicht um politische Filme, sondern darum, politisch Filme zu machen.«
– Jean-Luc Godard
Auf eine Kurzformel gebracht könnte man die Berlinale so beschreiben: Politiker reden über Filme, Filmemacher und Schauspieler reden über Politik.
Damit ist eigentlich schon alles gesagt, nicht nur über dieses Jahr. Versuchen es trotzdem etwas ausführlicher.
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Die Berliner Filmfestspiele, deren 76. Ausgabe am Wochenende zu Ende gingen, vermarktet sich selbst als explizit »politisches Filmfestival«.
Das Etikett des politischen Filmfestivals ist ein Label, das sich genau genommen nicht besonders klar von anderen unterscheidet. Denn im Grunde ist es selbstverständlich, dass Filme immer politisch sind – nur die Berlinale tut so, als sei dies etwas Besonderes. Aber wäre ein Filmfestival überhaupt denkbar, das sich umgekehrt
explizit »unpolitisch« nennt? In Zeiten öffentlicher Hysterisierung, Social-Media-Erregung und fortwährend platzender Filterblasen fällt der Berlinale dieses Label aber nun zunehmend auf die Füße.
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Immer wieder schafft es die Berlinale, dass nicht über Filme geschrieben und gesprochen wird, sondern über irgendeinen Polit-Quatsch, oder die Frage, wie politisch Filme sein sollen – sie schafft es, zu einer Filmvermeidungsmaschine und Kulturvermeidungsmaschine zu werden. Vielleicht ist das ja auch das heimliche Ziel der Berlinale: Dass niemand mehr über ihre Filme redet, weil die einfach zu schlecht sind.
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Beim Filmfestival von Cannes wäre das Meinungsgeblubber von Turnpatschen-You-Tubern wie Tilo Jung trotzdem schon nach zwei Tagen von allen vergessen worden, weil starke Filme für interessanteren Diskurs bestimmen. Bei der Berlinale gibt es hingegen nichts, was davon ablenkt.
Was daher am meisten stört, ist, dass die politische Debatte sowohl auf der Berlinale, wie in ihrer Rezeption kaum mit einer ästhetischen in Verbindung gebracht wird: Wenn die Berlinale ihre ganzen, durch post-strukturalistische Theorien, Minimalismus und Pseudo-Poesie verklausulierten Meinungsfilme ohne eigenes Erkenntnisinteresse zeigt, ohne sie filmhistorisch oder ästhetisch einzuordnen, ist es doch nur logisch, dass dann die von Film losgelösten politisch genannten Debatten kommen.
Den Zeitgeist mitabzubilden, ist gut und richtig. Aber das kann nur Sinn machen, um damit einen Streit über den Zeitkern, über die geistige Situation der Epoche auszulösen, den das Festival dann moderiert und damit das Publikum überrascht, nicht aber damit selbst überfordert ist.
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Intendantin Tricia Tuttle setzt Zeichen, sie redet über Meinungsfreiheit und Diversität und Inklusion und den ganzen Kram. Das ist gut. Aber dann macht sie solche Fotos wie das, was jetzt gerade rum geht, und wenn Leute im Saal rufen »Free Gaza from Hamas« werden sie von Moderatorin Désirée Nosbusch zurechtgewiesen: Jetzt sei nicht die Zeit für Dialog.
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Das politische Grundproblem ist, dass die Berlinale sich als diplomatische »Plattform für alle« darstellt und sich um grundsätzliche Meinungen herumdrückt, aber in dieser pseudo-staatsmännischen Attitüde nie souverän genug ist.
Die Berlinale verpasst ihre Chancen. Sie versammelt viele Politiker, Beamte, Stakeholder in Berlin, weist ihnen aber die Rolle der Statisten zu: Sie flanieren über den Filmmarkt, werden mit Kreativen fotografiert oder bei Premieren begrüßt. Die also tatsächlich für Politik zuständig sind, werden zwar eingeladen und sind anwesend, sie werden aber in ihrer Verantwortung, ihrem Beruf nie adressiert. Der ganze deutsche Kulturbetrieb und auch dieser internationale linke Betrieb mag Politiker nicht, misstraut ihnen, aber hat vor allem Angst vor ihnen – in Zweifelsfall zu Recht, denn wenn sie sie adressieren würden, dann würde als erstes die eigene Blase platzen und sie müssen sich streiten, sie müssen ihre oft absurden Positionen verteidigen. Das ist für ein Festival, das behauptet, so politisch zu sein, schon komisch: Das Feld wird den Laien und Dilettanten überlassen. Die Dilettanten der Kunst, die Politiker, geben auf dem roten Teppich grotesk oberflächliche, rein geschmäcklerische Ad-hoc-Interviews zu ihren Lieblingsfilmen oder dem Berlinale-Wettbewerb. Und die Künstler dilettieren zu Politik: Regisseure salbadern über Gaza, Schauspieler über Mindestlohn und Trump, alle über Klimapolitik und Veganismus.
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Und die Intendantin Tricia Tuttle, müsste nun auch inhaltlich konkret in die Verantwortung genommen werden und gefragt, was sie denn mit »Palästina-Solidarität« eigentlich meint? Diese Ebene wird in all den Diskussionen aber bisher überhaupt nicht angesprochen.
Was dabei völlig in Vergessenheit gerät, und das gilt für Tuttle wie für Wenders, wie für jeden Filmemacher: Es gibt auch das Recht, die eigene Kunst von der Politik fern zu halten.
Dieser Gedanke sollte bei der Berlinale wieder eine stärkere Rolle spielen. Nicht Filmemacher, die behaupten, Politik sei wichtiger als Kino.
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Die Berlinale braucht Empathie und Humanismus und Sensibilität und feine Unterschiede, sie braucht weniger Politik, denn die Fixierung auf Politik schadet den Filmen und ihrer Wahrnehmung.