76. Berlinale 2026
Eisblumen der Hoffnung |
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| Kein Anlass für Trübnis in der Debütfilme-Reihe | ||
| (Foto: Thomas Willmann) | ||
Von Thomas Willmann
»Menschen sind resilient«, heißt es in Take Me Home. Und entpuppt sich da als eine durchaus zwiespältige Feststellung. Es ist grade die Hoffnung, dass seine Tochter es letztlich irgendwie verkraften wird, die in dem Film einem Vater Lizenz gibt zu einem drastischen Schritt. (Den wir hier nicht spoilern wollen.)
Darin war Liz Sargents Film durchaus symptomatisch für die »Perspectives«-Reihe der diesjährigen Berlinale: Die Debüt-Filmemachenden blicken keineswegs naiv, rosig auf und in die Welt. Aber sie bewahren sich fragile, komplexe Momente der Hoffnung.
Eine Insel der Zuversicht aber war der modifizierte Zusammenschluss aus »Perspektive Deutsches Kino« und Chatrians »Encounters« auf der arg winterlichen Berlinale 2026 zunächst schlicht in cineastischer Hinsicht. Letztes Jahr fand man auch hier noch einen ähnlich durchwachsenen Gemischtwarenladen wie beim »großen« Wettbewerb. Mit nur vereinzelt wirklich überzeugenden Werken vom Kaliber eines Little Trouble Girls. Das hat sich in diesem Jahrgang eklatant geändert.
Eine solche Dichte an überzeugenden, starken, lohnenden Filmen hat man lange in keiner Sektion der Berlinale erlebt. Und das durchwegs ohne den einschränkenden Nachklapp »für einen Erstling«. Ich habe zwei Drittel der »Perspectives«-Filme gesehen – und davon waren neun gut, und einer ein deutscher.
Der deutsche war ausgerechnet – wohl weil ein Kleines Fernsehspiel des Festival-Partners ZDF – zur Eröffnung der Reihe auserkoren. Man hätte Kai Stänickes Der Heimatlose vielleicht noch die Lidl-Dogville Inszenierung verziehen, den Stadttheater-Duktus. Wäre er in dem entscheidenden Aspekt eines Theaterstücks präzise und stimmig gewesen: der
Sprache. Doch da war alles schlimmstes, heutiges deutsches TV-Sprech, mit alle fünf Minuten einem eingestreuten archaisierenden Fitzlein als Kostüm. Bei einer Geschichte, die von einem konkreten Ort zu einer konkreten Zeit, die von Heimat erzählen sollte.
Und trotzdem war die Parallele interessant zu einem der wenigen starken Beiträge des Hauptwettbewerbs: Markus Schleinzers Rose. Der ebenfalls in Historien-Gewand von einem (Gerichts-)Prozess um Identität und
Zugehörigkeit handelte. Und der in jeder Hinsicht künstlerisch überlegen war. Bis auf sein bitteres Ende, das – wenngleich sehr überzeugend und elegant vorgetragen – sich dann doch nichts weiter vorstellen konnte als ein Ausstellen der Ausweglosigkeit. Wogegen in Der Heimatlose immerhin der interessantere Ansatz steckte zu einem Lehrstück darüber, dass ein solcher Prozess nicht einfach der Verurteilung dienen muss. Sondern der Gemeinschaft
zur Erfindung einer Wahrheit nützt, mit der alle irgendwie leben können.
»Keine Sorge, Du bist nicht depressiv. Das ist nur die Berlinale.« Verkündeten am ersten Festivalwochenende Plakate an Ampeln und Laternenmasten. Es war eine Werbung für deutsche Comedy-Videos auf YouTube – ich habe mir den Selbstversuch erspart, ob die wirklich die Stimmung gehoben hätten. So oder so war’s ein interessantes Zeichen für die Außenwahrnehmung: Die Berlinale scheint sich, berechtigt oder nicht, etabliert zu haben als Zerknirschtheits-Festpiele.
Da
herrscht die Vorstellung – ob nur in den Köpfen oder in den Kinosälen – von »sozialrealistischem« (oder wie man’s nennen mag) Kino vom alten Schlag: Kunst, die aus einer Warte der Überlegenheit, gar Überheblichkeit heraus sich des Schlechten in der Welt und im Menschen annimmt, um es auszustellen für ein Publikum, das man belehrungsbedürftig glaubt. Und welches sich selbst gefällt im Abnicken, wie schlimm doch alles ist.
Wenn nun jemand echten Grund hätte zur Verzweiflung, dann ja wohl die jüngeren Generationen, denen man eine Welt hingestellt hat mit wahrhaft düsteren... nun ja: Perspektiven.
Aber ausgerechnet die Debüts in den »Perspectives« zeigten einen anderen Zugang: Kunst nicht nur als Abbild der Welt (was sie, klarsichtig, durchaus ebenso waren). Sondern auch als Gegenbild. Als Möglichkeit, Entwürfe von Hoffnung zu skizzieren.
Animol von Ashley Walters etwa griff das Genre, die Anmutung eines klassischen, britischen Jugendknast-Dramas so nahtlos und intensiv auf, dass man sich früh auf ein gewohnt tragisches Ende vorbereitete. Auch gerade, als dann eine queere Romanze aufkeimt in dieser Welt der harten Fassaden, der teils geradezu psychopathisch gewalttätigen Maskulinität. Doch dann verblüfft der Film: Er hebelt das ganze Männlichkeits-Ding auf wunderbarste Weise aus. Macht wahrhaftig und unverlogen einen Ausweg auf aus dem Kreislauf der vorauseilenden Aggressivität zur Abwehr jeden Anscheins von Verwundbarkeit, Verletzlichkeit.
Den Wert von Kunst nicht in einer vermeintlichen Demaskierung der Verhältnisse zu verorten, sondern darin, dass sie (und sei’s utopisch) etwas Besseres denkbar macht: Das ist mindestens ebenso wahr, und recht eigentlich radikaler.
Und auf die Gefahr hin, zum leidigen Gehadere um die »politische« Berlinale beizutragen: Die »Perspectives«-Reihe demonstrierte zugleich, dass Kino fast zwangsläufig immer politisch ist, sobald es auch nur ansatzweise ein Weltbild hat. (Und
freilich indirekt auch dann, wenn grade nicht...) Dass es aber stark ist, nicht wenn es Thesen drischt, Parteipolitik betreibt. Sondern wenn es sich offen, wahrhaftig, grundsätzlich für die Menschen, für das menschliche Dasein unter gewissen Umständen interessiert.
Das trifft ironischerweise auch auf Chronicles From The Siege zu – den erwartbaren Preisträger der Reihe, mit dem erwartbaren Eklat bei der Preisverleihung. Zu der Diskussion um letzteren habe ich nichts Originelles beizutragen. Aber es sei erlaubt, sich davon nicht den Blick auf den Film selbst verstellen zu lassen. Der eben keineswegs ein Pamphlet ist. Sondern der universeller ergründet, was ein Zustand der Belagerung (im Film selber nie konkret verortet) mit Menschen anstellt. Und der dabei nur in seiner ersten Episode ein quälendes Dahinsterben, Siechen beobachtet. Dann aber (mitten durch ein Cinema Paradiso-Poster) in eine verlassene Videothek einbricht, sich in Relikten einer globalen Filmkultur verschanzt. Von dort zu einem heimlichen Rendezvous schleicht, bei dem Maßnahmen gegen ejaculatio praecox Folgen haben, die scharf an der Boulevardkomödie vorbeischrammen. Um in vollem Panikmodus in einer überforderten Notfallklinik zu enden. Es ist das Panorama einer Ausnahmesituation, einer existenziellen Absurdität, in der von Entmenschlichung bis zur unverhofften Humanität alles anzutreffen ist.
Ich war auch fast enttäuscht, als im Abspann von Juan Pablo Sallatos Hangar rojo klar wurde, dass es sich um die Adaption einer realen Biographie handelt. So wenig mutet der Film an wie ein übliches historisches Biopic. Im Zentrum steht Jorge Silva, der eine Ausbildungsstätte der Luftwaffe leitet, als in Chile 1973 der Militärputsch ausbricht. Silva hat sich immer, und unter wechselnden Regimen, seinem Schwur als gehorsamem Befehlsempfänger verpflichtet
gegeben. Doch dass er seinen Stützpunkt zum Foltercamp für Junta-Feinde umbauen soll, bringt dieses Lebensprinzip an seinen Knackpunkt.
Dem Film gelingt es, dies nicht zum Thesenstück zu machen. Sondern einen mit dezidierter (schwarzweißer) Bildsprache gleichsam in die Innenperspektive zu versetzen. Und ein Stück weit die Antwort taumelnd durchleben zu lassen auf die Frage, die dem Ex-Fallschirmspringer-Helden Silva immer wieder gestellt wird: Wie fühlt es sich an, aus solch
großer Höhe zu fallen?
Die Kunst dieser Filme lag darin, durchaus eine klare Sicht auf die Welt und die Menschen zu haben, eine grundsätzliche Haltung – aber nicht sogleich den Riegel einer »Botschaft«, eines (Vor-)Urteils vorzuschieben.
Was hätte sonst nicht alles schief gehen können etwa bei Truly Naked! Einem Film über einen Teenager, dessen Job neben der Schule Kameramann ist – in der Ein-Mann-Pornoproduktionsfirma seines verwitweten Vaters. Doch Muriel d’Ansembourg gelingt das Wunder, keine der Figuren zu denunzieren, feministisch und sex-positiv zu sein, die Probleme des Sex-Business zu zeigen, ohne es zu verteufeln. Und dabei eine Besetzung zu haben, der sie so fein und filigran die kleinste innere Regung ablauschen kann, dass es äußerlich nie die großen, dramaturgischen Eskalationen braucht. Es ist ein Film, der auf liebevollste Weise von der Emanzipation eines Sohns von seinem Vater, von einer ersten Liebe in einer von Abbildern der Sexualität saturierten Welt erzählt. Der aber auch plötzlich eine unglaubliche Nummer mit einem Oktopus aus dem Hut zaubert. Und in all dem auch noch reflektiert umgeht mit dem Medium Kino, dessen Grundimpuls nunmal ist: Schaulust.
Die »Perspectives« 2026 hatten das, was dem Berlinale-Hauptwettbewerb in seinem fatalen Mittelmaß seit geraumer Zeit immer mehr abgeht: Die Frische und Dringlichkeit von Ersten Werken – verbunden jedoch mit einer erstaunlichen künstlerischen Reife, individuellen Handschrift.
Beides am ausgeprägtesten in Rafael Manuels Filipiñana. Der einen Golfplatz zum Tableau der philippinischen Gegenwart macht. Mit einem großartigen Blick fürs Absurde und Ironische in seinen endlos tiefenscharfen, wunderbar arrangierten 4:3-Kameragemälden. In denen nie das eigentliche Golfspiel zu sehen, sondern der Fokus auf die »Tee-Girls« gerichtet ist, die den reichen Clubmitgliedern die Bälle parat legen. Bei aller gesellschaftlichen Allegorie aber ist es doch ein Film voller Seltsamkeit, Mysterium. Es gibt Musikeinlagen. Gibt Dürre und das Wasser als Leitmotiv. Kinder verschwinden. Bäume verdursten – und auf Tiefladern steht schon der ausgewachsene Ersatz parat, um ins Bild gefahren und eingepflanzt zu werden...
Es war ein großes »Trotz alledem« zu spüren in diesen Debütfilmen. Vielleicht gerade, weil es solch ein absurdes Unterfangen scheinen kann, in dieser Welt überhaupt noch Kunst zu machen. Und dazu noch in einem Medium, das sich selbst in einem permanenten Rückzugsgefecht befindet, auf mitunter fast aussichtslos erscheinendem Posten.
Was Xu Zhaos Han Ye Deng Zhu wunderschön illustrierte. Ein Film, der zunächst scheinbar vom Ende des Kinos, vom Sterben der
Illusionskunst handelt: Schauplatz ist ein dahinsiechendes traditionelles Filmstudio. Seine kärgliche, verbliebene Belegschaft vereinsamt und, wie der Tonfall des Films, so ergeben in eine totale Traurigkeit, dass da kein Greinen, Aufbegehren, Schmerzensstechen mehr ist. Der Trost, den einer der Angestellten in einer VR-Welt sucht, entpuppt sich auf der Plot-Ebene auch als purer Betrug. Doch: Während die Realität in klassischer 2D-Animation gezeichnet ist, springt der Film
fürs »Virtuelle« in Realfilm, mit Handkamera und viel Filmkorn gedreht – körperlich, vital, »wirklich«. Ein Plädoyer dafür, dass es doch auch ein wahres Leben gibt im falschen...
Am nähesten an purer Apokalyptik war nur ausgerechnet das eine Genre-Stück: Dara Van Dusens Epidemie-Western A Prayer For The Dying nach Stewart O’Nan. Aber das derart delirierend visionär, dass es schon wieder Lust am Untergang machte.
Und just der Film, der es am Ende etwas übertrieb mit der Hoffnung, der umkippte in einen farbgesättigten Werbespot für eine Betreutes Wohnen-Gemeinschaft, durfte den größten Anspruch erheben, darin dokumentarisch
zu sein: Die Hauptrolle der Adoptivtochter mit einer kognitiven Behinderung wird in Take Me Home von der Schwester der Regisseurin dargestellt, als fiktionalisiertes Selbstportrait. Obwohl der Film die volle, klassische »Problemfilm«-Palette auffährt – Behinderung, Adoption, Demenz, Rassismus, Tod, das kaputte US-Gesundheitssystem –, ist er getragen von Zuversicht. Von den Momenten der kleinen, stillen, liebevollen Menschlichkeit. Und
das eben, weil die Regisseurin sich das ihrem eigenen, realen Leben abgeschaut hat.
Für die Menschheit gibt’s eh keine Hoffnung mehr. Aber die Menschen, so als Leute, sind manchmal überraschend okay...