76. Berlinale 2026
Jung und naiv |
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| Die Nummer 1 des »Filmquartett«-Podcasts im Wettbewerb: Angela Schanelecs Meine Frau weint | ||
| (Foto: Berlinale · Blue Monticola Film) | ||
Von Dunja Bialas
Das politischste aller Festivals. Das soll einmal die Berlinale gewesen sein, unter Kosslick zumal, in dessen Wettbewerb immer die Filme aus dem Iran gewannen. Drei Filme waren das innerhalb eines Jahrzehnts. 2011 Asghar Farhadi mit Nader und Simin, 2015 Jafar Panahi mit Taxi Teheran und 2020, Kosslick war da schon weg, Mohammad Rasoulof mit Doch das Böse gibt es nicht. »Politisch« erschien die Berlinale auch, weil meist Dokumentarfilme gewannen, wenn sie im Wettbewerb liefen: 2016 Gianfranco Rosis Fuocoammare, 2023 Nicolas Philiberts Sur l’Adamant und ein Jahr später Dahomey von Mati Diop. Man könnte auch noch den hybriden Touch Me Not von Adina Pintilie dazunehmen, der 2018 gewann. Das macht aber nur einen Bruchteil der seit 2001 ausgezeichneten Filme aus.
Ist das mit dem politischen Festival vielleicht nur eine gefühlte Wahrheit? Eine, die von den berichterstattenden Filmkritikern mantramäßig wiederholt wurde, wenn sie etwas an der Berlinale kritisieren wollten?
Die Berlinale habe Solidarität mit den Menschen im Iran und in der Ukraine gezeigt, aber niemals mit jenen in Palästina, stellte nun der Polit-Journalist Tilo Jung auf einer Pressekonferenz mit der Berlinale-Jury fest. »Die Bundesregierung unterstützt den Genozid in Gaza«, lautete seine provokante Formulierung, gleichzeitig sei sie Hauptförderer der Berlinale – womit Jung nach allen Regeln der Kunst einen Zusammenhang zwischen der staatlichen Kulturförderung und der bundesdeutschen Auslandspolitik in den Raum stellte. Und wollte, dass sich die Jurymitglieder zur »selektiven Behandlung der Menschenrechte« (»selective treatment of human rights«) äußern. »I think we also want to talk about films«, grätschte Tricia Tuttle als Moderatorin ungeschickt hinein. »Does the jury want to answer?«
Die polnische Filmproduzentin Ewa Puszczynska fand: »Asking us this question is a little bit unfair.« – »We cannot enter the field of politics«, formulierte dann Wenders, dessen Filmschaffen vordergründig selten politisch war, der aber auch schon für das Auswärtige Amt einen Beitrag geliefert hatte. »We have to stay out of politics. … We are the counterweight of politics, we are the opposite.«
In Die Schlüssel zur Freiheit, zu sehen auf dem Youtube-Kanal des Auswärtigen Amts, sagt Wenders am Ende des Films: »80 Jahre nach der Befreiung unseres Kontinents begreifen wir Europäer wieder, dass Frieden nicht selbstverständlich ist. Es liegt jetzt an uns, die Schlüssel zur Freiheit selbst in die Hand zu nehmen.« Ein eindeutig politisches Statement. Was passiert hier?
Jung hatte eine Tür aufgestoßen, die die Berlinale unbedingt geschlossen halten wollte. Auf die Äußerungen von Wenders folgte ein offener Protestbrief von über 80 Filmschaffenden in »Variety«, darunter Javier Bardem, Tilda Swinton und Lukas Dhont, Miguel Gomes und Avi Mograbi, mit Zensurvorwürfen an die Berlinale. Der Sprecher der Bundesregierung sprach wenig später davon, dass Jung der Berlinale »geschadet« habe. Und auf den Filmpressekonferenzen wurde zum roten Faden – oder Running Gag – die Bitte seitens des Journalisten, die anwesenden Regisseurinnen und Regisseure, Schauspielerinnen und Schauspieler mögen sich doch bitte zum politischen Impakt von Filmen äußern. Ethan Hawke und Neil Patrick Harris antworteten brav.
Erstaunlich, dass die Leiterin des angeblich politischsten aller Festivals, auf der Jury-Pressekonferenz keinen Satz zum Israel-Palästina-Konflikt oder zu Zensur-Vorwürfen parat hatte, die seit 2024 aus dem Umfeld von »Strike Germany« in Richtung Deutschland formuliert werden. Anstatt sich mit einer vorbereiteten, offiziellen Position vor die Jury zu stellen, reichte die Festivalleiterin die Frage weiter. Auch das war ein wenig unfair.
Vor allem aber zeigte die Berlinale: Sie ist unfassbar naiv. Es war naiv zu glauben, sie könne durch das Nichtthematisieren des Israel-Palästina-Konflikts diesen aus dem Festival heraushalten. Als hätte man den Vorfall bei der Pressekonferenz nicht antizipieren können. Schließlich hatten doch bei der Preisverleihung 2024 Bären-Gewinner mit Stop-Genozid-Schildern auf dem Rücken und Palästinensertüchern um die Schultern die damalige Berlinale-Leitung provoziert. Und schon damals wusste die völlig unvorbereitete Moderatorin nicht, wie reagieren. Und dies, obwohl zuvor schon Festivals wie Oberhausen oder die IDFA zum unfreiwilligen Aktivistenaustragungsort im Israel-Palästina-Konflikt geworden waren. Nicht zuletzt steht Deutschland im internationalen Feld mit seiner Haltung ziemlich allein da. Auch deshalb hätte ein internationales Festival auf das Thema vorbereitet sein müssen.
Das Statement der Berlinale kam dann erst zwei Tage später und wand sich mit vielen Verdrehungen aus dem Konflikt – und enthielt sich letztlich einer politischen Position: »Künstlerinnen und Künstler sind frei, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung so auszuüben, wie sie selbst entscheiden. (…) Ebenso sollte nicht vorausgesetzt werden, dass sie zu jedem politischen Thema Stellung nehmen, das an sie herangetragen wird. Es sei denn, sie möchten es.«
Ausgerechnet unser Autor Rüdiger Suchsland forderte dann in der »Kulturzeit«, die Liste der bei der Berlinale akkreditierten Journalisten zu überprüfen. Bei allem Respekt insinuiert dies eine Praxis, wie sie derzeit in den USA an der Tagesordnung ist. Wer unbequeme Fragen stellt, fliegt raus?
Die Frage von Tilo Jung war berechtigt und hat etwas losgetreten, worüber alle schweigen wollten. Eine solche Frage bei einer Pressekonferenz an ein von der Berlinale berufenes Organ zu stellen, ist ebenfalls berechtigt. Die Frage Filmschaffenden im Anschluss an ihre Filmpremieren zu stellen, ist deplatziert und lachhaft. Als Filmkritiker eine Überprüfung der Akkreditierungen zu fordern, richtet sich gegen die Freiheit der Presse, zündelt mit der Zensur und setzt den eigenen Status aufs Spiel.
Ebenso gefährlich ist es aber, sich als Politikjournalist zu einzelnen Filmen zu äußern und sie in völliger Unkenntnis ästhetisch zu entwerten, wie dies Tilo Jung im Anschluss an die Wettbewerbs-Premiere von Angela Schanelecs Meine Frau weint in einem Post auf X tat (»Tiefpunkt der 76-jährigen Festivalgeschichte?«). Immerhin schrieb er auch: »Hoffentlich habe ich einfach keine Ahnung von Kunst.« Das können wir ihm hiermit gerne bescheinigen und bitten darum, einfach nicht mehr von den Filmen der Berlinale zu berichten (Tiefpunkt auf Tilo Jungs Youtube-Kanal »Jung & Naiv«!).
Unbequeme, politische Fragen an die Leitung zu stellen hingegen: Das muss sein.