21.02.2026
76. Berlinale 2026

Jung und naiv

Meine Frau weint
Die Nummer 1 des »Filmquartett«-Podcasts im Wettbewerb: Angela Schanelecs Meine Frau weint
(Foto: Berlinale · Blue Monticola Film)

Wie ein Polit-Journalist eine unvorbereitete Berlinale und einen ganzen Nerv traf, und warum die Berlinale das unpolitischste aller Festivals ist

Von Dunja Bialas

Das poli­tischste aller Festivals. Das soll einmal die Berlinale gewesen sein, unter Kosslick zumal, in dessen Wett­be­werb immer die Filme aus dem Iran gewannen. Drei Filme waren das innerhalb eines Jahr­zehnts. 2011 Asghar Farhadi mit Nader und Simin, 2015 Jafar Panahi mit Taxi Teheran und 2020, Kosslick war da schon weg, Mohammad Rasoulof mit Doch das Böse gibt es nicht. »Politisch« erschien die Berlinale auch, weil meist Doku­men­tar­filme gewannen, wenn sie im Wett­be­werb liefen: 2016 Gian­franco Rosis Fuoco­ammare, 2023 Nicolas Phili­berts Sur l’Adamant und ein Jahr später Dahomey von Mati Diop. Man könnte auch noch den hybriden Touch Me Not von Adina Pintilie dazu­nehmen, der 2018 gewann. Das macht aber nur einen Bruchteil der seit 2001 ausge­zeich­neten Filme aus.

Ist das mit dem poli­ti­schen Festival viel­leicht nur eine gefühlte Wahrheit? Eine, die von den bericht­erstat­tenden Film­kri­ti­kern mantramäßig wieder­holt wurde, wenn sie etwas an der Berlinale kriti­sieren wollten?

Die Berlinale habe Soli­da­rität mit den Menschen im Iran und in der Ukraine gezeigt, aber niemals mit jenen in Palästina, stellte nun der Polit-Jour­na­list Tilo Jung auf einer Pres­se­kon­fe­renz mit der Berlinale-Jury fest. »Die Bundes­re­gie­rung unter­s­tützt den Genozid in Gaza«, lautete seine provo­kante Formu­lie­rung, gleich­zeitig sei sie Haupt­för­derer der Berlinale – womit Jung nach allen Regeln der Kunst einen Zusam­men­hang zwischen der staat­li­chen Kultur­för­de­rung und der bundes­deut­schen Auslands­po­litik in den Raum stellte. Und wollte, dass sich die Jury­mit­glieder zur »selek­tiven Behand­lung der Menschen­rechte« (»selective treatment of human rights«) äußern. »I think we also want to talk about films«, grätschte Tricia Tuttle als Mode­ra­torin unge­schickt hinein. »Does the jury want to answer?«

Die Jour­na­listen-Frage: Ein wenig unfair

Die polnische Film­pro­du­zentin Ewa Puszc­zynska fand: »Asking us this question is a little bit unfair.« – »We cannot enter the field of politics«, formu­lierte dann Wenders, dessen Film­schaffen vorder­gründig selten politisch war, der aber auch schon für das Auswär­tige Amt einen Beitrag geliefert hatte. »We have to stay out of politics. … We are the coun­ter­weight of politics, we are the opposite.«

In Die Schlüssel zur Freiheit, zu sehen auf dem Youtube-Kanal des Auswär­tigen Amts, sagt Wenders am Ende des Films: »80 Jahre nach der Befreiung unseres Konti­nents begreifen wir Europäer wieder, dass Frieden nicht selbst­ver­s­tänd­lich ist. Es liegt jetzt an uns, die Schlüssel zur Freiheit selbst in die Hand zu nehmen.« Ein eindeutig poli­ti­sches Statement. Was passiert hier?

Jung hatte eine Tür aufge­stoßen, die die Berlinale unbedingt geschlossen halten wollte. Auf die Äuße­rungen von Wenders folgte ein offener Protest­brief von über 80 Film­schaf­fenden in »Variety«, darunter Javier Bardem, Tilda Swinton und Lukas Dhont, Miguel Gomes und Avi Mograbi, mit Zensur­vor­würfen an die Berlinale. Der Sprecher der Bundes­re­gie­rung sprach wenig später davon, dass Jung der Berlinale »geschadet« habe. Und auf den Film­pres­se­kon­fe­renzen wurde zum roten Faden – oder Running Gag – die Bitte seitens des Jour­na­listen, die anwe­senden Regis­seu­rinnen und Regis­seure, Schau­spie­le­rinnen und Schau­spieler mögen sich doch bitte zum poli­ti­schen Impakt von Filmen äußern. Ethan Hawke und Neil Patrick Harris antwor­teten brav.

Erstaun­lich, dass die Leiterin des angeblich poli­tischsten aller Festivals, auf der Jury-Pres­se­kon­fe­renz keinen Satz zum Israel-Palästina-Konflikt oder zu Zensur-Vorwürfen parat hatte, die seit 2024 aus dem Umfeld von »Strike Germany« in Richtung Deutsch­land formu­liert werden. Anstatt sich mit einer vorbe­rei­teten, offi­zi­ellen Position vor die Jury zu stellen, reichte die Festi­val­lei­terin die Frage weiter. Auch das war ein wenig unfair.

Die Berlinale: Politik-Naivität

Vor allem aber zeigte die Berlinale: Sie ist unfassbar naiv. Es war naiv zu glauben, sie könne durch das Nicht­the­ma­ti­sieren des Israel-Palästina-Konflikts diesen aus dem Festival heraus­halten. Als hätte man den Vorfall bei der Pres­se­kon­fe­renz nicht anti­zi­pieren können. Schließ­lich hatten doch bei der Preis­ver­lei­hung 2024 Bären-Gewinner mit Stop-Genozid-Schildern auf dem Rücken und Paläs­ti­nen­ser­tüchern um die Schultern die damalige Berlinale-Leitung provo­ziert. Und schon damals wusste die völlig unvor­be­rei­tete Mode­ra­torin nicht, wie reagieren. Und dies, obwohl zuvor schon Festivals wie Ober­hausen oder die IDFA zum unfrei­wil­ligen Akti­vis­ten­aus­tra­gungsort im Israel-Palästina-Konflikt geworden waren. Nicht zuletzt steht Deutsch­land im inter­na­tio­nalen Feld mit seiner Haltung ziemlich allein da. Auch deshalb hätte ein inter­na­tio­nales Festival auf das Thema vorbe­reitet sein müssen.

Das Statement der Berlinale kam dann erst zwei Tage später und wand sich mit vielen Verdre­hungen aus dem Konflikt – und enthielt sich letztlich einer poli­ti­schen Position: »Künst­le­rinnen und Künstler sind frei, ihr Recht auf freie Meinungs­äuße­rung so auszuüben, wie sie selbst entscheiden. (…) Ebenso sollte nicht voraus­ge­setzt werden, dass sie zu jedem poli­ti­schen Thema Stellung nehmen, das an sie heran­ge­tragen wird. Es sei denn, sie möchten es.«

Ausge­rechnet unser Autor Rüdiger Suchsland forderte dann in der »Kultur­zeit«, die Liste der bei der Berlinale akkre­di­tierten Jour­na­listen zu über­prüfen. Bei allem Respekt insi­nu­iert dies eine Praxis, wie sie derzeit in den USA an der Tages­ord­nung ist. Wer unbequeme Fragen stellt, fliegt raus?

Die Frage von Tilo Jung war berech­tigt und hat etwas losge­treten, worüber alle schweigen wollten. Eine solche Frage bei einer Pres­se­kon­fe­renz an ein von der Berlinale berufenes Organ zu stellen, ist ebenfalls berech­tigt. Die Frage Film­schaf­fenden im Anschluss an ihre Film­pre­mieren zu stellen, ist deplat­ziert und lachhaft. Als Film­kri­tiker eine Über­prü­fung der Akkre­di­tie­rungen zu fordern, richtet sich gegen die Freiheit der Presse, zündelt mit der Zensur und setzt den eigenen Status aufs Spiel.

Keine Ahnung von Kunst

Ebenso gefähr­lich ist es aber, sich als Poli­tik­jour­na­list zu einzelnen Filmen zu äußern und sie in völliger Unkenntnis ästhe­tisch zu entwerten, wie dies Tilo Jung im Anschluss an die Wett­be­werbs-Premiere von Angela Scha­nelecs Meine Frau weint in einem Post auf X tat (»Tiefpunkt der 76-jährigen Festi­val­ge­schichte?«). Immerhin schrieb er auch: »Hoffent­lich habe ich einfach keine Ahnung von Kunst.« Das können wir ihm hiermit gerne beschei­nigen und bitten darum, einfach nicht mehr von den Filmen der Berlinale zu berichten (Tiefpunkt auf Tilo Jungs Youtube-Kanal »Jung & Naiv«!).

Unbequeme, poli­ti­sche Fragen an die Leitung zu stellen hingegen: Das muss sein.