20.11.2025

Grenzgänge aus Lateinamerika beim 74. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Bajo las banderas, el sol
Bajo las banderas, el sol von Juanjo Pereira
(Foto: Berlinale)

Lateinamerikanische Beiträge beim Filmfest Mannheim-Heidelberg stellen das Politische auf unterschiedliche Weise in den Fokus. In den Filmen wird dabei kreativ mit Archivmaterial gearbeitet, was sie zu Grenzgängen zwischen Fiktion, Dokumentation und Experiment macht

Von Wolfgang Lasinger

In der Newcomer-Sektion On the rise, in der durchweg Deutsch­land­pre­mieren laufen, waren zwei latein­ame­ri­ka­ni­sche Filme zu sehen. Cuerpo celeste aus Chile ist der zweite Spielfilm von Nayra Ilic García. Sie verknüpft eine drama­ti­sche Coming-of-Age-Geschichte mit einer einschnei­denden Phase der Historie des Landes Chile. Die Familie der 15-jährigen Celeste verbringt mit Verwandten und Freunden den Jahres­wechsel 1989/1990 an der Küste der Atacama-Wüste. Es ist der Jahres­wechsel des Umbruchs von der Herr­schaft des Diktators Pinochet zur Demo­kratie. Bei Pinochets Ansprache zum Jahres­ende schalten die Feiernden dann lieber das Radio aus. Sie wollen sich davon nicht die gute Laune verderben lassen. Für Celeste wird aber dann der tragische Verlust des Vaters durch einen plötz­li­chen Herztod schwerer wiegen als die poli­ti­schen Umbrüche, die mit Pinochets Abgang dem Land ins Haus stehen. Die Regis­seurin verschränkt auf deutliche Weise den zaghaften Beginn der Aufar­bei­tung der Diktatur mit der Trau­er­ar­beit, die Celeste belastet. Insbe­son­dere die schwie­rige Beziehung zu ihrer Mutter macht ihr zu schaffen. Der Vater Celestes war als Paläologe mit Ausgra­bungen in der Wüste beschäf­tigt. Die Erin­ne­rungen, die Celeste an die Tätigkeit des Vaters hat, über­schneiden sich auf unheim­liche Weise mit Grabungen, die von der Polizei im Zusam­men­hang mit der Forschung nach verschwun­denen Regime­geg­nern einge­leitet werden. Infor­ma­tionen dazu enthalten die Erwach­senen Celeste vor, auch zu den geheim­nis­vollen Markie­rungen, die der Vater einst in der Land­schaft ange­bracht hat, wollen die Mutter und die Tante ihr gegenüber nichts preis­geben.

Die Bild­ge­stal­tung von Sergio Armstrong (der etwa bei Pablo Larraíns El Club, Neruda oder Ema Kamera führte) vermag mit beein­dru­ckenden Natur­auf­nahmen der Atacama-Wüste die manchmal bemüht wirkende symbo­li­sche Aufladung des Plots abzu­fe­dern. Sein großartig gefilmter Ster­nen­himmel in der Sylves­ter­nacht lässt die mit dem Namen der Haupt­figur verbun­dene tiefere Bedeutung der Himmels­körper hinter der visuellen Leucht­kraft verschwinden.

Andere Motive aller­dings, wie die angekün­digte Sonnen­fins­ternis, auf die sich die Figuren des Films mehrfach beziehen, wirken etwas aufge­setzt. Die verschie­denen Linien, mit denen die Coming-of-Age-Thematik mit der poli­ti­schen Geschichte in Bezug gebracht werden, sind in ihrer Sugges­ti­vität dann eher Behaup­tung. Dabei hätten etwa die Video-Aufnahmen, die der Vater machte und die als Kontrast­bilder dazwi­schen geschnitten werden, die Fiktion auf inter­es­sante Weise aufbre­chen können, wenn sie nicht nur als Erin­ne­rungs­im­pres­sionen der Tochter einge­setzt worden wären.

Genau eine solche Konfron­ta­tion zwischen Fiktion und Archiv­ma­te­rial macht der Kolum­bianer Tomás Corredor zum Dreh- und Angel­punkt in seinem Debütfilm Noviembre. Er stellt ein Ereignis aus der jüngeren kolum­bia­ni­schen Vergan­gen­heit in den Mittel­punkt. 35 Revo­lu­ti­onäre der Gueril­la­truppe M-19 (die sich wiederum auf Irre­gu­la­ri­täten bei den Präsi­dent­schafts­wahlen vom 19. April 1970 bezieht) besetzten am 6. November 1985 den Justiz­pa­last in Bogotá, um die Regierung zu Verhand­lungen zu bringen. Sie nahmen Geiseln im Gebäude und verschanzten sich darin, während es die Armee von außen mit Panzern und Artil­lerie unter Beschuss nahm.

Corredors Film wagt den Spagat zwischen dem authen­ti­schen Archiv­ma­te­rial und einer fiktio­nalen Ausge­stal­tung der histo­ri­schen Ereig­nisse. Die Aufnahmen von der Armee, die vor dem Justiz­pa­last aufmar­schierte, stammen aus diversen Nach­rich­ten­sen­dungen und Repor­tagen. Sie doku­men­tieren eine Außen­sicht der Ereig­nisse: unscharfe, verschwom­mene, von schlechten Beleuch­tungs­ver­hält­nissen geprägte Fernseh- und Video­bilder, die den Stempel des Authen­ti­schen tragen. Diese in ihrer Opazität faszi­nie­renden Einstel­lungen geben den Takt vor: sie rhyth­mi­sieren den Film und steigern mit ihrem unab­weis­baren Reali­täts­ef­fekt die Inten­sität. Soldaten und Panzer, die Schüsse abfeuern, eins­tür­zendes Gemäuer und brennende Gebäu­de­teile – so steht statt­ge­habte Geschichte vor unseren Augen, aus dem Archiv heraus­ge­holt, erratisch, frag­men­ta­risch, parti­kulär. Das bedarf natürlich der Einord­nung und der Kontex­tua­li­sie­rung.

Die von Corredor als Ergänzung dazu insze­nierten Sequenzen versetzen uns in das Innen des beschos­senen Palasts, genau genommen in nur einen Raum. In die Toilette in einem Zwischen­ge­schoss, die zum Rück­zugs­raum einiger Gueril­leros und ihrer Geiseln wird: die unter Druck stehenden, teilweise verletzten Revo­lu­ti­onäre, deren Coup nicht in der geplanten Weise glatt läuft, und eine hete­ro­gene Menge von Gefan­genen: Richter und Mitglieder des Staats­rats, aber auch Ange­stellte, Putz­kräfte und Kanti­nen­per­sonal. Corredor gestaltet das als beklem­menden Huis-clos, der mit dras­ti­schen Effekten aufge­heizt wird: aufge­regtes Geschrei, Einschläge von Geschossen, herab­stür­zende Decken, persön­liche Ausein­an­der­set­zungen – sowohl die Revo­lu­ti­onäre als auch die Richter und die Ange­stellten bekommen in Ansätzen mensch­liche Gesichter, die im Kontrast zu den anonymen Aufnahmen der Repor­tagen stehen. Aller­dings bleibt die fiktio­nale Auffül­lung der Lücken und Leer­stellen, die das Archiv­ma­te­rial ausweist, zu sehr in einer Art Exploita­tion befangen. Sie wirken in ihrer aufge­wühlten Dramatik speku­lativ. Hier scheinen dann doch einige Produc­tion Values durch­zu­schlagen. Immerhin ist der Film von MGM / Amazon produ­ziert und platziert Stars wie Natalia Reyes. Die mensch­li­chen, privat-persön­li­chen Aspekte der invol­vierten Akteure und Akteu­rinnen kommen aber über die üblichen Stereo­typen nicht hinaus. Insbe­son­dere der Aufweis der Wider­sprüche in den revo­lu­ti­onären Posi­tionen, die bei ihrer bewaff­neten Inter­ven­tion auch jene zu Opfern macht, für deren Befreiung sie eigent­lich zu agieren behaupten, wirkt wie eine Platitüde. Eine tatsäch­lich doku­men­ta­risch-essay­is­ti­sche Aufar­bei­tung der für Kolumbien gravie­renden Episode in jenem November 1985 hätte hier womöglich weiter­ge­führt.

Juanjo Pereira aus Paraguay verlässt sich in seinem Film Bajo las banderas, el sol ganz und gar auf Archiv­ma­te­rial. Der Film, der seine Welt­pre­miere im Panorama auf der dies­jäh­rigen Berlinale im Februar hatte, war in Mannheim-Heidel­berg in der Sektion »Film­scapes« unter­ge­bracht, die heraus­ra­gende Filme jenseits der Kern­ru­briken »On the Rise« und »Pushing the Boun­da­ries« versam­melt.

Pereira befasst sich mit Alfredo Stroessner (1902-2006), der sich in Paraguay 1954 als Offizier der Armee an die Macht putschte. Die wusste er sich bis 1989 zu erhalten, durch strikte Kontrolle, Ausschal­tung poli­ti­scher Gegner und massive Beein­flus­sung der Öffent­lich­keit, sodass die Alibi­wahlen ihm Siege mit 80% Stim­men­an­teil einbrachten. So brachte es Stroessner zu dem Titel des am längsten an der Macht geblie­benen Diktators in Latein­ame­rika.

Pereira wählt eine doku­men­ta­ri­sche Form, die man als essay­is­tisch und expe­ri­men­tell charak­te­ri­sieren kann. Er verwendet (bis auf einige Aufnahmen am Ende des Films, die Reste des bis auf die Schuhe demon­tierten Stroessner-Denkmals in Asunción, der Haupt­stadt Paraguays, zeigen) Material, das er in lang­wie­riger Recherche in Archiven der ganzen Welt ausfindig machte. In Paraguay selbst waren kaum Zeugnisse erhalten.

Pereiras Verfahren ist durchaus radikal, er verwendet keinerlei erklä­rende Tafeln oder vom Filme-Macher verant­wor­tete Voice-Over-Kommen­tare: das Material spricht ganz für sich. Wenn es Sprecher-Stimmen gibt, dann sind es die des Ausgangs­ma­te­rials, etwa fran­zö­si­sche und ameri­ka­ni­sche Repor­tagen oder Nach­rich­ten­sen­dungen, die sich mit Stroessner zu dessen Lebzeiten befassten. Montage und Bear­bei­tung des Materials weisen dabei immer wieder expe­ri­men­telle Züge auf, graphi­sche Verfrem­dungen, Zeitlupe, rückwärts laufende Bilder, Sound­ef­fekte.

So werden auch einige propa­gan­dis­ti­sche Film­aus­schnitte gegen den Strich gebürstet, um das geschönte Selbst­bild des relativ unbe­kannten Stroessner-Regimes bloß­zu­legen, das auch geflüch­teten Nazis (wie etwa dem KZ-Arzt Mengele) zeitweise Unter­schlupf gewährte. Vor allem bringt Pereira mit seinem Film Paraguay auf die kine­ma­to­gra­phi­sche Landkarte, auf der es nur spärlich vertreten ist. Er knüpft dabei an das Werk von Paz Encina an, die in ihrem poeti­schen Filmessay Ejer­ci­cios de Memoria 2016 eine erste Aufar­bei­tung der Stroessner-Herr­schaft versuchte. Sie bezog sich auf den indi­vi­du­ellen Fall eines vom Geheim­dienst verschleppten und umge­brachten Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­kers. Pereira gelingt nun eine Art Rönt­gen­auf­nahme des gesamten Regimes und seines Apparates.