27.11.2025

Blick in die Zukunft

Funeral Casino Blues
Funeral Casino Blues: Ungewöhnlich atmosphärisches deutsches Kino
(Foto: eksystent)

Das 74. internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg zeigt in konzentrierter und hochkarätiger Auswahl die Stimmen des Kinos von morgen

Von Dunja Bialas

Seitdem das Film­fes­tival Mannheim-Heidel­berg in die Kinos zurück­ge­kehrt ist, taucht man beim Besuch in einen der urbansten Stadt­teile West­deutsch­lands ein. Der Innen­stadt-Bezirk wurde in der Spät­re­nais­sance in Quadrate aufge­teilt, durch die man auch heute noch, wie mit einem analogen Navi, durch die Gassen navigiert. Das lässt inmitten der Nach­kriegs­bauten (die Stadt wurde 1944 durch Luft­an­griffe nahezu volls­tändig zerstört, in der City gibt es immer noch Baulücken) immer wieder an New York denken. Auch das Straßen­bild – der aktuelle deutsche Bundes­kanzler würde »Stadtbild« sagen – erinnert im Kleinen an die Metropole.

Schaufenster
Die Wirk­lich­keit auf dem Sprung zur Fiktion. (Foto: Dunja Bialas)

Die Läden sind recht mono­the­ma­tisch darauf ausge­richtet, sich für einen großen Anlass zurecht­zu­ma­chen und entspre­chende Ausstat­tung zu erwerben. Es finden sich dicht gereiht Barber-Shops, Ände­rungs­schnei­de­reien, Juweliere, An- und Verkauf, Teppich- und Möbel­läden, mit Tüll aufgerüschte Hochzeits- und Ball­kleider und unfassbar kunstvoll ausse­hende Törtchen nebst umfang­rei­chen Auslagen aller erdenk­li­chen Baklava-Varia­tionen, die in schicken Schäch­tel­chen abtrans­por­tiert werden. Die Wirk­lich­keit ist hier, in der Innen­stadt, stets auf dem Sprung zur Fiktion.

Der unver­blümte Charme der Stadt

Zwischen den besten Dönern der Stadt gibt es auch die besten Kinos: das kommunale Cinema Quadrat und das Atlantis, das unser Lieb­lings­kino wurde. Im ersten Stockwerk gelegen, wartet es mit einer histo­ri­schen Schlauch­ar­chi­tektur und einem leuch­tenden Neon-Kleeblatt auf, das seit dem Bau 1950 die Decke ziert. Etwas weiter weg, aber immer noch fußläufig, kann man erfahren, wie sich ein Besuch im Cineplex anfühlt; davor empfiehlt sich ein Abstecher ins Festi­val­zen­trum im Stadthaus mit der promi­nenten Adresse »N1«. Es war früher der zentrale Spielort, wurde über viele Jahre unter einer Papp­de­ko­ra­tion versteckt – und darf sich heute wieder von seiner ehrlichen Volks­hoch­schul­seite verbreiten und an andere Veran­stal­tungs­zen­tren erinnern (zum Beispiel das Filmhaus Nürnberg), in denen das Credo von Hilmar Hoffmann gilt: Kultur für alle.

Seit Sascha Keilholz das Film­fes­tival Mannheim-Heidel­berg leitet, findet es in den Kinos statt und ist damit zurück­ge­kehrt zu dem unver­blümten Charme der Stadt. Unter seiner kura­to­ri­schen Hand kommen nun die besten Newcomer-Filme der bedeu­tenden A-Festivals an den Neckar. Denn, das gilt es über das nach der Berlinale tradi­ti­ons­reichste Film­fes­tival zu wissen: Mannheim-Heidel­berg ist seit seiner Gründung 1952 dem Film­nach­wuchs gewidmet.

Im Kommen

Dieser wird seit Jahren immer hoch­karä­tiger, lässt sich ange­sichts des »On the Rise« über­ti­telten Wett­be­werbs mit 16 ersten und zweiten Spiel­filmen fest­stellen. Es zeigt sich, wie die nach­kom­mende Gene­ra­tion sich neben Formen­spielen auch der Tradition zu besinnen weiß.

So die Belgierin Laura Wandel, die mit Adam’s Sake (L’Inérêt d’Adam) direkt in die sozi­al­rea­lis­ti­schen und -utopi­schen Fußstapfen ihrer Produ­zenten Jean-Pierre und Luc Dardenne tritt. Ihr zweiter Langfilm (Premiere in der Semaine de la Critique von Cannes) zeigt klaus­tro­pho­bi­sches Hoch­ge­schwin­dig­keits­kino. Léa Drucker spielt eine Kran­ken­schwester auf einer Kinder­sta­tion, die als sozialer Brenn­punkt und natürlich auch Mikro­kosmos fungiert. Die Kamera von Frédéric Noirhomme heftet sich auf beklem­mende Weise an ihre Fersen, lässt sie nie los in ihrer Tour de Force an einem Tag Alltag im Kran­ken­haus. Eine Mutter (Anamaria Varto­lomei, die Kriegerin aus Bruno Dumonts Empire) kann ihr Kind auf mani­pu­la­tive Weise nicht loslassen, sitzt in ihrer Liebe aller­dings einem fatalen Irrtum von Ernäh­rungs-Influen­cern auf. Ein inten­siver Film, sphärisch, emotional, der auch die schier über­mensch­lich agierende Kran­ken­schwester in ihrer Vulnerabil­tität zeigt. Danach fühlt man sich erschöpft wie nach einem Sprint.

Ähnlich ener­gie­ge­laden der atem­be­rau­bende deutsche Beitrag Funeral Casino Blues (Premiere: Film­fest­spiele Venedig) des Kölners Roderick Warich. Sichtlich inspi­riert von den neon­durch­flu­teten Hongkong-Elogen Wong Kar-wais, dessen In the Mood for Love in der Retro­spek­tive zu sehen war, erzählte er einen ins Noir abtau­chenden Bangkok-Blues. Inmitten der in den Himmel wach­senden Hoch­häuser – beein­dru­ckende Schwenks von Roland Stuprich (Die Theorie von Allem) schufen fast autonome Bilder der nächt­li­chen Mega­lo­pole – erzählt er eine tief­grün­dige Geis­ter­ge­schichte, von der er selbst sagt, dass sie nicht in allen Details durch­schaubar sei. Im Eskort- und Street­food­mi­lieu ergibt sich eine sehr sugges­tive Erzählung von Freund­schaft und Rache – es wirken auf betörende Weise die mythi­schen Kräfte epischer Weit­schwei­fig­keit. Warich, der am Drehbuch von Timm Krögers Theorie von Allem und Sandra Wollners The Trouble with Being Born mitwirkte, darf sich zu einem cine­as­tisch-lust­vollen deutschen Kino rechnen, das sich nicht an die Limi­tie­rungen der Förder­topfe halten will. Dazu gehört für Warich auch, in Thailand zu drehen und sich in 153 Minuten in Bildern und Stimmung zu veraus­gaben. Einzig bei der Musik hat er es, wie schon Timm Kröger, zu gut gemeint.

Zwischen Peter Weirs Picknick am Valen­tinstag und Dario Argentos Suspiria verortete sich White Flowers and Fruits (Premiere in San Sebastián) der Japanerin Yukari Sakamoto. In blut­ent­leerten Farben unter­nimmt er die Grat­wan­de­rung einer exis­ten­ti­ellen Geis­ter­ge­schichte in einem Mädchen­in­ternat. Strenge Lehre­rinnen, ein seltsam anmu­tender moderner Tanz, den die Mädchen einstu­dieren und ein rätsel­hafter Suizid schaffen eine kühle und nach­hal­tige Atmo­sphäre.

Grenz­ver­schie­bungen und Film­land­schaften

Mannheim-Heidel­berg zeigt alle Filme im Wett­be­werb in deutscher Premiere und ist ein uner­läss­li­cher Herbst­termin für die neuen Stimmen des Jahres. Nebensek­tionen, in denen Premie­ren­status und Newcomer-Grad nicht entschei­dend sind, ergänzen mit heraus­ra­genden, um nicht zu sagen, den wich­tigsten Filmen der großen Festivals. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Beim Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, Jafar Panahis dialek­ti­schem Einfacher Unfall über die Rache am Folterer? Beim epischsten Film des Jahres, Pedro Pinhos in Guinea-Bissau spie­lender I Only Rest in the Storm (der einem viel über den Klima­wandel und das globale Kapital erzählt)? Bei einem der vielen Regie­de­büts von Schau­spieler*innen, Hafsia Herzis Die jüngste Tochter (Queer Palm in Cannes)?

Neben der Sektion »Pushing the Boun­da­ries«, aus der die oben genannten Titel stammen, empfiehlt sich unbedingt auch »Film­scapes«, die »inno­va­tive und wage­mu­tige« Filme versam­melt, wie es auf Seiten des Festivals heißt. Hier werden auch Doku­men­tar­filme gezeigt. Guillaume Ribots All I Had Was Nothing­ness darf als Einfüh­rung in das monu­men­tale Werk Shoah (1985) von Claude Lanzmann gelten, in der er in unver­öf­fent­lichtes Material eintaucht und einen Blick hinter die Kulissen des Welt­do­ku­men­ten­erbes ermög­licht.

Aber auch hier zeigte sich das narrative Potential der Debüt­filme. Valéry Carnoys Wild Foxes (Quinzaine des Cinéastes, Cannes) Pauline Loquès’ Nino (Semaine de la Critique, Cannes) und Regen fiel auf nichts Neues (Karlovy Vary) von Steffen Goldkamp konnten allein deshalb nicht im Wett­be­werb von Mannheim laufen, weil sie bereits auf dem ebenfalls sehr großen Filmfest Hamburg zu sehen waren. Steffen Goldkamp ist der Hamburger Schule um Willy Hans (Der Fleck), Helena Wittmann und Marian Freis­tühler zuzu­rechnen. Er ist Absolvent der HdBK und Teil des Kollek­tivs Spen­ge­mann Eichberg Goldkamp Hans. Regen fiel auf nichts Neues zeigt zärtlich die Zerbrech­lich­keit des Gangsters und den konse­quenten Kreislauf der Klein­kri­mi­na­lität. Anstelle des Plots setzt er die Emotion, anstelle des Dialogs den atmo­sphäri­schen Blick (Kamera: Tom Otte) und anstelle des Story­tel­lings eine Studie über die Unent­rinn­bar­keit.

Auto­rinnen und Autoren mit einer markanten und viel­ver­spre­chenden Hand­schrift ins Zentrum ihrer Film­aus­wahl zu setzen, ist entschei­dend für das Festival von Mannheim-Heidel­berg. In Mannheim-Heidel­berg lässt sich ein konzen­trierter Blick in die Zukunft werfen, für den man keine Kris­tall­kugel braucht. Es genügt, sich der Film­aus­wahl von Sascha Keilholz und Team anzu­ver­trauen.