Blick in die Zukunft |
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| Funeral Casino Blues: Ungewöhnlich atmosphärisches deutsches Kino | ||
| (Foto: eksystent) | ||
Von Dunja Bialas
Seitdem das Filmfestival Mannheim-Heidelberg in die Kinos zurückgekehrt ist, taucht man beim Besuch in einen der urbansten Stadtteile Westdeutschlands ein. Der Innenstadt-Bezirk wurde in der Spätrenaissance in Quadrate aufgeteilt, durch die man auch heute noch, wie mit einem analogen Navi, durch die Gassen navigiert. Das lässt inmitten der Nachkriegsbauten (die Stadt wurde 1944 durch Luftangriffe nahezu vollständig zerstört, in der City gibt es immer noch Baulücken) immer wieder an New York denken. Auch das Straßenbild – der aktuelle deutsche Bundeskanzler würde »Stadtbild« sagen – erinnert im Kleinen an die Metropole.
Die Läden sind recht monothematisch darauf ausgerichtet, sich für einen großen Anlass zurechtzumachen und entsprechende Ausstattung zu erwerben. Es finden sich dicht gereiht Barber-Shops, Änderungsschneidereien, Juweliere, An- und Verkauf, Teppich- und Möbelläden, mit Tüll aufgerüschte Hochzeits- und Ballkleider und unfassbar kunstvoll aussehende Törtchen nebst umfangreichen Auslagen aller erdenklichen Baklava-Variationen, die in schicken Schächtelchen abtransportiert werden. Die Wirklichkeit ist hier, in der Innenstadt, stets auf dem Sprung zur Fiktion.
Zwischen den besten Dönern der Stadt gibt es auch die besten Kinos: das kommunale Cinema Quadrat und das Atlantis, das unser Lieblingskino wurde. Im ersten Stockwerk gelegen, wartet es mit einer historischen Schlaucharchitektur und einem leuchtenden Neon-Kleeblatt auf, das seit dem Bau 1950 die Decke ziert. Etwas weiter weg, aber immer noch fußläufig, kann man erfahren, wie sich ein Besuch im Cineplex anfühlt; davor empfiehlt sich ein Abstecher ins Festivalzentrum im Stadthaus mit der prominenten Adresse »N1«. Es war früher der zentrale Spielort, wurde über viele Jahre unter einer Pappdekoration versteckt – und darf sich heute wieder von seiner ehrlichen Volkshochschulseite verbreiten und an andere Veranstaltungszentren erinnern (zum Beispiel das Filmhaus Nürnberg), in denen das Credo von Hilmar Hoffmann gilt: Kultur für alle.
Seit Sascha Keilholz das Filmfestival Mannheim-Heidelberg leitet, findet es in den Kinos statt und ist damit zurückgekehrt zu dem unverblümten Charme der Stadt. Unter seiner kuratorischen Hand kommen nun die besten Newcomer-Filme der bedeutenden A-Festivals an den Neckar. Denn, das gilt es über das nach der Berlinale traditionsreichste Filmfestival zu wissen: Mannheim-Heidelberg ist seit seiner Gründung 1952 dem Filmnachwuchs gewidmet.
Dieser wird seit Jahren immer hochkarätiger, lässt sich angesichts des »On the Rise« übertitelten Wettbewerbs mit 16 ersten und zweiten Spielfilmen feststellen. Es zeigt sich, wie die nachkommende Generation sich neben Formenspielen auch der Tradition zu besinnen weiß.
So die Belgierin Laura Wandel, die mit Adam’s Sake (L’Inérêt d’Adam) direkt in die sozialrealistischen und -utopischen Fußstapfen ihrer Produzenten Jean-Pierre und Luc Dardenne tritt. Ihr zweiter Langfilm (Premiere in der Semaine de la Critique von Cannes) zeigt klaustrophobisches Hochgeschwindigkeitskino. Léa Drucker spielt eine Krankenschwester auf einer Kinderstation, die als sozialer Brennpunkt und natürlich auch Mikrokosmos fungiert. Die Kamera von Frédéric Noirhomme heftet sich auf beklemmende Weise an ihre Fersen, lässt sie nie los in ihrer Tour de Force an einem Tag Alltag im Krankenhaus. Eine Mutter (Anamaria Vartolomei, die Kriegerin aus Bruno Dumonts Empire) kann ihr Kind auf manipulative Weise nicht loslassen, sitzt in ihrer Liebe allerdings einem fatalen Irrtum von Ernährungs-Influencern auf. Ein intensiver Film, sphärisch, emotional, der auch die schier übermenschlich agierende Krankenschwester in ihrer Vulnerabiltität zeigt. Danach fühlt man sich erschöpft wie nach einem Sprint.
Ähnlich energiegeladen der atemberaubende deutsche Beitrag Funeral Casino Blues (Premiere: Filmfestspiele Venedig) des Kölners Roderick Warich. Sichtlich inspiriert von den neondurchfluteten Hongkong-Elogen Wong Kar-wais, dessen In the Mood for Love in der Retrospektive zu sehen war, erzählte er einen ins Noir abtauchenden Bangkok-Blues. Inmitten der in den Himmel wachsenden Hochhäuser – beeindruckende Schwenks von Roland Stuprich (Die Theorie von Allem) schufen fast autonome Bilder der nächtlichen Megalopole – erzählt er eine tiefgründige Geistergeschichte, von der er selbst sagt, dass sie nicht in allen Details durchschaubar sei. Im Eskort- und Streetfoodmilieu ergibt sich eine sehr suggestive Erzählung von Freundschaft und Rache – es wirken auf betörende Weise die mythischen Kräfte epischer Weitschweifigkeit. Warich, der am Drehbuch von Timm Krögers Theorie von Allem und Sandra Wollners The Trouble with Being Born mitwirkte, darf sich zu einem cineastisch-lustvollen deutschen Kino rechnen, das sich nicht an die Limitierungen der Fördertopfe halten will. Dazu gehört für Warich auch, in Thailand zu drehen und sich in 153 Minuten in Bildern und Stimmung zu verausgaben. Einzig bei der Musik hat er es, wie schon Timm Kröger, zu gut gemeint.
Zwischen Peter Weirs Picknick am Valentinstag und Dario Argentos Suspiria verortete sich White Flowers and Fruits (Premiere in San Sebastián) der Japanerin Yukari Sakamoto. In blutentleerten Farben unternimmt er die Gratwanderung einer existentiellen Geistergeschichte in einem Mädcheninternat. Strenge Lehrerinnen, ein seltsam anmutender moderner Tanz, den die Mädchen einstudieren und ein rätselhafter Suizid schaffen eine kühle und nachhaltige Atmosphäre.
Mannheim-Heidelberg zeigt alle Filme im Wettbewerb in deutscher Premiere und ist ein unerlässlicher Herbsttermin für die neuen Stimmen des Jahres. Nebensektionen, in denen Premierenstatus und Newcomer-Grad nicht entscheidend sind, ergänzen mit herausragenden, um nicht zu sagen, den wichtigsten Filmen der großen Festivals. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Beim Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, Jafar Panahis dialektischem Einfacher Unfall über die Rache am Folterer? Beim epischsten Film des Jahres, Pedro Pinhos in Guinea-Bissau spielender I Only Rest in the Storm (der einem viel über den Klimawandel und das globale Kapital erzählt)? Bei einem der vielen Regiedebüts von Schauspieler*innen, Hafsia Herzis Die jüngste Tochter (Queer Palm in Cannes)?
Neben der Sektion »Pushing the Boundaries«, aus der die oben genannten Titel stammen, empfiehlt sich unbedingt auch »Filmscapes«, die »innovative und wagemutige« Filme versammelt, wie es auf Seiten des Festivals heißt. Hier werden auch Dokumentarfilme gezeigt. Guillaume Ribots All I Had Was Nothingness darf als Einführung in das monumentale Werk Shoah (1985) von Claude Lanzmann gelten, in der er in unveröffentlichtes Material eintaucht und einen Blick hinter die Kulissen des Weltdokumentenerbes ermöglicht.
Aber auch hier zeigte sich das narrative Potential der Debütfilme. Valéry Carnoys Wild Foxes (Quinzaine des Cinéastes, Cannes) Pauline Loquès’ Nino (Semaine de la Critique, Cannes) und Regen fiel auf nichts Neues (Karlovy Vary) von Steffen Goldkamp konnten allein deshalb nicht im Wettbewerb von Mannheim laufen, weil sie bereits auf dem ebenfalls sehr großen Filmfest Hamburg zu sehen waren. Steffen Goldkamp ist der Hamburger Schule um Willy Hans (Der Fleck), Helena Wittmann und Marian Freistühler zuzurechnen. Er ist Absolvent der HdBK und Teil des Kollektivs Spengemann Eichberg Goldkamp Hans. Regen fiel auf nichts Neues zeigt zärtlich die Zerbrechlichkeit des Gangsters und den konsequenten Kreislauf der Kleinkriminalität. Anstelle des Plots setzt er die Emotion, anstelle des Dialogs den atmosphärischen Blick (Kamera: Tom Otte) und anstelle des Storytellings eine Studie über die Unentrinnbarkeit.
Autorinnen und Autoren mit einer markanten und vielversprechenden Handschrift ins Zentrum ihrer Filmauswahl zu setzen, ist entscheidend für das Festival von Mannheim-Heidelberg. In Mannheim-Heidelberg lässt sich ein konzentrierter Blick in die Zukunft werfen, für den man keine Kristallkugel braucht. Es genügt, sich der Filmauswahl von Sascha Keilholz und Team anzuvertrauen.