Wenn Frauen machen, was sie wollen... |
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| Film mit Ambivalenzen: Kathryn Bigelows A House of Dynamite | ||
| (Foto: La Biennale di Venezia · Kathryn Bigelow) | ||
»Depiction is not endorsement. It does seem illogical to me to make a case against torture by ignoring or denying the role it played in US counter-terrorism policy and practices.« – Kathryn Bigelow
»This is insanity you know.« – »No. This is reality!«
– Dialogauszug aus »A room of dynamite«
Dieser Film ist der seltene Fall eines Kinos, das sich religiöser Erfahrung nähert. Und es ist eine andere religiöse Erfahrung, als die, die wir aus den Filmen von Bresson oder Dreyer kennen. Es ist keine Reduktion, keine Meditation, keine Zartheit (oder doch?), sondern es ist Tempomachen, in Rhythmus und Trance verfallen, in eine Sekte eintreten. Was den Film The Testament of Ann Lee von Mona Fastvold so faszinierend und großartig macht, das ist, dass man ihn ablehnen kann, ihn sogar wirklich hassen kann – nur kein Missverständnis, ich liebe ihn! –, dass man ihm aber auch dann nicht wird absprechen können, dass hier eine Regisseurin ist, die sich sehr viel traut, die wirklich etwas probiert und die in jeder Sekunde ihres Films dem Publikum signalisiert: Ich will alles, nur keinen normalen konventionellen Film machen; ich will alles, aber nur weg vom Mainstream!
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Mona Fastvold ist die Ehefrau von Brady Corbet; wie er begann sie als Schauspielerin; und mit ihrem Ehemann schreibt sie zusammen alle Drehbücher ihrer beiden Filme – sie ist also die Co-Autorin des Drehbuches von Der Brutalist wie vorher auch von Vox Lux und von Childhood of a Leader, mit dem die Karriere dieses einmaligen Regiepaares vor genau zehn Jahren, genau hier am Lido begann. So wie Corbet auch der Co-Autor des Drehbuchs zu diesem Film ist. Beide produzieren ihre Filme gemeinsam. Und noch wichtiger: Beide produzieren diese Filme für den Bruchteil des Budgets, das üblicherweise in Hollywood-Filmen verbraten wird. So wie man es kaum glauben kann, dass Der Brutalist nur 9,8 Millionen Dollar gekostet hat, so ist es unfassbar zu hören, dass dieser Film auch nur 10 Millionen Dollar gekostet hat. Alles um ihr Ding durchzuziehen, um unabhängig und selbstbestimmt Filme machen zu können. Auf 70 mm gedreht, geht hier alles ins Visuelle, bekommt man hier jede Minute einen unglaublichen Production Value zu sehen.
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The Testament of Ann Lee ist die Geschichte einer unabhängigen Frau im 18. Jahrhundert. 1737 in Manchester geboren, stammt sie aus armen Verhältnissen, und wurde früh »berufen« und dann eine der ersten Frauen, die in einer protestantischen Sekte gepredigt haben – nichts mehr von »Das Weib schweige in der Gemeinde«.
Sie wurde Gründerin der »Shaker«.
Amanda Seyfried spielt, nein: verkörpert sie großartig in der Rolle ihres Lebens.
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Mona Fastvold lässt sich mit unglaublicher Offenheit auf diese religiöse Splittergruppe ein; sie zeigt, wie sie leben, lässt ihre Lieder spielen, lässt sie tanzen, lässt sie zu Gott und mit Gott sprechen, und von Gott Botschaften empfangen; sie lässt sie als eine Gruppe von netten Fundamentalisten erscheinen, die abends vielleicht ein bisschen laut sind, aber ansonsten niemandem etwas zuleide tun – pazifistisch und sexuell enthaltsam leben und deswegen für viele unverständlich und unanziehend sind, aber auch nur wenigen als gefährlich erscheinen.
Von der ersten bis zur letzten Minute ist dies ein ungewöhnlicher Film, der vor allem vom Gesang und der meditativen, trance-artigen Musik der Shaker lebt, vom Dauertanz dieses musical-artigen Films, einem Tanz, der modern wirkt und irgendwo zwischen Pina Bausch und Mary Whigman angesiedelt ist; von den monotonen, sich in Dauerwiederholungsschleifen ergehenden, aber sehr sprechenden, sehr plastischen Liederzeilen; von einer Off-Erzählerin, die mit einer jungen Mädchenstimme die Legende der Ann Lee von der Wiege bis zur Bahre rekapituliert, in einem altmodischen, sehr schönen Englisch, das die Verfremdung des Themas und die Befremdung des Publikums noch verstärkt.
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Die Hauptfrage, die sich für mich und für viele, mit denen ich sprach, gestellt hat und die auch nach dem Film nicht wirklich beantwortet ist, lautet: Warum macht sie das? Was interessiert diese Regisseurin an diesem Stoff? Erst einmal die Fakten und das einfache Schildern des Gewesenen, allerdings mit einer großen Einfühlungsgabe und Empathie und dem Interesse an der Innenansicht der Shaker und von Ann. Diese Regisseurin bleibt immer an ihren Protagonisten, aber sie bleibt ihnen als neugierige Beobachterin nah, nicht in einer Überidentifikation, als Teilnehmerin, wie man dies in dem trotzdem aus anderen Gründen sehr gelungenen neuen Film der Argentinierin Lucrecia Martel (Nuestra Terra) sehen kann, und in dem vollkommen missglückten Film der Tunesierin Kaouther Ben Hania (The Voice of Hint Rajab). Zu beiden dieser Tage mehr.
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Fastvold und ihr Mann wollen in jedem Fall und unbedingt alles anders machen, sie wollen in jedem Fall nichts Durchschnittliches machen, nichts Normales, nichts Normiertes. Das allein nimmt schon für sie ein.
Aber auch der Film selbst. Er ist schön und unanstrengend, leicht und gelegentlich humorvoll, dann wieder hart und schwerblütig. Aber er ist jede Sekunde wert mit seinen prachtvollen Bildern, den neuen Geschichten und den Gedanken, die er auslöst.
Dies ist jedenfalls kein Film, der Fundamentalismus verteidigt. im Gegenteil: Der Film macht Religion angemessen lächerlich. Aber er nimmt die religiöse Erfahrung ernst.
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Was wir in Kathryn Bigelows neuem Film sehen, ist mehr als »just another bad day in the White House«. Wir befinden uns in einem streng gesicherten Kontrollraum für Sicherheitsbedrohungen im Zentrum der amerikanischen Macht. Plötzlich ein Alarm, und rot blinkende Signale auf den Bildschirmen. Eine einzelne Rakete, die möglicherweise atomar bewaffnet ist, fliegt aus dem Pazifik auf die USA zu. Weil ihr genauer Startpunkt nicht geortet werden kann, weiß man nicht, wer sie
abgeschossen hat. Die Nordkoreaner? Die Russen? Oder doch die Chinesen?
Von nun an setzt eine Handlungskette ein, die der Film genau und geradezu zärtlich beobachtet.
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Multiperspektivisch ist alles erzählt, in drei aufeinanderfolgenden Anläufen. Beim letzten sind wir Zuschauer in der unmittelbaren Umgebung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, davor beim Sicherheitsbriefing der Militärs, dem »Stratcom«. Ungefähr nach zehn Minuten eines jeden Kapitels liegen dann die Karten auf dem Tisch, dann wissen die in Geheimnisse eingeweihten Menschen im Film: Eine Rakete fliegt auf die USA zu und wird höchstwahrscheinlich in 20 Minuten einschlagen und zwar in Chicago. Sie wird 10 Millionen Menschen sofort töten und weitere in der Folge – es gibt aber immer noch die Möglichkeit, dass dies nur eine Täuschung oder ein Scheinangriff ist; es gibt ebenso die Möglichkeit, dass die Rakete gar nicht explodiert oder dass sie in den Lake Michigan stürzt und dort weitaus geringeren Schaden anrichtet.
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Was tun? Die verschiedenen Möglichkeiten zwischen massivem Gegenschlag und Nichtstun werden aufgefächert – und nun ist die Frage: Wie sollen die USA und wann sollen die USA darauf antworten? Das heißt, dies ist ein Film, der aus dem Standpunkt der USA heraus auf die Welt blickt. Der Präsident wird von Idris Elba gespielt, was zur Folge hat, dass man automatisch an die Serie »Twentyfour« denkt und selbstverständlich auch an Obama.
Sehr amerikanisch ist dieser Film nicht nur in der Perspektive, sondern auch in der Art, wie Emotionen erzählt und aufgebaut werden, wie Figuren erzählt werden, welche Rolle das Privatleben hat, dass hier fast alle Familienmenschen sind. Es gibt keine schwulen Figuren. Man stellt sich die Frage: Was würde man selber machen anstelle der Figuren, wenn man wirklich glauben muss, dass jetzt gleich ein Atomkrieg beginnt? Einige von ihnen rufen ihre Familie an, heimlich, denn sie dürfen es eigentlich nicht, und sagen Dinge wie: »Pack sofort deine Sachen und geh raus aufs Land. Ich liebe dich!«
Hochinteressant ist zu sehen, wie in gewissem Sinn alles auseinanderfällt, die Institutionen und Regeln und gesellschaftlichen Prozesse, wie die Leute ihre Nerven verlieren und plötzlich wieder auf ihre Individualität zurückgeworfen werden und sich an ihrer Familie orientieren, diese zu retten suchen und das Protokoll verletzen.
Oder eben nicht. Dann behalten sie ihre Nerven und tun einfach ihre Arbeit, gerade im Angesicht der Katastrophe. Eine der eindrücklichsten Szenen ist jene, in der der Präsident ein hässliches DIN-A4-Heft vorgelegt bekommt, in dem 30 bis 40 verschiedene Möglichkeiten der atomaren Antwort aufgeführt sind. Das Ganze ähnelt äußerlich einem Restaurant-Menü und das wird so auch im Film thematisiert.
Als der Präsident einen anderen Mitarbeiter auffordert, ihm »no bullshit« die Alternativen aufzuzählen, bekommt er zu hören: »Your choices are surrendering or suicide.«
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Regisseurin Kathryn Bigelow hat einen gewissen Fetischismus für das Arbeiten von Systemen und das genaue Schildern von Abläufen. Bigelow hat auch einen Fetischismus für Handwerk. Sie zeigt hier also einfach viele Leute, die ihr Handwerk verstehen und die das Handwerk dann auch wie ausgebildet ausführen. Und wozu das dann führt.
Sie zeigt uns das alles auch weder extrem positiv, noch extrem kritisch, sondern nüchtern, fast dokumentarisch sachlich und genau recherchierend. Vor
allem zeigt sie es multiperspektivisch. Der Film ist in drei Kapitel unterteilt, und wir springen am Ende eines Kapitels immer wieder zurück zum Anfang. Jedes der drei Filmkapitel dauert immer eine gute halbe Stunde, und am Ende eines jeden Kapitels springen wir wieder zurück zum Anfang.
Das Spiel mit Zeit in dem Film ist unglaublich dicht, genau und spannend. Die einzelnen Kapitel sind jeweils ungefähr 40 Minuten lang, die im Film vorgeführte Zeit dauert aber nur etwa 20 Minuten. Das heißt: die Zeit wird durch Parallelerzählungen gedehnt und manchmal auch beschleunigt. Und dann verdichtet sich alles immer mehr.
Sie verzichtet auch nicht auf das, wozu Amerikaner »Mumbo Jumbo« sagen: Den Fetischismus des Eingeweihtseins, der Abkürzungen: DE und DS, WHSR, FEMA, SBX, DSP, GBS, DEFCON 2, EKV...
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Was machen wir, wenn uns der Himmel auf den Kopf fällt? Tatsächlich ist ja die nukleare Situation der wechselseitigen Vernichtungsdrohungen, wenn man sie zu Ende denkt, dermaßen absurd. Sie macht nur einen Sinn, solange tatsächlich keiner angreift und hat so auch im Kalten Krieg sehr gut funktioniert. Aber gleichzeitig macht es keinen Sinn, wenn doch irgendjemand angreift.
Interessanterweise erfahren wir bis zum Ende des Films nicht, ob es eine Bombe gibt, und ob sie funktioniert.
Bigelows Film zeigt vor allem Ambivalenzen. Er zeigt Funktionsträger mit individuellen Persönlichkeiten. Die Prozeduren, denen sie folgen, die individuellen Spielräume des Handelns, die ihnen auch hier noch geblieben sind. Bigelow strebt nach Authentizität, sie will das Komplexe nicht unterkomplex zeigen. Sie zeigt Simultaneität. Und sie spielt mit Wiederholungen. Bigelow selbst sprach in der Pressekonferenz am Dienstag in Venedig von »dreidimensionalem Schach«.
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Ob es jetzt wirklich 13 Minuten Standing Ovations waren, oder doch nur 11 am Dienstagabend am Lido von Venedig, das ist egal. Fest steht: Schon jetzt ist der US-Regisseurin Kathryn Bigelow (The Hurt Locker, Zero Dark Thirty) mit ihrem neuen Film A House of Dynamite ein
phänomenaler Erfolg gelungen. Auch filmisch. Selten hat ein Film 120 Minuten lang so eine Spannung mit solcher Sicherheit gehalten. Auch handwerklich ist das extrem perfekt und schön und souverän gemacht – es gibt eigentlich nie einen Moment, an dem der Film aus dem Ruder läuft. Im Gegensatz zur Handlung.
Auch dies ist Kino auf der Höhe unserer Zeit.
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Beide Filme sollten den Goldenen Löwen gewinnen. Aber es kann nur eine geben.