05.09.2025

Wenn Frauen machen, was sie wollen...

A House of Dynamite
Film mit Ambivalenzen: Kathryn Bigelows A House of Dynamite
(Foto: La Biennale di Venezia · Kathryn Bigelow)

Es kann nur eine geben: Dreidimensionales Schach mit Kathryn Bigelow und transzendentaler Fußball mit Mona Fastvold; »The Testament of Ann Lee« und »A House of Dynamite« im Wettbewerb – Notizen aus Venedig, 4. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Depiction is not endor­se­ment. It does seem illogical to me to make a case against torture by ignoring or denying the role it played in US counter-terrorism policy and practices.« – Kathryn Bigelow

»This is insanity you know.« – »No. This is reality!«
– Dialog­auszug aus »A room of dynamite«

Dieser Film ist der seltene Fall eines Kinos, das sich reli­giöser Erfahrung nähert. Und es ist eine andere religiöse Erfahrung, als die, die wir aus den Filmen von Bresson oder Dreyer kennen. Es ist keine Reduktion, keine Medi­ta­tion, keine Zartheit (oder doch?), sondern es ist Tempo­ma­chen, in Rhythmus und Trance verfallen, in eine Sekte eintreten. Was den Film The Testament of Ann Lee von Mona Fastvold so faszi­nie­rend und großartig macht, das ist, dass man ihn ablehnen kann, ihn sogar wirklich hassen kann – nur kein Miss­ver­s­tändnis, ich liebe ihn! –, dass man ihm aber auch dann nicht wird abspre­chen können, dass hier eine Regis­seurin ist, die sich sehr viel traut, die wirklich etwas probiert und die in jeder Sekunde ihres Films dem Publikum signa­li­siert: Ich will alles, nur keinen normalen konven­tio­nellen Film machen; ich will alles, aber nur weg vom Main­stream!

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Mona Fastvold ist die Ehefrau von Brady Corbet; wie er begann sie als Schau­spie­lerin; und mit ihrem Ehemann schreibt sie zusammen alle Dreh­bücher ihrer beiden Filme – sie ist also die Co-Autorin des Dreh­bu­ches von Der Brutalist wie vorher auch von Vox Lux und von Childhood of a Leader, mit dem die Karriere dieses einma­ligen Regie­paares vor genau zehn Jahren, genau hier am Lido begann. So wie Corbet auch der Co-Autor des Drehbuchs zu diesem Film ist. Beide produ­zieren ihre Filme gemeinsam. Und noch wichtiger: Beide produ­zieren diese Filme für den Bruchteil des Budgets, das übli­cher­weise in Hollywood-Filmen verbraten wird. So wie man es kaum glauben kann, dass Der Brutalist nur 9,8 Millionen Dollar gekostet hat, so ist es unfassbar zu hören, dass dieser Film auch nur 10 Millionen Dollar gekostet hat. Alles um ihr Ding durch­zu­ziehen, um unab­hängig und selbst­be­stimmt Filme machen zu können. Auf 70 mm gedreht, geht hier alles ins Visuelle, bekommt man hier jede Minute einen unglaub­li­chen Produc­tion Value zu sehen.

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The Testament of Ann Lee ist die Geschichte einer unab­hän­gigen Frau im 18. Jahr­hun­dert. 1737 in Manchester geboren, stammt sie aus armen Verhält­nissen, und wurde früh »berufen« und dann eine der ersten Frauen, die in einer protes­tan­ti­schen Sekte gepredigt haben – nichts mehr von »Das Weib schweige in der Gemeinde«.
Sie wurde Gründerin der »Shaker«.

Amanda Seyfried spielt, nein: verkör­pert sie großartig in der Rolle ihres Lebens.

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Mona Fastvold lässt sich mit unglaub­li­cher Offenheit auf diese religiöse Split­ter­gruppe ein; sie zeigt, wie sie leben, lässt ihre Lieder spielen, lässt sie tanzen, lässt sie zu Gott und mit Gott sprechen, und von Gott Botschaften empfangen; sie lässt sie als eine Gruppe von netten Funda­men­ta­listen erscheinen, die abends viel­leicht ein bisschen laut sind, aber ansonsten niemandem etwas zuleide tun – pazi­fis­tisch und sexuell enthaltsam leben und deswegen für viele unver­s­tänd­lich und unan­zie­hend sind, aber auch nur wenigen als gefähr­lich erscheinen.

Von der ersten bis zur letzten Minute ist dies ein unge­wöhn­li­cher Film, der vor allem vom Gesang und der medi­ta­tiven, trance-artigen Musik der Shaker lebt, vom Dauertanz dieses musical-artigen Films, einem Tanz, der modern wirkt und irgendwo zwischen Pina Bausch und Mary Whigman ange­sie­delt ist; von den monotonen, sich in Dauer­wie­der­ho­lungs­schleifen erge­henden, aber sehr spre­chenden, sehr plas­ti­schen Lieder­zeilen; von einer Off-Erzäh­lerin, die mit einer jungen Mädchen­stimme die Legende der Ann Lee von der Wiege bis zur Bahre reka­pi­tu­liert, in einem altmo­di­schen, sehr schönen Englisch, das die Verfrem­dung des Themas und die Befrem­dung des Publikums noch verstärkt.

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Die Haupt­frage, die sich für mich und für viele, mit denen ich sprach, gestellt hat und die auch nach dem Film nicht wirklich beant­wortet ist, lautet: Warum macht sie das? Was inter­es­siert diese Regis­seurin an diesem Stoff? Erst einmal die Fakten und das einfache Schildern des Gewesenen, aller­dings mit einer großen Einfüh­lungs­gabe und Empathie und dem Interesse an der Innen­an­sicht der Shaker und von Ann. Diese Regis­seurin bleibt immer an ihren Prot­ago­nisten, aber sie bleibt ihnen als neugie­rige Beob­ach­terin nah, nicht in einer Über­iden­ti­fi­ka­tion, als Teil­neh­merin, wie man dies in dem trotzdem aus anderen Gründen sehr gelun­genen neuen Film der Argen­ti­nierin Lucrecia Martel (Nuestra Terra) sehen kann, und in dem voll­kommen miss­glückten Film der Tune­sierin Kaouther Ben Hania (The Voice of Hint Rajab). Zu beiden dieser Tage mehr.

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Fastvold und ihr Mann wollen in jedem Fall und unbedingt alles anders machen, sie wollen in jedem Fall nichts Durch­schnitt­li­ches machen, nichts Normales, nichts Normiertes. Das allein nimmt schon für sie ein.

Aber auch der Film selbst. Er ist schön und unan­stren­gend, leicht und gele­gent­lich humorvoll, dann wieder hart und schwer­blütig. Aber er ist jede Sekunde wert mit seinen pracht­vollen Bildern, den neuen Geschichten und den Gedanken, die er auslöst.

Dies ist jeden­falls kein Film, der Funda­men­ta­lismus vertei­digt. im Gegenteil: Der Film macht Religion ange­messen lächer­lich. Aber er nimmt die religiöse Erfahrung ernst.

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Was wir in Kathryn Bigelows neuem Film sehen, ist mehr als »just another bad day in the White House«. Wir befinden uns in einem streng gesi­cherten Kontroll­raum für Sicher­heits­be­dro­hungen im Zentrum der ameri­ka­ni­schen Macht. Plötzlich ein Alarm, und rot blinkende Signale auf den Bild­schirmen. Eine einzelne Rakete, die mögli­cher­weise atomar bewaffnet ist, fliegt aus dem Pazifik auf die USA zu. Weil ihr genauer Start­punkt nicht geortet werden kann, weiß man nicht, wer sie abge­schossen hat. Die Nord­ko­reaner? Die Russen? Oder doch die Chinesen?
Von nun an setzt eine Hand­lungs­kette ein, die der Film genau und geradezu zärtlich beob­achtet.

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Multi­per­spek­ti­visch ist alles erzählt, in drei aufein­an­der­fol­genden Anläufen. Beim letzten sind wir Zuschauer in der unmit­tel­baren Umgebung des Präsi­denten der Verei­nigten Staaten, davor beim Sicher­heits­brie­fing der Militärs, dem »Stratcom«. Ungefähr nach zehn Minuten eines jeden Kapitels liegen dann die Karten auf dem Tisch, dann wissen die in Geheim­nisse einge­weihten Menschen im Film: Eine Rakete fliegt auf die USA zu und wird höchst­wahr­schein­lich in 20 Minuten einschlagen und zwar in Chicago. Sie wird 10 Millionen Menschen sofort töten und weitere in der Folge – es gibt aber immer noch die Möglich­keit, dass dies nur eine Täuschung oder ein Schein­an­griff ist; es gibt ebenso die Möglich­keit, dass die Rakete gar nicht explo­diert oder dass sie in den Lake Michigan stürzt und dort weitaus gerin­geren Schaden anrichtet.

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Was tun? Die verschie­denen Möglich­keiten zwischen massivem Gegen­schlag und Nichtstun werden aufge­fächert – und nun ist die Frage: Wie sollen die USA und wann sollen die USA darauf antworten? Das heißt, dies ist ein Film, der aus dem Stand­punkt der USA heraus auf die Welt blickt. Der Präsident wird von Idris Elba gespielt, was zur Folge hat, dass man auto­ma­tisch an die Serie »Twen­ty­four« denkt und selbst­ver­s­tänd­lich auch an Obama.

Sehr ameri­ka­nisch ist dieser Film nicht nur in der Perspek­tive, sondern auch in der Art, wie Emotionen erzählt und aufgebaut werden, wie Figuren erzählt werden, welche Rolle das Privat­leben hat, dass hier fast alle Fami­li­en­men­schen sind. Es gibt keine schwulen Figuren. Man stellt sich die Frage: Was würde man selber machen anstelle der Figuren, wenn man wirklich glauben muss, dass jetzt gleich ein Atomkrieg beginnt? Einige von ihnen rufen ihre Familie an, heimlich, denn sie dürfen es eigent­lich nicht, und sagen Dinge wie: »Pack sofort deine Sachen und geh raus aufs Land. Ich liebe dich!«

Hoch­in­ter­es­sant ist zu sehen, wie in gewissem Sinn alles ausein­an­der­fällt, die Insti­tu­tionen und Regeln und gesell­schaft­li­chen Prozesse, wie die Leute ihre Nerven verlieren und plötzlich wieder auf ihre Indi­vi­dua­lität zurück­ge­worfen werden und sich an ihrer Familie orien­tieren, diese zu retten suchen und das Protokoll verletzen.

Oder eben nicht. Dann behalten sie ihre Nerven und tun einfach ihre Arbeit, gerade im Angesicht der Kata­strophe. Eine der eindrück­lichsten Szenen ist jene, in der der Präsident ein häss­li­ches DIN-A4-Heft vorgelegt bekommt, in dem 30 bis 40 verschie­dene Möglich­keiten der atomaren Antwort aufge­führt sind. Das Ganze ähnelt äußerlich einem Restau­rant-Menü und das wird so auch im Film thema­ti­siert.

Als der Präsident einen anderen Mitar­beiter auffor­dert, ihm »no bullshit« die Alter­na­tiven aufzu­zählen, bekommt er zu hören: »Your choices are surren­de­ring or suicide.«

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Regis­seurin Kathryn Bigelow hat einen gewissen Feti­schismus für das Arbeiten von Systemen und das genaue Schildern von Abläufen. Bigelow hat auch einen Feti­schismus für Handwerk. Sie zeigt hier also einfach viele Leute, die ihr Handwerk verstehen und die das Handwerk dann auch wie ausge­bildet ausführen. Und wozu das dann führt.
Sie zeigt uns das alles auch weder extrem positiv, noch extrem kritisch, sondern nüchtern, fast doku­men­ta­risch sachlich und genau recher­chie­rend. Vor allem zeigt sie es multi­per­spek­ti­visch. Der Film ist in drei Kapitel unter­teilt, und wir springen am Ende eines Kapitels immer wieder zurück zum Anfang. Jedes der drei Film­ka­pitel dauert immer eine gute halbe Stunde, und am Ende eines jeden Kapitels springen wir wieder zurück zum Anfang.

Das Spiel mit Zeit in dem Film ist unglaub­lich dicht, genau und spannend. Die einzelnen Kapitel sind jeweils ungefähr 40 Minuten lang, die im Film vorge­führte Zeit dauert aber nur etwa 20 Minuten. Das heißt: die Zeit wird durch Paral­lel­erzäh­lungen gedehnt und manchmal auch beschleu­nigt. Und dann verdichtet sich alles immer mehr.

Sie verzichtet auch nicht auf das, wozu Ameri­kaner »Mumbo Jumbo« sagen: Den Feti­schismus des Einge­weiht­seins, der Abkür­zungen: DE und DS, WHSR, FEMA, SBX, DSP, GBS, DEFCON 2, EKV...

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Was machen wir, wenn uns der Himmel auf den Kopf fällt? Tatsäch­lich ist ja die nukleare Situation der wech­sel­sei­tigen Vernich­tungs­dro­hungen, wenn man sie zu Ende denkt, dermaßen absurd. Sie macht nur einen Sinn, solange tatsäch­lich keiner angreift und hat so auch im Kalten Krieg sehr gut funk­tio­niert. Aber gleich­zeitig macht es keinen Sinn, wenn doch irgend­je­mand angreift.

Inter­es­san­ter­weise erfahren wir bis zum Ende des Films nicht, ob es eine Bombe gibt, und ob sie funk­tio­niert.

Bigelows Film zeigt vor allem Ambi­va­lenzen. Er zeigt Funk­ti­ons­träger mit indi­vi­du­ellen Persön­lich­keiten. Die Proze­duren, denen sie folgen, die indi­vi­du­ellen Spiel­räume des Handelns, die ihnen auch hier noch geblieben sind. Bigelow strebt nach Authen­ti­zität, sie will das Komplexe nicht unter­kom­plex zeigen. Sie zeigt Simul­tan­eität. Und sie spielt mit Wieder­ho­lungen. Bigelow selbst sprach in der Pres­se­kon­fe­renz am Dienstag in Venedig von »drei­di­men­sio­nalem Schach«.

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Ob es jetzt wirklich 13 Minuten Standing Ovations waren, oder doch nur 11 am Diens­tag­abend am Lido von Venedig, das ist egal. Fest steht: Schon jetzt ist der US-Regis­seurin Kathryn Bigelow (The Hurt Locker, Zero Dark Thirty) mit ihrem neuen Film A House of Dynamite ein phäno­me­naler Erfolg gelungen. Auch filmisch. Selten hat ein Film 120 Minuten lang so eine Spannung mit solcher Sicher­heit gehalten. Auch hand­werk­lich ist das extrem perfekt und schön und souverän gemacht – es gibt eigent­lich nie einen Moment, an dem der Film aus dem Ruder läuft. Im Gegensatz zur Handlung.
Auch dies ist Kino auf der Höhe unserer Zeit.

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Beide Filme sollten den Goldenen Löwen gewinnen. Aber es kann nur eine geben.