01.09.2022

Ein Bayer im Dschungel

Fitzcarraldo
Das Schiff muss den Berg hoch
(Foto: Studiocanal, Fitzcarraldo (1982))

Zu Werner Herzogs 80. Geburtstag erscheinen seine persönlichen Erinnerungen und ein Portraitfilm. Eine Annäherung an den Ausnahmeregisseur

Von Dunja Bialas

»Jeder für sich und Gott gegen alle.« So hat Werner Herzog seine »Erin­ne­rungen« über­ti­telt, die wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag am 5. September erschienen sind. Mancher­orts wird dies als »Ereignis« gefeiert, und in der Tat ist es eine schöne Sache, Herzogs eigen­tüm­lich karge Münd­lich­keit auf dem Papier nach­zu­voll­ziehen, sein Schreiben liest sich wie einer seiner Off-Film­kom­men­tare. Am besten legt man sich bei der Lektüre eine Herzog’sche Kopf­stimme zu, leicht bayerisch ange­haucht, immer um Hoch­sprache bemüht, jedes Wort gedehnt, als müsse es beim Formu­lieren noch einmal extra erfühlt werden. Intensiv kann man seine eigen­tüm­liche Sprech­weise erleben, wenn man das von ihm einge­spro­chene Tagebuch »Vom Gehen im Eis« hört, am besten bei einem Spazier­gang. Hier wird man Zeuge von einer gigan­ti­schen Kraft­an­stren­gung und dem magischen Denken des Regie-Riesen, der 1974 zu Fuß von Pasing nach Paris ging, um die todkranke Film­his­to­ri­kerin Lotte Eisner vom Sterben abzu­halten. »Die Eisnerin«, wie er sagt, hatte ihm die Film­ge­schichte der 1920er und 30er Jahre nahe­ge­bracht, Nosferatu, das Remake von F.W. Murnaus Film, das er 1979 mit Klaus Kinski schuf, verdanke er im Grunde ihr.

Doing the Undoable

Herzog geht asso­ziativ vor. In seinem Hörbuch, auch in seinen Memoiren. Von den Erin­ne­rungen an seine Kindheit in Sachrang, mit denen er sein Buch beginnt, ist es für ihn nur ein Katzen­sprung zu seinen Filmen. Beide Sphären sind für ihn mitein­ander verbunden. »Mein Wissen vom Melken kam mir viel später einmal bei den Astro­nauten zu Hilfe, die zusammen die Crew eines Space­shut­tles gebildet hatten«, erzählt er. Die Anekdote läuft darauf hinaus, dass Herzog die Astro­nauten – »alles No-Nonsense-Profes­sio­nelle« – für die Mitwir­kung in seinem Science-Fiction-Film The Wild Blue Yonder (2005) gewinnen konnte, weil er dem Astro­nauten Michael McCully auf den Kopf zusagte, er könne Kühe melken. »Ich will mir gar nicht vorstellen, in welchen Abgrund der Pein­lich­keit ich mich begeben hätte, hätte ich falsch gelegen«, endet er im Modus des Tausend­sassas.

Den Titel seiner Erin­ne­rungen hat Herzog seinem Film über Kaspar Hauser entnommen. Weder aber ist er der Wilde, der in die Zivi­li­sa­tion kam, noch ist er ein Einzel­kämpfer. Gebührend huldigt er seinen Kame­ramän­nern Jörg Schmidt-Reitwein, Thomas Mauch und Peter Zeit­linger sowie Henning von Gierke, dem Ausstatter seines berühm­testen Werks Fitz­car­raldo, der eigent­lich Maler ist. Mit ihnen hat er die unglaub­lichsten Dreh-Abenteuer unter­nommen. Das Motto: »Doing the Undoable«, wie er bei einem Workshop auf Lanzarote den Jung­re­gis­seuren einschärft.

Radical Dreamer

Dies wiederum erfährt man in Thomas von Steinaeckers Portrait­film Radical Dreamer, der Ende Oktober in den deutschen Kinos startet. Jetzt, zu Herzogs Geburtstag, hat er erst einmal Welt­pre­miere auf dem 3000 Meter hoch gelegenen Telluride Film­fes­tival, eine fast schwin­del­erre­gende Höhe, die gut zu Herzog passt.
Herzog hat sich nie mit Kompro­missen, Schal­heiten oder ange­zo­genen Hand­bremsen aufge­halten. Von Steinaecker selbst ist immer noch über­rascht, dass es mit dem Zuschlag für den Herzog-Film geklappt hat. Ein Anruf bei Herzogs jüngerem Halb­bruder Lucki Stipetić, der in München die Werner Herzog Stiftung leitet und die Lizenzen seiner Filme überwacht, habe ihm die Tür geöffnet, erzählt er im Gespräch mit »artechock«, das weitere tat seine eigene Profes­sion als Schrift­steller dazu, Werner Herzogs Vertrauen zu gewinnen. Im Film – in dem ausnahms­weise nicht Herzog über sich selbst Regie führt wie beim Selbst­por­trait 1986 – geht es an Stationen von Herzogs Leben. Nach Sachrang nahe der Tiroler Grenze, wo Herzog mit seinem älteren Bruder Tilbert aufwächst; auf Lanzarote, wo Herzog seinen Workshop abhält und sich an den Dreh von Auch Zwerge haben klein ange­fangen (1971) erinnert. Den heutigen Origi­nal­schau­platz montiert von Steinaecker mit den Film­aus­schnitten, es hat sich nichts geändert seitdem. Die Surrea­lität des Ortes, die Herzog faszi­niert hat, ist noch erfahrbar.

Herzogs erste Filme, darunter Auch Zwerge haben klein ange­fangen und im selben Jahr Land des Schwei­gens und der Dunkel­heit, tauchen bereits in die Extrem­formen mensch­li­cher Existenz ein. Sie haben ihn immer am meisten inter­es­siert – viel­leicht, weil er sie selbst erlebt hat. Seine Kindheit war von bitterer Armut bei seiner allein­er­zie­henden Mutter geprägt, Schuhe gab es nur in den Monaten mit »R«, erinnert er sich in seinen Memoiren. »Die Armut war überall und fiel uns nicht als unge­wöhn­li­cher Zustand auf.« Die Erfahrung von Entbeh­rungen in den unmit­tel­baren Nach­kriegs­jahren hat ihn immer wieder die Grenzen über­schreiten lassen, physische Grenzen im Jähzorn, den er das »Düstere« seiner Kindheit nennt. Und die Grenzen der Welt, die er schon als Kind durch seine Imagi­na­tion verschob.

Das Extreme, das Herzog auch als Mensch zu eigen ist, darf jedoch nicht verwech­selt werden mit den Sujets und Figuren seiner Filme. So hat es Herzog zumindest Thomas von Steinaecker einge­schärft. Die Verwechs­lung von ihm und Kinski, seinem »liebsten Feind« (wie die Herzog’sche Kinski-Aufar­bei­tung von 1999 heißt), konnte er sich aber nur schwer vom Leibe halten. Die Filme mit dem schau­spie­le­ri­schen Berserker, den Herzog schon in Jugend­jahren als Mitbe­wohner der Pension in der Münchner Elisa­beth­straße kennen­lernte, haben Werner Herzog Weltruhm einge­bracht. Aguirre, der Zorn Gottes (1971) wurde zur Feuer­probe, die allen Betei­ligten fast das Genick brach. Wer mag wohl der gewesen sein, der den anderen zum Äußersten trieb, und wer war eigent­lich der Beses­se­nere? Kinski oder Herzog?

Bavaria in the Jungle

Das Miss­ver­ständnis über das Werk von Herzog war in Deutsch­land besonders ausge­prägt. Viel­leicht auch, weil er sich um Natio­na­li­täten oder gar »Regio­nal­ef­fekte«, wie sie heute die Film­för­de­rung verlangt, einen feuchten Kehrricht schert. Als Deutscher hat er sich ohnehin nicht wahr­ge­nommen. Als Bayer aber schon.
Fitz­car­raldo erschien 1982, zehn Jahre nach Aguirre. Der inter­na­tio­nale Verleih­titel war zunächst Bavaria in the Jungle. So ist es in dem Inter­view­buch »Herzog on Herzog« nach­zu­lesen, das der austra­li­sche Schau­spieler Paul Cronin mit ihm geführt hat, eine Art »Mr. Herzog, wie haben Sie das gemacht?« »Meine Filme sind nicht sehr deutsch«, sagt er da, »sie sind explizit bayerisch.« Die Bayern beschreibt er als »very hard-drinking, hard-fighting, very warm hearted, very imagi­na­tive«. Fitz­car­raldo, sein gefei­ertes Meis­ter­werk, hätte er sonst nur noch Ludwig II. zugetraut: »I always felt that he would have been the only one who could have done a film like Fitz­car­raldo, apart from me.« Dazu bräuchte es schon die »quint­essen­tial Bavarian drea­m­i­ness«, die ihn und den Schlös­ser­könig verbindet.

Ein Schloss ließ er nicht bauen, dafür den Traum einer Oper im Dschungel. Es ist hinläng­lich bekannt, dass Kinski als Opern­bauer Fitz­car­raldo nicht Herzogs erste Wahl war, anders als in Aguirre, für den er ihm die Rolle auf den Leib geschrieben hatte. Eigent­lich wollte er den Film mit Jack Nicholson und Mick Jagger als dessen Sidekick machen. Die Produk­tion abzu­bre­chen, weil Nicholson als Base­ballfan eigent­lich keine Lust auf wochen­lange Drehs im Dschungel hatte, war ein Fiasko für Herzog. »If I abandon I would be a man without dreams«, taucht er in von Steinaeckers Film zurück in die Zeit. Dann kam Kinski, der Retter seines Traums, und machte Fitz­car­raldo zum Meis­ter­werk.

Lektionen in Fins­ternis

Wiederum zehn Jahre später folgten Lektionen in Fins­ternis. Der Filmtitel geriet zur leid­vollen Buchs­täb­lich­keit über die Rezeption seiner Filme in Deutsch­land: Nach der Berlinale-Welt­pre­miere wurde ihm vorge­worfen, den Horror des Ersten Golf­kriegs ästhe­ti­siert zu haben. Man habe ihn beschimpft und bespuckt, erinnert er sich. Der Film-Verhin­de­rungs-Dreiklang »Förder­system, Büro­kratie, Spießig­keit« brachte ihn schließ­lich dazu, Deutsch­land den Rücken zu kehren. Mitte der Neunziger ging er nach Los Angeles und erfand sich mit Grizzly Man (2005) noch einmal neu. In den USA kennt man ihn heute vor allem wegen seiner Doku­men­tar­filme – ohne den Kinski-Reflex seiner Anhänger.

Nicht so in Deutsch­land. Nicht nur wegen seiner Iden­ti­fi­ka­tion mit Ludwig II. kann man bei Werner Herzog auch an Romy Schneider und Sisi denken. Es ist das ein für allemal über ihn fest­ge­zurrte Kinski-Image, das auch Thomas von Steinaecker in Radical Dreamer für ihn abstreifen wollte. Allein, die Produ­zenten waren dagegen, andere wichtige Figuren aus dem Herzog'schen Werk stark­zu­ma­chen, so den Straßen­mu­si­kanten Bruno S., der Kaspar Hauser wurde, oder Walter Steiner, Bild­schnitzer und Skispringer, dem Herzog in Die grosse Ekstase des Bild­schnit­zers Steiner 1974 ein Denkmal gesetzt hat. Mit Sprüngen bis hinein in die Todeszone wurde der Außen­seiter zum Welt­meister.

Schiffe wie Berge versetzen

Herzogs Werk ist gren­zen­spren­gend, bis heute. Seine Doku­men­tar­filme sind vom Imaginären durch­setzt, seine Spiel­filme schicken Stars in den Dschungel, wie Christian Bale in Rescue Dawn (2006), oder in die Wüste, wie Nicole Kidman in Königin der Wüste (2015). »Das sind auch Doku­men­tar­filme der schwie­rigen Drehs«, sagt Zeit­linger in von Steinaeckers Portrait. CGI, Studios oder Minia­tur­mo­delle sind für Herzog inak­zep­tabel. Statt dessen wurde es das Fitz­car­raldo-300-Tonnen­schiff. Mit histo­risch exakter Prä-Renais­sance-Technik zog er es im perua­ni­schen Dschungel über einen Berg.

Man könnte endlos weiter­schreiben über ihn. Über seine Selbst­sti­li­sie­rung als Außen­seiter des Neuen deutschen Films, der seiner Ansicht nach nur »thin-blooded ideo­lo­gical constructs« hervor­ge­bracht hat. Rainer Werner Fass­binder aber lässt er gelten, mit Herbert Achtern­busch war er befreundet.

Über das besondere Gefühl zur Heimat fand er auch Nähe zu Edgar Reitz. In Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (2013) spielt er Alexander von Humboldt, den Natur­for­scher, den es hinaus in die Welt zog. Genau wie ihn selbst. Die Realität nicht als gegeben hinzu­nehmen und statt dessen Berge zu versetzen, das hat den Herzog Werner, wie man in Sachrang sagen würde, immer am meisten inter­es­siert.

Literatur: