25.11.2021

Der wilde Schlag meines Herzens

Léa Seydoux als France
France: Bruno Dumont kommt ins Theatiner!
(Foto: MFA+)

Die Französische Filmwoche in München zeigt, dass das Kino in Frankreich immer noch den Puls des Filmschaffens angibt, obwohl oder: weil es sich auf die eigene Tradition besinnt

Von Dunja Bialas

Léa Seydoux hat als Fern­seh­re­por­terin viele Schlachten zu schlagen. In der über­hitzten Atmo­s­phäre des gegen­wär­tigen Frank­reich und vor dem Hinter­grund schwe­lender Auslands­kon­flikte gerät die Jour­na­listin in eine Art mystische Krise mit der modernen Welt. Blanche Gardin, zuletzt zu sehen in Online für Anfänger, leistet ihr als Freundin Beistand, einer ihrer Gegner wird der eigene Ehemann, mit Melan­cholie von Benjamin Biolay verkör­pert. Will­kommen in France, dem neuen Film von Bruno Dumont. Die Jour­na­listin heißt übrigens France de Meurs.

France de Meurs! Frank­reich der Sitten (mœurs)! Der Film sollte ursprüng­lich »Par ce demi-clair matin« (deutsch etwa: »Eines dunstigen Morgens«) heißen, nach einer Text­samm­lung des Philo­so­phen Charles Péguy, der sich Ende des 19. Jahr­hun­derts vor dem Hinter­grund des deutsch-fran­zö­si­schen Kriegs Gedanken über das Wesen der fran­zö­si­schen und deutschen Nationen machte. Dumont hatte sich bereits für seinen Zwei­teiler Jeannette / Jeanne den katho­li­schen Sozia­listen Péguy vorge­nommen, der heute von zeit­genös­si­schen Philo­so­phen wie Alain Badiou und Bruno Latour wieder auf die Lektü­re­listen gesetzt wird. Der studierte Kino-Philosoph Dumont wiederum hat die Gedanken Péguys zur Vorlage einer abge­fah­renen Satire genommen, die jetzt in München auf den Fran­zö­si­schen Filmtagen in Vorpre­miere zu sehen ist. Bruno Dumont ist anwesend! (Fr, 26.11., 18 Uhr)

2Gplusplus

Zum zweiten Mal gastieren die früher immer Berlin vorbe­hal­tenen Fran­zö­si­schen Filmtage im Münchner Theatiner-Kino. Letztes Jahr durch­kreuzte Corona die Veran­stal­tung, dieses Jahr liegt eine schwere Last auf dem Programm, wenn die Baye­ri­sche Staats­re­gie­rung mit harten Bestim­mungen den Kino­be­such erheblich erschwert. Die Devise lautet nun 2Gplus, man muss geimpft und getestet sein, hinzu kommt die FFP2-Maske am Platz. Eigent­lich ein 2Gplusplus.

Poli­ti­sche und singende Körper

Das sollte nicht vom Besuch abhalten. Zu sehen sind neue fran­zö­si­sche Produk­tionen, die nicht unbedingt einen deutschen Verleih haben. La Fracture von Catherine Corsini, die in Deutsch­land bislang allen­falls einge­fleischten Frank­reich-Lieb­ha­bern bekannt ist, kommt direkt aus Cannes. Valeria Bruni Tedeschi spielt in der Tren­nungs­ge­schichte mit Gipsarm, die wörtliche Einlösung des viel­sa­genden Titels »Der Bruch«. Am Rande einer Demo kommen ihr Demons­tranten in die Quere, ein Sinnbild auch dafür, wie in Frank­reich gerade alles zu Bruch zu gehen scheint: das poli­ti­sche Leben, das Private, der mensch­liche Körper und auch der poli­ti­sche Körper. Foto­gra­fiert hat den Film die erfahrene Kame­ra­frau Jeanne Lapoirie, die man aus der Zusam­men­ar­beit mit Luc Besson, Agnès Varda, André Téchiné und François Ozon kennt. (Do, 25.11., 18 Uhr)

Mathieu Amalric ist einer der großen Frau­en­schwärme des zeit­genös­si­schen Kinos. Seine Mischung aus Trot­te­lig­keit, Verletz­lich­keit, Nach­denk­lich­keit und Verträumtheit machen ihn zur Inkor­po­ra­tion ange­sagter Sensi­bi­lität. Tralala der Brüder Arnaud und Jean-Marie Larrieu (Malen oder Lieben) ist ein Musical, das in Frank­reich mit Jacques Demy eine ganz eigene Tradition vorweisen kann und im Dezember mit Leos Carax’ großar­tigem Annette noch einmal in Höchst­form durch­starten kann (wenn auch in engli­scher Version). Tralala knüpft direkt an die fran­zö­si­sche Tradition an. Mathieu Amalric ist ein Straßen­mu­siker namens Tralala (ja, die Franzosen haben einen Hang zur Albern­heit), der nach Lourdes (Geburtstadt der Regie-Brüder) fährt, um eine Frau wieder­zu­finden, in die er sich verliebt hat. Was soll man sagen? Lourdes ist die Stadt der Wunder und der heiligen Komödie. (Sa, 27.11., 18 Uhr)

Mit großer Wucht

Mit Tony Gatlif kommt ein schweres Kaliber auf die Leinwand. Der Algerier mit Roma-Wurzeln wurde mit seinen enga­gierten Filmen über Algerien (La terre au ventre, 1975) oder die Situation der Roma (Corre, gitano, 1981) bekannt. Sein neuer Film Tom Medina spielt in der Camargue, wo er eine Vater-Sohn-Geschichte vor der rauen Wildheit und begleitet von proven­za­li­schen Flamenco-Klängen insze­niert. (So, 28.11., 18 Uhr)

Der Goldene-Palme-Gewinner Jacques Audiard ist ebenfalls ein Schwer­ge­wicht des zeit­genös­si­schen fran­zö­si­schen Kinos. Gemeinsam mit Céline Sciamma (Porträt einer jungen Frau in Flammen) hat er das Drehbuch für Les Olym­piades geschrieben, der im gleich­na­migen Viertel des 13. Pariser Arron­dis­se­ments spielt. Hier kreuzen sich die Wege von drei Frauen und einem Mann, die alle über die Liebe nach­denken. Der in Schwarz­weiß gedrehte Film erinnert an die Nouvelle-Vague-Remi­nis­zenzen von Philippe Garrel und ist eine zärtliche Hommage an das fran­zö­si­sche Kino von dem kraft­vollen Genre-Regisseur, der mit Ein Prophet 2009 eine Schneise der Kraft in das fran­zö­si­sche Autoren­kino geschlagen hatte. Der fast Sieb­zig­jäh­rige aber kann auch sensibel und ganz und gar ergrei­fend sein und hat dem fran­zö­si­schen Kino, so man dankbar den ausnahms­weise sehr schönen deutschen Verleih­titel nimmt, einen »wilden Schlag des Herzens« verpasst. (Mi 1.12., 18 Uhr)

Fran­zö­si­sche Filmwoche
24.11. bis 01.12.2021

Theatiner Filmkunst
Thea­ti­nerstr. 32
80331 München
Karten­re­ser­vie­rung: 089 / 22 31 83

Zum Programm der Fran­zö­si­schen Filmwoche 2021