10.06.2021

Period Pictures und Post-Punk

Der Freibrief
Aus dem Dunkel ans Licht: Alina Şerban arbeitet die rumänische Geschichte auf (Der Freibrief)
(Foto: Rumänisches Filmfestival / Alina Şerban)

Das Rumänische Filmfestival arbeitet dunkle Momente der rumänischen Geschichte auf und blickt einmal mehr in die Dynamik einer Familie. Unbedingt ergänzt werden sollte die hybride Ausgabe des Filmmuseums München durch ein statisches Kammerspiel von Cristi Puiu

Von Dunja Bialas

Ein Kammer­spiel auf weiter Steppe. Die Akteure: eine Braut ohne Bräutigam, ein Priester, ein Lehrer­paar, ein paar Kinder, Mütter, Väter, eine Katze – ein kleiner Mikro­kosmos. Sie stehen stell­ver­tre­tend für 40.000 Menschen, die in der stali­nis­ti­schen Ära Rumäniens in den 1950er Jahren auf Veran­las­sung von Gheorghiu-Dej mitten ins Nirgendwo depor­tiert wurden. Sich selbst über­lassen, sollten sie den unfrucht­baren Boden urbar machen und eine neue Siedlung aufbauen, so der Plan der »Säuberung«. Betroffen waren vor allem die Menschen des Banats, einer Region an der Grenze zu Titos Jugo­sla­wien. Sie galt als Sicher­heits­ri­siko, ihre Bewohner als Dissi­denten und Klas­sen­feinde. In der Steppe sollte die Not sie umer­ziehen, in einem Straf­lager ohne Zäune, denn die brauchte es in der großen Steppe nicht.

Und was . . . ist Freiheit? (Si atunci, ce e liber­tatea?) (2020) heißt der Film, der in entsät­tigter Farbe von den Ereig­nissen zwischen 1951 und 1956, dem Ende der Depor­ta­tionen, erzählt. Er eröffnet das Rumä­ni­sche Film­fes­tival, das jetzt unter dem Stichwort »Reloaded« die hybride Neuauf­lage des bereits für letzten November geplanten Festivals wagt. Festi­val­lei­terin Brigitte Drodtloff und der feder­füh­rende Kurator Klaus Volkmer mussten das Programm drastisch redu­zieren, auf nur eine Vorfüh­rung im Kino (das Film­mu­seum München hat seit dem 8.6. wieder geöffnet!) und Vorfüh­rungen im digitalen Kinosaal, mit dem das Film­mu­seum während der Schließungs­zeit Kontakt zum Publikum gehalten hat.

Dennoch sind immerhin sieben Filme im Programm – eine ganze Menge für den Stream, der nur vom 17. bis 20. Juni geöffnet ist. Raus­ge­fallen ist der bahn­bre­chende, jedoch formal auch sehr heraus­for­dernde Malmkrog (2020) von Cristi Puiu, der mitt­ler­weile auf Mubi seine das Kino über­sprin­gende Direct-to-Consumer-Auswer­tung gefunden hat. Der dreis­tün­dige Malmkrog spielt im Fin de siècle des 19. Jahr­hun­derts, an einem Ort im rumä­ni­schen Sieben­bürgen, den eine unga­ri­sche Adels­fa­milie geprägt hat. Eine groß­bür­ger­liche Tisch­ge­sell­schaft disku­tiert intensiv über Religion und Gott, Vorlage des Films war die düster gefärbte Theodizee des russi­schen Philo­so­phen Wladimir Solowjow, und bis auf wenige Über­ra­schungs­mo­mente ist der Film ein strenges Kammer­spiel, bei dem der Dialog stets die Oberhand behält. Malmkrog ist ein meis­ter­li­cher Film in der Tradition von Carl Theodor Dreyer oder Margue­rite Duras.

Am kommenden Freitag aber kann sich nun im Cine­ma­scope-Format ein anderer Histo­ri­en­film über die große Leinwand des Film­mu­seum München ausbreiten – was nach der halb­jäh­rigen Shutdown-Laptop-Erfahrung cine­as­ti­sche Über­wäl­ti­gung verspricht.

Andrei Zincăs Und was . . . ist Freiheit? nach dem Roman der Regime­kri­ti­kerin Ana Blandiana führt in die Weite der Bărăgan-Steppe, die in den 50er Jahren als rumä­ni­sches Sibirien galt. Der Film zeigt den stillen Über­le­bens­kampf der Depor­tierten, mit grup­pen­dy­na­mi­schen Zerset­zungen und dem starken Zusam­men­halt, den es braucht, um gemeinsam zu überleben. Kann man im Nichts die Freiheit finden? Aus dieser bejahten Frage ziehen die Prot­ago­nisten ihre Autarkie, um mitten in der Steppe eine Insel des Wider­stands zu bilden. Erst wenn es keinen Mut mehr braucht, frei zu sein, ist der Zustand der Freiheit erreicht, schreibt Ana Blandiana. Der Regisseur Andrei Zincă ging 1982 ins Exil, zunächst nach Latein­ame­rika, dann in die USA, wo er für einen Latino-TV-Sender arbeitete. Erst seit 2006 ist er zurück in Rumänien, und sein dritter rumä­ni­scher Film ist ein filmi­sches Statement über den Verlust von Heimat und gegen den staats­po­li­ti­schen Terror, der die Menschen vertreibt.

Ein weiteres sehens­wertes Period-Picture ist ein Kurzfilm, den der Stream bereit­hält. Bilet de iertare (Der Freibrief) reist in die Mitte des 19. Jahr­hun­derts zurück. In Rumänien versklavten damals die Bojaren-Adeligen die »Tsiganen«. Eine Roma-Sklavin bittet, ihren Sohn frei­zu­lassen, was von der Dienst-Herrin verhin­dert wird, die ihn sich als eine Art Ersatz-Ehemann wünscht. In dem stil­si­cher und mit ruhiger Hand insze­nierten Regie­debüt der Schau­spie­lerin Alina Şerban spielt die junge Roma selbst die Haupt­rolle – und arbeitet an einem weiteren dunklen Kapitel der rumä­ni­schen Geschichte; ein Langfilm ist geplant.

Ins Rumänien der Gegenwart taucht Ruxandra Ghițescu, Absol­ventin der Hoch­schule für Gestal­tung in Karlsruhe, in ihrem Spiel­film­debüt Otto Barbarul ein. Es reiht sich in die Filme, die mit großer Lust von dysfunk­tio­nalen Familien erzählen, langsam das Sezier­messer in den heimi­schen Wohn­zim­mern ansetzen, um genüss­lich die tiefere Verlo­gen­heit des fami­liären Gefüges frei­zu­legen. Im Zentrum steht der jugend­liche Punker Otto. Seine Freundin hat sich umge­bracht, nun suchen seine Mitmen­schen nach Gründen und immer noch schwe­lenden Gefahren für ihren Freitod. Vergeb­lich redet der Vater auf Otto ein, eindring­lich löchern ihn Sozi­al­ar­beiter mit ihren psycho­gram­ma­ti­schen Inqui­si­tionen. Otto Barbarul zeigt die große Kunst des rumä­ni­schen Kinos, kleine Geschichten mit großer emotio­naler Inten­sität zu erzählen. Der Film ist unauf­ge­regt in seinen stilis­ti­schen Mitteln – lange Einstel­lungen, eine nur durch Punkmusik unter­bro­chene Stille und hilflos-verzwei­felte Dialoge zwischen den Fami­li­en­mit­glie­dern geben der doku­men­ta­ri­schen Erzähl­weise großen filmi­schen Raum.

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Rumä­ni­sches Film­fes­tival 2020. Reloaded in 2021.

Eröffnung im Film­mu­seum München: 11. Juni 2021, 19 Uhr, Karten nur an der Kinokasse
Online-Programm (freier Zugang): 17. bis 20. Juni 2021
Zum Strea­ming­kanal des Film­mu­seums

Weitere Filme im Strea­ming­kanal:
Cardi­nalul (Der Kardinal) | Rumänien 2020 | R: Nicolae Mărgi­neanu
Cărturan | Rumänien 2020 | R: Liviu Săndu­lescu
Heidi – Fetița munților (Heidi – Das Mädchen aus den Bergen) | Rumänien 2020 | R: Cătălin Mitu-lescu
Dragă Moş Crăciun (Lieber Weih­nachts­mann) | Rumänien 2018 | R+B: Bogdan Ilieșiu

Hier gibt es das ausführ­liche Programm­heft