18.03.2021

Montag ist Kinotag

artechock / privat
Warten auf den Beginn des nächsten Films

Eine spontane Münchner Initiative steht von nun an wöchentlich für den Erhalt der Kinos an

Von Dunja Bialas

Warte­schlangen gibt es derzeit überall zu bewundern. Vor dem Corona-Test­zen­trum am Deutschen Museum in München zum Beispiel hat sich eine Schlange entlang der Isar gebildet. Es ist Montag, kurz vor 18 Uhr, zum Shoppen oder für den Oma-Besuch wird hier jetzt wohl nicht mehr ange­standen.

Auch die Warte­schlange vor dem Studio Isabella eine halbe Stunde später hat wohl einige Fragen aufge­worfen. Etliche Passanten bleiben stehen, schauen aus sicherer Entfer­nung zum Kino rüber. Auch hinter den Wohn­zim­mer­fens­tern regen sich Neugie­rige. Aufge­reiht steht da ein Dutzend Menschen vor dem verschlos­senen Kino­ein­gang. Schwarze Silhou­etten, rätsel­hafte Schat­ten­wesen in der herein­bre­chenden Dämmerung. »Wir warten auf den Beginn des nächsten Films«, sagen sie auf Nachfrage. Alle tragen eine FFP2-Maske, keiner skandiert einen Spruch. Nein, das ist keine Demons­tra­tion gegen die Corona-Maßnahmen, wie sie zum Fremd­schämen zwei Tage vorher mit einer Polonaise auf dem Münchner Mari­en­platz stattfand.

Vor dem Kino­be­such ein Wattes­täb­chen

Im Gegenteil. In der Schlange findet sich auch ein Mitar­beiter eines Kinos, der überlegt, was zu tun sei, wenn am kommenden Montag tatsäch­lich die Inzi­denz­zahl in München noch unter 100 liegen sollte, und das Kino gemäß des kürzlich auf Bundes­ebene ausge­klü­gelten Stufen­plans geöffnet werden könnte. »Schnell­tests bräuchte es dazu«, sagt er, aber die kann man in der Stadt nur schwer finden – kaum eine Apotheke bietet sie an, die Schlangen vor den Test­zen­tren sind lang, und als Kino­mit­ar­beiter will er auch nicht seinem Publikum in der Nase herum­fuhr­werken. Und überhaupt: Wer würde schon derartige Umstände auf sich nehmen, um ins Kino zu gehen?

In Tübingen dürfen bereits seit dieser Woche die Kinos wieder öffnen, ebenso wie die Theater und die Gastro­nomie. In einem bundes­weit einzig­ar­tigen Modell­ver­such wurden überall in der Stadt dezen­trale Testzelte errichtet, die den Menschen Tage­s­pässe für den Einkauf, fürs Café oder auch den Theater- und Kino­be­such ausstellen. Anders als die Theater, die seit Wochen Stücke einproben, finden aber einige Kino­be­treiber in Tübingen, dass es ohne neue Kinofilme nichts vorzu­führen gibt. Dennoch sind Sonder­vor­stel­lungen für das kommende Woche­n­ende ange­kün­digt: Das Arsen­al­kino (mit haus­ei­genem Verleih) zeigt Rosas Hochzeit, den neuen Film von Icíar Bollaín, die oscar­no­mi­nierten Werke Der Rausch von Thomas Vinter­berg und Minari des Südko­rea­ners Lee Isaac Chung. Außerdem Aznavour by Charles und passend zum 90. Geburtstag von Janosch Komm, wir finden einen Schatz. Von wegen: Es gäbe keine Filme, die man zeigen könnte.

Der Münchner Kino­be­treiber, der sich in die imaginäre Einlass­schlange vor dem Isabella einge­reiht hat, sieht das ähnlich. »Wir könnten sofort eine Menge Filme spielen, die wir nicht mehr richtig zeigen konnten, weil der Shutdown so schnell kam.« Außerdem musste das Kino einem Festival absagen, das jetzt nahezu sofort sein geplantes Programm reak­ti­vieren könnte. Andere Veran­stal­tungen, die tradi­tio­nell im Haus statt­finden, sind jetzt im Stream, auch die könnte man ins Kino holen. Oder die Filme des LUX-Publi­kums­preises. Nominiert sind die drei Oscar-Kandi­daten Der Rausch (Thomas Vinter­berg), Kollektiv – Korrup­tion tötet (Alexander Nanau) und Corpus Christi (Jan Komasa).

Die Kinos im Corona-Koma

Nicht die Filme fehlen. Das entschei­dende Hindernis für die anvi­sierte Kinoöff­nung ist – neben der zu vermu­tenden Zurück­hal­tung des Publikums – die von Spahn und Söder ange­kün­digte Test-Infra­struktur, die es aber einfach nicht gibt. Die städ­ti­schen Theater in München, die in den nächsten Tagen ihren Spiel­be­trieb wieder­auf­nehmen, lösen das Problem durch Testungen vor Ort. Die Privat-Theater aber bleiben zu, genau wie die Kinos. Denn wird der Spiel­be­trieb erst einmal aufge­nommen, fallen die Corona-Ausgleichs­zah­lungen weg, auf die die subven­tio­nierten Häuser nicht ange­wiesen sind. »Aber das wäre zu verschmerzen«, sagt auf Nachfrage ein Kino­be­treiber am Telefon, der unver­drossen mit Pop-up-Popcorn-Straßen­ver­kauf sein Kino beim Publikum in Erin­ne­rung hält. Die November- und Dezem­ber­hilfen waren sehr gut, erzählt er, jetzt pendele sich das in Ausgleichs­zah­lungen ein, eine Summe, die auch bei redu­ziertem Spiel­be­trieb einge­nommen werden könnte. »Ob auf oder zu, macht jetzt keinen Unter­schied mehr.« Beides sei derzeit gleich schlecht. Er zumindest will nicht vor Ende April öffnen.

Wenn die Kinos lange zu sind, könnten sie in Verges­sen­heit geraten, befürchten die Menschen, die jetzt vor dem Kino in der Maxvor­stadt auf dessen Öffnung warten – zumindest symbo­lisch. Gerade bei den Jüngeren, so die Befürch­tung, ist Kino keine kultu­relle Praxis mehr, also etwas, was man gewohn­heits­mäßig macht, weil es zum Leben einfach dazu­gehört.

Ein positives Signal geht deshalb vom Netflix-Einstieg in den Kino­sektor aus. Der liegt zwar schon etwas zurück, bekommt jetzt aber mit der Kino-Wiederöff­nung in New York und Los Angeles nach einem Jahr Corona-Koma noch einmal Aufmerk­sam­keit. In New York hatte sich der Strea­ming­mogul im November 2019 in das letzte Ein-Leinwand-Kino Manhat­tans einge­mietet, ins Paris Theater mit über 550 Sitz­plätzen, und es damit im Bestand gerettet. Ein Bekenntnis fürs Kino, das für die nächsten zehn Jahre gelten soll, so lange läuft der Miet­ver­trag. Hier wird Netflix seine Filme auf der großen Leinwand zeigen, seine eigenen Produk­tionen durch die Kino­vor­füh­rung aufwerten – wenn es zum Beispiel für die Oscars oder Festi­val­teil­nahmen wie Cannes verlangt wird. Unab­hängig von diesen nach­voll­zieh­baren Eigen­in­ter­essen aber geht vom Netflix-Kinosaal auch ein positives sozio­kul­tu­relles Zeichen aus: Filme sind für die große Leinwand mit Kinosound gemacht, und für das gemein­same Sehen.

Anstehen für das Kino

Auch die Menschen, die sich vor dem Münchner Studio Isabella einge­funden haben, wollen Filme im Kino sehen – und zeigen. Sie sind über­wie­gend Doku­men­tar­fil­me­ma­cher*innen, die ihre Werke für den 5.1-Dolby-Surround-Kanal angelegt haben, nicht für Airpods-Stecker. Auch wenn viele ihrer Kolle­ginnen und Kollegen erleich­tert sind, wenn in Corona-Zeiten Filme durch Netflix über­nommen werden, wie zum Beispiel Julia von Heinz mit dem kurz vor dem November-Shutdown gestar­teten Und morgen die ganze Welt, wollen sie doch vor allem, dass ihre Filme im Kino gesehen werden. Dominik Graf hat deshalb seinen Berlinale-Wett­be­werbs­film Fabian oder Der Gang vor die Hunde der deutsch­spra­chigen Presse nicht im Stream frei­ge­geben und statt­dessen eine Kino­vor­füh­rung für die Berliner Jour­na­listen orga­ni­siert, ebenso wie Daniel Brühl mit Nebenan.

Es kündigt sich jedoch gerade eine weitere Saison an, in der Filme über­wie­gend im Stream zu sehen sein werden. Wie es nach dieser ausge­prägten Wohn­zim­mer­er­fah­rung dann wohl mit den Kinos weiter­gehen wird?

In der Münchner Isabel­lastraße ist man sich zumindest einig, dass jetzt erst einmal jeder Montag »Kinotag« sein soll. Um sich zu treffen, um zu reden, um Ideen zu entwi­ckeln. Und um auf die Situation der Kinos aufmerksam zu machen. Ob man das anmelden muss? Vermut­lich ist das Treffen an diesem nass­kalten Montag gemäß der aktuellen baye­ri­schen Infek­ti­ons­schutz­maß­nah­men­ver­ord­nung gar nicht zuge­lassen. Wenn man sich im großen Abstand mit FFP2-Maske im Freien auf dem Gehweg trifft: Verstößt man dann gegen Corona-Regeln? Ist das schon uner­laubte Grüpp­chen­bil­dung, am Ende gar eine Demo?

Denn auch wenn es keine Plakate und keine Trans­pa­rente gibt: Das stumme Anstehen, das vergeb­liche Warten auf den Beginn des nächsten Films, setzt ein Zeichen.