25.06.2020

Aschenputtel aus Harare

Cook Off
Kochen heißt nicht nur Essen, sondern auch Selbstermächtigung – Tendaiishe Chitima in Tomas Lutuli Brickhills Cook Off
(Foto: Netflix)

Der No-Budget-Film »Cook Off« aus Zimbabwe macht aus der klassischen »Pretty Woman«- Geschichte ein Kochwettbewerbs-Märchen und wird dann selbst zum erlösten Aschenputtel. Jedenfalls für eine Weile.

Von Axel Timo Purr

Es ist eine dieser Geschichten, die American-Dream-treue Ameri­kaner gern erzählen. So wie die vom Teller­wä­scher, der es zum Millionär gebracht hat. Oder der Prosti­tu­ierten in Gary Marshalls Pretty Woman (1990), die vom reichen Geschäfts­mann »erkannt« und »erlöst« wird. Alles Geschichten, die im Kern natürlich nichts anderes sind als eine Variation des alten Grimm'schen Märchens vom »Aschen­puttel« (1812) und Charles Perraults »Cendrillon ou la Petite Pantoufle de verre« (1697). Aber diese Geschichte aus Zimbabwe?! Dem Land von Robert Mugabe, dem Präsi­denten mit seinen Geistern, der vom Befrei­ungs­helden zum unheim­li­chen Diktator mutierte und sein Land in den wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Abgrund riss, bis er dann 2017 entmachtet wurde und schließ­lich letzten September in Singapur im Alter von 95 starb? Ja, genau, dieses Zimbabwe! Und so über­ra­schend ist das ja eigent­lich auch nicht, wenn man mal genau hinsieht, ist ja schon Mugabes Lebens­ge­schichte fast so etwas wie die Erlö­sungs­ge­schichte eines Aschen­puttel, wenn auch eine ohne Happy End.

Dass Zimbabwe aber auch zu Geschichten mit Happy End fähig ist und wie Hollywood das Thema »Aschen­puttel« bedienen kann und sich dabei auch noch doppel­bödig selbst über­trifft, zeigt Tomas Lutuli Brick­hills Cook Off. Brickhill, der bis 2017 für das gerade ausge­lau­fene Zimbabwe-Format des Koch-TV-Spek­ta­kels »Top Chef« zuständig war, unter­füt­terte die Live-Sendung erzäh­le­risch mit klas­si­schen Aschen­puttel- und modernen Pretty Woman-Elementen und fand mit Joe Njagu einen Produ­zenten, der gerade mal 8.000 Dollar auftrieb und den Dreh ins Rollen brachte. Und er fand renom­mierte Schau­spieler, die auf ihre Gagen verzich­teten, die mit abge­kochtem Leitungs­wasser und Strom­aus­fällen zurecht­kommen mussten und durch Tränen­gas­at­ta­cken der Polizei gehan­di­capt waren, da die Dreh­ar­beiten 2017 während des letzten Aufbäu­mens der Mugabe-Regimes statt­fanden.

Was schließ­lich aus dem Schnei­de­raum kam, war eine völlig über­zeu­gende Liebes­komödie, ein Feelgood-Movie über die allein­er­zie­hende Mutter Anesu (Tendaiishe Chitima), die sich mehr schlecht als recht durch den stra­pa­ziösen Alltag einer modernen afri­ka­ni­schen Großstadt schlägt und die erst durch die von ihrem kleinen Sohn angeregte Teilnahme bei dem TV-Format »Battle of the Chefs« nicht nur ihre Rolle als Frau, sondern auch ihr Berufs­bild als Köchin in einer der zahl­rei­chen Garküchen Harares zu hinter­fragen beginnt. Dass sie dabei auch noch ihren »Prinzen« findet, ist ange­sichts des Genres alles andere als über­ra­schend. Doch Brickhill zeigt weit mehr als die Selbst­er­mäch­ti­gung eines Aschen­put­tels.

Über Anesus Konkur­renten im Koch­wett­be­werb und ihr fami­liäres Umfeld in einem prekären Vorort Harares zeigt Brickhill auch eine zerris­sene Gesell­schaft, in der eine korrupte, offen­sicht­lich stark »verwest­lichte« Elite gnadenlos um ihre Vorteile kämpft und Rechts­si­cher­heit nicht einmal auf schu­li­scher Ebene garan­tiert werden kann. Brickhill stellt diese ernüch­ternden Fakten in den Kontext präziser Alltags­be­ob­ach­tungen, in denen vor allem über das Kochen und das Essen ein faszi­nie­rendes Gesell­schafts­por­trät entsteht, nicht viel anders als in »Koch«-Klas­si­kern wie Gabriel Axels Babettes Fest (1987), Alfonso Araus Bitter­süße Scho­ko­lade (1992) oder Ang Lees Eat Drink Man Woman (1994) – ein Porträt, das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass es endlich einmal eine Geschichte aus Zimbabwe jenseits der drei »K« (Kriege, Krank­heiten, Kata­stro­phen) erzählt und sich damit erfolg­reich in eine Reihe von inno­va­tiven, das bestehende »K-Paradigma« negie­renden Produk­tionen wie Queen SonoAtlan­tique oder Félicité einreiht.

Doch der Über­ra­schung nicht genug. Denn so wie die (Erfolgs- und Aschen­puttel-) Geschichte, die Brickhill in seinem Film erzählt, so hat sich auch sein Film selbst in ein Märchen mit Happy End verwan­delt. Über die beschei­dene »Kino­pre­miere« auf der Dach­ter­rasse des New Ambassador Hotels in Harare, Festi­val­teil­nahmen- und Preise in Rotterdam, Seattle, Durban und Houston, begannen sich die so innovativ wie großartig die Kino­kultur im südlichen Afrika verbrei­tenden, solar­be­trie­benen Sunshine Cinemas für den Film zu inter­es­sieren und ermö­g­lichten einen beschei­denen Kinostart in Südafrika, Zambia, Botswana und Zimbabwe.

Aber weder davon noch von der Kino­aus­wer­tung in England im Sommer 2019 konnte Brickhill seinen Cast bezahlen. Bis dann, als die Welt sich schon im Lockdown befand, der alle und jeden verfüh­rende »Prinz Netflix« an die Tür klopfte, um »Cook Off« ab dem 1. Juni als ersten »Netflix-Film« aus Zimbabwe in seinen Katalog aufzu­nehmen, um damit alle Betei­ligten, ja fast das ganze Land, in einen kollek­tiven Rausch zu stürzen, der größer kaum hätte sein können.

Ein Rausch, der anders als jener nach der Befreiung des Landes durch Robert Mugabe, ein Happy End hat, mit dem die Zimbabwer eine Weile wohl auch ganz gut leben werden können, denn mit »dunklen Prinzen« haben sie seit Mugabe und einmal mehr durch ihren neuen Präsi­denten Emmerson Mnana­gagwa ja ihre Erfah­rungen. Und passen dann Aussagen wie etwa die von Netflix' Deutsch­land-Chef Kai Finke auf der letzten Berlinale (»Die einzige Konkur­renz, die wir noch haben, ist die Sonne«) oder jene auf dem Münchner Seri­en­camp-Festival 2019 (»Einziger Konkur­rent ist der Schlaf«) gut in den poli­ti­schen Erfah­rungs­ho­ri­zont eines Landes, das sehr gut weiß, dass jeder Despot, ob schwarz oder weiß, am Ende auch wieder abdanken muss und gegen die anar­chi­schen Träume einer ganzen Gesell­schaft, so wie in Brick­hills Film, nun mal kein Kraut gewachsen ist.