23.09.2019

Horror, Frauen, Aliens

Beatrice Manowski
Unerschrocken feministisch: Beatrice Manowski (Foto: Randfilm)

Das Randfilmfest in Kassel erfreut sich an Diskurs-Verstörungen

Von Dunja Bialas

»Daran hat mal wieder keiner gedacht, dass die Sonne jetzt so tief steht, dass sie um 6 Uhr abends voll in den Laden rein­scheint.« Der täto­wierte Mitar­beiter des Film-Shops steht auf der Leiter und hantiert mit dem Gaffer-Tape. Er verklebt den schmalen Schlitz, der einen Sonnen­strahl durchs Fenster durch­lässt, direkt auf die Leinwand, wo eigent­lich gerade Karyn Kusamas The Invi­ta­tion zu sehen sein sollte. Anstatt ahnungs­voller Dunkel­heit macht sich da aber jetzt der letzte Sommer­bote breit. Bei schönstem Wetter wird in Kassel an diesem vorletzten Woche­n­ende im September das Rand­film­fest abge­halten. Der Film-Shop, angeblich die älteste Videothek der Welt, die es sogar ins Guin­ness­buch der Rekorde geschafft hat, ist zum ersten Mal dabei. Vor zwei Jahren hat Randfilm die Videothek, als das Aus drohte, unter die Vereins­fit­tiche gehommen, hat dort das »Deutsche Video­the­ken­mu­seum« instal­liert und nennt sie im Festi­val­ka­talog »Raum der verlo­renen Filme«. Ein bisschen Adelung muss sein.

Filme-Huis-Clos

Dabei passt die Videothek mit der Aura der Film­be­ses­sen­heit gut zum Spirit des kleinen Festivals. In den vielen Räumen, die sich verwin­kelt durch das flache Gebäude an der Erzber­ger­straße ziehen, stehen auf den selbst­ge­zim­merten Displays decken­hoch die DVD-Hüllen, schön mit dem Cover voran, um auf die Titel aufmerksam zu machen. In einem Raum wurde ein Super-8-Kabinett instal­liert, hier werden ab und an Schmal­film­rollen von Block­bus­tern gezeigt, die für den Heim­ge­brauch verkürzten Action­rollen, soge­nannte Viewer Digest Editionen, wie sie auch im Münchner Werk­statt­kino zu sehen sind.

Beim Rand­film­fest will man aber lieber kein Schmal­film-Feeling aufkommen lassen. Im Festival-Scree­nin­graum der Videothek haben die drei Randfilm-Macher Volker Beller, Christoph Langguth und Ralf Stadler eine große Leinwand und einen starken Beam inklusive profes­sio­nellem Sound­misch­pult instal­liert.

Nachdem der Sonnen­streifen gebannt wurde, lässt sich so auch vortreff­lich The Invi­ta­tion von 2015 genießen. In seinem Setting erinnert er an die beklem­mend-über­ra­schende Eingangs­se­quenz von Jordan Peeles Intruder-Film Us. Hier kommt keiner raus, es geht ans nackte Leben. Die Huis-Clos-Situation – Gäste können eine Dinner-Party nicht mehr verlassen und sind den morbiden Launen der Gastgeber ausge­lie­fert – eignet sich natürlich hervor­ra­gend auch als Metapher auf das Kino und seine Besucher. Zum Glück ist es in der Videothek heime­liger, und nach Ende des Films kommt man auch problemlos wieder raus und den Berg hoch zur anderen Spiel­stätte des Rand­film­fests, dem »Interim« direkt am Bahnhof.

Frau­en­fan­ta­sien

Dort war es am Nach­mittag schon unge­müt­li­cher gewesen, mit Mosquito, der Schänder, den der serbische Regisseur Marijan Vajda jr. 1975 drehte. Als Schau­platz seiner Story vom gehör­losen Buch­halter, der wegen einer leicht durch­schau­baren und dick aufge­tra­genen Backstory-Wound zum Leichen­schänder wird, hat sich Vajda, der auch bei der Kirch-Gruppe arbeitete, München gewählt. Die Fahrten entlang von Grün­walder Grund­s­tück­mauern und Szenen, die sich im tristen Hinterhof damals noch ungen­tri­fi­zierter Miets­häuser abspielen, vermählen den spießigen Charme von »Derrick« mit der patenten »Haus­meis­terin«. Man denkt aber auch an Polanskis Der Mieter, während man dem Buch­halter in seinem mit Puppen deko­rierten Zimmer dabei zusieht, wie er mittels Ster­be­an­zeigen seinen nächsten Besuch in der Leichen­halle plant. Die Ausstat­tung, die Backstory Wound und die zugrun­de­lie­gende wahre Geschichte vom »grausigen« Vampir von Nürnberg erinnern auch an Der Goldene Handschuh.

Frauen sind hier wie dort die Geschöpfe, die den Männern zu schaffen machen. So sehr, dass sie darüber äußerst unan­ge­nehme Fantasien entwi­ckeln. Das gilt auch für den in Deutsch­land entstan­denen A Young Man with High Potential von Linus di Paoli (2018), ein Beispiel für die aktuelle Rück­be­sin­nung auf den Genrefilm. Auch hier ist der Prot­ago­nist sozial isoliert. Das geht heute dank Home­of­fice und Internet-Bestell­dienste ganz einfach, leichter als in den siebziger Jahren, wo man, wie der Buch­halter, noch dem Gespött der Kollegen und den Verfüh­rungen und Ernied­ri­gungen durch echte Frauen ausge­setzt war. Hier will es das Teamwork im Studium, dass Infor­ma­tik­stu­dent Piet eine Frau in seiner Wohnung hat. Ihm fällt nichts anderes ein, als ihr Schlaf­ta­bletten einzu­flößen. Um sich an ihr zu vergehen. Es kommt dann zu einem dummen Overdose-Unfall, der dazu führt, dass die Frau in Einzel­teilen mit dem Parcel-Service entsorgt werden muss. Die Hilf­lo­sig­keit und abge­nutzte Fantasie gegenüber dem weib­li­chen Geschlecht ist dabei nicht viel anders geartet als bei Mosquito.

Hommage an Nippel­suse

Ob diese Gender­hilf­lo­sig­keit im Horror­film auch Genre-Hilf­lo­sig­keit ist, mag dahin­ge­stellt sein. Sicher­lich kommt man beim Erkennen des Horror-Schemas auf seine Kosten. Inter­es­santer wurde es beim Rand­film­fest jedoch mit dem Ehrengast Beatrice Manowski, die in ihren Filmen und Rollen die Geschlech­ter­kli­schees verball­hornt, durch selbst­be­wusste aggres­sive Weib­lich­keit. Jederzeit schnallt sich einen Dildo um und bemannt sich also eigen­mächtig. Das ist aus heutiger Sicht viel span­nender, als sich in Einzel­teilen wieder­zu­finden. Der Auftritt von ihr und ihrer Schau­spiel-Kollegin Eva Medusa Gühne (was für ein toller Name!) anläss­lich der »west­deut­schen Erst­auf­füh­rung« von Pins + Balls (2013), wie der ebenfalls anwesende Regisseur Oliver Held süffisant bemerkte, wurde zur fröh­li­chen Wohltat in dem ansonsten doch sehr männer­las­tigen Programm.

Randfilm Held, Gühne, Manowski
Oliver Held, Eva Medusa Gühne, Beatrice Manowski und Moderator Ralf Stadler (Foto: Dunja Bialas)

Held hat Pins + Balls mit billiger Digital-Video­technik gedreht, der Film spielt über­wie­gend in einem Zimmer mit einem Bett und greift damit wieder den beliebten Huis-Clos auf, der ja auch kosten­güns­tige Produk­tionen ermög­licht. Pins + Balls ist eine Verfil­mung eines Textes aus der Andy-Warhol-Factory, den einer der Stars tage­buch­artig verfasst hat. Die Adepten spielen Warhol, der an seiner Impotenz leidet, und zwei Factory-Girls auf der Jagd nach dem nächsten Orgasmus. Während des ganzen Films sind alle drei meist nackt zu sehen, sie spielen offen­herzig und Warhol-würdig. Nebenbei ist Helds Film auch noch ein Problem­film: Mit viel Humor nimmt er sich des Themas nach­las­sender Potenz im Alter an (der Öster­rei­cher Albert Sackl führt dies derzeit in seinen Steifheit-Filmen als auf siebzig Jahre ange­legtes Lang­zeit­pro­jekt durch), und spricht das Recht der Frau auf den Orgasmus aus. So kann sein Film auch aus femi­nis­ti­schem Blick­winkel rezipiert werden und sei dem Hofbauer-Kongress und dem Werk­statt­kino wärmstens anemp­fohlen. Einziges Hindernis für die Rezeption auf Frau­en­film­fes­ti­vals, wo der Film eigent­lich auch seinen Ort finden könnte: Oliver Held ist nun mal keine Frau, die diesen Film gemacht hat. Es kann aber davon ausge­gangen werden, dass Beatrice Manowski und Eva Meduse Gühne beim Dreh das Heft in der Hand hatten.

Fröhliche Selbst­be­man­nung

Auch Manowskis eigene Regie­ar­beit Drop Out (1998) lässt diesen Schluss zu. Hier insze­niert sie sich als Privat­de­tek­tivin »Nippel­suse«, der im Nacht­leben allerhand Aben­teu­er­li­ches wieder­fährt, während ihr die Männer erliegen. Erschwert wurde die Vorstel­lung durch die miserable Qualität der »Kopie«, die eine digitale Abtastung der DVD war, die selbst wiederum auf einem 5.1-Ton beruht, der auf verwa­schenes Stereo herun­ter­ge­rechnet war. So oder so ähnlich erläu­terte und entschul­digte es Ralf Stadler vor der Vorfüh­rung, verknüpft mit der Ankün­di­gung, dass Randfilm eine neue digitale Fassung auf Grundlage des Originals erstellen wolle, um dem Film damit wieder zu neuem Leben zu verhelfen. Drop Out reiht sich ein in die Filme von Klaus Lemke, in die frühen Werke von Eckhart Schmidt und in Werner Nekes Johnny Flash (1987); alles wirkt impro­vi­siert, ist aber sorg­fältig geskriptet, ist inde­pen­dent und Low-Budget, eine andere Art des Filme­ma­chens, jenseits der ausge­tram­pelten Film­hoch­schul­pfade.

Es ist natürlich rühmlich, wenn Randfilm hier als Restau­rator tätig sein will. Man hätte sich aber auch an anderer Stelle, etwa bei der Vorfüh­rung von Bruno Dumonts Hors Satan, gewünscht, nicht nur Leinwand, Abspiel­gerät und Sound­an­lage wären quali­tativ High-End gewesen. So hätte man den Film von einem adäquaten Vorführ­me­dium zeigen sollen, von Blu-Ray oder ProRes-File zumindest, aber bitte nicht von verpi­xelter DVD.

Nerds und Aliens

DVD und sogar VHS waren jedoch genau richtig platziert beim mitternächt­li­chen Alien-Quiz, das Moderator Dave launig rüber­brachte. Die drei Kandi­daten – Film­kri­tiker-Kollege Sebastian Selig, Pascalina und ein deutsch­spra­chiger Kanadier – gaben eine Leis­tungs­show ihres Nerd-Wissens zu Filmen mit Außer­ir­di­schen zum Besten. Das war äußerst unter­haltsam und erstaun­lich, während Dave die richtigen Antworten mit einem beherzten Griff in die »Trash-Tüte«, einen Müllsack, prall gefüllt mit VHS-Video­kas­setten, belohnte.

Randfilm Aliens
Perfekt insze­niertes Alien-Quiz (Foto: Dunja Bialas)

Gerade die Talk-Einheiten fielen beim Rand­film­fest berei­chernd auf, immer wenn die Macher über ihre »Randfilme« sprachen, taten sich Türen auch auf dahinter liegende Diskur­süber­le­gungen auf. Das könnte noch ausgebaut werden, ohne Gefahr zu laufen, das eigene Programm akade­misch werden zu lassen oder aus dem See-and-Enjoy-Zusam­men­hang zu reißen. Der sorg­fältig bestückte Bücher­tisch in der Videothek demons­trierte auf jeden Fall grund­sätz­liche Diskurs­be­reit­schaft.

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