17.01.2019

Die Welt als Wille und Vorstellung

Brexitannia
Brexitannia: Was die Briten über den Brexit sagen

Die Filmreihe FilmWeltWirtschaft im Münchner Filmmuseum befasst sich mit politischen Experimenten von Brexit bis zum alpinen Resort

Von Dunja Bialas

Keine Expe­ri­mente, bitte! heißt es gewöhn­lich von offi­zi­ellen Stellen. Egal, ob Münchner Städ­te­planer, Fern­seh­pro­gramm­di­rek­toren oder Kultur­in­haber: alle wollen das, was sich bewährt hat, was man kennt, was man hat. Gerade in der Politik tut man sich schwer mit Expe­ri­menten, die nicht in die neoli­be­rale Richtung soge­nannter »Wirt­schafts­in­no­va­tionen« zeigen.

Dennoch werden wir gerade Zeuge des größten poli­ti­schen Expe­ri­ments seit den Plänen Napoleons, der unter dem Ärmel­kanal einen Tunnel von Frank­reich nach Großbri­tan­nien buddeln wollte. Kaum wurde dies zwei­hun­dert Jahre später in die Tat umgesetzt, wird jetzt der Tunnel meta­pho­risch wieder zuge­schüttet: Der Brexit ist da!

Die neueste Ausgabe der alljähr­lich im Film­mu­seum München zum Jahres­be­ginn statt­fin­denden Film- und Diskus­si­ons­reihe »FilmWel­tWirt­schaft« widmet sich den Expe­ri­menten von Politik, Wirt­schaft und NGOs. Wer die Live-Debatten im briti­schen Unterhaus in den vergan­genen Tagen verfolgt hat, wird eine große Freude haben, in Brex­i­tannia (2017), dem bereits kurz nach dem Refe­rendum entstan­denen Kinofilm zum Brexit, den State­ments der »Brex­i­teers« und »Remainers« zu lauschen. Hier sagen die Menschen Großbri­tan­niens unver­blümt, was sie denken, oft ist das auch inkorrekt, aber auch sehr erhellend, klug und immer divers: es sind Frauen, Männer, Homo­se­xu­elle, Alte, Junge, Tradi­tio­na­listen, Migranten, Natio­na­listen, Trum­pisten, Theo­re­tiker, Arbeiter, Kritiker, Philo­so­phen und Schäfer. Regisseur Timothy George Kelly ist auch Video­künstler und hat ein über­zeu­gendes Setting für die State­ments gefunden. Die Menschen von Großbri­tan­nien sprechen direkt in die Kamera, platziert in die Land­schaft, Pubs oder an ihrem Arbeits­platz. Alles ist sorg­fältig in 4:3 kadriert und auf Schwarz­weiß gebannt. Brex­i­tannia entfaltet so ein viel­stim­miges und facet­ten­rei­ches Panorama zu einem der gewag­testen Expe­ri­mente des Jahr­zehnts. (Brex­i­tannia, Samstag, 19.1., 18:30 Uhr, anschließend Diskus­sion mit dem Sozio­logen Stephan Lessenich)

Spanien erfährt seit der Welt­wirt­schafts­krise, dass diese vor allem die Krise der Arbeit herbei­ge­führt hat. Eines der dring­lichsten Probleme ist so auch die Arbeits­lo­sig­keit im Land; Migration und berufs­fremde Tätig­keiten sind die Folge. Aus dieser Misslage resul­tiert eine grund­le­gende Entfrem­dung von der Arbeit, was auch das Thema des verblüf­fend insze­nierten La mano invisible (2016) von David Maciáns Lang­film­debüt ist. Die titel­ge­bende »unsicht­bare Hand« geht auf den Ökonomen Adam Smith zurück, die als Metapher allgemein für die Selbst­steue­rung der Wirt­schaft über Angebot und Nachfrage steht, aber auch für das unsicht­bare Strip­pen­ziehen in der Welt der Ökonomie, deren Mario­netten wir am Ende sind. Macián insze­niert den abstrakten Begriff als schil­lernden Film, der sich zwischen Lars von Triers Dogville und den immer auch sarkas­ti­schen Gesell­schafts­ex­pe­ri­menten von Yorgos Lanthimos ansiedelt.
Bei Macián ist die Welt eine Bühne. Arbeitslos gewordene Arbeiter werden ange­heuert, bei einer Thea­ter­in­stal­la­tion mitzu­wirken, in der sie ihre Arbeit performen. Der Maurer mauert und setzt Ziegel auf Ziegel, die Näherin näht Büsten­halter, die Tele­fo­nistin lanciert tele­fo­nisch Umfragen über Arbeit, der Metzger zerlegt Fleisch­bro­cken, der Auto­me­cha­niker montiert Reifen. Am Ende des Tages wird wieder alles rück­gängig gemacht: die BHs aufge­trennt, die Mauern einge­rissen, die Reifen abmon­tiert und aufgeräumt: Hier ist Sisyphos am Werk.

Die Bühnen­in­stal­la­tion demons­triert die Sinn­lo­sig­keit der Arbeit, verschärft um die Tatsache, dass den Akteuren selbst Sinn und Zweck ihres Tuns im Rahmen des Projekts verborgen bleiben. Einmal beichtet die Tele­fo­nistin einem Kollegen, sie hätte Umfragen gefaked, prompt sei ihr Geld abgezogen worden. Die unsicht­bare, aber auch unbe­kannte Hand überwacht das Tun, und es wird erwartet, so zu arbeiten, als wäre dies nicht ein ins Produk­tions-Nirwana führendes instal­la­tives Projekt. Bald kommt es zu Tumulten: das Publikum möchte mehr Action auf der Bühne und genießt die aufkom­mende Anspan­nung bei den sinnlos Arbei­tenden. (La mano invisible, Samstag, 19.1., 21 Uhr, Zu Gast: Regisseur David Macián)

Auch in den Alpen­län­dern kommt es zu Expe­ri­menten, hier vor allem mit der Umwelt. So hat sich das Tal von Mals in Südtirol in eine Apfelbaum-Mono­kultur trans­for­miert, obwohl der Anbau von Äpfeln aufgrund der extremen klima­ti­schen Bedin­gungen nur unter hohem chemi­schem Einsatz möglich ist. Der öster­rei­che­ri­sche Filme­ma­cher Alexander Schiebel zeigt in Das Wunder von Mals einen Bio-Kräuter-Bauern, der endgültig genug davon hat, unter Plastik zu leben, um sich und seine Ernte vor der toxischen Umwelt zu schützen. Gemeinsam mit den Bewohnern des Ortes will er eine pesti­zid­freie Zone errichten, stößt dabei auf starken Wider­stand seitens der einfluss­rei­chen Obstlobby. (Das Wunder von Mals, Donnerstag, 17.1., 19 Uhr, anschließend Diskus­sion mit Vertreter*innen des Münchner Umwelt­in­sti­tuts)

Der Ausver­kauf der Alpen ist in Andermatt in der Schweiz gerade groß im Gange. Den male­ri­schen, aber touris­tisch unlu­kra­tiven Ort will ein ägyp­ti­scher Investor zum Luxus­re­sort umbauen. Andermatt – Global Village (2015) des Schweizer Leonidas Bieri tritt den Beweis an, dass schon die ersten Alpen-Gentri­fi­zierer vor Ort sind und vom Geld schwärmen, das sie bald verdienen werden. Natürlich gibt es auch Skeptiker ange­sichts des Luxus­seg­ments, in dem man sich verorten soll. Das Projekt beginnt zu stocken. Ad acta aber ist es nicht gelegt. Bis dies (hoffent­lich) in ferner Zukunft passiert, werden wir Zeuge eines absurden Expe­ri­ments, das nach dem Motto durch­ge­führt wird: Was möglich ist, wird auch gemacht. (Andermatt, Sonntag, 20.1., 17:30 Uhr, zu Gast: Leonidas Bieri (Regisseur) und Roman Ossner (Deutscher Alpen­verein))

Manchmal tut es gut, den Blick umzu­kehren. Was wäre wenn? Einen Perspek­tiv­wechsel insze­nieren Ferdinand Carrière und Christian Weinert in ihrem Doku­men­tar­film One Year in Germany, dem ein soziales Expe­ri­ment zugrunde liegt. Ein Jahr lang absol­vieren vier Afrikaner*innen Frei­wil­li­gen­dienste in Deutsch­land. Eine Art Entwick­lungs­hilfe, baut doch unser Sozi­al­sektor auf exploi­ta­tive Weise auf dem Ehrenamt auf. Neben netten Deutschen, die sich über das afri­ka­ni­sche Enga­ge­ment in Europa ein wenig wundern, kommt es natürlich auch zu Begeg­nungen mit entlar­venden Klischees. Der Film ist aus der Perspek­tive der als Test­per­sonen fungie­renden Helfer*innen erzählt und hält der Tümelei in Deutsch­land einen immer auch vergnüg­li­chen Spiegel vor. (One Year in Germany, Freitag, 18.1., 18:30 Uhr)

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FilmWel­tWirt­schaft
17.-20. Januar 2019, Film­mu­seum München
Eintritt: 4 € (Mitglieder des MFZ 3 €)
Das Programm wird von der stell­ver­tre­tenden Leiterin des Film­mu­seums München, Claudia Engel­hardt, kuratiert.