08.03.2018

Es darf gestreichelt werden!

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
El Manguito ist einer der schönsten Filme des Bunten Hundes – leider außer Konkurrenz!

Mit dem Bunten Hund in München beginnt die baye­ri­sche Kurzfilm-Saison

Von Dunja Bialas

Kaum hat man sich von der Berlinale erholt, geht es auch schon weiter mit dem Festival-Stress. Zumindest für die Bayern. München, Regens­burg und Landshut warten in den nächsten zwei Wochen mit ausge­feilten Kurz­film­pro­grammen auf, in Bad Aibling geht es ab heute bei der Nonfik­tio­nale mit Doku­men­tar­filmen zum Thema »Spre­chende Bilder« in die 11. Runde. Nein, nicht, was Sie jetzt denken: Spre­chende Bilder sind das Gegenteil der verpönten »Talking Heads« – hier sprechen die Bilder für sich, es geht ums dezidiert kine­ma­to­gra­phi­sche Erzählen im Doku­men­tar­film – eine hohe Kunst, die sich leider immer noch nicht durch­ge­setzt hat. Die Inter­na­tio­nale Kurz­film­woche Regens­burg startet dann eine Woche später und zeigt vom 14.-21.3. unter anderem Filme von »Starken Frauen« (Jennifer Reeder und Monika Treut sind zu Gast!). Das Lands­huter Kurz­film­fes­tival startet ebenfalls am 14.3. (bis 19.3.) und wartet mit Rekord­zahlen auf: »Insgesamt 1093 Minuten Kurz­film­power stecken im Kurz­film­wett­be­werb, mehr als 18 Stunden beste Unter­hal­tung. 76 großar­tige Spiel-, Doku­mentar- und Anima­ti­ons­filme gibt es in den 11 Programm­blö­cken zu entdecken, darunter 6 Welt­pre­mieren und 12 Deutsch­land­pre­mieren«, heißt es auf der Website. Na, wenn das mal nichts ist!

München aber macht den Auftakt zum baye­ri­schen Kurzfilm-Frühling und lässt ab heute die 19. Ausgabe des Inter­na­tio­nalen Kurz­film­fes­ti­vals Bunter Hund von der Leine. Anders als man von den Münchnern vermuten würde, ist das Festival in der baye­ri­schen Landes­haupt­stadt jedoch sehr nahbar und darf als »Bunter Hund« sozusagen sogar gestrei­chelt werden.

Das Festival heißt, wie sein Programm und sein Team selbst sind: Es folgt der »Diversity« des Film­schaf­fens, zeigt Doku­mentar-, Spiel- und Expe­ri­men­tal­kurz­formen und wird von einem ebenfalls sehr bunten Team zusam­men­ge­stellt, das prin­zi­piell jedes Jahr wechseln kann. Der Bunte Hund ist ein echtes Mitmach­fes­tival (wer Lust hat, bei der Programm­aus­wahl mitzu­ma­chen, kann sich beim Team vorstellen), und das geben die vierzehn Mache­rinnen und Macher (Männer­quote: 50%!) an ihr Publikum weiter. Alle, die eines der vier Wett­be­werbs­pro­gramme Anders & Artig, Heimat, Helden wie wir oder Liebe & andere Grau­sam­keiten besuchen, können sich per Abstim­mung als Juror für den »Hasso« betätigen. Der Preis mit dem – neben »Bello« – belieb­testen Hunde­namen ever (Wikipedia, ganz im Ernst: »Hasso ist ein im deutsch­spra­chigen Raum verbrei­teter Name für Hunde«) ist 500 Euro wert, eine Summe, die schon wieder für den nächsten Kurzfilm reichen kann.

Filmtipps zu geben ist in der Vielfalt der Filme und ange­sichts der noch nicht namhaften Regis­seure eine echte Heraus­for­de­rung. Dennoch sei hier auf drei Werke hinge­wiesen. Das erste sei empfohlen, weil dessen Macherin eine liebe Mitar­bei­terin des Doku­men­tar­film­fes­ti­vals ist, in dessen Team sich früher einmal viele »visuelle Anthro­po­logen« tummelten. Rebecca Zehr ist eine von ihnen und zeigt jetzt im Wett­be­werbs­pro­gramm Anders & Artig einen doku­men­ta­ri­schen Film. Er verspricht ästhe­ti­schen Anspruch: Der 14-Minüter mit dem Titel Epithese (altgrie­chisch für »das Aufge­setzte«) wurde in Alain-Resnais-Schwarz­weiß gedreht und widmet sich anhand klas­si­scher Statuen dem »Ausgleich von Körper­de­fekten«. Ein schöner, dekon­struk­ti­vis­ti­scher Ansatz, bilden die Statuen doch das klas­si­sche Schön­heits­ideal ab – und sind heute gerne mal kopf-, arm- oder beinlos.

Empfohlen sei auch der Kurzfilm des umtrie­bigen Kuesti Fraun (ja, ein Künst­ler­name!). Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, bei möglichst vielen Wett­be­werben einzu­rei­chen, umso bedau­er­li­cher, dass er es nur in die mit Trash & Sonder­bares über­ti­telte Schatz­truhe des Bunten Hundes geschafft hat, die nicht am Wett­be­werb teilnimmt. Omni­bussssss zeigt die Fahrt des 612er-Busses, der heute mal wieder extrem lange braucht. Nein, der Film wurde nicht in München gedreht. Ja, der Film ist toll! Kuesti Fraun ist ein noch zu entde­ckender Tausend­sassa, der in seine Kurzfilme und andere Werke, so zum Beispiel Hörspiele, viel Witz und Philo­so­phie hinein­steckt.

Im Sonder­pro­gramm Doku-Spezial, ebenfalls nicht im Wett­be­werb, befindet sich der wunder­bare El Manguito, der letztes Jahr bei den Kurz­film­tagen Ober­hausen mit dem 3sat-Förder­preis bedacht wurde. Die KHM-Absol­ventin Laurentia Genske hat sich nach Kuba aufge­macht und das Leben in dem Zwölf-Seelen-Bergdorf El Manguito doku­men­tiert. Das Dorf liegt abge­schieden in den unzu­gäng­li­chen Wäldern der Sierra Maestra. Hier steht die Zeit still, und der Kommu­nismus ist immer noch intakt. Ein Filmod, pardon: Kleinod, das mit großen Über­ra­schungen aufwartet, und das wir unein­ge­schränkt empfehlen können.

Auch wenn die deutschen Filme unterm Strich über­wiegen, ist das Programm auch dieses Jahr schön bunt gemischt, mit einer kleinen Vorliebe für den spanisch­spra­chigen Film. Daneben finden sich – ohne Ranking – Filme aus Frank­reich, Tansania, Polen, USA, Großbri­tan­nien, Israel, Ungarn, Belgien, Rumänien, Finnland, Russland, Schweiz, Dänemark und Öster­reich. Und da heute Inter­na­tio­naler Frauentag ist, freuen wir uns darüber, dass Frauen und Männer ebenso paritä­tisch vertreten sind wie im Auswahl­team selbst.

Jedes der insgesamt sechs Programme, die in den nächsten vier Tagen im Werk­statt­kino in München in schön kusche­liger Atmo­s­phäre gezeigt werden, wird von einem kleinen Prosa­ge­dicht einge­leitet, dessen Refrain die Auffor­de­rung bildet: »Schauen wir uns um.« Da leider im gedruckten Heft unter der Rubrik »Anders & Artig« das Auftakt­ge­dicht zu »Heimat« hinein­ge­raten ist (wohl in freudiger Erwartung aller zukünf­tigen Heimat­mi­nister?), sei es hier noch einmal doku­men­tiert, als stim­mungs­voller Auftakt in ein buntes Kurzfilm-Woche­n­ende in München:
»Schauen wir uns um: Wie?
Wer, wie, was?
Wieso, weshalb, warum?
Wer sind wir, woher kommen wir
und warum gehen wir jetzt nicht einfach?
Hundert Möglich­keiten,
Dein Weg.«

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Bunter Hund – 19. Inter­na­tio­nales Kurz­film­fes­tival
8.-11.3.2018, Werk­statt­kino München
Eintritt: 6 Euro
Das inter­na­tio­nale Kurz­film­fes­tival Bunter Hund ist eine Veran­stal­tung von Kultur­kurz­waren e.V. und ist Mitglied der Filmstadt München e.V. und des Verbands Baye­ri­scher Festivals e.V.
Gefördert durch das Kultur­re­ferat der Landes­haupt­stadt München

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