18.01.2018

»Touchez ma baguette, Madame!«

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Höfische Rituale wie in Gefährliche Liebschaften haben auch heute noch Verführungs-Potential

Impor­tu­nisten, Anti-Femi­nis­tinnen, gesell­schaft­liche Reaktion oder doch lieber »Evolution«? – »Die Frau von artechock« zur fran­zö­si­schen Galan­terie-Debatte

Von Dunja Bialas

Jetzt ist er also da. Der Gegen-Diskurs der Frauen. Ich sage bewusst nicht femi­nis­ti­scher Gegen-Diskurs, denn was die »Cathe­rines« (Federico Sanchez) Frank­reichs Anfang Januar in einem Gast­bei­trag in »Le Monde« schrieben, gehorcht der Regel, dass die stärksten Feinde des Femi­nismus immer auch die Frauen selbst waren, wie die Geschichte der Frau­en­be­we­gung lehrt. Was umso stärker wirkt, als hier mit der gleichen Betrof­fen­heit argu­men­tiert wird: hier wie dort sprechen Frauen in ihrer Ange­le­gen­heit.

Die Verfas­se­rinnen des Artikels, der in Frank­reich nun als »tribune«, Debat­ten­bei­trag, disku­tiert wird, formu­lieren ein Fest­halten an den Geschlech­ters­te­reo­typen: Hier die Frauen, die selbst verführen und ihrer­seits umworben werden wollen, dort die Männer, die letzteres gefäl­ligst auch zu tun haben. Die »liberté d’impor­tuner«, so der Titel des Beitrags, wird ja nicht als passives Frei­heits­recht einge­for­dert (da müsste dann stehen: »être impor­tunées«, »belästigt werden«), sondern als Aktivum, das inter­es­san­ter­weise die Position der Männer einnimmt. Die Verfas­se­rinnen möchten das ja keines­falls sein: passiv, Objekt – oder gar Opfer.

Mein Kollege Rüdiger Suchsland begrüßte den Text der »Cathe­rines« – und, ja, dies hier ist erneut eine, wie mir scheint, notwen­dige Replik. Vor allem prangert er auch die »Gedan­ken­po­lizei« der Femi­nis­tinnen an (wo auf der Gegen­seite ein »Das wird man doch wohl noch sagen dürfen« mitschwingt). Allein schon die jeweils ange­bo­tenen Über­set­zungen des im Deutschen schwer zu fassenden Verbs »impor­tuner« – »aufdring­lich sein«, »lästig werden« oder »beläs­tigen« – sind sympto­ma­tisch. Der »Petit Larousse« bietet als Defi­ni­tion an: »causer du désagré­ment, gêner, incom­moder, ennuyer«, also jemandem Unan­nehm­lich­keiten bereiten, stören, nerven. Das »Reservo Diction­naire« ruft online noch die Redeweise auf: »impor­tuner en bavardant« (»beim Plaudern«), die es synonym setzt zu: »tenir la jambe«. Zu deutsch etwa: »jemanden aufhalten«. Wörtlich: »das Bein halten«. Womit wir auch schon beim »Knie« wären, das die »Cathe­rines« auch weiterhin unterm Tisch von ihrem Gesprächs­partner berührt haben wollen. »Impor­tuner« ist also ein ausge­wie­senes Verb der Anmache. So viel steht fest.

Wenn ich an meine Zeit in Paris zurück­denke, erscheint die Stadt wie das Paradies der Impor­tu­nisten. Ich habe Kilometer zurück­ge­legt, um die mich wie lästige Fliegen beglei­tenden Anquat­scher abzu­schüt­teln (später, als ich besser Fran­zö­sisch konnte, machte ich die Erfahrung, dass idio­ma­ti­sche Kraft­aus­drücke mehr Wirkung zeigen). Kaum ein Super­markt-Einkauf verlief ohne ein auffor­derndes »Bonjour«. Zurück in Deutsch­land ging ich wieder unbe­achtet einkaufen und dachte, meine Attrak­ti­vität sei jetzt wohl perdu. T., Leiterin des fran­ko­phonen Verlags Le Serpent à Plumes, bei dem ich damals ein Praktikum machte, also eine Frau des intel­lek­tu­ellen Paris und darin den Unter­zeich­ne­rinnen des »Le Monde«-Artikels eben­bürtig, zeigte sich bei ihrer Rückkehr von der Frank­furter Buchmesse empört über die deutschen Männer. Sie sähen durch einen hindurch, wenn man mit ihnen spricht, sie würden einen überhaupt nicht als Frau wahr­nehmen! »C'est hallu­ci­nant!« Unter uns nannten wir sie respekt­voll »la reine en sabots«, die Königin in Holz­schuhen, weil man ihren hoch­ha­ckigen Gang schon von weitem vernehmen konnte. Sie war eine Frau hoch­pro­zen­tiger Weib­lich­keit.

Geht es nun darum, dass hoch­pro­zen­tige, exzessiv-hedo­nis­ti­sche Frauen antreten gegen eher reduziert weibliche, lust­feind­liche, am Ende »frigide« oder gar, wie es bei den »Cathe­rines« heißt, »männer­has­sende« Frauen? Unter den fünf Verfas­se­rinnen des Textes sind drei mir bislang unbe­kannte Auto­rinnen: die Sexu­al­psy­cho­login Sarah Chiche, die Anti-Femi­nistin oder »Evofe­mi­nistin« (Femi­nismus unter evolu­ti­onären Aspekten) Peggy Sastre (Publi­ka­tion: »Ex-Utero, pour en finir avec le féminisme«) und die aus dem Iran stammende Abnousse Shalmani, die sich mit »Pourquoi je ne suis plus féministe« (»Warum ich keine Femi­nistin mehr bin«) gegen die blinden Stellen des isla­mi­schen Femi­nismus wandte, der den Wunsch, den Schleier abzulegen, als isla­mo­phob einordnet. Prominent sind die anderen beiden Verfas­se­rinnen, die »Cathe­rines«: Die Schrift­stel­lerin Catherine Millet gab mit ihrem viel­be­ach­teten und viel­dis­ku­tierten auto­bio­gra­phisch-philo­so­phi­schen Bekennt­nis­roman »La Vie sexuelle de Catherine M.« (»Das sexuelle Leben der Catherine M.«) 2002 freizügig Einblick in ihre »éducation sexuelle«, und Catherine Robbe-Grillet, Witwe des Nouveau-Roman-Autors Alain Robbe-Grillet, drehte mit diesem viele trashige Erotik­fan­ta­sien, in denen es meist um sado­ma­so­chis­ti­schen Sex und das Opfern einer Jungfrau im weißen, durch­schei­nenden Nachthemd geht. Die gerne in einem Atemzug mit den Verfas­se­rinnen genannte Catherine Deneuve ist übrigens nur eine der über hundert Unter­zeich­nenden.

Die Verfas­se­rinnen sind, das verrät die jeweilige Biogra­phie, auf offensive Weib­lich­keit aus und wenden sich dezidiert gegen die Tradi­tionen und Themen des Femi­nismus. Diese Einord­nung fehlt sowohl bei den Gegnern als auch bei den Befür­wor­tern des Textes. Er wird vielmehr als reprä­sen­tativ für »die« Frauen Frank­reichs wahr­ge­nommen (»die« Deneuve als Natio­nal­denkmal ist daran wohl nicht ganz unschuldig). Andern­orts, bei den fran­zö­si­schen Fürspre­che­rinnen der #Metoo-Bewegung, wird jedoch betont, man könne durchaus zwischen Privat­heit und Öffent­lich­keit unter­scheiden, und gerade deshalb sei die #Metoo-Soli­da­rität ein wichtiges bewusstsein­ge­bendes und darin auch gesell­schafts-evolu­ti­onäres Politikum.

Genau dies, die Weiter­ent­wick­lung der Gesell­schaft oder die »Um-Ordnungen der Geschlechter« (Claudia Opitz), scheinen die Verfas­se­rinnen trotz Evofe­mi­nismus jedoch abzu­lehnen. Im Gegenteil halten sie eine Tradition hoch, die als Kulturgut in Frank­reich einge­schrieben ist. Die Kunst zu gefallen und zu verführen, der »liber­ti­nage« als sexuelle Frei­zügig­keit, das alles gab es bereits in der höfischen Gesell­schaft unter dem angeö­deten, weil funk­ti­onslos gewor­denen Adel von Versailles. Allent­halben wird für diese Zeit (und für heraus­ge­ho­bene Schichten) ein gleich­be­rech­tigtes Geschlech­ter­ver­hältnis fest­ge­stellt, in dem die Frauen stil­ge­bend (die Mode der Männer effemi­nierte sich zusehends), aber auch intel­lek­tuell äußerst einfluss­reich waren. Die »Salon­nières«, die Gast­ge­be­rinnen der intel­lek­tu­ellen Salons des 17. und 18. Jahr­hun­derts, Vorzimmer der Académie Française, versam­melten Künstler, Schrift­steller und Philo­so­phen und gaben die Diskurs-Impulse. Sie waren Akteu­rinnen der Verän­de­rung und Wegbe­rei­te­rinnen für die Konzepte von Gleich­heit, Demo­kratie und Freiheit. Eine relative Gender-Ausge­gli­chen­heit also, die mit der fran­zö­si­schen Revo­lu­tion einkas­siert wurde. Als sich dann eine Bewegung formierte, die daran erinnerte, dass die Menschen­rechte auch Frau­en­rechte sind, kam Napoleon und machte alles kaputt.

Dass es in den Salons auch körper­lich zuging, kann in Philipp Bloms »Böse Philo­so­phen« nach­ge­lesen werden. Ausschwei­fend wurde es im Adel, der die Kunst der Verfüh­rung zur Höchst­form brachte, wie der 1782 veröf­fent­lichte Brief­roman »Les Liaisons dange­reuses« (»Gefähr­liche Lieb­schaften«) sugge­riert. Die Galan­terie, die die »tribune«-Verfas­se­rinnen so hoch­halten, ist ein Über­bleibsel aus dieser Zeit. Die salon­fähige wie die hoffähige Erotik sind der kultu­relle Hinter­grund, wenn der »Vertei­di­gung der Anmache« ein Katalog von »harmlosen« Verhal­tens­weisen subsu­miert wird: »toucher un genou, tenter de voler un baiser, parler des choses 'intimes' lors d'un dîner profes­si­onnel« (ein Knie berühren, einen Kuss erhei­schen, von intimen Dingen beim Geschäfts­essen sprechen).

Kurio­ser­weise lassen es sich die Verfas­se­rinnnen aber nicht nehmen, auch den geradezu folk­lo­ris­ti­schen »frotteur dans le métro« (also einer, der in der über­füllten Metro auf Tuch­füh­lung geht) zu vertei­digen. Dieser ist bemit­lei­dens­wert und kaum gemeint, wenn #Metoo die sexuelle Macht­ausübung über Frauen im beruf­li­chen Kontext anpran­gert. Regel­recht dämlich mutet ein letzter Satz der Verfas­se­rinnen an: »Car nous ne sommes pas réduc­ti­bles à notre corps. Notre liberté inté­ri­eure est inviolable.« »Wir sind nicht auf unseren Körper redu­zierbar. Unsere innere Freiheit ist unver­letzt­lich«, so könnte man über­setzen. In »inviolable« steckt aber auch »le viol«, »Verge­wal­ti­gung«. Also: Unsere innere Freiheit kann nicht verge­wal­tigt werden. Im Maße, wie die innere Freiheit hier gegen den (unfreien? beschä­digten?) Körper ausge­spielt wird, ist dies eine höchst bedenk­liche Satzfolge.

Anti-Femi­nis­tinnen begleiten die Frau­en­be­we­gung schon, seit es sie gibt. Man sollte daher den Artikel der »Cathe­rines«, auch wenn er jetzt breite Rezeption erfährt, nicht über­be­werten. Er kommt aus einer klar besetzten Nische. Um wirklich eine reprä­sen­ta­tive Stimme aus Frank­reich darzu­stellen, fehlen hier Unter­zeich­ne­rinnen wie zum Beispiel Isabelle Huppert, Juliette Binoche, Agnès Varda, Claire Denis oder Virginie Despentes. Die Liste ist lang.

Die Verfechter und Verfech­te­rinnen des gepflegten Flirts, des One-Night-Stands, der »friends with benefits« und von mir aus auch der Besen­kammer und des Betriebs­un­falls sollten aufhören, absicht­lich #Metoo und die daraus resul­tie­rende neue femi­nis­ti­sche Bewegung miss­zu­ver­stehen und zu diffa­mieren. Ande­rer­seits geht es hier auch nicht nur um einen Gene­ra­tio­nen­kon­flikt, wie in Frank­reich disku­tiert wird. Und schon gar nicht geht es um das Duell einer männer­has­senden Schwanz-ab- gegen eine sexbe­ja­hende Der-Schwanz-bleibt-dran-Bewegung. Durchaus spielen aber Kastra­ti­ons­ängste der Gesell­schaft in die Diskus­sion hinein und die grund­le­gende Frage, wie sich auch Männ­lich­keit im Zuge der Geschlech­ter­um­ord­nungen verändern wird. Den »Cathe­rines« und ihrer Befürch­tung, von den Männern zu sehr in Ruhe gelassen zu werden, sei entgegnet: Ihr müsst mehr fordern! Denn erst, wenn die Frauen und Männer glei­cher­maßen grapschen und anquat­schen können, hat sich die »liberté d’impor­tuner« erfüllt. Und dann darf, ja muss es heißen: »Touchez ma baguette, Madame!« Denn auch der Mann hat ein Recht darauf, begrapscht zu werden. N’est-ce pas?

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