21.01.2016

Laptop & Lederhos'n

Ik ben Alice
Willkommen in der abstrakten Gesellschaft: Ich bin Alice – der Roboter als Sozialersatz

Die Futurale des Bundesministerium für Arbeit und Soziales gastiert bei der 10. FilmWeltWirtschaft im Filmmuseum München. Wir hätten da mal ein paar Fragen

Von Dunja Bialas

»Scheint den digitalen Nomaden die Sonne auf den Arsch?« fragt Doku­men­tar­filmer Tim Jonischkat auf der Suche nach der Pointe. Natürlich will er nur provo­zieren. Der Sache, der er in seiner Doku Digitale Nomaden – Deutsch­land zieht aus auf den Grund gehen will, das sind die, ja, digitalen Nomaden. Sie, so erfahren wir von Jonischkat, tauschen die Sicher­heit eines festen Jobs gegen Selbst­be­stim­mung, Unab­hän­gig­keit und den Berliner Sommer ein. Den sie dann nämlich genießen können.

Wir entschul­digen uns vorab für die leichte Ironie, die diesen Text begleiten wird. Wollen aber auch entschul­digt sein, immerhin ist Artechock (since 1996) das – soweit wir das über­bli­cken – diens­täl­teste digitale Film­ma­gazin. Im Netz! Digital. Von überall in der Welt zu bedienen. Kollege Axel Timo Purr hat schon mal aus dem chine­si­schen Hinter­land das Magazin frei­ge­schaltet. Da mutet uns, ehrlich gesagt, der Blick von Tim Jonischkat schon sehr naiv an, immerhin ist der Film von 2015 und nicht von 1995. Sein Fazit: »Was ich heraus­ge­funden habe, ist, dass es nicht den digitalen Nomaden gibt.« Jetzt im Ernst?

Wenn am heutigen Donnerstag die neue Ausgabe von FilmWel­tWirt­schaft nicht ins Netz geht, sondern ganz analog im Film­mu­seum München beginnt, dann haben wir es mit einer Premiere zu tun. Claudia Engel­hardt, die seit zehn Jahren regel­mäßig im Januar der span­nenden Frage nachgeht, was Arbeiten ist und wie sich Arbeit filmisch abbilden lässt, hat diesmal die Futurale zu Gast – ein vom Bundes­mi­nis­te­rium für Arbeit und Soziales (BMAS) mit dem Unter­titel »Arbeiten 4.0« zusam­men­ge­stelltes Film­pro­gramm, das durch Deutsch­land tourt. Flächen­de­ckend wohl­ge­merkt. Die Filmreihe findet an 25 Orten statt und versorgt von Koblenz über Rostock bis Dresden und Bremen die namhaften Großs­tädte in Ost und West. Berlin, die Haupt­stadt der digitalen Nomaden, wo alles im Café St. Oberholz seinen Anfang nahm (wir erinnern uns, es war um die Jahr­tau­send­wende), machte vergan­genen November den Auftakt. Nürnberg macht den Abschluss – kommenden November. Dann haben die versam­melten Filme also ein Jahr Zeit, um zu reifen wie ein guter Schinken.

Spannend ist, dass Andrea Nahles als Haus­herrin des BMAS höchst­per­sön­lich zur Eröffnung ins Film­mu­seum kommt. Immerhin ist ihre Partei, die SPD, doch eigent­lich gegen die digitalen Nomaden: sie können sich nicht gewerk­schaft­lich orga­ni­sieren und machen es den Auftrag­ge­bern billig, die sich um soziale Abgaben drücken. Extra führte man doch dagegen die Schein­selbstän­dig­keit ein! Die aller­dings nicht die Auftrag­geber in die Knie zwang, sondern die digitalen Nomaden heute dazu nötigt, absurde Verträge zu unter­zeichnen, mit denen sich die Geldgeber absichern, damit ja niemand Ansprüche anmeldet.

Liebe Frau Nahles, wie sieht denn Ihrer Meinung nach die soziale Realität des digitalen Noma­den­tums aus? Sonne im Arsch und den Latte Macchiato als Flatrate im St. Oberholz? Die Antwort hat sie bereits formu­liert. Nahles sieht in der digitalen Arbeit vor allem eine Chance für die Frauen. Stichwort: orts­un­ab­hän­giges Arbeiten. Jetzt auch möglich zwischen den drei großen Ks. Gab es das nicht schon einmal: Heim­ar­beit? Im »Tages­spiegel« erläutert das Frau Nahles so: »Die digitale Welt eröffnet in einer Weise Freiheit, Mobilität und Flexi­bi­lität, von der wir vor Jahren nicht zu träumen gewagt hätten. Sie ermög­licht so einen echten Quan­ten­sprung, wenn wir sie zu nutzen wissen. Frauen können die Gewin­ne­rinnen des digitalen Wandels werden, wenn wir es klug anstellen.« Inter­es­sant. Wir sind gespannt, ob sie sich bei Gele­gen­heit auch Gedanken über die sozial-ökono­mi­schen Faktoren machen wird. Selbst­ver­si­che­rung, Non-Stop-Verfüg­bar­keit, Büro­kosten, soziale Isolation. Keinerlei Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung. Horrende Kran­ken­ver­si­che­rungs­bei­träge, es sei denn, man hat es in die Künst­ler­so­zi­al­kasse geschafft. Nicht zu sprechen von der Alters­armut, die uns digitalen Nomaden nicht droht, sondern bevor­steht. Arbeiten wird zum Life-Style-Luxus, den man sich eigent­lich nicht leisten kann. Auf dem aber die Gesell­schaft mitt­ler­weile aufbaut, sehr geehrte Frau Nahles. Von Kultur­schaf­fenden über Grafiker und Webpro­gram­mierer zu Jour­na­listen und Daten­bank­pfle­gern. Und dies nicht erst seit gestern.

In der abstrakten, digitalen Gesell­schaft verlieren sich die sozialen Zusam­men­hänge zugunsten der reinen Leis­tungs­per­for­mance. Andrea Nahles macht daraus (ebenfalls im »Tages­spiegel«): Während man in der »klas­si­schen Arbeits­welt« präsent sein müsse, um Karriere zu machen, zählten in der »neuen Arbeits­welt« vor allem die Resultate. Die gute Absicht ist erkennbar. Sie sollte aber als Poli­ti­kerin dafür sorgen, dass das nicht mal nach hinten los geht.

Machen wir einen Versuch, zum Film­pro­gramm zu kommen: Immerhin fächert es ein breites Spektrum der digitalen Arbeits­welt auf. Von Youtube (alle Teenies lieben die Youtuber, und vergessen wir nicht ihren poli­ti­schen Einfluss, wenn sich sogar Angela Merkel mit LeFloid trifft. Kleine Frage am Rande: Ist das dann schon Politik 4.0 oder erst mal nur ein Ranwanzen an die Jugend?). Youtube ist jeden­falls Thema der US-Doku Please Subscribe (2013) mit anschließender Diskus­sion zwischen der Sozio­login Sabine Pfeiffer und Said Köse vom gold­rich­tigen und wichtigen Münchner Café Netzwerk (22.01.).

Mein wunder­barer Arbeits­platz unter­nimmt eine Bestands­auf­nahme »befreiter Unter­nehmen«, die jedem Einzelnen Mitge­stal­tung und Verant­wor­tung zuge­stehen, gefolgt von einer Diskus­sion zwischen einem Perso­nal­ent­wickler, einem Psycho­logen und einem Sozio­logen (23.01.). Silicon Wadi geht ins gelobte Land der Start-up-Unter­neh­mungen und erkundet in Tel Aviv, wie Start-up geht. Das macht er tatsäch­lich spannend und auf hohem Doku­men­tar­film­ni­veau. Anschließend folgt eine Diskus­sion zwischen munich start-up, Bavaria Israel Part­nership Acce­le­rator und der xgap-Unter­neh­mens­be­ra­tung (23.01.). Außerdem gibt es einen Film über die Wunder­welt der 3D-Drucker (Print the Legend, 22.01.), die WDR-Doku Deine Arbeit, Dein Leben! (24.01., bereits im Mai 2015 ausge­strahlt, und, pardon, auf WDR online zu sehen). Der berüh­rendste Film im Programm und ausdrück­lich von den Artechock-Nomaden empfohlen, ist der nieder­län­di­sche Doku­men­tar­film Ich bin Alice von Sander Burger über den Einsatz soge­nannter Socio-Bots bei der Alten­pflege (24.01., anschließend Diskus­sion mit einem Experten für Robotik, einer Technik-Theologin und einer Pflege-Profes­sorin der Katho­li­schen Stif­tungs­fach­hoch­schule München). Daneben hätten wir uns auch gut Plug & Pray des soeben mit dem Baye­ri­schen Filmpreis ausge­zeich­neten Jens Schanze vorstellen können, eine überaus intel­li­gente, erhel­lende und, Achtung, kritische Befragung zur Robo­te­ri­sie­rung der Lebens- und Arbeits­welt (2010).

Um keine Miss­ver­s­tändnis aufkommen zu lassen: Wir bitten alle, zur Futurale zu gehen und durch Einmi­schung dafür zu sorgen, dass ein span­nender und hinter­fra­gender Dialog entsteht.

Zum Abschluss, dann ist aber wirklich Schluss, verspro­chen, möchten wir hier noch zitieren, wie sich München aus der Sicht des Berliner BMAS darstellt:

»Die baye­ri­sche Haupt­stadt ist nicht nur wegen des FC Bayern und dem Okto­ber­fest welt­be­kannt. Die Münchener Mischung, die enge Vernet­zung von Hightech-Unter­nehmen mit anderen Unter­nehmen unter­schied­lichster Größe und Bran­chen­zu­gehö­rig­keit, zeichnet die lokale Wirt­schaft aus. München besitzt entspre­chend die idealen Voraus­set­zungen, um den Wandel der Arbeits­ver­hält­nisse erfolg­reich anzugehen. Mit einer fast tausend­jäh­rigen Existenz hat München eine prächtige Innen­stadt und zahllose Attrak­tionen im Angebot. So gibt es den bekannten Mari­en­platz als Zentrum der Stadt zu bestaunen, und neben dem Rathaus auch eine beträcht­liche Zahl an Kirchen, die jede denkbare Stil­epoche abdecken – nicht nur für Archi­tektur-Fans ein erhe­bender Anblick. Bekannt sein dürften auch die diversen kuli­na­ri­schen Spezia­litäten der Stadt und Region – von hier aus traten Weißwurst, Hefe­weizen und Brez'n ihren globalen Siegeszug an. Immer ein Besuch wert – nicht nur im Oktober.«
Auf boarisch hoaßt des: Laptop & Lederhos'n.
Noch Fragen?

Das Futurale Film­fes­tival zu Gast bei FilmWel­tWirt­schaft
21. bis 24. Januar 2016, Film­mu­seum München