29.05.2014
67. Filmfestspiele Cannes 2014

Formen der Wildheit

Gestrandet in der Wüste
Gestrandet in der Wüste

Einige Höhepunkte aus dem Wettbewerb von Cannes 2014

Von Dieter Wieczorek

Entgegen der üblichen Tendenz des weltweit einfluss­reichsten Festivals Cannes, etwas schlei­chend zu beginnen, markierten dieses Jahr gleich zwei starke Beiträge seinen Anfang. Aus Maure­ta­nien kam das Werk Timbuktu von Abder­rah­mane Sissako. Die fort­schrei­tende Funda­men­ta­li­sie­rung selbst in entle­genen Gegenden Malis wird hier in sugges­tive Bilder gekleidet. In eine über­wäl­ti­gend schöne Land­schaft, darge­boten in einer sensuell wirkenden Farb­pa­lette, dringt der Geist der Verbote. Tanz und Musik­spiel werden zu Tabus, Frauen zur Verschleie­rung gezwungen, Zusam­men­künfte zwischen Männern und Frauen selbst in privaten Räumen mit Folter gestraft. Dagegen wird Zwangs­heirat zur Regel, Todes­strafe zur Banalität und Stei­ni­gung zur üblichen Exeku­ti­ons­technik. Acht Jahre nach seinem Vorgän­ger­film Bamako, der bereits den Konse­quenzen der Globa­li­sie­rung in Mali nachging, zeigt Sissako nun den vergeb­li­chen Wider­stand gegen den neuen Geist der Entsagung. Ein moderater isla­mi­scher Geist­li­cher versucht noch, gegen die Mach­tü­ber­nahme theo­lo­gisch zu argu­men­tieren. Vorwie­gend aber sind es Frauen, die sich zur Wehr setzen. Eine Jugend­liche gibt selbst unter Folter­schlägen ihren Gesang nicht auf. Eine schil­lernd geklei­dete Aussen­sei­terin, die allein dem Versuch der Auslö­schung jeder Lebens­lust noch ihr Lachen entgegen setzt, ist die Einzige, die ihr Leben riskiert, um einer Frau die Chance zu geben, sich von ihrem den Vollzug seines Todes­ur­teil erwar­tenden Gatten zu verab­schieden. Sissako paral­le­li­siert diese letzte freie Figur mit Bildern einer in der Steppe gejagten Gazelle. Er kontras­tiert Natur­schön­heit, als letztlich machtlose Gegenwelt, mit den öden Innen­räumen, in denen Todes­ver­dikte verhängt und Folter­strafen beschlossen werden. Die Verwil­de­rung der Kultur feiert ihren Triumph.

Mike Leigh (Gross­bri­tan­nien) schafft in Mr. Turner ein fesselndes Porträt des seiner Zeit voraus­ei­lenden, exzen­tri­schen Malers J. M. W. Turner (1775-1851), für dessen fast schmerz­lich krude Darstel­lung der an Leukämie erkrankte Timothy Spall den Schau­spieler-Haupt­preis erhielt. Turner bewegt sich wie ein unter Hochdruck stehendes, geschla­genes, wild geblie­benes Tier durch die Szenarien, knurrt und lästert, fällt zuweilen sexuell über seine Haus­häl­terin her und zeigt trotz der großer Anfein­dungen von fast allen Seiten keine Sekunde lang Zweifel an seiner Bedeutung. Ein Kauf­an­gebot aller seiner Werke lehnt Turner schlicht ab, obwohl es seinem einge­schränkten Lebens­stil ein Ende bereiten könnte. Er zieht es vor, seine die turbu­len­testen Energien bannenden Bild­felder unmit­telbar der briti­schen Nation zu hinter­lassen. Sein Schaffen weist bereits in die Richtung der gegen­stands­losen Kunst des folgenden Jahr­hun­derts. Neben der harten Schale Turners fängt Leigh jedoch gleich­falls die Momente der Heiter­keit und des Schmerzes ein, wie beispiels­weise in der bewe­genden Todesszene seines Vaters. Er zeigt Tuner als eine krea­tür­liche Figur, die sich verzerrt in ihrer Passion, platziert in einer perfekt rekon­stru­ierten Kulisse der unkon­for­ta­blen Lebens- und Arbeits­be­din­gungen des 18. Jahr­hun­dert, wo Krankheit und Schmerz an der Tages­ord­nung sind. Leigh lässt dem Zuschauer mit seinem zwei­ein­halb stündigen Film Zeit, sich auf diese histo­ri­sche Rekon­fi­gu­ra­tion einzu­lassen.

Das neue Werk Deux jours, une nuit (Two Days, One Night) der Belgier Jean-Piere und Luc Dardenne über­rascht nicht, überzeugt aber durch ihr hier erneut unter Beweis gestelltes Talent, soziale Konflikte und deren psycho­dra­ma­ti­schen Folgen eindring­lich nach­zu­zeichnen. Sandra wird kurz­fristig ihre Entlas­sung aus einem mittel­grossen Betrieb angekün­digt. Nur mit einem schwachen Selbst­be­wusst­sein ausge­stattet, macht sich die Vier­zig­jäh­rige auf den schweren Weg, ihre Arbeits­kol­legen um den Verzicht eines Bonus-Gehaltes zu bitten, um ange­stellt bleiben zu können. Jede ihrer Kolle­ginnen und jeder Kollegen wird anders reagieren, jede Reaktion wird die labile Frau erneut in einen anderen psychi­schen Zustand versetzen, der zwischen Glücks­er­fah­rung und Selbst­mord­ver­such pendeln kann. Die Dardenne-Brüder schaffen ein genau beob­ach­tendes Werk über eine noch mögliche Soli­da­rität in der gegen­wär­tigen, sich verwil­dernden Arbeits­welt, einen Film, der in jeden Schul­un­ter­richt gehört. Einer der wich­tigsten Einsichten hier ist, wie entschei­dend der Kampf um Rechte und Soli­da­rität ist, ganz unab­hängig von seinem Ausgang. Nur durch die Aufleh­nung kann sich Selbst­wert­ge­fühl und Identität rege­ne­rieren. Auf diese Weise werden aus bloßen Opfer erneut Akteure im sozialen Raum. Die von den christ­li­chen Film­or­ga­ni­sa­tionen Signis und Interfilm getragene ökume­ni­sche Jury zeichnete dieses Jahr in Cannes die Dardennes mit einem Spezi­al­preis für ihr Gesamt­schaffen aus.

Der Argen­ti­nier Damián Szifrón bringt mit Relatos salvajes (Wild Tales) in der Tat ein wildes und gleich­zeitig unter­haltsam exzes­sives Werk nach Cannes, in dem alltäg­liche soziale Span­nungs­si­tua­tionen in sechs Episoden ins Extrem getrieben werden bis hin zu explo­siven Entla­dungen. Die Situa­tionen reichen von der Entde­ckung der Untreue des Ehemannes während des Hoch­zeits­festes über das mörde­ri­sche Hoch­schau­keln der üblichen Aggres­sionen zwischen Auto­fah­rern hin zur exqui­siten Einladung aller Feinde in ein Flugzeug, dessen Pilot hier seine finale Abrech­nung feiert. Die Episoden haben nur eines gemeinsam, den emotio­nalen Dschungel hinter dem schönen Schein der Zivi­li­sa­tion fühlbar zu machen. Das Aufbre­chen latenter anar­chi­scher und mörde­ri­scher Energien verdichten sich in Relatos salvajes zu einem Potpourri von Eska­la­tionen ohne Notbremse. Einen heiterer Film über ein nicht so heiteres Thema zu gestalten ist keine geringe Leistung. Szifrón zeigt Kontroll­ver­lust als lust­voller Akt, der eine brüchige Moral ins Leere treiben lässt. Er gestaltet Situa­tionen zwischen Wunsch­er­fül­lungen und Angst­vi­sionen jenseits üblicher Tabu­grenzen und insze­niert das Einbre­chen einer verdrängten Begehrens in die zivi­li­sierte Welt.

Wildheit ist Thema auch in Xavier Dolan in komplexen, Fragen aufwer­fenden Film Mommy. Hier ist es ein schwer erzieh­barer Jugend­li­cher, der mit Elan und Phantasie gegen die verödete und genormte kana­di­schen Mittel­stands­ge­sell­schaft rebel­liert. Zu seiner Mutter, eine ebenfalls kaum als zahm zu bezeich­nende Frau, lebens­froh und trink­freudig, unterhält er ein ambi­va­lentes Verhältnis zwischen Aufleh­nung und Bewun­de­rung. Lang­weilig wird es der aufbrau­senden Mutter mit ihrem Sohn nie. Stößt er nicht sofort auf Ablehnung und Aggres­sion, kann der Unbändige auf seine Umgebung auch eine befrei­ende Wirkung ausüben, besonders auf seine stot­ternde und scheue Nachbarin, die ihm erst in einer Extrem­si­tua­tion ihm ihr eigenes explo­sives Potenzial zu erkennen gibt. Dolan führt den Zuschauer durch eine Reihe lustvoll insze­nierter Tabu­brüche zur Feier sensu­eller und unkon­trol­lierter Energien. Die Schat­ten­seiten der provo­kanten Aktionen, etwa die schweren Verbren­nungen eines Mitschü­lers, werden ange­deutet, nicht aber ins Bild gebracht. Auch die Rolle der bleibt ambi­va­lent. Einer­seits erkennt sie in ihrem Sohn ihre eigene Wildheit wieder, ande­rer­seits ängstigen sie deren Konse­quenzen, die auch inzes­tuösen Formen annehmen können. Mutter und Sohn gemeinsam ist die Verach­tung des sie umge­benden Unlebens, diese bürger­liche Welt der Egoismen und Sicher­heits­be­dürf­nisse, die jeden Ausbruch der Lebens­lust verdammen, sobald er den üblichen Gang der Dinge stören könnten. Mommy wurde in Cannes mit dem Jurypreis gekürt.

Die soziale Verwil­de­rung der aktuellen russi­schen Realität ist Thema in Andrey Zvyag­int­sevs gleich­falls im Wett­be­werb laufenden Films Leviathan. Sein im Norden Russlands situ­iertes Erst­lings­werk beschreibt den letztlich zum Scheitern verdammten Versuch eines Land- und Haus­be­sit­zers, gegen die mafiöse Allianz von Polizei, Admi­nis­tra­tion und einem domi­nanten Geschäfts­mann Wider­stand leisten zu können. Der beängs­ti­gende Zerfall jedes funk­tio­nie­renden Rechts­schutzes wird von Zvyag­intsev in ein weiter gefasstes Situa­ti­ons­pan­orama einge­bettet. Eifer­sucht unter Freunden, Ehedramen und unge­hemmte Trink­freu­dig­keit auf allen Seiten, aber auch Situa­ti­ons­komik kenn­zeichnen seinen Film. Den Grundton jedoch geben Nihi­lismus und Perspek­tiv­lo­sig­keit an. Das freudlose Dasein verlangt nach viel Alkohol. In einer ersten Dreh­buch­ver­sion war die Geschichte in den Verei­nigten Staaten loka­li­siert. Die Verla­ge­rung der Story an die Peri­pherie Russlands verän­derte jedoch erheblich den Ausgang des Filmes.

Einen weiteren Blick auf die soziale Verwil­de­rung der russi­schen Realität liefert der Franzose Michel Hazana­vicius in The Search. Hier steht der Tsche­tsche­ni­en­krieg im Zentrum. Die bekannten Mecha­nismen der Verrohung auch zunächst sensibler Soldaten innerhalb kürzester Zeit werden hier erneut in Szene gesetzt. Weitere Erzäh­le­benen sind die Odyssee eines tsche­tsche­ni­schen 12-Jährigen, dessen Eltern hinge­richtet wurden, und die Erfah­rungen einer naiven Vertre­terin einer UN-Menschen­rechts­kom­mis­sion, die einsehen muss, wie wirkungslos ihre Inter­ven­tionen sind. Ihre Welt­or­ga­ni­sa­tion zeigt sich nicht einmal zur verbalen Aner­kenntnis des Genozides einer Zivil­be­völ­ke­rung bereit, der unter dem Vorwand der Terro­ris­ten­ver­fol­gung voran­ge­trieben wird. In diesem Sinne wurden Tsche­tschenen nicht nur gemordet, sondern auch welt­po­li­tisch isoliert und schliess­lich vergessen. Hazana­vicius Film lässt sich als Versuch lesen, dem bereits erfolgten Vergessen eines Krieges entgegen zu arbeiten. Seine Situa­ti­ons­dia­gnose kommt zu dem ernüch­ternden Schluss, dass ange­sichts des Versagens der Welt­po­litik die einzig mögliche Hilfe die unmit­telbar vor Ort sich enga­gie­rende ist, die Schaffung von Auffang­lager für Verwaiste und Obdach­lose, Wieder­aufbau und Thera­pie­an­ge­bote mit dem Ziel, die Erin­ne­rung an den Horror zu mildern. Die Wirk­lich­keit der Opfer contra­punk­tiert Hazana­vicius mit den Formen der Selbst­in­sze­nie­rung der russi­schen Armee, die gefällig ihre Mordakte in privaten Videos in Szene setzen, untermalt von Under­ground-Musik. Hingegen werden die Selbst­mörder unter den russi­schen Soldaten zu Kriegs­opfer stili­siert, auch in den eigenen Reihen übliche Folter­tech­niken ignoriert und über Praktiken wie das Ausrauben von Kadavern, Verge­wal­ti­gungen und barba­ri­sche Hinrich­tungen hinweg­ge­sehen.

Der in Form und Inhalt wildeste Film brachte Altmeister Jean-Luc Godard nach Cannes. In Adieu au langage (Goodbye to Language) arbeitet Godard wiederum mit Zitat­ti­raden. Er struk­tu­riert seine Ideen um Oppo­si­tionen wie Unend­lich­keit und Null, Tod und Sex, Bewusst­sein und Wirk­lich­keit. Godards Kultur­kritik nimmt hier eine noch radi­ka­lere Form an und bezieht Sprache, Denken und Bewusst­sein als solche mit ein. Als alter­na­tives Lebens­mo­dell wird eine anima­li­sche, gegen­warts­ori­en­tierte, unmit­tel­bare Wahr­neh­mung der Welt empfohlen. Die apho­ris­ti­schen Refle­xionen im Off und in den Dialogen werden begleitet von dispa­raten, asso­zia­tiven, nie reprä­sen­ta­tiven Bild­folgen, die durchaus auch wohl­ge­fällig sein können. Fäkalien und Nacktheit spielen in Adieu au langage eine wichtige Rolle. Denken wird mit Scheiße iden­ti­fi­ziert, kokett, wie es sich nur ein Groß­meister der Reflexion erlauben kann. Gleich­zeitig ist die Gleich­set­zung von Bewusst­heit und Blindheit nicht neu. Nicht zufällig erklingen Rilke­verse. Godards Intention ließe sich eher als Vorsicht und Absage an alle Stereo­type verstehen. Man muss zum Inter­preten seiner eigenen Worte werden, heißt es einmal, mit anderen Worten, skeptisch bleiben gegenüber vorge­ge­benen Sprach­an­ge­boten und einschrän­kender Grammatik, stets bereit, die Wahrheit hinter und zwischen den Worten zu suchen. Godards Werk wirkt wie ein geflickter Asso­zia­ti­onstep­pich mit den nur hier möglichen Refle­xi­ons­po­ten­zialen, die Sinn indi­zieren, ohne ihn je auszu­for­mu­lieren. Sätze wie »der Mensch ist das einzige Tier, das nicht weiß, was es ist« wurden während der Urauf­füh­rung mit Applaus begleitet. Godard stellt nicht nur eine diskur­sive Reali­täts­er­fas­sung in Frage, sondern auch jede Möglich­keit einer visuellen einsin­nigen Abbildung. Das unhin­ter­gehbar Unsicht­bare, hier auch durch Zitate Claude Monets beschworen, ist für Godard essen­ziell. Viele seiner Bild­se­quenzen sind farb­ver­fremdet, erinnern an Traum­bilder oder deli­rie­rende Stadien. Mit der zum ersten Mal von Godard benutzten 3D-Tech­no­logie kann eine weitere Refle­xi­ons­ebene in den Film imple­men­tiert werden, als eine unter anderen, ohne höheren Stel­len­wert, schlicht als ein zusätz­li­cher Einfall der frag­wür­digen Macht der Wörter sowie der Verviel­fäl­ti­gung der Bilder. Godards wilde, scheinbar vaga­bun­die­rende audio­vi­su­elle Sprache wirkte in Cannes befreiend und wurde mit stür­mi­schem Applaus bestätigt.

In denkbar größten Kontrast hierzu stand der gleich­falls im Wett­be­werb laufende meta­phy­sisch-philo­so­phi­sche Bestim­mungs­ver­such mensch­li­cher Existenz durch Naomis Kawase. In Futatsume no mado (Still the Water) wagt die Japanerin eine Rückkehr zum Konzept der Seele, die der Tiere einge­schlossen. Sie veran­schau­licht gar den Seelen­aus­tritt aus dem Körper eines Lammes mit einem Schwenk der Kamera in Himmels­rich­tung. Nun ist Kawase ange­sichts ihrer filmi­schen Werks, das sich schmerz­haft realis­tisch mit dem Tode und den degres­siven Prozessen des Körper­zer­falls ausein­an­der­setzt, gefeit gegen den Vorwurf eines naiven Idea­lismus. Auch in ihrem aktuellen Werk sind der Todes­schnitt in das weiße Fell eines Lammes und das Sterben einer alten Frau in Nahan­sicht Schlüs­sel­szenen, die ihre Suche nach meta­phy­si­scher Entlas­tung vers­tänd­lich machen. Kawase evoziert Mythen und verges­senes kultu­relles Wissen, das sie der eindi­men­sio­nalen Egozen­trik der globa­li­sierten Konsum­welt entgegen hält. Aner­kenntnis der eigenen Unbe­deut­sam­keit ange­sichts der großen Rhythmen der Natur, aber auch die Möglich­keit einer heiteren Einkehr in diese über­ge­ord­nete Realität sind Schlüs­sel­mo­mente ihre Arbeit. In ihrer eigenen Kultur findet sie hierfür hinrei­chend Indi­ka­toren. Sie folgt vornehm­lich der Sicht von Kindern und Jugend­li­chen auf die tragi­schen Exis­tenz­mo­mente. Tod und Sex werden nicht als Oppo­si­tion, sondern als gegen­sei­tige Bestä­ti­gung und Vers­tärker verstanden. Vergäng­lich­keit verleiht dem Augen­blick nur inten­si­vere Bedeutung, der sexuelle Augen­blick ist Aner­kenntnis einer die eigenen Existenz weit über­schrei­tenden Konti­nuität.

Die Goldene Palme 2014 ging an eine fast inti­mis­ti­sche Arbeit, Nuri Bilge Ceylans über mehr drei Stunden sich erstre­ckendes, vor allem durch Dialoge geprägtes Werk Winter Sleep. Der türkische Film ließ sich von Anton Tschechow inspi­rieren. Ausge­tragen werden neben sozialen Span­nungen vor allem Bezie­hungs- und Iden­ti­täts­kon­flikte, die im Zusam­men­leben eines Ehepaares mit der kürzlich geschie­denen Schwester des Gatten zu Tage treten. In einer abge­schie­denen verschneiten Land­schaft in Anatolien gibt es für die einge­schlos­senen Prot­ago­nisten weder Ablenkung von noch Flucht­mög­lich­keiten vor den aufbre­chenden Konflikten. Der Ehemann, der sein Schau­spiel­beruf aufgab, gewahrt die Verän­de­rungen seiner eigenen Person, an denen seine Beziehung zu zerbre­chen droht. In Ceylan Werk formu­liert sich gleich­falls ein neues, feminines Selbst­be­wusst­sein, das sich in der immer noch patri­ar­chen Gesell­schaft mehr und mehr zu behaupten beginnt. Das Drehbuch entstand in enger Zusam­men­ar­beit Ceylans mit seiner Ehefrau Ebru. In der Pres­se­kon­fe­renz gestand er jedoch, dass in Streit­fällen er es war, der entschied. Gewiss erinnert sein Film auch an die in Ingmar Bergmans Werk ausge­tra­genen Konflikte. In einem Interview in Cannes zögerte Ceylan nicht, seinen 2002 entstan­dener Film Uzak als den zu nennen, der ihm letztlich näher stehe als alle weitere Filme, den aktuellen einge­schlossen. Doch die von der Neuseelän­derin Jane Campion geleitete Jury zögerte offen­sicht­lich nicht, in seine herme­ti­sche Dialog­land­schaft einzu­tau­chen und ließ sich von den sich verästel­lenden Dialogen faszi­nieren. Ceylans Film bietet sich einer Thea­ter­ad­apt­a­tion nach­haltig an.