17.01.2013

Einge­sperrt und doch zu Hause

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Mohammad Bakri in Private

Die »Israel / Palästina Filmwoche« widmet sich der konflikt­rei­chen Koexis­tenz im Nahen Osten – mit einer Werkschau zu Mohammad Bakri (19.-27.01.2013, Gasteig München)

Von Dunja Bialas

Was für ein Minenfeld der israe­li­sche-paläs­ti­nen­si­sche Konflikt darstellt, ist gerade in der Debatte um die Äuße­rungen des »Spiegel-online«-Kolum­nisten und »Freitag«-Heraus­ge­bers Jakob Augstein zu erleben. Äuße­rungen Augsteins, in denen er auf vorhan­dene radikale Strö­mungen bei den Israelis hinweist oder die Einschließung der Paläs­ti­nenser in ein abge­sperrtes Gebiet kriti­siert, waren dem Simon-Wiesen­thal-Center Anlass, sie in die »Top 10 der anits­emi­ti­schen Äuße­rungen« aufzu­nehmen. Hier sind sie nach­zu­lesen.

Die Mitar­beiter des Simon-Wiesen­thal-Centers sind Wächter über die Inte­grität der Außen­wir­kung des israe­li­schen Staates. Ist denn aber die Kritik, die Augstein übte, tatsäch­lich diffa­mie­rend, im Sinne der defa­ma­tion, dem Fach­aus­druck für den Anti­se­mi­tismus (vergleiche die Anti-Defa­ma­tion-League, die sich gegen Anti­se­mi­tismus wendet)? Oder benennt Augstein in seiner Kritik objektiv vorhan­dene Tatsachen, die mit der israe­li­schen Staats­po­litik, nicht aber mit dem Judentum zu tun hat, so die gängige Argu­men­ta­tion? Proble­ma­tisch ist diese weit­ver­brei­tete Unter­schei­dung – und dies bringt dann auch Augstein in Bedrängnis – durch die Tatsache, dass der israe­li­sche Staat auf dem Zionismus begründet ist, und damit sein poli­ti­sches Fundament direkt ins histo­ri­sche Judentum verlegt.

Bei der Israel / Palästina Filmwoche, die an diesem Samstag im Münchner Gasteig eröffnet wird, kann man all diese Fragen und Proble­ma­tiken in Filmen nach­voll­ziehen, die von den Betrof­fenen selbst gedreht wurden. Wunder­volles Land heißt der israe­li­sche Doku­men­tar­film, der sich genau mit dem funda­men­talen Konzept des Zionismus ausein­an­der­setzt und heftige Kritik an ihm übt. Akti­visten der israe­li­schen Linken fragen hier ganz offen: Wäre es nicht viel frie­den­brin­gender, nicht in einem Juden­staat, sondern in einem Staat zu leben, in dem es nur gleich­be­rech­tigte Bürger gibt, unab­hängig ihrer Herkunft? Bilder, die israe­li­schen Spiel-, Doku­mentar- und Propa­gan­da­filmen entnommen wurden, zeigen die Infil­tra­tion der Medien durch die herr­schende Ideologie – eine spannende Ausein­an­der­set­zung mit einem zentralen Begriff. (Sonntag, 27.1., 20:30 Uhr)

Wie beklem­mend das Einge­schlos­sen­sein der Paläs­ti­nenser für den Alltag ist, macht der preis­ge­krönte italie­ni­sche Film Private deutlich. In ein Haus im Niemands­land zwischen einem paläs­ti­nen­si­schen Dorf und einem israe­li­schen Militär­s­tütz­punkt dringen israe­li­sche Soldaten ein und besetzen es. Der Familie gestehen sie zu, im Erdge­schoss wohnen zu bleiben. Nachts werden sie im Wohn­zimmer einge­sperrt. Einge­sperrt und doch zu Hause, so könnte man den Film auf die Formel bringen. (Montag, 21.1., 20:00 Uhr)

Mohammad Bakri, der in Private beein­dru­ckend den strengen Fami­li­en­vater gibt, der auf die Einhal­tung der militä­ri­schen Regeln pocht, widmet die israe­lisch-paläs­ti­nen­si­sche Filmwoche dieses Jahr eine Werkschau. Bakri, der paläs­ti­nen­si­sche Schau­spieler mit dem umwi­der­steh­li­chen Charisma, war einer der popu­lärsten israe­li­schen Bürger. Mit seinem Doku­men­tar­film Jenin, Jenin jedoch hat er sich 2002 zum unbe­liebten Kritiker seines Landes gemacht. Der Film, der den brutalen und auf Vernich­tung abzie­lenden Angriff der Israelis auf das paläs­ti­nen­si­sche Dorf Jenin doku­men­tiert, war trotz großer inter­na­tio­naler Beachtung in Israel lange gesperrt; Bakri musste sich vor Gericht wegen des Films verant­worten. In einem Interview sagt er über seinen poli­ti­schen Film: »Manchmal ist man leider gezwungen, etwas zu tun, was man nicht in seinem Programm hat. Ich bin Schau­spieler. Niemals habe ich daran gedacht, einen Doku­men­tar­film zu drehen. Mein Beruf ist Schau­spieler auf der Leinwand und auf der Bühne.«

Jenin, Jenin war 2002 auf dem Dok.fest in München zu sehen. Die israe­lisch-paläs­ti­nen­si­sche Filmwoche präsen­tiert Bakri jetzt mit einem weiteren Doku­men­tar­film, in dem er die paläs­ti­nen­si­sche Geschichte beleuchtet. Welche Auswir­kungen die Zeit­ge­schichte auf das Leben einer Familie hat, rekon­stru­iert er in Zahra am Beispiel seiner Tante, uner­schro­ckenes Fami­li­en­ober­haut und Chro­nistin eines halben Jahr­hun­derts, das geprägt wurde durch Flucht, Aufbruch und Enteig­nung. (Samstag, 19.1., 19:00 Uhr, in Anwe­sen­heit von Mohammad Bakri)

Ein aktuelles Zeugnis über die Gewalt­tä­tig­keit des Nahost­kon­flikts kann man in der paläs­ti­nen­sisch-israe­li­schen Co-Produk­tion 5 Broken Cameras von 2012 sehen. Fünf kaputte Kameras sind das Symbol für die Vergeb­lich­keit, in einem besetzten Land ein Leben in Gewalt­lo­sig­keit zu führen, fünf Kameras gingen zu Bruch in fünf Jahren Wider­stand gegen Verhaf­tungen, Gewalt und Über­griffe. Die Doku­men­ta­tionen der Gewalt werden zum Frie­dens­pro­jekt, als sich der paläs­ti­nen­si­sche Kame­ra­mann Emad Burnat entschließt, mit dem israe­li­schen Regisseur Guy Davidi den Film zu vollenden. (Dienstag, 22.1., 20:00 Uhr)

Isreal / Plästina Filmwoche. 19.-27.1.2013 im Vortrags­bi­blio­thek des Gasteigs, Rosen­heimer str. 5, München. Eine Veran­stal­tung der Filmstadt München e.V. Mehr Infor­ma­tionen und das voll­s­tän­dige Programm gibt es hier.

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