06.03.2006

Feier des Engagements

L.A. CRASH
Überraschungssieger?
Paul Haggis L.A. Crash
(Foto: Universum Film)

Die Oscarnacht belegt: Der Autorenfilm kehrt zurück, Hollywood wird politisch – zumindest auf Zeit

Von Rüdiger Suchsland

Die wich­tigsten Preise in der Übersicht:

Bester Film
Paul Haggis und Cathy Schulman für »L.A. Crash«

Beste männliche Haupt­rolle
Philip Seymour Hoffman in »Capote«

Beste weibliche Haupt­rolle
Reese Withers­poon für Walk the Line

Bester männ­li­cher Neben­dar­steller
George Clooney für Syriana

Beste weibliche Neben­dar­stel­lerin
Rachel Weisz für Der ewige Gärtner

Beste Regie
Ang Lee für Brokeback Mountain

Bester auslän­di­scher Film
Tsotsi – Gavin Hood (Südafrika)

Original-Drehbuch
Paul Haggis und Robert Moresco für L.A. Crash

Kamera
Dion Beebe für Die Geisha

Schnitt
Hughes Winborne für L.A. Crash

Ausstat­tung
John Myhre und Gretchen Rau für Die Geisha

Kostüm­de­sign
Colleen Atwood für Die Geisha

Ton
Chris­to­pher Boyes, Michael Semanick, Michael Hedges und Hammond Peek für King Kong

Ton-Effekte
Mike Hopkins und Ethan Van der Ryn für King Kong

Make-Up
Howard Burger und Tami Lane für Die Chroniken von Narnia – Der König von Narnia

Spezial-Effekte
Joe Letteri, Christian Rivers, Brian Van’t Hul und Richard Taylor für King Kong

Filmmusik
Gustavo Santaolalla für Brokeback Mountain

Original-Song
»It’s Hard Out There For A Pimp« von Jordan Houston und Cedric
Coleman aus Hustle & Flow

Kurzfilm
Martin McDonagh für Six Shooter

Anima­ti­ons­film
Steve Box und Nick Park für Wallace & Gromit: Auf der Jagd nach dem Riesen­ka­nin­chen

Anima­tions-Kurzfilm
John Canemaker und Peggy Stern für The Moon and the Sun

Doku­men­tar­film
Luc Jacquet für Die Reise der Pinguine

Kurz-Doku­men­tar­film
Corinne Marrinan und Eric Simonson für A Note Of Triumph: The Golden Age of Norman Corwin

Ehren-Oscar für das Lebens­werk
Robert Altman

An die vergan­gene Oscar­nacht wird man sich lange erinnern. Denn gleich mehrfach verstand es die sonst allzu oft arg Main­stream-lastige und konven­tio­nelle ameri­ka­ni­sche Film­aka­demie in diesem Jahr die Filmszene zu über­ra­schen. Schon die Nomi­nie­rungen waren uner­wartet: Einige Block­buster gingen völlig leer aus (Star Wars: Episode III), andere, von denen man fürchtete, sie würden die dies­jäh­rige Veran­stal­tung domi­nieren, wie Peter Jacksons King Kong-Remake oder Spiel­bergs War of the Worlds wurden für die Macher enttäu­schend nur in tech­ni­schen Neben­ka­te­go­rien nominiert – einmal mehr zeigte sich Hollywood hier auch als gnaden­loser Apparat, der bei Filmen, denen es allein ums Kasse-machen geht, auch nur kommer­zi­ellen Erfolg mit Nomi­nie­rungen belohnt.

So bringt die Krise der Massen­ware – die Budgets geraten außer Kontrolle, die Kons­um­ge­wohn­heiten ändern sich –, die derzeit überall zu erkennen ist, künst­le­ri­schem und unab­hän­gigem Kino über­ra­schende Chancen. In der Krise, die mit künst­le­ri­scher Einfalls­lo­sig­keit eben­so­viel zu tun hat wie damit, dass der »ameri­ka­ni­sche Traum«, den Hollywood seit jeher mit missio­na­ri­schem Eifer propa­giert, unter dem Regime von George W. Bush allen Glanz eingebüßt hat, besinnt sich Hollywood auf seine Ursprünge: Fast möchte man bei Blick auf die dies­jäh­rigen Nomi­nierten von einer Rückkehr des Autoren­films sprechen. Bis auf Spielberg – und der bekam für Munich nichts – sind sie alle unab­hän­gige Köpfe, deren Filme für vergleichs­weise wenig Geld gegen die großen Studios oder an ihnen vorbei produ­ziert wurden. Alles sind politisch bedeu­tende Filme, die ernst­hafte Fragen an die poli­ti­schen Verhält­nisse in den USA, aber auch an den Welt­ent­wurf des Westens insgesamt stellen. Keiner dieser Filme ist dabei plumper Agitprop. Vielmehr bringen sie ihre Botschaften indirekt ans Publikum, und opfern ihnen nicht Stil­be­wußt­sein und cine­as­ti­sche Haltung.

Dafür steht auch der über­fäl­lige Ehren­oscar an Robert Altmann, den links­li­be­ralen Außen­seiter des US-Kinos. Wunderbar, seine Lebens­bi­lanz am Osca­ra­bend: »Für mich ist Filme machen so, wie alle seine Freunde an den Strand einzu­laden, um gemeinsam eine Sandburg zu bauen. Und sie bauen und bauen, und man selber lehnt sich zurück, und man sieht die Welle kommen, die die Sandburg mit nimmt. Nichts bleibt übrig. Aber sie bleibt im Kopf – ich liebe das. Ich liebe Filme machen.«

Bemer­kens­wert ist auch, dass die konven­tio­nel­leren unter den Nomi­nierten, vergleichs­weise wenig Preise bekamen, dass die Academy in diesem Jahr klare Aussagen gegenüber wohl­feilen kleinen Fluchten bevor­zugte. Dies zeigt vor allem das ange­sichts der Vorschluß­lor­beeren enttäu­schende Ergebnis für Brokeback Mountain und Walk the Line (Ray – with white people, wie der Moderator spottete). Über­ra­schende Sieger sind Paul Haggis komplexes Sozi­al­drama Crash, das in Deutsch­land leider unter Wert gelaufen ist, und der Polit­thriller Syriana – beiden Filmen hatte man nur Außen­sei­ter­chancen gegeben.

Man darf also konsta­tieren: Hollywood wird wieder politisch, gesell­schafts­kri­tisch, fordert sein Publikum mehr als zuletzt. Auch film­his­to­ri­sche Remi­nis­zenzen während der Verlei­hung feierten durchweg das enga­gierte Kino: Filme wie Network und To Kill a Mocking­bird, die »gute Ameri­kaner«, wie sie Henry Fonda, Spencer Tracy, James Stewart oft verkör­perten. Das ist ein gutes Zeichen. Ob diese Tendenz von Dauer ist, muss sich aller­dings erst zeigen. Schon gibt es Gegenwind: Konser­va­tive unken, Hollywood entferne sich von den normalen Menschen – worauf Clooney erwiderte: »We are a bit out of touch in Hollywood«, und an die Schwar­zen­ver­fol­gung der 50er, 60er Jahre erinnerte. Noch ist unklar, ob der schwere Tanker Hollywood seinen Kurs ändert, stärker auf Vielfalt, auf kleinere, billigere, riskan­tere Filme setzt, an denen dann auch nicht gleich die Existenz eines ganzen Studios hängt, oder ob 2006 nur die Inde­pend­ents einmalig von der Schwäche der Großen profi­tierten. Die Entschei­dung hierzu fällt an der Kinokasse, auch der deutschen.