12.05.2005

Auf der Suche nach der Realität

Cocktaildämmerung

Impressionen vom Dok.fest München 2005

Von Nani Fux

Ein plötz­li­cher Ruck, Schar­niere rasten ein: Eine resolute Dame mit Dutt stellt weiße Klapps­tühle auf. Im Hinter­grund ahnt man ein Gewässer – wie weit, wie tief, bleibt ungewiss. »Bitte Platz­zu­nehmen für einen Ausflug in eine andere Welt!«, scheint der Trailer des dies­jäh­rigen Münchner Dokfests zu sagen.

Und tatsäch­lich passiert wieder einmal genau dass: Wir tauchen ein in andere Reali­täten, begegnen Menschen, Orten, Zeiten, die wir sonst nie gesehen hätten. Das Faszi­nie­rende am Doku­men­ta­ri­schen ist die Illusion von unmit­telbar erfahr­barer Realität, die sie vermit­teln.

Doch die Kamera doku­men­tiert die Wirk­lich­keit nicht nur, sie insze­niert sie auch und verändert die Welt, die sie beob­achtet – eine ungeheure Verant­wor­tung, die jeder Doku­men­tar­filmer schultern muss.

In Thorsten Trimpops Film Der irra­tio­nale Rest wird der Eingriff in die Wirk­lich­keit zum Motor der Geschichte und zum entschei­denden Stil­mittel. 1987 versuchen Susanne und Matthias, zwei junge DDR-Bürger, in den Westen zu fliehen – und werden geschnappt. Ihre Freundin Suse bleibt zurück und gerät dennoch in die Mühlen der Stasi. 16 Jahre herrscht Funk­stelle zwischen den Betei­ligten. Trimpop bewegt drei ehemalige Freunde zu einem Wieder­sehen – mitein­ander und den Orten des Gesche­hens – ein riskantes Expe­ri­ment.

Auch die Wiener Medi­en­künst­le­rinnen Simone Bader und Jo Schmeiser greifen auf ihre Weise in das Leben ihrer Prot­ago­nis­tinnen ein – doch geschieht das hier mit ganz anderer Ziel­set­zung und folglich mittels einer völlig anderen Methode. Unter dem Eindruck des Rechts­rucks in Öster­reich reisten sie nach London, um zwölf jüdische Frauen zu befragen: Holo­caust­flücht­linge und ihre Töchter. In Things. Places. Years. geht es nicht darum zu Konfron­tieren, Emotionen und Betrof­fen­heit heraus­zu­kit­zeln: Die Inter­view­fragen, die um jüdische und weibliche Iden­ti­täten und den schwie­rigen Umgang mit dem Erbe des Holocaust kreisen, erhalten die Frauen darum lange vorab. »Wir wollten den Frauen die Möglich­keit geben, das zu erzählen, was Ihnen wichtig ist«, sagt Bader.

Auch in dem Film A Decent Factory stehen Frauen im Mittel­punkt. Im Auftrag des Handy­gi­ganten Nokia nehmen zwei Ethik-Inspek­to­rinnen die Arbeits­be­din­gungen eines Zulie­fe­rers in China unter die Lupe. Denn dass die Produk­tion nicht nur möglichst hohe Profite abwirft, sondern auch moralisch sauber bleibt, wird immer mehr Inves­toren wichtig. Das Haken ist nur: mit der Moral hapert es – weltweit. Die Kamera enthüllt allerlei Verlo­gen­heit: »Schafft die Dinger umgehend in die Küche«, ordnet ein Aufseher an, als das toughe Damenduo aus Europe moniert, dass Kanister mit Chemi­ka­lien in der Teeküche stehen. Vor laufender Kamera wird das Unbehagen von gehobenem (feisten Europäern) und mittlerem Manage­ment (feisten Chinesen) immer greif­barer. Bis den Herren schließ­lich aufgeht, dass das Material nicht nur für interne Gebrauch bei Nokia gedacht ist, sondern womöglich im Kino gezeigt wird: Die Anwe­sen­heit der Kamera wird zur mora­li­schen Instanz.

Wieder eine andere Funktion erfüllt der Akt des Filmes im dies­jäh­rigen Eröff­nungs­film: In Horst Buchholz... mein Papa dient er der Annähe­rung zweier Menschen, die sich eigent­lich ohnehin sehr nahe stehen sollten. Chris­to­pher Buchholz holt seinen Vater vor die Kamera. Doch der alte Schau­spieler beherrscht das Spiel mit dem Medium perfekt und gibt wenig preis. Offene Antworten erhält der Sohn nicht. Und doch entsteht aus Gesprächen mit anderen Fami­li­en­mit­glie­dern und einge­streuten Film­se­quenzen eine Ahnung von dem Menschen, der Buchholz wirklich war. Eine Annähe­rung über Umwege und eine Liebes­er­klärungi