05.05.2005

Die große Kunst der Dokumentation

Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?
Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen? Fragt Gerhard Friedls gleichnamiger Film
(Foto: DOK.fest)

Ein kleiner Einblick in das 20. Internationale Dokumentarfilmfest München

Von Dunja Bialas

Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass das Fest des Doku­men­tar­films jedes Jahr aufs Neue mit widrigsten Umständen zu kämpfen hat. Aber: Hurra, wir leben noch! Und dem Doku­men­tar­film geht es nicht schlecht in den Zeiten von Moore, Sporlock und Co. Solche main­strea­m­igen Straßen­feger wird man beim Dok.Fest freilich vergeb­lich suchen.

Das Münchner Doku­men­tar­film­fest ist von Tradition her (man denke an die Zeiten von Gudrun Geyer) eines des poli­ti­schen Bewusst­seins und der kleinen Filme, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Dies hat sich zwar ein wenig geändert mit der Leitung von Hermann Barth, der sein Festival als ein ausge­spro­chenes Publi­kums­fes­tival begreift, das alljähr­lich eine »Best of«-Auswahl des vergangen Jahrgangs nach München holt. So sind viele Filme, die dieses Jahr beim Festival laufen, auf anderen Film­festen gesichtet worden, in Amsterdam, Berlin, Marseille, Wien, Locarno. Dazu kommt die große Zahl der Film­ein­rei­chungen – dieses Jahr waren es wieder über 800 – die das Auswahl­ko­mitee sichtet, was allen Filmen, auch denen unbe­kannter Regis­seure, eine gerechte Chance gibt, auf dem Festival gezeigt zu werden. »Best of« also, nicht nur der großen Film­pro­duk­tionen, sondern auch der kleinen, unab­hän­gigen Werke, die es wert sind, auf die Kino­lein­wand zu kommen.

Dieses Jahr hat sich heraus­ge­stellt, dass trotz des Plakats, das leichte Filme zu verspre­chen scheint, der thema­ti­sche Schwer­punkt doch eher ein ernster ist. Zahl­reiche Doku­men­ta­tionen befassen sich mit den Aus- und Nach­wir­kungen von Kriegen, so der erschüt­ternde Lost Children – Verlorene Kinder von Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi über Kinder­sol­daten in Uganda, oder Au Rwanda on dit… (In Rwanda We Say) von Anne Aghion über den Versöh­nungs­ver­such zwischen Hutu und Tutsi, zehn Jahre nach dem Völker­mord. Der israe­li­sche Film This Is Where My Dog Is Buried von Nir Keinan über einen Zwischen­fall an der liba­ne­sisch-israe­li­schen Grenze, greift ein Thema auf, das seit Jahren auf dem Dok.Fest eine wichtige Rolle spielt, dieses Jahr aber etwas zurück­ge­halten wurde.

Andere Länder sind diesmal stärker vertreten, so der Iran mit einer ganzen Palette von erstaun­li­chen Einbli­cken in die verbor­gene Seite des Gottes­staates. Regards sur le voile (The Veil Unveiled) von Vanessa Langer ist eine vergnüg­liche Bestands­auf­nahme der verschie­denen Möglich­keiten, modischen und sozio­lo­gi­schen, sich mit Kopftuch oder Schleier zu bedecken, Tabou (Zohre & Manouchehr) von Mitra Farahani enthüllt die vorehe­li­chen sexuellen Praktiken in einer Gesell­schaft, in der schon öffent­li­ches Händ­chen­halten als Sünde gilt.

Das Dok.Fest will immer auch den künst­le­ri­schen Doku­men­tar­film zeigen. Hier sieht man, wie sehr der Dokfilm dem Expe­ri­men­tellen und Avant­gar­dis­ti­schen zugeneigt ist, wie er Freiräume schaffen kann für neue Formen­spra­chen. Besonders erwäh­nens­wert sind hier zwei Filme, die im öster­rei­chi­schen Kontext ange­sie­delt sind. Gustav Deutschs Welt Spiegel Kino ist ein meis­ter­li­ches Found­foo­tage-Werk, das mit histo­ri­schen Doku­men­tar­auf­nahmen aus den 10er und 20er Jahren und Ausschnitten aus Filmen, die zu jener Zeit im Kino liefen, kleine Mikro­er­zäh­lungen entwirft über das Zusam­men­spiel von Kino­ma­schine und Welt­be­wusst­sein – ein Zusam­men­spiel, dass auch für Godards Histoire(s) du Cinéma wesent­lich ist. Ganz anders, aber nicht weniger expe­ri­men­tell ist Gerhards Friedls Hat Wolff von Amerongen Konkurs­de­likte begangen? Hinter dem Film mit dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich ein erhel­lender Essay über den wirt­schaft­li­chen Auf- und Abschwung Deutsch­lands. In langsamen Kame­ra­fahrten schweift Friedl über anonyme Land­schaften der Bundes­re­pu­blik: Fußgän­ger­zonen, Straßen­züge, Banken, Baustellen und Werk­hallen. Seine Bilder sind zugleich banal und spek­ta­kulär, erfassen das deutsche Gewöhn­liche und die deutsche Extra­va­ganz. Dazu erzählt aus dem Off ein Sprecher in sonorer Tonlage von den Skan­dal­ge­schichten, in die Flick, Strauß, Thyssen, Krupp und Wolff von Amerongen verwi­ckelt wurden. Sie häuften Kapital an, ihre Unter­nehmen florierten mit Deutsch­lands Wirt­schafts­blüte und expan­dierten, dann kamen Fehl­kal­ku­la­tionen und der Ausver­kauf der eigenen Fabriken, mit ihm die Demontage der blühenden Land­schaften und die ganz persön­li­chen Abstürze.

20 Jahre Dok.Fest: Zu diesem Jubiläum gibt es erstmals eine Retro­spek­tive, »Best.Doks«, mit einer Auswahl von 20 Filmen aus den 20 Festi­val­jahren. Schon erstaun­lich und allemal ein lohnender Rückblick, was auf dem Festival gezeigt wurde, auch unter schwie­ri­geren Umständen. Ganz besondere Glanz­stücke aus der Doku­men­tar­film­ge­schichte sind Raymond Depardons San Clemente über eine Psych­ia­trie bei Venedig und Viktor Kossa­kovskys Belovy über das lakonisch-melan­cho­li­sche Leben von Bauern in der UdSSR. Die poli­ti­schen Filme der Retro­spek­tive zeigen, wie stark auch diese Doku­men­ta­tionen heute immer noch wirken und keines­falls ein verblasstes Phänomen der Zeit­ge­schichte sind. Les vivants et les morts de Sarajevo von Radovan Tadic bespricht auf ergrei­fende Weise den Balkan­kon­flikt, Der Schwarze Kasten von Tamara Trampe und Johann Feindt, von denen der viel­be­ach­tete Film Weiße Raben – Alptraum Tsche­tsche­nien über den Tsche­tsche­ni­en­kon­flikt im Wett­be­werb läuft, ist eine Bestands­auf­nahme über die psycho­lo­gi­schen Machen­schaften des Stasi-Apparats.

Zuletzt soll unbedingt noch auf die Filme aus Fernost hinge­wiesen werden. Seit Jahren kommen aus dem asia­ti­schen Raum die inter­es­san­testen Spiel­filme, nun zeichnet sich Stärke auch beim Doku­men­tar­film ab. The Concrete Revo­lu­tion von Xiaolu Guo ist ein wunder­schöner Filmessay über die Urba­ni­sie­rung Pekings, das sich für Olympia 2008 rüstet, mit stilis­ti­schen Anleihen bei den frühen Filmen Wong Kar-wais. Jade Green Station des chine­si­schen Lyrikers Yu Jian ist ein ruhiger, fast schon medi­ta­tiver Film über eine alte Bahn­sta­tion auf der Strecke zwischen Yunnan und Kunming in Vietnam. Hier wird der Kino­zu­schauer zum Beob­achter: Der Film versinkt visuell in die Gelas­sen­heit des Dorfes, lässt sich ein auf die Erzäh­lungen der Bewohner, vertraut auf die Geräusche des Ortes, die eine eigene, natür­liche Musi­ka­lität entwi­ckeln. Ein Film, der ganz Antipode zu den rasanten State­ments von Moore und Co. ist und der die Qualität von Festivals ausmacht, nämlich Filme zu sehen, die sonst nicht gesehen werden können.

Eine runde Sache, das Dok.Fest dieses Jahr, auch wenn man sich den einen oder anderen »abwegigen« Film dazu­ge­wünscht hätte, wie beispiel­weise jüngst bei der Diagonale in Graz. Aber – und das soll jetzt keine Publi­kums­be­schimp­fung sein -man muss beim Münchner Publikum auf das Machbare setzen. Denn schließ­lich wollen wir – getreu der Plakate, die ein süffiges Festival verspre­chen – mit einem zufrie­denen Publikum anstoßen können: Bei den Dok.Treffs in den Kunst­ar­kaden, täglich von 17:30 bis 19:30 in den Kunst­ar­kaden (Spar­kas­senstr. 3), wo sich die Gele­gen­heit bietet, mit den Regis­seuren und den Machern des Festivals ins Gespräch zu kommen.

Die Autorin ist Mitglied des Dok.Fest-Auswahl­ko­mi­tees.