10.07.2014

Münchner Kinos machen Programm

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
»Du bist wirlich zum Kotzen«: Eines der legendärsten Paare der Filmgeschichte, Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg in Außer Atem – wiederauferstanden bei den Filmkunstwochen

Alte Meister, junge Talente und neue Wege: Die 62. Film­kunst­wo­chen zeigen ein breites Spektrum des Kino­ma­chens

Von Dunja Bialas

Sie sind allemal starke Persön­lich­keiten im Kino­be­trieb. Wo man sich sonst nur für die Filme inter­es­siert, kann es durchaus lohnens­wert sein, im Rahmen der 62. Film­kunst­wo­chen einmal hinter die Kulissen der Münchner Kinos zu gucken, und die Betreiber von sechs Film­thea­tern kennen­zu­lernen, die jährlich ein gemein­sames, konzer­tiertes Programm jenseits der Verlei­h­an­ge­bote zusam­men­zu­stellen: Bruno Börger, verant­wort­li­cher Thea­ter­leiter der City-Kinos, ist ein erdiger Kerl, der auch Neues wagt, Werner Scholz vom Filmeck Gräfel­fing, setzt auf Altbe­währtes, Louis Anschütz vom Studio Isabella, dem wir gerne den Louis d'Or verleihen würden, wenn er sich nicht gegen das Wortspiel stellen würde, ein erfah­rener Programm­ma­cher, Elisabeth Kuonen-Reich vom Rio Film­pa­last die galante Gast­ge­berin, Thomas Wilhelm vom Neuen Rottmann ist mit dem Kino aufge­wachsen und die »Mono­po­listen« Christian Pfeil und Markus Eisele sind unter den Kino­ma­chern die neue Gene­ra­tion.

Begründet hat die nun schon seit 62 Jahren währende Tradition der Film­kunst­wo­chen der Münchner Kino­pio­nier Fritz Falter. Das Kino­ma­cher-Festival ist damit Alters­ge­nosse der ehrwür­digen Berlinale, des Newcomer-Festivals Mannheim-Heidel­berg und der Inter­na­tio­nalen Kurz­film­tage Ober­hausen, allesamt in einer BRD gegründet, als Opas Kino noch regierte und die Angebot von Filmen in Deutsch­land vor allem eins war: einseitig, lang­weilig, die Augen verschließend.

Die Augen aufge­macht gegenüber dem europäi­schen Arthouse haben damals nicht nur die genannten Film­fes­ti­vals, sondern eben auch die Kino­be­treiber. Fritz Falter, der in den 50er Jahren das Occam-Film­theater und das Studio Isabella in München leitete, war, mit Walter Kirchner (1954 begrün­dete er den Verleih Neue Filmkunst), einer von ihnen. Falter stemmte sich gegen das maue Verlei­h­an­gebot an Filmen im Sommer und nützte das Sommer­loch, um ein Programm jenseits der Angebote zu machen, indem er selbst ein inter­na­tio­nales Film­pro­gramm zusam­men­stellte, das er den Münchnern als »Film­kunst­wo­chen« anbot.

Über ein halbes Kino­jahr­hun­dert ist seitdem vergangen, und die Situation für die Münchner Kinos hat sich grund­le­gend geändert. Das Kino ist schon längst nicht mehr der alleinige Ort, wo Filme zu sehen sind, nach der VHS-Kassette kam die DVD, heute regiert das Internet über das Angebot an sehens­werten Filmen. Und dennoch: Auch im 62. Jahr nach Film­kunst­wo­chen-Gründung setzen fünf Kino­be­treiber und eine -betrei­berin immer noch auf das, was den Cine­philen am liebsten ist: den dunklen Kinosaal, in den man sich begibt, um Filme ganz groß zu sehen, sich mit Freunden zu verab­reden und Regis­seure zu treffen.

Oder einfach auch Klassiker neu auf der großen Leinwand entdecken. »20 Jahre Arthaus« ist ein Schwer­punkt der dies­jäh­rigen Film­kunst­wo­chen, mit inter­na­tio­nalen und durchaus sehr unter­schied­li­chen Filmen, die im Monopol, Studio Isabella und Filmeck Gräfel­fing zu sehen sind, meist im Original mit Unter­ti­teln. Ob Das siebente Siegel, Das Fest, Angst essen Seele auf oder der legendäre À bout de souffle: Sie alle stehen für ein bestimmtes Kino, das Filme anders wollte, als es sie gab, sie sind kraftvoll, mutig und ungestüm.

Die »neuen Wellen« von damals bekommen dieses Jahr Gesell­schaft von den jungen Regis­seuren von heute. Eröffnet werden die Film­kunst­wo­chen mit den Preis­trä­gerInnen des dies­jäh­rigen Starter-Film­preises, verliehen durch die Landes­haupt­stadt München, die mit diesem Preis dezidiert dem Film­nach­wuchs Start­hilfe geben will. In zwei Porgrammen sind die preis­ge­krönten Doku­men­tar­filme von Isa Willinger, Fort von allen Sonnen (Donnerstag, 10.07., Monopol, 19:30 Uhr, zur Eröffnung), und Leaving Greece von Anna Brass (Sonntag, 20.07., City/Atelier, 21:15 Uhr) zu sehen. Dazu gesellen sich die Kurzfilme aus der HFF-Schmiede, mit einem Doku­men­tar­film­pro­gramm (Sonntag, 03.08., City/Atelier, 21:15 Uhr) und den Fictional Shorts (Mitwoch, 06.08., Rio Film­pa­last, 18:00 Uhr).

Eine Beson­der­heit dieses Jahr sind nerdige Film­vor­träge, allesamt von Film­spe­zia­listen, die zu ihrem Lieb­lings­thema refe­rieren, dazu Film­aus­schnitte einspielen. Thea­ter­ma­cher Holger Dreissig wird zu Zeit­reisen im Film reflek­tieren (Donnerstag, 17.07., City/Atelier, 22:30 Uhr), SigiGoetz-Enter­tain­ment-Heraus­geber Ulrich Mannes macht sich auf die Suche nach »Trash & Treasures« (Donnerstag, 24.07., City/Atelier, 22:30 Uhr), und Julian Warner, der bereits in der Favorit-Bar gelec­tured hat und dort auch Platten auflegt, wird zu »Voodoo im Film« sprechen (Donnerstag, 07.08., City/Atelier, 22:30 Uhr), eine Veran­stal­tung, die für Thea­ter­leiter Bruno Börner zum Anlass wird, den 16mm-Projektor aus dem Keller zu holen: Es läuft auch Maya Derens The Divine Horsemen, der entgegen der digitalen Wende, die das Kino durchlebt, auf Film­ma­te­rial zu sehen ist.

München hat eine Phase des Kinoster­bens hinter sich, die nun erst einmal aufge­halten zu sein scheint, nicht zuletzt durch das Herz­blu­t­en­ga­ge­ment der Münchner Kino­be­treiber (und der Rücken­de­ckung, die sie durch die Stadt München erhalten). Dennoch gibt es in Sendling beispiels­weise schon lange kein Kino mehr, das »Lexikon der Münchener Kinos«, zu finden in dem wert­vollen Buch »Neue Paradiese für Kino­süch­tige«, verz­eichnet allein das Send­linger Licht­spiel­haus, das sich bis 1968 sich in der Ober­län­der­straße befand. Um die Umbrüche, aber auch die wenigen Freiräume in der Stadt zu beleuchten, gibt es deshalb in Zusam­men­ar­beit mit den Raum­wand­lern unter dem Titel »Sommer­nachts(t)raum« eine Exkursion in das Viertel, mit Boller­wagen und Beamer, zu der Kurzfilme auf Häuser­wände proji­ziert werden.

Tradi­ti­ons­gemäß aber warten die Münchner auf die Film­kunst­wo­chen, um endlich die Filme nach­zu­holen, die sie unterm Jahr verpasst haben. So können die American Inde­pend­ents Spring Breakers, Drive und Only Lovers Left Alive nach­ge­holt werden, oder, eher alpen­län­disch, Das finstere Tal (mit Lesung von Artechock-Autor Thomas Willmann am Sonntag, 10.08., Rio Film­pa­last, 19:00 Uhr) und Dampf­nu­del­blues (in Anwe­sen­heit der Autorin Rita Falk, Samstag, 19.07., Neues Rottmann, 20:30 Uhr). Auch einen Blick in die nahe Zukunft kann man werfen, in zahl­rei­chen Previews, oft in Anwe­sen­heit der Regis­seure. Wacken 3D, Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste, Die geliebten Schwes­tern von Altmeister Dominik Graf oder die Komödie Gott verhüte! sind das Spektrum, das sich auftut.

62. Film­kunst­wo­chen München. Spielorte: City/Atelier, Filmeck Gräfel­fing, Studio Isabella, Rio Film­pa­last, Neues Rottmann, Monopol. Eintritt 8 Euro (7 Euro ermäßgt), Sommer­nachts(t)raum Eintritt frei unter Voran­mel­dung bei sommer (at) film­kunst­wo­chen-muenchen.de. Mehr Infor­ma­tionen, viele Trailer und das ganze Programm gibt es unter film­kunst­wo­chen-münchen.de. Alle Sonder­ver­an­stal­tungen mit Anwe­sen­heit der Regis­seure sind unter hier zu finden.

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