16.06.2022
Cinema Moralia – Folge 276

Fremdgehen im Kino

France
Nicht nur Léa Seydoux spielt in Bruno Dumonts France mit...
(Foto: MFA/Filmagentinnen)

Frank­reichs Tränen, Deutsche Soli­da­rität, Berliner Meinungs­frei­heit – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 276. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Hier nun eine spontane Form dieser Epoche: Ich fühle mich außer­stande, mich über 'Ideen' zu entrüsten. 'Dumme' Ideen können mich wohl irri­tieren, ärgern oder viel­leicht sogar erschre­cken; die 'dummen' Ideen bilden eine Doxa, eine öffent­liche Meinung, keine Lehre.
In der Intel­li­gen­zija gibt es defi­ni­ti­ons­gemäß keine 'dummen' Ideen; der Intel­lek­tu­elle ist berufs­mäßig intel­li­gent (nicht sehr intel­li­gent ist mögli­cher­weise sein Verhalten). Diese Art Gleichmut gegenüber den Ideen wird durch eine wache, positive oder negative Sensi­bi­lität gegenüber den Menschen, den Persön­lich­keiten aufge­wogen.“ –
Roland Barthes

Auch er spielt mit in diesem Spielfilm: Emmanuel Macron, Präsident der fran­zö­si­schen Republik. Der Zufall will, dass dieser Film letzte Woche, genau drei Tage vor der ersten Runde der fran­zö­si­schen Parla­ments­wahlen in die deutschen Kinos kam. Gedreht wurde er aber natürlich schon vor über einem Jahr. Und auch Macron hat nicht wirklich mitge­spielt – so weit geht die Cine­philie der Franzosen, auch ihrer Politiker, dann doch nicht – er wurde nur einfach derart geschickt hinein­mon­tiert in den Anfang dieses Films, sodass es tatsäch­lich aussieht, als gäbe es einen kurzen, frechen Schlag­ab­tausch mit der Haupt­figur, einer promi­nenten Mode­ra­torin für poli­ti­sches Trash-Fernsehen, also Repor­tagen mit Elementen von Sensa­ti­ons­spek­takel und Explo­ita­tion.

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Trotzdem ist es völlig unvor­stellbar, in einem deutschen Spielfilm einen entspre­chenden Ausschnitt mit Olaf Scholz oder Angela Merkel zu sehen – und wahr­schein­lich ist das auch besser so.

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Die entschei­dende Stichwahl in Frank­reich ist am kommenden Woche­n­ende. Insofern kann und sollte man France auch unter diesem Gesichts­punkt ansehen: Wie zeigt er Politik und vor allem deren mediale Rahmen­be­din­gungen?

Es ist ein vor allem für die Medien nicht sehr schmei­chel­haftes Bild. Die Amora­lität dieser Welt und ihrer jour­na­lis­ti­schen Akteure zeigt sich schon in dieser ersten Szene, eben dieser Pres­se­kon­fe­renz mit Macron: Eine Frage wird gestellt, die Antwort ist egal, denn die Frage ist nur rheto­risch und dient dazu, den Präsi­denten zu desavou­ieren.

Die Mode­ra­torin und ihre Assis­tentin scherzen und lachen dem Präsi­denten praktisch ins Gesicht, der ange­sichts der unver­schämten Dreis­tig­keit seines Gegenü­bers um Fassung ringt – die Show ist gewonnen.

Später im Film fliegt die Mode­ra­torin und Titel­heldin France (die natürlich auch mit »Frank­reich« zu iden­ti­fi­zieren ist, s.u.) zum Beispiel nach Afgha­ni­stan zu den Taliban, inter­viewt dort – wie immer perfekt gestylt mit modischem Stahlhelm, Camou­flage-Jäckchen und Designer-Schuss­weste – einen blut­rüns­tigen Mudscha­heddin und fordert ihn am Schluss auf, um des guten Bildes willen einen reli­giösen Schlachtruf auszu­rufen und dabei in die Luft zu ballern. Das muss dann, wie es eben so ist beim Fernsehen, ein paar Mal wieder­holt werden, damit es wirklich gut aussieht – es sind solche absurden Szenen, die den einen Haupt­er­zähl­strang und den grotesken Humor dieses Films ausmachen.

Hier ist Bruno Dumonts neuer Film France eine saftige und grobe Effekte nicht scheuende Medien­sa­tire. Eine Satire, die den Zynismus moderner Massen­me­dien kontert durch eine nicht minder kalte, nicht nur illu­si­ons­lose, sondern ätzend sarkas­ti­sche Betrach­tung, die man sehr wohl ebenfalls auch zynisch finden kann.
Der Zuschauer kann nach und nach fest­stellen, dass alles, was diese »Ich«-Jour­na­listin zeigt, insze­niert ist – man sieht sie sogar »Action!« und »Cut!« rufen, als wäre es ein Spielfilm.

Nach und nach wird auch die Sensa­ti­ons­lust des Publikums enthüllt, und die Insze­nie­rung von Geschichten, um sie attrak­tiver zu machen.

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Jene Film­kri­tiker und Kino­zu­schauer, die der Ansicht sind, dass sein Regisseur seine Figuren und seine Geschichte unbedingt zu lieben habe, die können mit diesem Film nicht glücklich werden. Alle anderen aber umso mehr.

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Der zweite Erzähl­strang dreht sich um die Haupt­figur. Diese Mode­ra­torin wird von Léa Seydoux in einem der besten Auftritte ihrer Karriere glänzend verkör­pert. Sie heißt France de Meurs – und zumindest ihr Vorname ist bezie­hungs­reich doppel­sinnig: Diese junge so ober­fläch­liche wie gerissene vulgäre Powerfrau, die ihr Leben auf Instagram und ähnliche ober­fläch­liche Dinge konzen­triert, steht auch für das neue Frank­reich unserer Gegenwart, zumindest für seinen neoli­beral ausgehöhlten Teil.

Im Lauf des Films, motiviert durch einen kleinen Unfall mit Blech­schaden, aus dem die Verur­sa­cher ökono­mi­sches und vor allem soziales Kapital schlagen, und den Promi­status der Mode­ra­torin ausbeuten, entwi­ckelt sie sich zur Links­li­be­ralen, die ihr schlechtes Gewissen entdeckt. Und der Film entwi­ckelt sich zur Komödie.

Regisseur Dumont stürzt den Film und damit seine Haupt­figur in eine zunehmend surreale und absurde Chaos­s­pi­rale. Aus banalen Gründen und einer gewissen alltags­prak­ti­schen Unfähig­keit verliert das Leben von France jede Struktur. Sie verkör­pert etwas Größeres, weiß aber nicht, was sie tun soll, eine Frau, die die zerris­senen Versionen eines Landes in sich trägt, und nur durch ihre Desi­gner­klei­dung zusam­men­ge­halten wird.
Darum ist France ein Film, der eher aussieht wie eine Komödie, aber tatsäch­lich auch von der Anstren­gung einer ganzen Nation handelt, ihr attrak­tives Lächeln zu bewahren und die Tränen der inneren Erschüt­te­rung herun­ter­zu­schlu­cken.

Mal sehen, wer am Sonntag weinen wird...

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Ein Zufalls­fund: In einem ganz wunder­baren, 1975 für die Zeitung geschrie­benen Text, der den Titel »Beim Verlassen des Kinos« trägt (auf Deutsch im Sammel­band »Das Rauschen der Sprache«, S.376-380), schreibt der angeb­liche Kino­ver­ächter Roland Barthes über seinen Bezug zum Kinoraum – und es ist kaum verwun­der­lich eine Hymne geworden.

»Das Subjekt, das hier spricht, muß eines zugeben: es verlässt gern einen Kinosaal. Auf die beleuch­tete und ein wenig leere Straße hinaus­tre­tend (es geht immer abends und unter der Woche hin) und träge auf irgendein Café zuhaltend, geht es schwei­gend dahin (es mag nicht sofort über den eben gesehenen Film sprechen), leicht benommen, unbe­holfen, fröstelnd, kurzum, schlaf­trunken; es ist müde, daran denkt es; sein Körper ist etwas Sopitives, Sanftes, Fried­li­ches geworden: Weich wie eine schla­fende Katze, fühlt es sich ein wenig ungelenk oder (kann doch für eine mora­li­sche Anordnung die Ruhe nur darin liegen) unver­ant­wort­lich. Kurz, es liegt auf der Hand, daß es aus einer Hypnose heraus­tritt.«

So geht es weiter.

Es ist immer wieder das reine Glück, Barthes zu lesen. Immer wieder macht man neue tolle Entde­ckungen. Fünf Seiten genügen, dann ist der Tag gerettet.

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»So verläßt man oft das Kino. Wie aber betritt man es? Außer im – aller­dings immer häufi­geren – Fall einer sehr bestimmten kultu­rellen Suche (ausge­wählter, gewollter, gesuchter Film, Gegen­stand einer richtigen voraus­ge­henden Alar­mie­rung) geht man aus Muße, aus Unge­bun­den­heit, in einer Freizeit, ins Kino.«

Ein ganz wichtiger Punkt. Er wendet sich gegen die Kultur­bour­geoisie, auch gegen das, was sich heute gern »Cine­philie« nennt und als solche maskiert: Die Verach­tung des Jahr­markts, die Beflis­sen­heit gegenüber der Kunst, ein Verhältnis zum Kino, das sich nur daran beweisen und selbst bestä­tigen kann, dass man zu den Einge­weihten gehört, dass man jeden Film von Apichat­pong Weeras­ethakul gut findet, (aus Prinzip scheint mir, das lässt sich aber natur­gemäß nicht beweisen) und Tom Cruise doof, jeden­falls den des 21.Jahr­hun­derts.

Barthes sagt, dass das »Kino«, also der Raum und Zustand, den dieser Begriff meint, mit Muße, Unge­bun­den­heit und Freizeit zu tun hat, dass ihm das Ausge­wählte, Gewollte, Gesuchte, das »Richtige« entge­gen­stehen – so jeden­falls verstehe ich diese Passage und stimme voller Leiden­schaft zu.

Kino ist mit unsitt­li­chen und amora­li­schen Zuständen verbunden, mit Leere, Untä­tig­keit, Müßiggang, »einem schwarzen, anonymen, indif­fe­renten ... Festspiel der Affekte«.

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Später findet sich noch ein schöner Vergleich zwischen Kino und Fernsehen, der sich leicht auf den zwischen Kino und Streaming oder Compu­ter­bild­schirm über­tragen lässt: »Durch das Fernsehen sind wir zur Familie verur­teilt, zu deren häus­li­chen Instru­ment es geworden ist, wie früher der Herd mit dem gemein­schaft­li­chen Topf.« Dort »keinerlei Faszi­na­tion; das Dunkel ist gelöscht, die Anony­mität verdrängt; der Raum ist vertraut, geglie­dert (durch Möbel, bekannte Gegen­s­tände), aufgebaut: der Erotismus – sagen wir, um die Schwe­re­lo­sig­keit, die Unvoll­endung begreif­lich zu machen, eher die Eroti­sie­rung des Ortes ist verworfen.«

Der Besuch im Kino, »diesem urbanen Dunkel«, wo »die Freiheit des Körpers bear­beitet« wird, »diese unsicht­bare Arbeit der möglichen Affekte« sich ereignet, dieser Besuch ist gegenüber dem Fami­li­en­er­eignis Fernsehen jedes Mal ein Akt des Fremd­ge­hens. Der Neugier und der Leiden­schaft.

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In der fran­zö­si­schen akade­mi­schen Tradition ist es Usus: Wenn ein Institut verröchelt, verdüm­pelt, versinkt, dann gründe ein Konkur­renz­un­ter­nehmen. Im besten Fall: profi­tieren beide Insti­tu­tionen. Das eine rappelt sich auf, das andere demons­triert seine Kraft. – Im anderen Fall: dasjenige überlebt und prospe­riert, wo die Energien sich sammeln.
Aber eben nicht umgekehrt unendlich viel Kraft aufwenden, um ein erschöpftes, mit sich selbst beschäf­tigtes, dysfunk­tio­nales System zu refor­mieren.

Das gilt für Redak­tionen, für ganze Medien, es gilt auch für den PEN-Berlin.

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»Die Diver­sität umfasst nicht nur Geschlecht und Herkunft« – das ist so ein zentraler Satz der Grün­dungs­woche.

PEN Berlin ist der Name der Neugrün­dung, die von 232 Autoren gegründet wurde. Voraus­ge­gangen: Die Selbst­ver­nich­tung der Schrift­stel­ler­ver­ei­ni­gung PEN nach dem Zerwürfnis um den Präsi­denten Deniz Yücel.

Das neue deutsche PEN Zentrum beruft sich auf die »Ideale der Aufklä­rung, der Meinungs­viel­falt, der Toleranz und der Soli­da­rität,«
Man steht also für Meinungs­frei­heit, offenen Diskurs, Diver­sität und Soli­da­rität. Mit dabei sind auch Eva Menasse, Nora Bossong, Lucy Fricke, Diedrich Diede­richsen, Ursula Krechel, Christian Kracht und Thea Dorn, aber auch Filme­ma­cher und viele Jour­ma­listen.

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Es ist so eine Frechheit: Am Tag der Gründung des PEN-Berlin titelt die dumme ZEIT tatsäch­lich: »Denis Yücel gründet neue Autoren­ver­ei­ni­gung.« Aber nein! Es ist nicht Denis Yücel, der sie gegründet hat, sondern es sind 232 Autoren und Autorinnen. Es ist auch keines­wegs eine Denis Yücel-Verei­ni­gung. Es ist, wenn überhaupt, eine Verei­ni­gung, die gegen den Typus Johanno Strasser gerichtet ist, gegen den Typus des Adabei, des Wort-Funk­ti­onärs, des sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Recht­ha­bers. Diese Verei­ni­gung ist auch keine Dönerbude statt der Brat­wurst­bude.

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Das Wahre wird auch nicht dadurch falsch, dass man es »Wests­p­lai­ning« nennt.

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Das »Filmfest München« hat sein Programm bekannt gegeben. Wird uns inhalt­lich dann in der kommenden Woche beschäf­tigen. Endlich ist jeden­falls das Filmfest wieder halbwegs normal, nach Filmfest-Maßstäben natürlich, deshalb kann sich jeder, der nach München kommt, jetzt auch davon über­zeugen, dass das Cannes-Programm stärker war, als in der deutschen Bericht­erstat­tung der Eindruck erweckt wurde.

Wirklich neu ist in München auch wie immer vor allem der deutsche Wett­be­werb um den »Förder­preis«. Irri­tieren tun daran dann eher wieder mal die Verlaut­ba­rungen des Filmfests, wo der Doku­men­tar­film leider wieder unter ferner liefen läuft, und man Sätze lesen kann wie »komplet­tiert wird das Programm von zwei ... Doku­men­tar­filmen«.
Gleich danach etiket­tiert das Filmfest dann einen Film in seinem eigenen Programm als »Versuch« – nur ein Versuch? Echt? Oder viel­leicht doch wenigs­tens »ein geglückter Versuch«? Richtig wohl­wol­lend klingt das jeden­falls nicht. Wo doch das Filmfest Kino in allen Varianten feiern will. Aber richtig über­ra­schend ist so etwas beim Filmfest auch nicht.

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Letzte Woche habe ich auf den Tod von Fass­binder vor 40 Jahren hinge­wiesen. Ergänzend möchte ich noch darauf aufmerksam machen, dass jetzt für »La Cinetek», einem von der fran­zö­si­schen Regis­seurs­ver­ei­ni­gung getra­genen Streaming-Portal, 32 ange­se­hene Regis­seure einen oder mehrere Filme aus dem bis heute nach­hal­lenden impo­santen Werk dieses kompro­miss­losen Filme­ma­chers empfehlen. Manche der Teil­nehmer leben aller­dings schon länger nicht mehr, was zeigt, dass die Umfrage älter ist. So oder so: 10 seiner wich­tigsten Spiel­filme, sowie die komplette Staffel seiner Serie »Berlin Alex­an­der­platz« kann man jetzt dort ansehen.

Das ist im Einzelnen nicht unin­ter­es­sant: Die Deutsche Maren Ade empfiehlt Warum läuft Herr R. Amok? (1970), Jutta Brückner und Wim Wenders, aber auch Martin Scorsese empfehlen Händler der vier Jahres­zeiten (1971), Thomas Arslan wie Chantal Akerman und Atom Egoyan In einem Jahr mit 13 Monden (1978), Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972) ist der Favorit von u.a. Ira Sachs und Abel Ferrara, Angst essen Seele auf (1974) von Nadav Lapid, François Ozon, Robert Guédi­guian; Faust­recht der Freiheit (1974) von Alain Guiraudie, Die Ehe der Maria Braun (1978) von Agnès Varda, Marjane Satrapi und Elia Suleiman; Lola (1981) von Todd Haynes und Die Sehnsucht der Veronika Voss (1982) von Bertrand Bonello.

Deutsche TV-Sender, aber auch ARTE haben sich leider zu nichts auch nur annähernd Vergleich­barem entschlossen. Mal wieder typisch.

Dann sollen sie sich nicht wundern, wenn sie mit ihrem Publikum aussterben.

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Auch Regis­seure lieben übrigens Listen: Auf LaCinetek kann man auch die Listen der 50 Lieb­lings­filme von mehr als 100 Regis­seuren nachlesen.

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Wann haben wir ihn verlernt, den »Gleichmut gegenüber den Ideen«, von dem Roland Barthes spricht? Wann ist unsere Sensi­bi­lität gegenüber den Anderen durch die Empfind­lich­keit gegenüber dem Ich, dem Ego, durch den Narzissmus ersetzt worden?

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.