07.04.2022
Cinema Moralia – Folge 270

Wenn der Zeitgeist den Krieg trifft

Ulrich Seidls Jaguar
Ulrich Seidls Jaguar vor dem Hotel »Erzherzog Johann«, Graz
(Foto: Rüdiger Suchsland)

Soli­da­rität, aber nicht mit der Message-Kunst: Gerade in soge­nannten west­li­chen Kontexten scheint es uns immer schwerer zu fallen, Propa­ganda als solche zu benennen. Vor allem dann, wenn Aussagen poli­ti­scher Common Sense sind und den Zeitgeist bedienen. Zur Eröffnung der Diagonale – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 270. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Art is not supposed to be a mirror. It is supposed to be a door.« – Fran Leibowitz

Die Sonne knallte gleißend hell ins Zimmer heute Morgen nach der Eröffnung. 18 Grad, angeblich noch Frühling, aber gefühlt ist es schon Sommer in Graz, das sowieso noch mehr als München die nörd­lichste Stadt Italiens genannt werden könnte.

Das passt natürlich sehr gut zu einem Film­fes­tival, das mit einem Film eröffnet, der Sonne heißt. Er stammt von Kurdwin Ayub, dem neuen Stern oder viel­leicht auch der neuen Sonne am öster­rei­chi­schen Film­himmel. Wir hatten über den Film bereits bei der Berlinale berichtet, es war gut, ihn gestern ein zweites Mal zu sehen und zusammen mit den anderen Filmen von Kurdwin ist das durchaus einen Bericht wert, aber erst nächste Woche. Diese Woche wollen wir uns – dafür hat das Festival ja auch erst gestern eröffnet – ganz und gar eben dieser eigent­li­chen Eröff­nungs­feier widmen.

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Seit ich Sebastian Hoeg­linger, einen der beiden Direk­toren der Diagonale – der andere ist Peter Schern­huber –, das erste Mal kennen­lernte – wir waren in der Jury beim DOK.fest München – sprachen wir bald über Kommu­nismus und Taxi­fahren und über die Frage, ob man als Kommunist eigent­lich Taxi fahren darf – man darf, denn man muss schließ­lich etwas für die Werk­tä­tigen tun. Vor allem waren wir uns schnell einig, dass Kommu­nismus ja nicht heißt, dass wir alle in Sack und Asche gehen müssen, oder Puritaner werden, sondern dass Kommu­nismus bedeutet, dass wir alle Pelz­mäntel tragen und Maserati fahren, oder mindes­tens Jaguar.
Ja, gut ich weiß: Das klingt jetzt für die jüngeren LeserInnen wie aus einer anderen Welt. Falls es die Mill­en­nials beruhigt: Ich habe keinen Führer­schein. Aber würde ich einen machen, dann nur für einen Jaguar.

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»Tu felix Austria« – man denkt es immer wieder und es ist natürlich schon längst zum Klischee verkommen. Aber es ist halt auch einfach wahr. Eh. Man muss sich nur ein paar Stunden in Graz bei der Diagonale aufhalten, um schon wieder erfüllt zu sein von diesem öster­rei­chi­schen Gefühl.
Öster­reich ist besser. Selbst das Schlechte. Selbst der dumme Teil der Filmszene (den es hier auch gibt) ist wenigs­tens auf grandiose Weise dumm. Beim Frühstück sagen einem fremde Leute Sätze wie: »Billy Wilder – das war ja kein Wiener. Der war Galizier.« Also Ukrainer.

Und Filme­ma­cher haben Stil. Ulrich Seidl fährt einen Jaguar, keinen Proll­por­sche, und parkt ihn selbst­ver­ständ­lich vor dem Hotel, dem ersten Haus am Platz. Das passt zu seinem Geschmack, der jeden­falls kompro­misslos ist, zu einem Mann, der sich nicht scheut, anders zu sein als die anderen. Und da vor dem Hotel »Erzherzog Johann« wird der Wagen auch nicht ange­kratzt, obwohl jeder weiß, dass es Seidls ist, und er zur Klar­stel­lung, falls doch jemand unsicher ist, ein Film­pro­gramm­heft auf dem Rücksitz liegen hat. Da muss man in Berlin lange suchen.

Gerne hätte ich jetzt hier zum Programm­heft geschrieben »und sonst nichts«. Aller­dings gebietet die Bericht­erstat­tungs­pflicht, hinzu­zu­fügen, dass auf der anderen Seite der Rückbank auch noch die aktuelle Ausgabe der »Zeit« zu lesen war – offenbar gab es am Wiener Kiosk sonst nur noch die Kronen-Zeitung.

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Die Reise nach Graz hat sich schon gelohnt wegen der ganz und gar großar­tigen Eröff­nungs­rede des Direk­to­ren­duos, das hier in zehn Minuten alles dazu sagte, worum es gerade in unserem Bereich, also dem Zusam­men­hang von Kunst, Leben und Politik beim Thema Ukraine und Kunst geht – was in Deutsch­land niemand von den vielen neuen Ukrai­ne­freunden auch nur annähernd so gut auf den Punkt gebracht hat.

Im Folgenden die wesent­li­chen Punkte.

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»Die 25. Diagonale in Graz findet einmal mehr in Krisen­zeiten statt. In Zeiten einer anhal­tenden Pandemie. In Zeiten eines Angriffs­krieges. In Zeiten einer perma­nenten ökolo­gi­schen Heraus­for­de­rung.
Krisen­zeiten sind Zeiten, in denen Kunst und Politik zunehmend in ein Span­nungs­ver­hältnis geraten und nicht selten einem Miss­ver­ständnis aufsitzen.

Zwischen der gerade jetzt wieder lauter zu hörenden Auffor­de­rung, Kunst müsse politisch sein, und der Fest­stel­lung, dass Kunst immer politisch ist, besteht ein grund­le­gender Unter­schied.
Es ist nicht dasselbe, ob sich die poli­ti­schen oder gesell­schaft­li­chen Umstände in einen Film einschreiben und sich bemerkbar machen, oder ob ein Film bereits auf eine bestimmte poli­ti­sche Message hin formu­liert und konzi­piert worden ist. Oder eine solche Message bedient. Solche Message-Kunst nannten wir die längste Zeit Propa­ganda.

Gerade in soge­nannten west­li­chen Kontexten scheint es uns immer schwerer zu fallen, Propa­ganda als solche zu benennen. Vor allem dann, wenn Aussagen poli­ti­scher Common Sense sind und den Zeitgeist bedienen. Solange das Anliegen passt, nehmen wir gerne in Kauf, dass Kino und Kunst weniger eine Autonomie bedienen, sondern über­ge­ord­neten propa­gan­dis­ti­schen Zwecken dienen.
Zu solchen 'wichtigen', mit entspre­chendem Mora­lismus vorge­tra­genen Anliegen hat sich in den letzten Wochen die frag­wür­dige Haltung gesellt, Soli­da­ri­täts­be­kun­dungen mit Boykott­auf­rufen zu unter­füt­tern. Film­fes­ti­vals nehmen russische Filme aus dem Programm. Künstler werden ausge­laden oder aus Akademien ausge­schlossen. Der unselige Zeitgeist trifft den Krieg.

Es ist eine Tatsache, dass Krieg immer auch mit den Mitteln der Kultur­in­dus­trie geführt wird. Verwech­seln wir dies jedoch nicht mit verkürzter Bekennt­nis­kultur. Setzen wir Kunst und Kultur nicht mit Politik gleich. Zumindest nicht, wenn uns noch etwas an einer freien Gesell­schaft gelegen ist.«

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»Wer bei der Diagonale den Weg ins Kino sucht, tut dies zumeist, um auf andere Gedanken zu kommen. Andere Gedanken im Sinne von Zerstreuung, andere Gedanken im Sinne neuer Erkennt­nisse. In beiden Fällen geht es darum, die eigene Sicht zumindest temporär hinter sich zu lassen. ... Werden wir uns bewusst, dass unsere eigene Sicht immer relativ und beliebig ist.
Biogra­phien in der Einwan­de­rungs­ge­sell­schaft erzählen längst andere Geschichten. Es stimmt nicht, dass keiner in west­li­chen Ländern den Krieg kennt. Es stimmt, dass alle sich nach einem anderen Leben sehnen. 'Das Kino ist voll von solcher Sehnsucht.'«

In Zukunft werde »es nicht mehr genügen, große Wände in blau-gelben Farben anzu­strahlen. Große Flächen anstrahlen kann das Kino ohnedies besser. Dafür könnte sich die Politik wieder der Politik zuwenden und die Kunst der Kunst. Auch wenn das Verhältnis stets ein komplexes bleiben wird.

Soli­da­rität mit den Bürge­rinnen und Bürgern der Ukraine!
Soli­da­rität mit der russi­schen Oppo­si­tion!!
Soli­da­rität mit der Sehnsucht nach einem schönen Leben und dem privaten Glück!!!
Von Odessa bis Moskau, von Kiew bis Graz.«

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Bombas­tisch! Ich weiß nicht, woher Peter Schern­huber und Sebastian Höglinger so viel Souver­änität und die Gabe des richtigen Wortes in all dem Stress noch hernehmen, aber es war toll und ange­messen und tat ungemein gut, das so zu hören.

Das alles negiert den ganzen Schmäh, den unsere deutsche Kunst- und Medien­szene vor allem aus eigener Eitelkeit und Nachher-Besser­wis­serei auf uns alle ungefragt ausge­kü­belt hat.
Besser kann man es nicht sagen. In Deutsch­land wäre derglei­chen leider undenkbar.

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.