05.05.2022
ABSTAND/ZOOM

T_TEEBEUTEL_TAGLINES

Shoot for the contents
Trinh T. Minh-has Filme sind hochgradig reflexiv, vielleicht für sich genommen schon eine Tagline?
(Foto: Trinh T. Minh-ha | Dokumentarfilmwoche Hamburg)

Begonnen habe ich diese äußerst deepen Gedanken auf einer schönen, langen Bahnfahrt von der Doku­men­tar­film­woche Hamburg zurück nach München. Dabei trank ich Tee

Von Nora Moschue­ring

Ja doch, trotz der mühsamen Erfahrung mit dem Begriff »Jalousie« mache ich mich an einen anderen, erst einmal ziemlich nichts­sa­genden Begriff, den Teebeutel. Dieses Mal versuche ich aber erst gar nicht, ihn als Ding in Filmen zu finden – viel zu klein und kaum vorhanden. Die einzige Szene, die mir da in der Erin­ne­rung kommt, ist aus Otto, der Außer­frie­si­sche. Darin iden­ti­fi­ziert Otto den Teebeutel als einwand­freien Mehr­kom­po­nen­ten­ab­fall, um umwelt­be­wussten Menschen einen Schwung Eimer zur Müll­tren­nung zu verkaufen bzw. gegen Milch einzu­tau­schen. Da ist Müll­tren­nung also eher der Marke­tinggag eines gewieften Friesen. Ich will den Teebeutel aber im über­tra­genen Sinn angucken, also als kleine Einheit, auf deren Etikett man Sinn­sprüche drucken kann. Dabei trinke ich selber fast nur Kaffee (aber ich habe ja auch keine Jalousien an den Fenstern). Kaffee ist der Haupt­grund, weshalb ich morgens aufstehe, andere machen das viel­leicht wegen des neuen Tages, ich mache es wegen des Kaffees. Aber mein Kaffee hat mir noch nie einen Sinn­spruch mitge­lie­fert, so einen Teebeu­te­leti­ket­ten­spruch. Ist ja auch schwer für ihn, in dieser unge­ord­neten Pulver­form. Aber ich bin ungerecht, das machen natürlich auch die meisten Tees nicht, ich kenne eigent­lich nur eine Marke, und auf die beziehe ich mich jetzt mal, ungenannt. Was ist das denn, dieser Hang zur konsu­me­ra­blen Mind­ful­ness, zu diesen Mini-Impulsen an scheinbar deepen Gedanken zur Welt? Warum haben wir überall diese Glückskekse des Inne­hal­tens oder, und um noch einen Schritt weiter­zu­gehen, zu diesen Taglines der »äh« Religion oder – noch mehr »äh«, der Philo­so­phie? Diese Etiketten verhalten sich so ein bisschen wie Gokart zur Formel 1 oder Minigolf zum Golfen, wie Funken zum Internet oder eben einer Tagline zum Film.

Begonnen habe ich diese äußerst deepen Gedanken auf einer schönen, langen Bahnfahrt von der Doku­men­tar­film­woche Hamburg zurück nach München. Dabei trank ich Tee. »Dieses Festival muss ich wieder auf dem Schirm haben. Allgemein alle Festivals, die habe ich ja fast vergessen«, dachte ich, während ich meinen Tee aus einer Ther­mos­kanne trank, in der noch der Teebeutel schwamm. Die Ziehzeit war bereits um ein Viel­fa­ches über­schritten, also zog ich ihn raus und las dabei den Teebeu­te­leti­ket­ten­spruch: »Beein­drucke nicht andere, beein­drucke dich selbst.« Das lass ich jetzt einfach mal so stehen. Das ist so stark, wie der Tee nach fünf Stunden Ziehzeit.

Wenn sich alle beruhigt haben, fahre ich fort. Der dies­jäh­rige Eröff­nungs­film der Doku­men­tar­film­woche war Marco Kugels Die Karte der Schönheit. Das ist ja an sich schon mal ein Titel, der perfekt auf ein Teebeu­te­leti­kett passt. Schöner wäre natürlich »Entdecke die Schönheit der Land­schaft in dir« oder so, aber man kann nicht alles haben. Der Titel war hier schon eher eine Art Logline, denn genau das hat der Film gezeigt: wie eine Karte der Schönheit herge­stellt wird. Er begleitet den Land­schafts­planer und Wissen­schaftler Michael Roth, wie dieser 10.000 Foto­gra­fien (ähnliche Winkel, Licht, Höhe, also ein Versuch der Verein­heit­li­chung) in ganz Deutsch­land machen lässt und sich auf diese Weise etwas annähert, was gemeinhin in Einschät­zungen von Bauvor­haben außer acht gelassen wird, eben jene Schönheit einer Land­schaft. Es ist ein sehr unauf­ge­regter, ruhiger Film – manchem im Publikum war er auch zu unein­deutig, viel­leicht zu unkri­tisch – über einen etwas absurden Prozess der Büro­kra­ti­sie­rung, der aber in seiner Nüch­tern­heit zu mehr objek­tiven Gründen und damit Gerech­tig­keit führen soll. Darüber wurde im Anschluss leiden­schaft­lich disku­tiert, ebenso wie über die Begriffe »Land­schaft« und »Schönheit«. Das an sich ist schon wertvoll, denn darüber streitet sich die Kunst­ge­schichte schon seit mindes­tens 2000 Jahren.

Zu Rampart von Marko Grba Singh kam ich dann leider viel zu spät, aber ich möchte ihn trotzdem erwähnen, weil er mir sehr gefallen hat und ich ihn unbedingt mal ganz sehen möchte. Man sieht Privat-Aufnahmen, die der Großvater des Filme­ma­chers während des Kosovo-Krieges gemacht hat. Der Filme­ma­cher selber ist zu diesem Zeitpunkt 10 Jahre alt und im Film vermi­schen sich seine kind­li­chen Erin­ne­rungen an diese Zeit, z.B. das Spielen von Compu­ter­spielen, das reale Kriegs­ge­schehen und die Alltags­szenen der Aufnahmen des Groß­va­ters, mit Markos eigenen Aufnahmen, die er heute an den Plätzen von damals macht. Auf einen Teebeutel passt das nicht, dafür schafft es mal ein Plakat, ein bisschen von dem zu zeigen, was der Film vermag. Darauf ist die Silhou­ette (oder eine Über­la­ge­rung einiger Häuser) von Belgrad zu sehen, über­blendet von der Wand eines Kinder­zim­mers, die mit Tier-Aufkle­bern übersät ist (wenn man sie nicht auf sein Bett geklebt hat, dann auf seine Wand). Etwas weiter oben, auch in hellem Blau, zwei Gestalten, eine erwach­sene Person und ein Kind, mit dem Rücken zu uns, die etwas ansehen, auf etwas sehen oder auf etwas zurück­sehen.

Zu spät kam ich, weil ich in dem Q&A von Trinh T. Minh-ha zu ihrem Film Shoot for the Contents hängen geblieben bin. Das auch wieder nichts für Teebeu­te­leti­ketten, ich bemerke, ich bin gerade dabei mein eigenes Thema zu verfehlen. Taglines kann ich dazu auch nicht finden, also versuche ich es mal selber, viel­leicht: »Ein Versuch der Annähe­rung an China«. Das sind aber auch zwei extrem vage Wörter in einem insgesamt ohnehin sehr kurzen Satz. Aber so ist sie: Trinh T. Minh-ha verwei­gert sich aktiv in ihren Filmen der leichten Konsu­mier­bar­keit, z.B. auch, indem sie die »Werkzeuge« der Unter­drü­ckenden anders nutzt, also Filme anders macht, in ihnen anders erzählt, als es in den letzten 100 Jahren meistens geschehen ist, z.B. eben nicht mit dem Blick oder der Perspek­tive eines weißen, US-ameri­ka­ni­schen oder euro­päi­schen Mannes. Außerdem hinter­fragt sie, wie man Inter­views führt, Szenen insze­niert oder mit dem Ton umgeht. Sie legt Tonspuren über­ein­ander oder schaltet ihn komplett aus. Es gibt keinen klaren Anfang und kein Ende, oft ist es eine Kreis­be­we­gung. Insgesamt ist es ein Sammeln und Zusam­men­fügen von Einzel­teilen und weniger eine drama­ti­sche Geschichte. Das fordert heraus und man muss sich als Zuschauer*in davon lösen, alles verstehen zu wollen. Ihre Filme arbeiten also ganz aktiv gegen eine Teebeu­te­leti­ketten-Tagline.

Leider musste ich mich nach einein­halb Tagen schon wieder auf den Heimweg machen, weshalb ich nicht mehr Filme sehen konnte. Es waren also wirklich nicht die gesehenen Filme, die mich auf die Teebeutel gebracht haben, sondern der Tee. Also muss ich anders vorgehen, um nicht die ganze Zeit gegen mein Thema zu schreiben. Welche Filme gibt es denn, die mit diesen Sprüchen arbeiten? Mit Taglines, also quasi den Unter­ti­teln des Film­ti­tels? »Es war einmal in ferner Zukunft« (Star Wars), »Glaube das Unglaub­liche« (Matrix), »Lasst die Magie beginnen« (Harry Potter) oder, extremst zeit­genös­sisch, in den Zeilen: »Die Masken werden fallen« (The Batman). Da sind sie, die Teesprüche der Film­wer­bung. Aber man kann das auch umdrehen und die Teesprüche für Filme setzen (man weiß ja nicht, viel­leicht wird das auch so gemacht: Also viel Tee getrunken und dann ausge­wählt): »Jeder Tag kann ein Neuanfang sein«, »Erfahrung macht weise« oder »Es gibt nichts Wert­vol­leres als Selbst­ver­trauen«, passt auch zu all den oben genannten Filmen. Ganz im Gegensatz zu: »Freude ist die Essenz des Erfolgs«, das passt eher zu einer PR-Firma. Na ja, aber diese Filme sind ja auch beileibe keine pastell­far­benen Tees, die einem auf leicht verdau­liche Art Sinn­fragen stellen. So etwas wie »Vergel­tung ist nah« (The Batman) geht halt umgekehrt auch nicht so gut in der Früh oder nach dem Yoga.

Zu Das Ereignis habe ich keine Taglines gefunden, dafür tummeln sich auf dem Plakat allerlei Pres­se­state­ments-Slogans-Punsh­lines-Schlag­zeilen (keine Ahnung wie da das Fachwort ist). »Einfach und radikal« (Le Monde), »ein enga­gierter, femi­nis­ti­scher Film« (taz), »Sieg des weib­li­chen Blicks« (Der Spiegel), »fesselnder Thriller« (WTF lieber The Guardian) (ist das eigent­lich PR oder Werbung?). Anders als die Taglines sind das geschlos­sene Formu­lie­rungen, so wie wenn auf dem Tee stünde oder steht: »Der leckerste Tee der Welt« oder »5 Minuten Ziehzeit«. Da weiß man, was man bekommt, damit wird Komple­xität reduziert und Klarheit geschaffen. Den Film gucken muss man aber trotzdem noch, unbedingt, denn nichts davon sagt etwas über die Bewegung, mit der wir selber der Studentin Anne folgen. Anne wird 1963 ungewollt schwanger und Schwan­ger­schafts­ab­brüche sind zu dieser Zeit in Frank­reich illegal. Ihre selbst­be­stimmte Entschei­dung ist damit strafbar und alle, die ihr helfen sie umzu­setzen, machen sich strafbar. Da stockt der Tee und all dies Heimelnde, was aus ihm spricht, versiegt.

Ich mache mir jetzt mal besser einen Kaffee, der verlangt nichts von mir, der will einfach nur, dass ich ihn trinke. Da muss ich auch niemanden mit beein­dru­cken, nicht einmal mich selbst.

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