07.10.2021
Cinema Moralia – Folge 254

Man kann einen Club nur als Mitglied refor­mieren

Fack Ju Göthe
Am Ende glauben die Macher von Fack ju Göhte noch selbst, dass das hier Filmkunst ist
(Foto: Constantin Film Verleih GmbH / Christoph Assmann)

Gelingende Kommunikation denkt an den Empfänger: Will der deutsche Film mit der Ampel einen Aufbruch wagen? – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogängers, 254. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Gelin­gende Kommu­ni­ka­tion muss im opera­tiven Geschäft schneller, direkter, offener und persön­li­cher werden, erst recht unter den Bedin­gungen digitaler sozialer Medien, die einzelne poli­ti­sche Akteu­rinnen unmit­tel­baren Diskus­sions Zusam­men­hang mit Bürgern bringen.
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Eng verknüpft mit der Aufgabe konsis­tent zu kommu­ni­zieren, ist die Aufgabe, zentrale Themen­stränge konti­nu­ier­lich zu verfolgen. Es ist notwendig, klare, werte­be­zo­gene Grund­bot­schaften zu entwi­ckeln und in der öffent­li­chen Kommu­ni­ka­tion auch so oft zu wieder­holen und weiter­zu­tragen, dass sie erkennbar und mit der Partei verknüpft werden. Deshalb darf Kommu­ni­ka­tion nicht punktuell gedacht werden, sondern bedarf der Ausdauer und Geduld.
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Aus der Addition von klug ange­spro­chenen Einzel­themen ergibt sich noch keine Strategie. Wer erfolg­reich kommu­ni­zieren will, muss eine auf die grund­le­genden Werte­frames bezogene und in sich stimmige Geschichte erzählen, in der die einzelnen Aspekte zuein­ander sinnvoll passen.«
Carsten Brosda, Kultur­se­nator der Hanse­stadt Hamburg

Der Aufbruch in Deutsch­land muss auch ein Aufbruch der Film­po­litik sein. Aber will der deutsche Film mit der Ampel überhaupt einen Aufbruch wagen?
Es gibt im Augen­blick wenig Ermü­den­deres, als die billige FDP-»Skepsis« in links­li­be­ralen Kreisen. Man sollte sich besser auf die offen liegenden Gemein­sam­keiten konzen­trieren. Die Ampel ist die seltene Chance zu einer progres­siven Politik.
Wer hat vor ihr Angst?

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Man sollte nicht Fernsehen schauen. Wenn man es doch tut, kann es einem passieren, dass man, wie ich neulich, plötzlich auf einen James-Bond-Film trifft: Leben und sterben lassen, der erste Film mit Roger Moore und das noch auf Englisch. Darin Jane Seymour, das unver­gess­liche Medium und Bond-Girl und überhaupt der Glaube ans Karten­deck und die Wahrheit, die es zu offen­baren behauptet.

Darin auch, lange vor »Black Lives Matter«, eine schwarze Frau, die eine Agentin spielt, in weißem Kleid, und die dann im Schlaf­zimmer ihre Afro-Locken-Perücke ablegt. Da sieht man, wovon die Macher von No Time to Die geklaut haben, und es war um 1971 bestimmt ein anti­ras­sis­ti­sches Statement, dass dieser Bond mit einer schwarzen Frau ins Bett geht. Das können sich die woken Anwälte des Anti­ras­sismus von heute nicht mehr vorstellen, – denn Bond ist ja ein Rassist.

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Monika Grütters war in den acht Jahren, in denen sie als Kultur­staats­mi­nis­terin amtierte, sowieso für den deutschen Film nie eine liebende Mutter wie für das preußi­sche Stadt­schloss. Sie war auch nie eine sanfte Erzie­herin, sondern sie war immer eine strenge Gouver­nante. Wie es solche strengen Gouver­nanten an sich haben, wollte sie vor allem Liebes­be­kun­dungen seitens ihrer Schütz­linge. Wenn sie die dann bekam, dann war sie gnädig, dann war sie bereit, umgekehrt jenen Schütz­lingen auch das ein oder andere zukommen zu lassen.

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In zwei Monaten spätes­tens wird es einen neuen Kultur­staats­mi­nister geben, vermut­lich einen Sozi­al­de­mo­kraten. Das wird den deutschen Film verändern, und es wird ihn vor Aufgaben stellen, die er seit 20 Jahren nicht gewohnt ist.
Eine in jeder Hinsicht gute Nachricht.

Der deutsche Film steht damit sowohl vor stra­te­gi­schen Aufgaben wie vor hand­werk­li­chen Über­set­zungs­leis­tungen. Die hand­werk­liche Über­set­zungs­leis­tung ist zum Beispiel eine Forderung wie die, mehr Geld in die Stoff­ent­wick­lung zu geben.
Wichtiger aber sind die stra­te­gi­schen Aufgaben. Dazu gehören zum einen einige grund­sätz­liche Entschei­dungen, die relativ früh zu treffen sind. Die Trennung von Wirt­schafts­för­de­rung und Kunst­för­de­rung wäre eine solche Entschei­dung. Die Abspal­tung der Fern­seh­sender, also die Entschei­dung, dass Fern­seh­sender nicht länger die Türsteher für Film­pro­duk­tionen sind, sondern dass sie mögli­cher­weise sogar eine Ankaufs-Verpflich­tung für bestimmte Film­pro­duk­tionen haben, wie das etwa in Öster­reich eine Selbst­ver­s­tänd­lich­keit ist, wäre eine weitere solche stra­te­gi­sche Grund­satz­ent­schei­dung.

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Der Aufbruch in Deutsch­land muss auch ein Aufbruch der Film­po­litik sein.
Aber: Man kann einen Club nur als Mitglied refor­mieren.

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Es gibt viele Lebens­lügen den deutschen Film betref­fend. Einer davon ist das Gerede von der angeb­li­chen »Filmflut«. Das ist nicht nur in der Formu­lie­rung ein ideo­lo­gi­scher Begriff. Eine Flut sugge­riert die Über­flu­tung, die Kata­strophe. Gegen Fluten baut man Dämme. Eine Filmflut gibt es so wenig wie eine »Flücht­lings­flut«.
Umgekehrt wird es präziser: Es kann gar nicht genug gute deutsche Filme geben. Es gibt zu viele schlechte deutsche Filme.

Filmflut ist nicht das Problem. Viel wichtiger ist eine Klar­stel­lung des Erfolgs­be­griffs: Der erste Schritt wäre eine Einord­nung der Förder­summe im Verhältnis zum Zuschauer.
Der zweite wäre, Film als Kunst und Kulturgut anzu­er­kennen. Wäre Film Kunst, würde man ästhe­ti­sche Diver­sität, Mut und Expe­ri­ment belohnen.
Der dritte Schritt wäre die Neube­stim­mung der Rolle der Sender. Weil sie selber eine neue Rolle suchen und ihre Rolle neu defi­nieren.

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Wie geht es dem deutschen Film? »Dem deutschen Film geht es ncht gut«, stellt die BKM in einem neuen Papier fest. Gemeint ist nicht Corona.

Nicht zufällig haben fran­zö­si­sche Filme in Cannes und Venedig gewonnen. Ein Film wie Titane, ein Film wie Zombi Child wäre in Deutsch­land unmöglich.

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Der Deutsche Kulturrat hat einige bemer­kens­werte, inhalt­lich wie formal über­zeu­gende Forde­rungen in die noch nicht anbe­raumten Koali­ti­ons­ver­hand­lungen hinein­ge­worfen.
Verbände des deutschen Films könnten sich daran ein Beispiel nehmen. Werden sie?

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Der deutsche Film braucht mehr Geld. Das ist klar. Die Etats müssen erhöht werden. Aber sie sollten erst dann erhöht werden, wenn die Rahmen­be­din­gungen dafür geschaffen sind, dass dieses Geld auch ziel­füh­rend einge­setzt wird. Wir haben gesehen, dass die BKM zuletzt 15 Millionen Euro zusätz­lich bereit­ge­stellt hat, die sinnlos in der deutschen Kinowüste versandet sind.

Die Logik, den Staat um immer mehr Geld anzu­bet­teln, führt im Film­be­reich nicht mehr weiter. Wichtiger ist es, das vorhan­dene viel zu viele Geld endlich sinnvoll einzu­setzen.

Die zum deutschen Film veröf­fent­lichten Wahl­prüf­steine der im Bundestag vertre­tenen demo­kra­ti­schen Parteien geben über­ra­schend viel Aufschluss über die Haltung, mit der die deutschen Parteien, insbe­son­dere die zukünf­tigen Regie­rungs­par­teien, auf den Film blicken.

Es finden sich dort unter anderem auch dankens­wer­ter­weise schrift­liche Commit­ments und Selbst­ver­pflich­tungen zur Erhöhung der Kultur­etats.

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Die Menschen, die Film als Ware sehen, insbe­son­dere im Bereich der Film­pro­duk­tion, des Film­ver­leihs und des Kino­be­triebs, sollen und dürfen das tun.

Es gibt aber auch Menschen, die Film als Kunstwerk begreifen, und sich selbst als Künstler. Auch diese sollen und dürfen das tun.
Das essen­ti­elle Konflikt­thema des deutschen Films ist die Frage, wie diese beiden Seiten zusammen gehen? Wie können sie verbunden oder insti­tu­tio­nell zusam­men­ge­führt werden?
Dies geht aus meiner Sicht nicht mit Vermi­schungen beider Ebenen, auch wenn sich selbst­ver­s­tänd­lich mit mancher Filmkunst Geld verdienen lässt, und wenn ebenso selbst­ver­s­tänd­lich manche kommer­ziell gedachten Filme und geplanten Filme sich im Nach­hinein als Kunst­werke entpuppen.
Auf der Ebene der Produk­tion und der Förderung dieser Filme müssen beide Ebenen aber streng ausein­an­der­ge­halten werden.
Die Vermi­schung beider Bereiche ist das Grundübel des deutschen Film­schaf­fens.

Diese Vermi­schung zwingt Film­künstler, so zu tun, als könnten sie am Markt mit einem kunst­feind­li­chen Film wie Fack ju Göhte oder mit Til-Schweiger-Produkten mithalten. Und sie zwingt Kommerz­filmer wie die Constantin oder Til Schweiger, so zu tun, als wäre das, was sie in den Markt werfen, Filmkunst. Und im schlimmsten Fall zwingt es sie, das auch noch selber zu glauben.

(to be continued)