17.06.2021
Cinema Moralia – Folge 250

Sie wollen uns erzählen...

Berlinale
»Kino« als Schwatz und Picknick vor Kulisse
(Foto: dpa / Berlinale)

Haupt­sache Kulisse: Wer dem Kino helfen will, kauft Kino-, nicht Berlinale-Karten. Bevor wir in der Delta-Welle landen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 250. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Sie wollen uns erzählen/ Sie hätten eine Seele
Sie wollen uns glauben machen/ Es gäbe was zu lachen
Sie wollen ganz bestimmt/ Dass wir glücklich sind
Und unsere Leiden­schaft/ Ist ihnen rätsel­haft«
Toco­tronic

Werden wir je wieder normal leben? Jetzt reden schon alle von Delta, von der nächsten Welle im Herbst, wenn die Wahl vorbei ist, davon, dass viel zu schnell und viel zu früh und viel zu viel gelockert würde. Ich finde das nicht, ich finde eher diesen Pessi­mismus zum Würgen und mehr als Corona beun­ru­higt mich das Virus der Sicher­heit, vor allem in seiner besonders gefähr­li­chen Variante der »Sicher­heit um jeden Preis«, das gerade in Deutsch­land viele erfasst hat.
Aber sei es drum. Die Gefahr ist jeden­falls groß, dass die Kinos, die gar nicht überall wieder aufhaben, bald wieder zusperren müssen.

Darum gilt: Wer dem Kino, also den Verlei­hern, den Filme­ma­chern und den guten Licht­spiel­häu­sern wirklich helfen will, sollte jetzt Kino­karten kaufen. Und zwar bei Kino­be­trei­bern.
Wir alle, die wir uns an guten Tagen gern »cinephil« nennen, sollten unser Geld besser den Kino­be­trei­bern und den Verlei­hern geben, den Produ­zenten und den Film­re­gis­seuren, und nicht einem von der Bundes­re­gie­rung ausge­hal­tenen und komplett durch­fi­nan­zierten öffent­li­chen Film­fes­tival wie der Berlinale.

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Schwer verständ­lich ist mir, warum das Filmfest München nun ausge­rechnet Kaiser­schmarrn­drama zum Eröff­nungs­film gewählt hat. Ausge­rechnet! Und ausge­rechnet in diesem Jahr!

Muss das wirklich sein? Einer der letzten Münchner Eröff­nungs­filme stammte immerhin von Claire Denis. Was verbindet das Kino von Claire Denis mit dem Kaiser­schmarrn­drama?

Mit jedem tollen Autoren­film hätte man eröffnen können. Gerade in diesem Jahr hätte man sich so ziemlich alles aussuchen können, der Topf der übrig­ge­blie­benen Filme aus den nicht statt­ge­fun­denen Film­fes­ti­vals ist groß genug.

Warum nicht Brasch von Andreas Kleinert, der ja in München läuft und an einen der besten deutschen Regis­seure der letzten Jahr­zehnte erinnert?

Oder hat man in München so wenig Vertrauen in sein Publikum, dass man glaubt, das Open-Air-Kino auch zur Eröffnung anders nicht voll zu bekommen?

Um Miss­ver­ständ­nissen vorzu­beugen: Ich habe nicht das Geringste gegen die Reihe der Eberhofer-Krimis. Wenn man Bayern liebt, aber in Berlin leben muss, dann ist es eine große Freude, ab und zu mal diese Filme an irgend­einem normalen Abend in der ARD-Mediathek anzu­gu­cken. Dort landen sie nämlich früher oder später. Und während der Pandemie habe ich sie gern gesehen und mich gut amüsiert. Meinet­wegen und zur Not kann man sie sich auch im Kino angucken. Ganz zur Not sogar beim Filmfest.

Aber warum muss das zweit­größte Film­fes­tival der Republik, dessen Machern ich gerne glaube, dass ihnen das Kino, also die Kino­kultur und der Autoren­film, wirklich am Herzen liegt, mit so etwas eröffnen?

Dies ist definitiv das falsche Zeichen in diesen Monaten und erweist dem Kino einen Bären­dienst.

Oder ist eben doch beim Filmfest München alles so, wie manche böse und weniger böse Zungen behaupten, und man es sich in Berlin gern mal vorstellt: Wenn Cannes nicht statt­findet, fällt München nichts ein, was sie zeigen können. Und ab und zu ruft in der Chefetage eben jemand von Constantin an, und sagt mehr oder wenig unver­blümt: Ihr müsst unseren Film zeigen! Und zwar als Eröff­nungs­film!! Und wenn ihr den nicht zeigt, dann bekommt ihr eben die nächsten fünf Jahre gar nichts von uns!!! Oder so ähnlich.

»...doch das ist nicht unser Thema.« (s.u.)

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Früher fand die Berlinale im Sommer statt. Heute nicht.

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Nicht ganz junge Münchner Cinephile werden sich noch an Bodo Fründt erinnern. Der leider viel zu früh gestor­bene, lang­jäh­rige und dort leider in Ungnade gefallene Film­kri­tiker der »Süddeut­schen Zeitung« und wich­tigste Mitar­beiter des Filmfest München arbeitete um 1980 ein paar Jahre als Programm­chef der Berlinale. Er konnte gut erklären, warum sein damaliger Chef Wolf Donner seiner­zeit die Berliner Film­fest­spiele vom Juli­sommer in den Febru­ar­winter verlegte. »Um Cannes ein paar Filme wegnehmen zu können.« Und »warum das im Rückblick eine falsche Entschei­dung war: Denn im Februar ist es kalt und feucht und da haben die Leute alle schlechte Laune.«

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Norma­ler­weise wäre die Rück­ver­le­gung der Berlinale in den Sommer der perfekte Schritt. Einfalls­reich. Originell. Ein echter Neustart für dieses verlu­derte und ziemlich auf den Hund gekommene Film­fes­tival.
Und zwar eine Verlegung in den Spät­sommer, Ende Juli, kurz vor Locarno, das man dann leider dicht­ma­chen müsste, und in direkter Konkur­renz zu den Festivals von Venedig und Toronto. Es wäre der logisch richtige Schritt und man hätte dafür auch eine perfekte Location: Das ICC mit seiner char­manten 70er Jahre Bruta­lismus- Archi­tektur, die ein bisschen an die alten SPD-Partei­tage erinnert, die da früher statt­fanden, als man das Gebäude mit Sozi­al­de­mo­kraten noch voll­be­kommen konnte – aber das ist auch nicht unser Thema –, und an ein UFO aus Science-Fiction-Filmen, als es noch Science-Fiction-Utopien gab und nicht nur Science-Fiction-Dystopien.
Das ICC also, direkt neben dem Messe­ge­bäude, das dann zusammen mit dem Messe­ge­bäude einen tollen Filmmarkt und genug Kinos beher­bergen könnte, und eine Art Berliner Palais de Festival wäre.

Dummer­weise ist auch die Berliner und die Bundes-Kultur­po­litik so einge­fahren und büro­kra­tisch und fanta­sielos wie die Corona-Politik und alle möglichen anderen Bereiche des Poli­ti­schen. Falls das Poli­ti­sche überhaupt noch existiert und nicht schon längst durch Gefühls­ma­nage­ment ersetzt worden ist, wie Juli Zeh neulich sinngemäß in ihrem neuen Roman schrieb.

Doch auch das ist nicht unser Thema.

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Man sollte jetzt nur nicht so tun, als hätten alle sehn­süchtig darauf gewartet... Zur Zeit findet zwar in Berlin eini­ger­maßen unbemerkt die soge­nannte »Sommer Berlinale« statt. Aber auch wenn die Lokal­presse trompetet – ein Film­fes­tival ist das nicht.
Sondern ein weiterer Bären­dienst am Kino.

Es laufen ein paar gute Filme, und eine Menge weniger gute, und alle sollen glauben, das habe etwas mit den Berliner Film­fest­spielen zu tun. Hat es aber nicht, denn die Film­fest­spiele fanden im März statt, wenn man es so nennen will. Eigent­lich wurden nur fünf Tage lang Filme für Fach­be­su­cher gestreamt und merk­wür­dige Preise vergeben. Dafür, dass das alles nicht wie sonst stattfand, kann nur die Pandemie etwas.
Jetzt möchte man an der eh immer schon nur halb­rich­tigen Behaup­tung, ein »Publi­kums­fes­tival« zu sein, fest­halten und veran­staltet deswegen nach Sonnen­un­ter­gang, also abends nach halb zehn, ein paar Open-Air-Scree­nings.

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Tatsäch­lich geht es um ganz andere Dinge. Es geht darum, noch ein paar Karten zu verkaufen. [Anmerkung der Redaktion: Bis auf die Spiel­stätten HKW und Muse­ums­licht­spiele werden die Open-Air-Kinos von Berlinern Kinos betrieben. Der Ticket­ver­kauf geht direkt über die Kinos, der Ticke­terlös verbleibt zu 100% bei den Kinos. Die Berlinale ist in diesen Geldfluss nicht invol­viert.] Es geht aber vor allem um Berlin Marketing. Denn die Berlinale ist schließ­lich auch seit jeher eine Berliner Standort-Marketing-Veran­stal­tung des Senats und der KBB.

Die Bilder verraten den Zweck: Auf Fotos zu Pres­se­be­richten werden eindrucks­voll die Monumente der Haupt­stadt in den Fokus gerückt. Auf der gar nicht ganz fertig reno­vierten Muse­ums­insel ist eigens ein Open-Air-Kino gebaut worden, um eine Post­kar­ten­idylle zu erzeugen, die Touris­ten­ströme anlockt.

Das sind zwar Pres­se­be­richte, die Bilder und das Framing dazu liefert aber die Berlinale selbst. Dazu kann man sich ja mal diese Seite hier ansehen, so wie die Bild­stre­cken, die die Berlinale der Presse zur Verfügung stellt.

Aber, aber...

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Warum sollten die Leute eigent­lich Karten kaufen, die in der sowieso durch­fi­nan­zierten Berlinale-Kasse landen [Anmerkung der Redaktion: Bis auf die Spiel­stätten HKW und Muse­ums­licht­spiele werden die Open-Air-Kinos von Berlinern Kinos betrieben. Der Ticket­ver­kauf geht direkt über die Kinos, der Ticke­terlös verbleibt zu 100% bei den Kinos. Die Berlinale ist in diesen Geldfluss nicht invol­viert.], um Filme bei Lärm und Mücken und schlechten Vorführ­be­din­gungen anzu­gu­cken, anstatt Karten, die den seit 15 Monaten darbenden Verlei­hern zugute kommen? Die ganz direkt den Kinos helfen? Den Filme­ma­chern? Und das im klima­ti­sierten, visuell und akustisch zumindest nicht schlechter ausge­stat­teten Kino?

Ich habe es noch nicht verstanden.

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Ich habe auch nicht verstanden, wieso man das Berlinale-Sommer­spe­cial als Modell­ver­such erlaubt, aber gleich­zeitig ähnliche Modell­ver­suche von Kino­be­trei­bern, also privaten Unter­neh­mern, die davon wirklich leben müssen im Gegensatz zu allen, die irgend etwas mit der Berlinale zu tun haben, verbietet. Warum ist die Einheits­front aus Berliner rot-rot-grüner Stadt­re­gie­rung und schwarzer Kultur­staats­mi­nis­terin derart unter­neh­mer­feind­lich?

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Der Berliner »Tages­spiegel« bombar­diert seine Leser trotzdem mit soge­nannter Berlinale-Bericht­erstat­tung, und deliriert: »Weiße Nächte an der Spree«. So kann man es auch nennen, wenn es zu hell ist, um den Film richtig zu erkennen.

Ja, Film­vor­füh­rungen finden auch schon um 17 Uhr statt. Mit LED-Video-Wänden. Ohne Projektor oder Beamer. Wie die Riesen­fern­seher, die bei Open-Air-Konzerten oder Fanmeilen auf der Bühne stehen.

Gut gelaunt, wie er eben so ist, schreibt der »Tages­spiegel« weiter: »Sollte auf der Muse­ums­insel Juni-Regen nieder­gehen, laufen die Vorfüh­rungen übrigens weiter. Nur Stark­regen und Gewitter sind Abbruch­gründe. Ansonsten gilt: Regenzeug anziehen, statt mit Schirmen zu wedeln. Dass die Atmo­s­phäre beim Frei­luft­fes­tival ablen­kungs­rei­cher ausfällt als drinnen, wird die Filmkunst ange­sichts der tollen Kulisse der Muse­ums­insel und des Berliner Doms gewiss mal verschmerzen.«

Da wird dann auch klar, worum es wirklich geht: Jeden­falls nicht um die Filmkunst. Sondern eben um die Kulisse.

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Wie es den Berliner Kinos (und vielen anderen außerhalb Berlins) tatsäch­lich geht, das lässt der »Offene Brief« ahnen, den die Frei­luft­kinos Fried­richs­hain, Kreuzberg und Rehberge an den Regie­renden Bürger­meister und ihr Publikum geschrieben haben.

»Seit weit über einem Jahr betreiben wir unsere Frei­luft­kinos entspre­chend den jeweils gültigen Corona-Verord­nungen und den von uns entwi­ckelten Hygiene-Konzepten als sichere kultu­relle Orte. Dass Kultur­ver­an­stal­tungen dabei meist später als Gastro­nomie oder Sport­ver­an­stal­tungen in Öffnungs­schritten Beachtung fanden, hat diesen Zeitraum ebenso geprägt, wie eine meist strengere Auslegung von Regeln, trotz – das betonen mitt­ler­weile alle Seiten – minimaler Infek­ti­ons­ge­fahr an frischer Luft mit Abstand.

Vor zwei Wochen nun hat der Senat für die Außen­gas­tro­nomie die Aufhebung der Test­pflicht beschlossen. Bis zu acht Menschen aus drei Haus­halten dürfen beispiels­weise an einem Tisch sitzen. Perso­nen­ober­grenzen für große Bier­gärten gibt es nicht. Faktisch sind damit in belebten Knei­pen­straßen, die Abstands-, die Test- und die Masken­pflicht gleich­zeitig gefallen, doch das ist nicht unser Thema.

Da der Senat auch gestern versäumt hat, für die Gäste unserer Kinos die Test­pflicht aufzu­heben, möchten wir Sie, sehr geehrter Herr Müller, bitten, uns erläu­ternd beiseite zu stehen, da wir diese Fragen jeden Kinoabend unzählige Male beant­worten müssen, etwa wenn wir Zuschauer*innen eilig zu Test­sta­tionen schicken müssen oder sie nicht ins Kino lassen dürfen:
Wieso müssen Zuschauer, die in Einer- oder Zwei­er­gruppen unter Einhal­tung der Mindest­ab­stände im Kino sitzen, weiter einen Test nach­weisen?
Worauf beruht hier die Einschät­zung einer höheren Infek­ti­ons­ge­fahr im Vergleich zum Veran­stal­tungsort Bier­garten oder zum Public-Viewing vor Spätis?
Warum sind die Zuschau­er­be­we­gungen von Kultur­in­ter­es­sierten in ein Kino (meist zu Fuß oder per Fahrrad) gefähr­li­cher, als die in Richtung Shopping oder Sport?
Gege­be­nen­falls möchten wir Sie bitten, hier noch zu kommenden Montag nach­zu­steuern, denn dann endet der Pilot­ver­such Berlinale Summer Special und wir stehen vor der erneuten Aufgabe, unsere Kinos umzubauen (zum vierten Mal in dieser Saison) und wieder geänderte Zugangs­re­geln zu kommu­ni­zieren.
Sollte es keine entspre­chenden Ände­rungen geben können, möchten wir Sie und Euch, liebes Publikum bitten, diese Ange­le­gen­heit nicht gegen uns zu wenden:

Nehmt es sportlich, rauscht auf dem Weg ins Kino bei einem Test­zen­trum vorbei oder bringt die anderen gültigen Nachweise mit zum Filmabend. Wir werden unsere Energie weiter darauf richten, Euch tolle und sichere Kino­abende zu bieten (und ein bisschen bedauern, dass die Kultur in Berlin nicht so starke Fürspre­cher hat, wie Handel und Gastro­nomie).
Für Rück­fragen stehen wir allen Seiten gerne zur Verfügung.«

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»Sie wollen uns erzählen/ Wir sollen uns nicht mehr quälen
Und sie sind schon zufrieden/ Wenn wir die Kurve kriegen
Denn für unser Selbst­mit­leid/ Haben sie keine Zeit«
Toco­tronic

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.