03.06.2021
Cinema Moralia – Folge 249

Lösch mir die Augen aus

Liebert Schimpfen
Dieses Buch wird meine neue Bibel werden...
(Plakat: Suchsland)

Wie man Kritik zum Schweigen bringt... Über die Schönheit und Notwendigkeit des Schimpfens – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 249. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.«

- Rainer Maria Rilke

Viel­leicht habe ich wieder alles falsch verstanden.

Irgend­wann vor etwas mehr als andert­halb Jahren saß ich mit Juliane Liebert zusammen in einer Jury. Sie kam als Letzte zum Treffen, war dann eher still und hat nicht viel disku­tiert, im Gegensatz zu mir. Heute denke ich, sie hat viel­leicht nebenbei an einem Gedicht gear­beitet. Sie bestellte Wein, und wenn es nötig war, hat sie schon gesagt, was zu sagen war. Viel­leicht war sie mir auch nur sympa­thisch, weil ich den Eindruck hatte, dass wir eini­ger­maßen ähnliche Ansichten zu den Filmen hatten, und das ist ja in einer Jury erstmal nicht unwichtig. Ein bisschen neugierig war ich auch, was das wohl für ein Typ Mensch war, was für eine Frau, die über Musik noch tollere Texte schreibt als über Filme. Darum habe ich mich zurück­ge­halten, und versucht zu beob­achten.

Vor ein paar Wochen fiel mir dann dieses Buch auf. Es sieht wirklich schön aus, ist angenehm dünn, und als ich den Unter­titel las, wollte ich es schon kaufen. Als ich las, dass sie es geschrieben hat, musste ich.
»Über die Schönheit und Notwen­dig­keit des Schimp­fens«. Genau! Aber wahr­schein­lich habe ich wieder etwas falsch verstanden.

+ + +

Was für Sätze in diesem Buch. »Der Mensch ist geboren, um unglück­lich zu sein.«; »Die Welt, da wird mir wohl jeder zustimmen, [ist] eine Zumutung.« »Wer schläft, zürnt nicht, und wer nicht zürnt, verstummt.« Zornige Sätze, wilde Sätze, wahre Sätze.
Aber auch: »Kinder beherr­schen perfekt, was Erwach­sene in Acht­sam­keits­kursen mühsam wieder zu lernen versuchen: den absoluten Fokus auf den Moment.«

Sie hat einen ausge­sucht guten Geschmack. Gar nicht mal Celine und Nietzsche, auf die kann man auch so kommen, aber Cioran, Kreisler, Rio Reiser.

Einzige Einschrän­kung: Viel­leicht ist es etwas bemüht, den guten vom schlechten Zorn zu unter­scheiden, und dabei dann doch ein bisschen Moral zu predigen. Oder viel­leicht das noch nicht, aber irgendwie doch zu sagen was gut und richtig und falsch und schlecht ist.

Dieses Buch ist einer­seits ein Lob des Schimp­fens, und ein Nach­denken über es. Ande­rer­seits ist es ein Nach­denken über den Zorn, sein Entfalten. Es wird stel­len­weise zu einer Reflexion über den Hass. »Hass ist tabu. Hass gilt als Emotion für Versager oder von Grund auf böse Menschen.
Der Zorn hingegen ist ja auch heute gar nicht so übel beleumdet. Schließ­lich soll man sich gegen den Klima­wandel empören, gegen Nazis und so weiter. Immer gerichtet aller­dings. Es muss schon klar sein, wer der Gegner ist.«

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Der Gegner: »Das Sortieren der Welt in Gut und Böse. Ob diese Eintei­lung das eigent­lich Vernich­tende ist? Auf jeden Fall ist es die Logik des Krieges. Es darf in den aktuellen Internet Debatten kein Zweifel aufkommen, auf welcher Seite du stehst, sonst bist du erledigt. Das macht inter­es­sante Ausein­an­der­set­zungen nahezu unmöglich.«

Aber viele Menschen wollen keine Ambi­va­lenzen. Sie wollen klare, über­sicht­liche, soziale Normen.

Man merkt: »Huren­söhne« ist auch ein mutiges Buch, weil sich die Autorin zornig und schön formu­lie­rend wie sie ist, nicht darum schert, was man sagen soll.
Das klingt so einfach. Das klingt so selbst­ver­s­tänd­lich. Ist es aber nicht – ein Blick auf die Best­sel­ler­listen genügt.

Jeder, der gerne schimpft, jeder der gele­gent­lich seinem Zorn freien Lauf lässt, jeder, der manchmal hasst, wird hier fündig und die Autorin dafür lieben.

Deswegen ist sie auch ehrlich genug, nicht über die unbequeme Frage wegzu­gehen, ob sich Spreu und Weizen trennen lassen? Also in diesem Fall das, wie sie es nennt, »kathar­ti­sche, kreative, exis­ten­zi­elle Schimpfen und die Demagogie«.

Liebert macht außerdem auf etwas ganz Wichtiges aufmerksam: Es ist nicht egal, wer schimpft. Das Schimpfen der Schwächeren, der Outlaws, der hoff­nungslos Unter­le­genen ist ehren­voller und anders zu bewerten, als der Zorn der Mächtigen.

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Und dann noch eine schöne Phantasie:

»Man stelle sich einmal die Zukunft vor.
Man stelle sich einmal die Zukunft vor, wenn es gut liefe.
Man stelle sich vor, das chine­si­sche social credit System gälte dann überall, überhaupt, das chine­si­sche Modell hätte den Wett­be­werb der Systeme gewonnen, aber nur, weil es sich gleich­zeitig bestimmten Ideen des liberalen Westens geöffnet hätte.
Man stelle sich vor, es gäbe tatsäch­lich keine nennens­werte Korrup­tion mehr.
Auch die Mächtigen würden relativ effektiv durch die tech­ni­schen Möglich­keiten kontrol­liert.
Niemand fühlte mehr viel, weshalb es auch keine nennens­werte Kunst mehr gebe, sie diente eigent­lich nur noch der Berie­se­lung.
Immer mehr junge Menschen wollten sich umbringen, aber selbst das funk­tio­nierte nicht mehr, weil das social credit System ihren Gefühls­haus­halt zu gut über­wachte. Sie hätten die unter­schied­lichsten Haut­farben, unter­schied­liche sexuelle Orien­tie­rungen, wären ebenso divers wie die neue Gesell­schaft. Aber sie wollten Anarchie, damit Schönheit wieder etwas bedeute.
Man stelle sich vor, sie würden deshalb beschließen, das System zu stören.
Man stelle sich zwei Geliebte vor, die nur böse Worte kennen. Die sich wispernd beschimpften: 'Du wider­li­ches Arsch­ge­sicht. Du Drecks­schwanz. Du abge­half­terte Stück Scheiße.*
Durch die Liebe in ihren Stimmen würde jeder Fluch ein Schwur, jeder Schwur ein Verspre­chen.«

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Das ist alles großartig! Sie hat recht. Es ist eine große Erleich­te­rung und Freude das alles zu lesen. Dieses Buch wird meine neue Bibel werden.

Die Autorin schreibt auch sehr schöne Film­kri­tiken und belegt damit, dass man nicht nur vom Film etwas verstehen sollte. Solange es Juliane Liebert gibt, ist für die Film­kritik noch Hoffnung.

Sie schreibt übrigens auch Gedichte. Die sind auch gut.

+ + +

Juliane Liebert: »Huren­söhne! Über die Schönheit und Notwen­dig­keit des Schimp­fens«;
Starfruit Publi­ca­tions, Fürth 2020

(to be continued)