15.10.2020
Cinema Moralia – Folge 230

Der feuchte Traum aller Kino­ab­wickler

Peninsula
Südkorea als Rollenmodell – so wie im gerade angelaufenen Peninsula von Sang-ho Yeon?
(Foto: Splendid/24 Bilder)

Profiteure und Parasiten: Warum Corona für manche ein Gottesgeschenk ist, warum gar nicht wenige hoffen, es möge noch lange andauern, und warum wir selbst jetzt die Seuche werden müssen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 230. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Eine Revo­lu­tion ist kein Gastmahl, kein Aufsatz­schreiben, kein Bilder­malen oder Deck­chen­stri­cken; sie kann nicht so fein, so gemäch­lich und zart­füh­lend, so maßvoll, gesittet, höflich, zurück­hal­tend und großherzig durch­ge­führt werden. Die Revo­lu­tion ist ein Aufstand, ein Gewaltakt, durch den eine Klasse eine andere Klasse stürzt.«
- Worte des Vorsit­zenden Mao Tse-tung, Peking, 1968, S. 14

»Über das eine gebieten wir, über das andere nicht.«
- Epiktet

Mami, Mami – darf man noch Rainer Werner Fass­binder sagen? Es gibt nicht nur eine mora­li­sche, ästhe­ti­sche und poli­ti­sche Sprach­po­lizei, sondern auch eine ökono­mi­sche. Sie benutzt das Recht und seine Schwächen, um Personen, vorzugs­weise berühmte, tote, die sich nicht wehren können, zu labeln.
Ein abschre­ckendes Beispiel, auf das ich gerade stieß, unter anderem bei Volker Panten­burg, in einem new film­kritik-Eintrag von 2013 und in einem Aufsatz von Michael Töteberg aus der gleichen Zeit ist folgender Disclaimer: »Die Namens­formen 'Fass­binder', 'Rainer Werner Fass­binder' und 'RWF' (als Wort und Bildmarke) sind regis­trierte Marken der Rainer Werner Fass­binder Foun­da­tion, Berlin.« Wie geht das? Wie kann das möglich sein? Schämt sich da niemand, zum Beispiel die Kultur­staats­mi­nis­terin. Schade, dass man so einen Laden nicht einfach enteignen kann – schon für seine Frechheit. Aber der Tag wird kommen...

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Würde es Corona nicht geben, Peter Dinges und Monika Grütters und all die anderen deutschen Film­för­der­funk­ti­onäre und ihre Lakaien in den Gremien und Verbänden hätten es erfinden müssen.

Was hätte ihnen Besseres passieren können? Seit Jahren erlebt man deutsche Film­för­derer, ob von den Länder­för­der­insti­tu­tionen auf Podien und bei anderen öffent­li­chen Anlässen zur Lage des deutschen Films erklären, es gebe zu viele deutsche Filme. Seit Jahren propa­gieren sie die paradoxe Logik nach der weniger deutsche Filme ein besseres deutsches Kino schaffen. Wie das gehen soll, haben sie nie dazu­ge­sagt. Wie könnten sie auch? Hätten die deutschen Förderer die Zauber­formel zur Erschaf­fung künst­le­risch wie ökono­misch erfolg­rei­cher Filme, könnten sie die und genau die und nur die ja fördern. Statt­dessen riskieren sie nichts und setzen auf vermeint­lich sichere Chancen – ein Rezept, mit dem man auch in der Spielbank garan­tiert sein Geld verliert, nur etwas langsamer als die Hasar­deure. Sie verteilen das Förder­geld auf vermeint­lich große Namen, auf das Altbe­kannte, auf das bisher Erfolg­reiche, auf das erprobte Rezept, auf die, die bisher Erfolg hatten – obwohl ein profes­sio­neller Spieler weiß, dass jede Erfolgs­strähne früher oder später zu Ende geht.
Sie fördern alles, sind bei jedem Film mit 3 oder 5 oder allen­falls 10 Prozent dabei, benehmen sich aber wie kleine König*innen, spreizen sich als Möglich­ma­cher, wo sie doch eigent­lich Dienst­leister sind, die Steu­er­gelder verwalten. Sie reden, als vers­tünden sie etwas von der Materie – aber sie riskieren nichts, am wenigsten ihren eigenen Job.
Sie säen nicht, sie ernten nicht, aber der Vater Staat ernähret sie doch. Und jetzt entscheiden sie über Leben und Tod und gefallen sich dabei ganz ungemein und sind beleidigt, wenn man das, die Schwere ihres Amtes nicht gebührend anerkennt.

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Jetzt ist die Stunde dieser Abwickler gekommen. Wir erleben gerade den feuchten Traum all jener, die sich weniger deutschen Film wünschen, weniger Verleiher, weniger Filmkunst, weniger Expe­ri­ment, weniger Inde­pend­ents, weniger Autoren­kino.
Ihre Stunde scheint gekommen. Jetzt nutzen sie Corona, um sterben zu lassen, was aus ihrer Sicht nicht lebens­wert ist.

Man muss dazu nur die Förder­ent­scheide der letzten Monate lesen, zusammen mit den soge­nannten Hilfs­maß­nahmen.
Man muss dies abglei­chen mit den Hilfe­rufen der Tätigen, derje­nigen, die tatsäch­lich Filme machen, oder heraus­bringen.

Dagegen helfen keine Kompro­misse mehr, sondern Wider­stand. Die Funk­ti­onäre aller Verbände müssen aufhören, immer noch mitspielen zu wollen, ausge­rechnet mit denen, die sie seit Jahren nach Strich und Faden an der Nase herum­führen.

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Es stimmt wohl, dass sich auch das Kino neu erfinden muss, wie Manfred Wilhelms neulich in der Blackbox geschrieben hat.

Erst recht aber muss sich die deutsche Kultur- und Film­po­litik neu erfinden.

Geleitet von zynischer Vernunft ist sie das Haupt­hin­dernis für eine funk­tio­nie­rende Film­kultur in Deutsch­land. Alles in allem – denn auch das ohne Frage vorhan­dene defor­mierte Bewusst­sein und Selbst­ver­s­tändnis vieler Filme­ma­cher ist am Ende das Resultat einer Kultur­po­litik, die genau so eine Menta­lität produ­zieren möchte.

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In einem – über­fäl­ligen – offenen Brief hat der Verband der unab­hän­gigen Film­ver­leiher der einseitig auf Kinos, und hier wieder auf bestimmte Kinos ausge­rich­teten Krisen­hilfe der Film­för­de­rung – man könnte auch sagen: auf Mitglieder der politisch blendend vernetzten AG Kino – wider­spro­chen und grund­sätz­liche Mängel der deutschen Krisen­hilfe im Film­sektor aufge­listet.

In dem Brief heißt es: »Die Hilfe für die Kinos wurde von den Verant­wort­li­chen bei BKM, FFA und Länder­för­de­rern nicht zu Ende gedacht. Es fehlt bis heute die Gesamt­sicht auf die Film­wirt­schaft und Film­kultur und deren Reprä­sen­tanten.«
Die Förderer verkürzten im Wesent­li­chen alle Hilfs-Bemühungen »auf diesen einen Ort« Kino, und schä­digten damit »Film­wirt­schaft und Film­kultur insgesamt. ... Ohne Filme kein Kino. ... weder startet die Wert­schöp­fung im Kino noch endet sie dort.«

Die politisch erzwun­gene Redu­zie­rung der Kino-Sitz­plätze wird nämlich auch auf dem Rücken der Verleiher ausge­tragen, obwohl diese im Gegensatz zu den über 100 Millionen Euro, die ohne Gegen­leis­tung in die Taschen der Kino­be­treiber geflossen sind, keinen Cent erhalten haben. »Dennoch sind wir in Vorleis­tung gegangen. Ohne uns hätten insbe­son­dere die Arthouse­kinos, die im Fokus der Rettungs­be­mühungen stehen, seit der Wiede­r­eröff­nung der Kinos kein attrak­tives Film­an­gebot zu bieten.«

Zurück­hal­tung des Publikums.
Massive Umsatz­rück­gänge sind die Folge.
Die Konse­quenz, die wir nun am Markt erleben, sind regel­mäßige Start­ver­schie­bungen auf 2021 und danach oder gar der Verzicht auf Kinostarts.
Zugunsten von Streaming-Angeboten.

Vor allem das BKM wird von den Verlei­hern kriti­siert, »die bisherige Ausge­stal­tung des BKM-Programms „Neustart Kultur“« und das »ausschließ­liche Fest­halten an den alther­ge­brachten Förder­instru­menten« – mit Bran­chen­ferne und Blauäu­gig­keit kann man die Vorwürfe zusam­men­fassen. Einmal mehr rächt sich jetzt, dass mit Monika Grütters eine filmferne Kultur­funk­ti­onärin auf den Posten der BKM, also des »Film­mi­nis­te­riums« gesetzt wurde. Die Dame gefällt sich wie jetzt mit der Entge­gen­nahme von Preisen auf der Buch­branche, mit dem Verschleu­dern von Steu­er­gel­dern in ein Pres­ti­ge­pro­jekt wie des Humboldt-Forum getauften wieder­auf­ge­bauten preußi­schen Stadt­schlosses. Fürs Kino hat Monika Grütters kein Herz und keinen Sinn. Wenn sie so weiter­macht, wird sie noch vor ihrer Ablösung nach den kommenden Wahlen als die größte Toten­grä­berin des deutschen Kinos in die nationale Film­ge­schichte eingehen.

»Wir wollen nicht akzep­tieren,« heißt es, »dass die bisher began­genen Fehler erst im Nach­hinein evaluiert werden, um dann die nicht mehr repa­ra­blen, struk­tu­rellen Schäden für die gesamte Kino­branche zu begut­achten.«

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Entgegen ihren eigenen Erfah­rungen glauben die Verleiher aller­dings noch an Gespräche – viel­leicht weil ihnen sowieso nichts anderes übrig bleibt: »Wir fordern deshalb dringend Gespräche zur Rettung der Kino- und Verleih­branche, mit dem Ziel, neue und ange­mes­sene Modelle zu entwi­ckeln, die es der Film­wirt­schaft ermög­licht, diese noch lange nicht ausge­stan­dene Krise zu überleben.
Eines dieser Modelle kann konkret die Einfüh­rung einer der fran­zö­si­schen Refe­renz­för­de­rung entspre­chenden Förderung sein, welche das CNC innerhalb weniger Wochen umgesetzt hat und das Anreize für Verleiher schaffte, Filme mit großem Zuschau­er­po­ten­tial auch unter den derzei­tigen prekären Bedin­gungen zu starten. Der Erfolg dieser Notfall-Refe­renz­för­de­rung ließ sich eindrück­lich beim Vergleich der aktuellen fran­zö­si­schen und deutschen Kino-Besu­cher­zahlen ablesen.«

»Es geht darum, schnelle und tatsäch­lich wirkungs­volle Hilfen bereit zu stellen, die der gesamten Wert­schöp­fungs­kette der Branche dienen. Es darf nicht sein, dass aus Mangel an Zeit oder Kenntnis zwar gut gemeinte, aber völlig unzu­rei­chende und inef­fi­zi­ente Maßnahmen umgesetzt werden.«

Das stimmt alles. An die Hoffnung auf runde Tische und Runden im Hinter­zimmer kann ich nicht glauben. Soge­nannte »Gespräche« werden von den Zynikern in den Behörden allein zum Zeitspiel benutzt.

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Das vorläu­fige Fazit der Erfah­rungen der letzten Monate ist depri­mie­rend: Corona tötet die Kultur, killt die Veran­stalter. Die Abwickler schauen zu, mit klamm­heim­li­cher Freude, mit kaum verhoh­lener Genug­tuung, dass jetzt diesen lästigen Kost­gän­gern endlich ein Ende gemacht wird.
Aber auch die abge­wi­ckelten Spielstätten, die toten Kinos, die zerstörten Arbeits­plätze, die platt­ge­machten Exis­tenzen und vor allem die vernich­teten Orte des Austauschs, des Dialogs, der Aneignung von kultu­rellen Erfah­rungen, auch diese sollten in den täglichen Meldungen der Corona-Opfer auftau­chen.

Die Lufthansa wird mit Summen von – je nach Schätzung – 64.000 bis 120.000 Euro pro Arbeits­platz – pro Mensch, der bei oder für Lufthansa arbeitet – vom Staat subven­tio­niert. Für die Auto­firmen und allerlei andere »system­re­le­vante« Insti­tu­tionen könnte man ähnliche Rech­nungen aufmachen. Man könnte auch mit wenigen statis­ti­schen Strichen vorrechnen, dass jeder bisher – glück­li­cher­weise – verhin­derte deutsche Corona-Tote dem deutschen Staat zwischen (je nach Angabe der Verbände und Minis­te­rien) 120 und 480 Millionen Euro wert war – jeder einzelne!

Da sollte ein Bruchteil dieser Summe auch für die Kultur bereit­stehen. Es bleiben aber nicht mal Brosamen.

Jaja, jetzt heißt es wieder, man soll hier nicht aufrechnen. Doch! Man muss hier aufrechnen. Will­kommen in der Wüste des Realen!

Es ist an der Zeit für die Verbände und Insti­tu­tionen des deutschen und europäi­schen Films, sich zusammen zu tun, und gemeinsam Hand­lungs­druck aufzu­bauen. Das geschieht nicht durch Nettig­keit, und nicht durch Kompro­miss, die schon im Kopf eingebaut sind, bevor man seine »Gespräche« überhaupt beginnt. Das geschieht durch Unhöf­lich­keit und Penetranz und lautet Worte und prak­ti­schen Druck. Kann man alles hervor­ra­gend von den Gewerk­schaften lernen.
Das geschieht zur Zeit noch nicht.
Die Verbände pflegen zur Zeit noch ihre Eitel­keiten – wozu bei einigen auch die Stand­lei­tung zur Kultur­staats­mi­nis­terin gehört. Solange das nicht aufhört, wird nichts passieren.

Was an Corona aber opti­mis­tisch macht, ist, dass wir beob­achten können: Wenn der Druck groß genug ist, ist plötzlich alles möglich. Dann fließt auch das Geld in Strömen.

Die deutsche Film­branche muss Streik­fähig­keit erlangen, den Willen und die Fähigkeit, Hand­lungs­druck aufzu­bauen.

Wir werden nichts erreichen, wenn sich nicht hier harter, hart­nä­ckiger Wider­stand formiert. Kein Gremi­en­gesabbel mehr, keinen Tee bei Monika.

Wir müssen selbst zur Seuche werden!

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PS: Gerade erreichte uns die in diesem Zusam­men­hang sympto­ma­ti­sche Nachricht, dass der Kölnische Kunst­verein dem Filmclub 813, dem besten Programm­kino der Domst­stadt fristlos gekündigt hat.

Hier die Pres­se­mit­tei­lung im Wortlaut:

»Eilmel­dung: Filmclub 813 droht fristlose Kündigung/Heute letzte Vorstel­lung
14. Oktober 2020«

Die letzte Vorstel­lung im Kino 813 in der BRÜCKE?

Dem Filmclub 813 e.V. wurde vom Kölni­schen Kunst­verein am 8.10.2020 über­ra­schend außer­or­dent­lich und fristlos gekündigt. Die Übergabe der über­las­senen Räum­lich­keiten wie Kinosaal, Film­vor­führ­raum und Büro in geräumtem und besen­reinem Zustand soll am 16.10.2020, 12 Uhr erfolgen. Die Kündigung ist unge­recht­fer­tigt und zudem juris­tisch unwirksam.

Wir wissen zur Zeit nicht, ob der Kölnische Kunst­verein dazu bewegt werden kann, diese Kündigung zu revi­dieren.

Um unser Recht durch­zu­setzen, das Kino 813 in der BRÜCKE weiter bespielen zu können, rechnen wir mit einer juris­ti­schen Ausein­an­der­set­zung.

Sofern der Kölnische Kunst­verein an der frist­losen Kündigung festhält, würde heute, am Mittwoch, den 14.10.2020 um 20 Uhr, die letzte reguläre auf unab­seh­bare Zeit Vorfüh­rung statt­finden. Die Leinwand bliebe dann bis auf weiteres dunkel.

Diese Kündigung bedroht einen einzig­ar­tigen Kulturort und die Existenz des bundes­weit prämierten Filmclub 813 (u. a. Lotte-Eisner-Preis 2017) im ehema­ligen und tradi­ti­ons­rei­chen Kino im British Council. Allein­stel­lungs­merkmal ist die Projek­tion analoger Film­ko­pien zu über neunzig Prozent.

Seit der Schließung der Kölner Cine­ma­thek ist der Filmclub 813 das einzige Kino in Köln, das sich in seinem Programm syste­ma­tisch dem film­his­to­ri­schen Erbe widmet.

Köln würde um das letzte histo­ri­sche Kino ärmer. Deshalb brauchen wir jegliche Unter­s­tüt­zung und Soli­da­rität.

(to be continued)