12.03.2020
70. Berlinale 2020

Bilder, die nachklingen

Los conductos
Brutal und eindringlich (Foto: © 5a7 Films – mutokino – If you hold a stone – montañero cine / Berlinale)

Camilo Restrepos Los conductos zeigt sich im besten Sinne frag­men­ta­risch

Von Dennis Vetter

Der kolum­bia­ni­sche Regisseur Camilo Restrepo ist ein Frei­filmer. Seine Arbeiten folgen nicht Geschichten, sondern Rhythmen, Körpern, Inten­si­täten. Zuletzt, das heißt 2017, drehte er den Kurzfilm La bouche, darin sind sich Tanz und das gespro­chene Wort eben­bürtig, liefern sich einen spie­le­ri­schen Kampf um Deutungs­ho­heiten. Sein erster Langfilm Los conductos war im Rahmen der Berlinale im Encoun­ters-Programm zu sehen. Restrepo, wie schon zuvor analog auf 16mm, betritt nun erstmals ansatz­weise erzäh­le­ri­sches Terrain. Die Geschichte bleibt im besten Sinne frag­men­ta­risch und wird immerzu zerschnitten von harschen Bild­sprüngen und Asso­zia­ti­ons­ketten.

Ein Mann will Rache nehmen an einem anderen, dem Anführer seiner ehema­ligen Straßen­bande. Ihn töten bedeutet in diesem Fall, ihn zu erschießen. Die Waffe dafür besitzt der Antiheld, der auf den Namen »Pinky« hört, schon lange. Im Griff sind Buch­staben einge­ritzt, die sich zu Worten formen. Anfang und Ende des Films verschwimmen inein­ander, gleich zu Beginn fällt aus der Waffe ein Schuss. Viel­leicht der Showdown, viel­leicht eine Vorahnung. Viel­leicht das erste Verbre­chen nach der Entlas­sung aus dem Knast. Ein Körper bricht zusammen, hat revol­ver­be­dingt ein Loch. Die Kamera immer darauf zu, beinahe hinein.

Die Löcher werden im Laufe des Films zu Toren, durch die ebenso Licht dringen kann und Dunkel­heit. Es zeichnen sich hallu­zi­nie­rende Passagen ab zwischen Raum und Zeit, Leben und Tod. Eine Steckdose in der Wand, aus der Pinky einst Kabel zog, um sie zu verkaufen: Sie strahlt einmal, als wäre hinter der Wand die Sonne selbst, als gäbe es hinter der Fassade der Stadt etwas zu entdecken, das nur dieje­nigen sehen, die den Gebäuden an die Innereien gehen. Die Obdach­losen erobern sich den Raum, höhlen die Gebäude von innen aus. Dazu kongruent: Zwei Männer mustern eine Straße. Ein tiefes Loch, denn die Steu­er­gelder fließen nicht in Baumaß­nahmen, sondern in die Taschen korrupter Menschen in Macht­po­si­tionen. Die Kamera im Innern des Lochs, auf die beiden Köpfe blickend. Das Loch im Asphalt ist bodenlos.

Los conductos verschleiert seine poli­ti­schen Spitzen immer wieder, um sie dann aus uner­war­teten Winkeln der Filmwelt wieder auftau­chen zu lassen. Als würde das Poli­ti­sche, also die Spannung zwischen den Kräften der Welt, die Betrach­tenden über­fallen können, über­rum­peln wollen. Auch das Reale lauert auf in diesem Film und gibt sich nicht einfach zu erkennen. Es will entschlüs­selt werden. Im Spiel des Prot­ago­nisten, einem Freund des Regis­seurs, der nie gelernt hat vor der Kamera zu spielen. Im Gedicht, das ganz zum Ende des Films einen Kommentar liefert auf die gesell­schaft­li­chen Zustände, auf Obdach­lo­sig­keit und die vielen Toten auf den Straßen Kolum­biens Mitte des 20. Jahr­hun­derts. »Elegy to Revenge« von Gonzalo Arango. Pinky war auf den Straßen, seine Hände zeigen, dass er nicht zum ersten Mal eine Pfeife ansteckt um high zu werden. Restrepo behauptet in Gesprächen zum Film, die Rache­ge­schichte sei echt und die Tötung seines Rivalen im Film stell­ver­tre­tend. Das expe­ri­men­telle Kino wird zum symbo­li­schen Akt der Reso­zia­li­sie­rung und rettet gleich zwei Seelen. Der Prot­ago­nist dreht mitt­ler­weile selbst Filme.

Blind werden durch die Spucke von Obdach­losen: das brutalste und zugleich eindring­lichste Gedan­ken­bild des Films. Der Mittel­stand betrachtet als Konta­mi­na­tion, was den Sozi­al­dar­wi­nismus sichtbar macht. Die filmische Hoffnung auf die Verän­de­rung der Wahr­neh­mung vermischt sich mit der Androhung einer endgül­tigen Eska­la­tion der gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse. Der Aufstand ist der der Mittel­losen, die die Stadt erst aushöhlen, dann über­nehmen. Restrepo spricht sich aus für die Desta­bi­li­sie­rung und Desori­en­tie­rung als Hoffnung: »Ohne eine Form wäre die Welt klarer.« Er bringt alle mit wachen Augen dieser Klarheit einen Schritt näher.

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