28.08.2018
76. Filmfestspiele von Venedig

Weltraumfahrer, Ankläger, Joker und ein lachender Dritter

Ad astra
Wird Venedig wieder zum Oscar-Orakel: James Grays »Ad Astra«...

Welt­raum­fahrer, Cowboys und Filme ohne Ende: Am Mitt­woch­abend eröffnet die Mostra von Venedig – ein Ausblick zum Auftakt der 75. Ausgabe des ältesten Film­fes­ti­vals der Welt – Notizen aus Venedig, Folge 1

Von Rüdiger Suchsland

»Verliere nicht den Mut, bilde dir stets dein eigenes Urteil und laß die anderen ruhig lachen.«
Der Dichter Giorgio Baffo (1694 –1768) zum jungen Casanova

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Ein bisschen Vivaldi-Klänge, ein bisschen Dogen­pa­last und giftige Lagu­n­en­dämpfe, ein wenig Lidoglanz – sanft und lautlos schreiten die Tatzen des Löwen, des Wappen­tiers von Venedig, den Kinosaal herab auf dem neuen Kino-Trailer, der vor jedem Film an den nächsten 12 Tagen gezeigt werden wird. Dieser Löwe, angeblich der König der Tiere, ist sichtbar entspannt. Ein ruhiger Herr, der nicht viele Bewe­gungen braucht, um seine Majestät zu zeigen.

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Heute Abend geht es wieder los – in dieser einma­ligen Mischung aus italie­ni­schem Flair, schick-lässiger Leich­tig­keit, und dem feier­li­chen Pathos einer Stadt, die über 1000 Jahre lang eine unab­hän­gige Republik war. Venedig ist Italien, aber es ist noch etwas mehr. Und Rom, wo mal wieder eine Regie­rungs­krise tobt, und Faschisten, Clowns und Demo­kraten einander mit Tricks und Finten über­listen, ist weit entfernt.
Die Mostra, also die Film­fest­spiele von Venedig, sind das älteste aller Film­fes­ti­vals. Und für viele das aller­schönste: In seinem morbiden Charme, der die Qualität der hier gezeigten Filme unter­streicht, und doch auch ins richtige Verhältnis setzt zum Rest der Welt.

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Venedig, ohne die störende Geschäf­te­ma­cherei eines Film­markts, ist vor allem eine große Bühne, Show, Theater, mitunter billiger Glitter, und genau damit den Ursprüngen des Kinos aus dem Unterleib, aus Jahrmarkt und Karneval am nächsten.
Was nicht etwa bedeutet, dass man hier sein Hirn ausschalten muss, im Gegenteil. Man gebraucht es nur anders – und das passt auch am besten zum leicht betäu­benden grün­gelben Schwe­fel­hauch der Lagune.

Die Mostra ist das heiterste und entspann­teste unter den großen Film­fes­ti­vals, sie ist auch ein Spät­som­mer­st­rand­ver­gnügen; Kino ist hier immer unbedingt Kunst, aber auch immer Enter­tain­ment, zumal ameri­ka­ni­sches.
Und so wird man hier ab heute Abend der Crème de la Crème des inter­na­tio­nalen Auto­ren­kinos ebenso begegnen, wie den vermut­li­chen Favoriten auf den nächsten Oscar.

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Denn als Oscar-Orakel mit sicherem Instinkt hat sich die Mostra in den letzten Jahren auch entpuppt. Zu dieser Gruppe gehören mit Sicher­heit zwei Filme: »Ad Astra«, der lang­er­war­tete Welt­raum­thriller von James Gray: Nach Gravity und First Man ist das der dritte Welt­raum­film in acht Jahren unter Festi­val­leiter Alberto Barbera. Nun also eine Mars Mission mit Brad Pitt und Tommy Lee Jones. Nach allem, was man vorab wissen kann, ist dies pathe­ti­sches Männer­kino auf den Spuren von Stanley Kubrick. Ein Vater, ein Sohn und der Mars.
Und so geht alles nicht nur psycho­ana­ly­tisch ans Einge­machte, es wird, so deutet der Trailer an, auch philo­so­phisch: »What did he find up there?« – »In the abyss there is the endless void.« Eine Medi­ta­tion über die endlose Leere.

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»My mother always tells me to smile and put on a happy face.« Nicht um den Vater, sondern um die Mutter geht es im zweiten ameri­ka­ni­schen Film: »Joker« erzählt die Lebens­ge­schichte des berühm­testen Gegen­spie­lers von Batman, erzählt, wie »Joker« der wurde, der er ist. Joaquin Phoenix. der eben noch bei Quentin Tarantino gut den Massen­mörder Charles Manson hätte spielen können – ist jetzt in der Nachfolge von Jack Nicholson und Heath Ledger als Joker zu sehen in einem Werk, das allem Anschein nach weniger ein Super­hel­den­film ist, als die Geschichte eines modernen Taxi Driver. Und wohl auch ein weiteres in der endlosen Reihe der Melo­dramen um den ameri­ka­ni­schen – weißen – Mann: »My life was a tragedy ... now I realize: It's a comedy.«

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Etwas Ähnliches würde vermut­lich auch Roman Polanski sagen. Er hat »J'accuse« gedreht, einen Film über die Dreyfus-Affaire. Wie schön!
Nicht nur weil Polanski ein meis­ter­hafter Regisseur ist, dessen Filme immer einen zweiten oder dritten Blick lohnen. Sondern auch, weil Polanski darin sicher­lich lustvoll die Doppel­moral der Gegenwart sezieren wird, mit den Anklagen, dem mora­lis­ti­schen Furor und der Hexenjagd gegen ihn selbst spielen wird. Und dabei gewiss auch den Anti­se­mi­tismus der Gegenwart nicht übersieht. Das ist der vorab span­nendste Film.

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Eröffnet wird heute Abend mit einem anderen Film, der ein wenig fran­zö­sisch ist und ein wenig etwas anderes: La vérité – Catherine Deneuve und Juliette Binoche spielen die Haupt­rollen, Regie führte aber ein Japaner: Hirokazu Kore-eda, der zuletzt im vorigen Jahr in Cannes die Goldene Palme bekam.
»The Truth« ist ein Fami­li­en­drama. Kore-eda drehte erstmals außerhalb seiner Heimat.

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Aus China kommt »Saturday Fiction«, der neue Film von Lou Ye, dem für mich span­nendsten Auto­ren­filmer aus dem Reich der Mitte.
Aus Deutsch­land gibt es im Wett­be­werb diesmal nichts – dafür wird die wich­tigste Neben­s­ek­tion, Orizzonti, mit dem Film einer jungen Hambur­gerin eröffnet: Kathrin Gebbes zweiter Film »Peli­k­an­blut«. Das ist schon mal ein guter Titel.

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Natürlich gibt es das übliche Gemecker. Von den Rächern der Enterbten: Zu viel Strea­m­ing­dienste. So what? Es geht um gute Filme und inter­es­sante Filme­ma­cher.
Und von politisch Über­kor­rekten: Die Anzahl der Regis­seu­rinnen im Wett­be­werb sei verschwin­dend gering.
Ja, welche Filme hätte man denn zeigen sollen?

Der »lachende Dritte« zwischen den zuletzt etwas gestresst wirkenden Franzosen in Cannes und einer schwächelnden Berlinale im Umbruch sei Venedig, kommen­tierte im Vorjahr die »Süddeut­sche Zeitung«. Mal sehen, wie sich der derzei­tige Umbruch der Kino­land­schaft und Verwer­tungs­ketten in diesem Jahr in der »Mostra« spiegelt.

(to be continued)

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