30.09.2018
67. Festival Internacional de Cine de San Sebastián

Slum-Tourismus und lackierte Depression

El Amor Menos Pensado
Gewinner der Goldenen Muschel: Paxton Winters »Pacificado»

Aber ein Preis für Nina Hoss – Notizen aus San Sebastián, Folge 8

Von Rüdiger Suchsland

Schade. In die Reihe der vielen, auf ganzer Linie enttäu­schenden Preis­ver­lei­hungen in San Sebastián reihte sich auch diejenige dieses Jahres. Kaum ein Festival ist so sehr ein Ort des Jury­ver­sa­gens, des Über­se­hens der eigent­li­chen großen Filme eines Wett­be­werbs, wie San Sebastián. Dieses schon metho­di­sche Jury­ver­sagen ist der Haupt­grund, warum dieses großar­tige Festival trotz allem immer noch gemeinsam mit Locarno hinter den großen drei unter »ferner liefen« rangiert.
Denn auch die dies­jäh­rige Jury um Regisseur Neil Jordan hat sich für ober­fläch­lich poli­ti­sche Preis­ver­gaben entschieden und die meisten filmisch inter­es­santen Werke links liegen­ge­lassen. Tatsäch­lich ist der Preis für die Deutsche Nina Hoss, die für ihre Haupt­rolle in Ina Weisses Das Vorspiel als »Beste Schau­spie­lerin« geehrt wurde (aller­dings leider nur »ex aequo« mit der Spanierin Greta Fernández), die am deut­lichsten film­künst­le­ri­sche Auszeich­nung.

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Es war der zweite Preis für Nina Hoss an einem einzigen Woche­n­ende. In Hamburg gab es nämlich den Douglas-Sirk-Preis beim Hamburger Filmfest. Der Thea­ter­re­gis­seur Michael Thal­heimer sagte in seiner Laudatio: »Ich kenne keine Schau­spie­lerin, die sich so intensiv auf ihre Rollen vorbe­reitet wie Nina Hoss. Alles möchte sie wissen, alles möchte sie tief ergründen. Sie sucht die Diskus­sion und den Diskurs.«

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Gewinner des Haupt­preises der »Goldenen Muschel« ist der »brasi­lia­ni­sche« Film Paci­fi­cado vom – aller­dings! – Ameri­kaner Paxton Winters, der außer dem Haupt­preis absur­der­weise noch zwei weitere Auszeich­nungen bekommen hat. Der auf semi-doku­men­ta­ri­sche Weise über Jahre in den Favelas von Rio de Janeiro gedrehte Film ist gut anzusehen (DoP: Laura Merians), schmissig geschnitten und ameri­ka­ni­siert erzählt, und insofern ein typisches Beispiel für jenen Armuts- und Slum-Tourismus in Spiel­film­form, wie man ihn seit Jahren in Festi­val­wett­be­werben kennt.
Die Infor­ma­tion, dass der Film von Darren Aronofsky produ­ziert wurde, gibt manchen Lesern bestimmt eine Vorstel­lung, was man da erwarten darf.
Paci­fi­cado erzählt von dem 13-jährigen Mädchen Tati und ihrem Vater, die gegen die Räumung der Slums kämpfen. Lackierte Depres­sion, dazu einge­färbt in unser aller Wissen von den poli­ti­schen Verhält­nissen in Brasilien.

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Insgesamt sind diese Preise ein bisschen zu durch­schaubar »politisch«: Gibt es diese drei Preise für einen brasi­lia­ni­schen Film nicht am Ende nur, weil – in Brasilien nun ein post­fa­schis­ti­scher Präsident regiert und die Filmszene dort in Aufruhr ist? Und aus Brasilien liebt man Favelas wie keinen zweiten Stoff: Cidade de Deus; Tropa de Elite, Ciudad de los hombres.

Dann ein Preis für einen baski­schen Film, der von einer guten Idee ins seichte Tal der Daily Soap abrutscht: Aitor Arregi, Jon Garano und Jose Mari Goenaga sind »Beste Regis­seure« bei The Endless Trench, der von einem Mann erzählt, der aus Furcht vor Verhaf­tung nach dem Spani­schen Bürger­krieg über 30 Jahre lang sein Haus nicht verlässt. Inter­es­santer schon der »Special jury prize« für die Französin Alice Winocour, die in Proxima Eva Green als Astro­nautin auf den Mars schießt, die aber ihr Kind zurück­lässt: Ein vorgeb­li­cher Frauen-Eman­zi­pa­ti­ons­film, der sein Anliegen doch ans Priva­tis­ti­sche verrät. Denn die Astro­nautin sollte lieber Mutter sein, sich lieber ums Kind kümmern als um den Fort­schritt der Mensch­heit.

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Gute Filme waren jene, die keine Preise bekamen, oder gar nicht im Wett­be­werb liefen. Um sie geht es in den anderen Folgen unseres Tagebuchs. Verbunden wurden viele Filme durch Geschichten über Schuld und Sühne und durch das Thema Identität.
Nicht uner­wartet stach der kleinere Wett­be­werb »Nuevos Direc­tores« den großen um die »Goldene Muschel« fast aus. Hier waren bekannte Namen, dort die Zukunft des Kinos.

(to be continued)

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