11.07.2019
37. Filmfest München

Whatever happend to „mia san mia“, oder: So, not Berlin?

Mariko Minoguchis Mein Ende. Dein Anfang.
„Mei, des war halt so…“
„Experimentell?“

Edelmann & Willmann follow the money

Von Anna Edelmann & Thomas Willmann

Wir reden sonst echt gerne einfach nur über die Filme.
Und ein höheres Budget für mehr Filme, größere Filme, tollere Gäste und komfor­ta­blere Bedin­gungen für alle Betei­ligten (plus Freibier) fänden wir ja auch knorke.
Was aber dieses Jahr von der Etat­er­höhung für uns auf dem Filmfest zu spüren war, schien eher eine zerset­zende Wirkung auf den Geist des Filmfests, auf das „mia san mia“ zu haben.
Plötzlich zerrten und drängten da diese äußer­li­chen Begehr­lich­keiten und Groß­macht­fan­ta­sien. Wie so etwas meist abläuft: merklich auf Kosten des mensch­li­chen Umgangs.
Und die immer Raum stehende Frage „Ja, wo isses denn? (Das Geld)“ entwi­ckelte sich zu einer Schatz­suche nach dem Ausschluß­ver­fahren.
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Liste der uns aufge­fal­lenen Einspa­rungen (vermut­lich unvoll­s­tändig):
Die Premi­um­karten mit Fanpackage für das reguläre Publikum werden nicht mehr angeboten.
Kein kosten­freies Wlan in den Kinos mehr.
Akkre­di­tie­rungs­ge­bühren durch die Bank wieder – und für’s Fach­pu­blikum deutlich – erhöht, während der Leis­tungs­um­fang unan­ge­kün­digt einge­schränkt wurde.
Kein Zugang mehr in Abend­vor­stel­lungen für als Gast akkre­di­tierte.
Weniger film­fe­st­ei­gene Mikros in Kinosälen.
Die Film­fest­ti­cket­kassen in den Kinos werden nicht mehr vor Beginn des ersten Films geöffnet.
Das Atelier, mit seinem Innenhof die letzte inof­fi­zi­elle Begeg­nungs­stätte, wurde sogar zwischen Presse- und erster regulärer Vorstel­lung ganz zuge­sperrt.
Der Festi­val­planer der App hat vollends seinen Dienst verwei­gert.
Die Zahl der Rechner im Schrei­b­raum des Pres­se­zen­trums wurde weiter reduziert, die vorhan­denen Geräte dafür aber auch anschei­nend seit letztem Jahr nicht gewartet.
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Der neue künst­le­ri­sche Leiter war bei der Eröff­nungs­gala zur Begrüßung nicht auf der Bühne.
Ob das Chatrian in Berlin im Februar auch so halten wird?
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Das bemerkt habend, und durchaus gestehend, dass wir auch der Meinung sind, es hätte beru­fe­nere Menschen gegeben für den Posten der Festi­val­lei­tung als Diana Iljine:
Wir möchten in der gegen­wär­tigen Konstel­la­tion nicht in ihrer Haut stecken.
Und es ist voll­kommen legitim, dass sie sich nach­drück­lich als das öffent­liche Gesicht des Filmfests München etablieren möchte.
All die ach so origi­nellen, rippen­k­nuffenden Witze­leien über Iljines bewusst reprä­sen­tativ-glamouröse Garderobe kann man also auch einfach mal im Alther­rens­akko stecken lassen.
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Eine Mode­ra­torin wähnte sich schon ein paar Schritte weiter, als sie den Weg des von ihr ange­kün­digten Films über die Festivals von Tribeca über Cannes bis „heute hier, in Berlin“ nach­zeich­nete.
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Selbst­aus­beu­tung ist eine Sache, wenn man sie im einge­schwo­renen, weit­ge­hend gleich­be­rech­tigten Team betreibt, im Dienst eines Ideals. Für eine Veran­stal­tung, an die man glaubt, die aber heillos unter­bud­ge­tiert ist.
Es ist etwas ganz anderes, wenn die Mittel vorhanden sind, aber ihren Weg nicht finden zu den enga­gierten Mitstrei­terInnen.
Es ist in mehr oder minder kreativen Metiers ja leider inzwi­schen flächen­de­ckend üblich, für „exposure bucks“ zu arbeiten – für das Verspre­chen, imma­te­ri­ellen Lohn zu finden in der vermeint­li­chen „kosten­losen“ Eigen­wer­bung, das Verspre­chen der Aufmerk­sam­keit zukünf­tiger Kunden, die dann aber ganz bestimmt sicher fei voll wirklich für die Arbeit einmal zahlen werden.
Dass es beim Filmfest zu Ströhls Zeiten so war: Okay. Dass es mit dem bald fünf­fa­chen Budget noch immer so ist, dass man Tätig­keiten für das Filmfest eigent­lich als Hobby betreibt, dass man einen Brotjob benötigt, um sich die Arbeit für das Filmfest leisten zu können: Nicht okay.
Egal, mit wem an Mit- und Zuar­bei­terInnen man da redet: Das klingt nicht nach A-Festival, sondern nach spontan im Party­keller organ­siertem Band-Woche­n­ende, weil die Eltern nicht da sind. Und jeder zahlt drauf, weil man einen Kasten Bier mitbringt.
Vertrau­lich zuge­raunte Zahlen behandeln wir freilich auch als solche. Aber sagen wir mal so, liebe Leser­schaft:
Stellen Sie sich – unter der Prämisse, dass das Filmfest echt schlecht entlohnt – einen grenz­wertig niedrigen Betrag vor für egal welche der diversen Tätig­keiten.
Halbieren Sie diesen Betrag.
Dann sind Sie wahr­schein­lich eher noch am oberen Ende.
Dann stellen Sie sich vor, was man wenigs­tens selbst­ver­s­tänd­lich an Vergüns­ti­gungen und Spesen bekommt.
Und lassen sich gesagt sein, grosso modo: Nein.
Dann haben Sie nach unserem Kennt­nis­stand eine halbwegs realis­ti­sche Vorstel­lung von der Misere.

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Budget des DOKfest München 2019:
Ca. €1 Mio.
Budget des Filmfest München 2019:
Ca. €5 Mio.
Besu­cher­zahl des DOKfest München:
52.000
Besu­cher­zahl des Filmfest München 2019:
70.000
(Ohne Berück­sich­ti­gung der Spon­so­ren­gelder.)
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Das DOKfest besinnt sich auf seine Kern­kom­pe­tenz: Filme zeigen.
Just saying.
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Das Filmfest München sucht den Weg in die Breite: thema­tisch, wie im Ausdehnen über die ganze Stadt. Nach dem durch­schla­genden Erfolg damit dieses Jahr (Besu­cher­zahl gut 12%, bzw. 10.000 Besucher unter dem zuletzt gehal­tenen Niveau von ca. 80.000), hätten wir diese Vorschläge für Zusatz­ver­an­stal­tungen: Kuli­na­ri­sches Kino und NATIVe.
Die wären aus Berlin gerade frei geworden.
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Auf eine offi­zi­elle Stel­lung­nahme bezüglich der einge­bro­chenen Besu­cher­zahlen wartet man noch.
Aber das Filmfest brüstet sich sehr damit, dass das Angebot an Bran­chen­ver­an­stal­tungen größer und besser besucht gewesen sei denn je.
Filmfest München als Veran­stal­tung für deutsche Fernseh- und Filmnasen – das hatten wir unter Hauff schon mal, das war damals subop­timal, das brauchen wir nicht wieder.

+ + +

Das Filmfest betont die immer größere Bedeutung des poli­ti­schen Aspekts.
Als die Berlinale das Gleiche getan hat, war das ein Zeichen ihrer Selbst­er­kenntnis, dass sie die großen Stars und die Filme von wirklich künst­le­ri­scher Relevanz nicht mehr anlocken kann.

+ + +

Ein (wir schwören: 100% authen­tisch so mitgehörter) Tram­bahn­dialog, am letzten Festi­valtag,nahe Stachus:
Älterer Herr, sieht draußen ein Plakat des Filmfests:
„Des Filmfest is auch wieder spurlos an mir vorüber­ge­gangen.“
Seine erwach­sene Tochter:
„Aber Du hast da doch schon mal was gesehen, gell?“
„Ja, letztes Jahr. Weiß aber gar nicht mehr…“
„War des gut?“
„Mei, des war halt so…“
„Expe­ri­men­tell?“

+ + +

Bei allem Gemosere:
Auch dieses Jahr hatten wir nach drei Tagen Filmfest München mehr gute Filme gesehen, als im gesamten Berlinale-Jahrgang.
Können wir gerne mal bei einem Bier ausführen, wenn Sie wollen.

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Überhaupt, war die wahre Konkur­renz des Fimfests München nicht tradi­tio­nell das Film­fes­tival Karlovy Vary?
Geogra­phisch nah, zu über­lap­pender Zeit im Kalender, ähnliche Zuschau­er­zahlen, vergleich­bare inter­na­tio­nale Bedeutung, früher oft verblüf­fend über­ein­stim­mende Stargäste…
Und halt einst mit dem Ruf, ein persön­li­ches, publi­kums­nahes, cine­as­ti­sches Festival mit eigener Hand­schrift zu sein.
So dass wir mehrfach versucht waren, allem Lokal­pa­trio­tismus zum Trotz das kühle Münchner Bier Ende Juni bei den tsche­chi­schen Nachbarn gegen 80°C heißes Ther­mal­wasser zu tauschen.
Doch weh, doch ach! Irgend­wann sich seines guten Rufs zu bewusst – und über­heb­lich, groß­spurig geworden.
Vorbei scheint’s mit dem Charme. Jeden­falls hört man von den Kolleg*innen, dass man sich die Reise inzwi­schen sparen kann.
Nur so zur Mahnung.

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Albert Serras Video-Grußbot­schaft zu Liberté (wo: wenn wir über Filme schreiben würden…) war mäandernd, repetitv, und ausge­dehnt in einer Weise, dass man irgend­wann fürchtete, sie könnte eventuell die Laufzeit des Films über­bieten.
Aber so mitten­drin, zwischen dem dritten und vierten Bedauern, dass er nicht persön­lich anwesend sein konnte, und der vierten und fünften Beteue­rung, wie verrückt sein Film sei – da gab es diesen Moment, wo er auch München und dessen Filmfest lobte. Und wie gern er dort sei.
Viel, viel lieber als in Berlin.

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Ein Punkt, in man der Berlinale absolut gleich­ziehen könnte – und es würde noch nicht einmal etwas kosten:
Man könnte sowohl nicht verkaufte, als auch ander­weitig leer bleibende Sitze in Vorstel­lung mit Akkre­di­tierten auffüllen.

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Das wäre speziell in diesem Jahr segens­reich gewesen, wo durch die Umstel­lung auf ein neues Ticket­system wir Akkre­di­tierte vor – für das Festival absehbare, für unsereins immer auf’s Neue über­ra­schende, mannig­fal­tige – Heraus­for­de­rungen standen.
Die EDV von München Ticket war sichtlich für die Aufgabe nicht geeignet. Und die ange­flanschte Behelfs­lö­sung war im besten Falle umständ­lich, sehr oft aller­dings einfach komplett unnutzbar.
Zwei neue Beschrän­kungen gab es für Pres­se­ak­kre­di­tierte, die im Vorfeld nicht kommu­ni­ziert wurden:
Eine Begren­zung des persön­li­chen Ticket­kon­tin­gents auf 35.
Und viel gravie­render, keine Möglich­keit mehr zum Umtausch oder Rückgabe einmal (meist zwei Tage im Voraus) gebuchter Pres­se­karten.
Was komplett den eigent­li­chen Geist eines Festivals aus Sicht bericht­erstat­tender Kritik zerstört.
Keine Chance mehr, sich treiben zu lassen, sich mit Anderen auszu­tau­schen, Film­emp­feh­lungen und -warnungen spontan nach­zu­gehen, umzu­planen, wenn mal ein Film einen regel­recht ausknockt, ein Publi­kums­ge­spräch länger dauert, oder der MVG sich querlegt und einen nicht recht­zeitig ins nächste Kino befördert.

+ + +

Auch unter dem regulären Publikum konnten wir keine Person finden, die für die Koope­ra­tion mit München Ticket Begeis­te­rung aufbringen konnte.
Anders mag das bei der Teil­ha­berin, der Stadt München sein, die so wohl zumindest einen Teil ihres Budget über die Service­ge­bühr wieder eintreiben konnte.
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Liebes Duodez-Fürstlein Söder,
der Du Dich berufs­mäßig freilich dauernd reibst am Wider­sa­cher und Wunsch­bild Berlin(ale):
glaubst Du wirklich, dass ein einziger Mensch, der die letzten Jahre den Berlinale-Wett­be­werb abge­sessen hat, sich – heim­ge­kehrt – sehnt: „Das will ich auch!“?
Und schaust Du wirklich gen Nordosten, wenn Du vom Medi­en­fes­tival schwa­dro­nierst, richtet sich Dein Blick nicht eher Richtung SXSW?
Und glaubst Du Torschieß­geld­scheißer, dass Du in der Liga mitspielen könntest?

*
Lassen wir mal dahin­ge­stellt, wie viel Glamour die Berlinale überhaupt noch auszu­strahlen vermag, wo doch auch dort die Hollywood-Größen besten­falls auf Werbetour für eher glanzlose Projekte vorbei­schauen.
Selbst wenn Clooney und Co. sich die Ehre geben, hat das Publikum davon nicht mehr als die Erlaubnis sich drei Stunden in die Kälte zu stellen, um dann die Stars zwei Minuten durch die Sicher­heits­ab­sper­rungen auf dem Roten Teppich vorbei­hu­schen und für Bilder posieren zu sehen, die es sich dann am nächsten Tag in der Presse genauer betrachten kann.
In München hingegen ist es Tradition, dass die promi­nen­teren Gäste wie selbst­ver­s­tänd­lich zu einem für alles Publikum kostenlos zugäng­li­chen und ausführ­li­chen Gespräch in der Black Box erscheinen.
Was in unserer Erfahrung noch nie zur Dauer­wer­be­sen­dung verkommen ist, sondern fast immer nicht nur durch die Räum­lich­keiten bedingt intim und nah wirkt, und erstaun­lich locker und unge­zwun­gene Momente hervor­bringt.
Da pfeifen wir doch auf Berliner „Glamour“.

(Etwas unent­spannt war dieses Jahr nur die wieder einge­führte „Wer zuerst steht, sitzt zuerst“-Platz­ver­gabe, die dazu geführt hat, dass man sich rund zwei Stunden vor Beginn in die schnell wachsende Schlange einreihen musste, wenn man sicher einen Platz ergattern wollte.
Wir würden nicht so weit gehen wie der dezent aggres­sive Gast, der vor dem Gespräch mit Antonio Banderas etwas von einer „faschis­ti­schen Platz­ver­gabe“ in den Saal brüllte.
Aber wenn es stimmt, was uns zuge­tragen wurde, dass der Grund für die Abschaf­fung der in den letzten bewährten Grati­s­ti­ckets war, den Leuten die bei München Ticket anfal­lenden €1 Service­ge­bühr zu ersparen, dann müssen wir sagen: diesen Stun­den­satz wäre uns unsere Zeit und unserer Gemüts­ruhe wert.)

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Filmfest München,
das ist wenn der Stargast in einem uner­war­teten „Mr. Fiennes, das ist Ihr Leben!“-Moment von der Bühne in der Black Box springt, um den Mann im Publikum zu umarmen, der ihn ganz zu Beginn seiner Karriere als unbe­kanntes Mitglied einer „Shake­speare in the park“-Truppe an den Münchner Gasteig geholt hat.
Das ist, wenn wir soooooooo neidisch sind, bei der legen­dären, alljähr­li­chen Isar-Floßfahrt für Filme­ma­cher*innen nicht an Bord sein zu dürfen – aber noch so viel froher sind, dass sie ein geschützer Raum vor Presse und Öffent­lich­keit bleibt.
Das ist, wenn die Film­ge­schichte die Existenz von Guy Maddins Careful allein dem Umstand verdankt, dass der Regisseur – lang vor seinen Berlinale-Zeiten – als Gast immer staunend in den Alpen herum­kra­xelte, bevor er zurück zu den Q&As geeilt ist.
Das ist, mit Mads Brügger nach der letzten Vorstel­lung noch in der „Hopfen­dolde“ auf den Geburtstag einer Filmfest-Mitar­bei­terin anzu­stoßen.
Das ist, wenn man Quentin Tarantino stolz in der Liste ehema­liger Gäste führen kann, eben nicht, weil man ihn als Cannes-Gewinner abge­griffen hat – sondern weil er als Debutant in der American Inde­pend­ents-Reihe für die Freaks präsent war, während die deutsche Fern­seh­branche sich auf den Galas gebusselt und auf die Schulter geklopft hat.
Das ist, wenn Jahre später nicht nur über­ra­schend Michael „Mr. Blonde“ Madsen vorbei­schaut, weil ihm eine der gezeigten Dokus so am Herzen liegt, und dieses Prackl Mannsbild sich ein paar Tränen nicht verkneifen kann und will – sondern dann auch in der Auto­gramm­schlange Menschen stehen, die tatsäch­lich zu den wenigen Dutzend Erden­bür­gern gehören, die sein Werk als Lyriker zum Signieren besitzen.
Das ist, wenn – soweit man dem Facebook-Account des Festivals glauben darf – Gäste wie Bryan Cranston oder Jesse Eisenberg unbe­ein­träch­tigt von ihrem Ruhm im Bier­garten des Hofbräu­hauses hocken, nach dem Prinzip des „Hock di hera, samma mehra“.

Das ist, kruzifix noamal: Mia san fucking mia.

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