11.07.2019
37. Filmfest München

Zwischen Sprachlosigkeit und großen Gefühlen

INVISIBLE SUE
Überraschende, auch überraschend witzige Wendungen und Spannung bis zum Schluss: Invisible Sue

Das Kinder­film­fest auf dem 37. Filmfest München hat auch dieses Mal einen soliden Überblick über gegen­wär­tige Kinder­film­pro­duk­tionen geboten, was aller­dings immer auch bedeutet, die Spreu vom Weizen trennen zu müssen.

Von Christel Strobel

Neun Langfilme und sechs Kurzfilme waren für das Münchner Kinder­film­fest – das wie das Filmfest zum 37. Mal stattfand – ausge­wählt worden. Überwogen bei den Kurz­filmen mit fünf Beiträgen die Anima­ti­ons­filme, so stellten sie nur ein Drittel der Langfilme, aber über­ra­schend mit Lotte Und Die Verschwun­denen Drachen (Janno Pöldma, Heiki Ernits, Estland/Lettland) den Publi­kums­preis­träger. Der mit 78 Minuten heute schon fast kurze Film ist die dritte Folge einer lustigen Idee, in deren Mittel­punkt das wiss­be­gie­rige Hunde­mäd­chen Lotte steht. Diesmal hat Lotte es mit dem neuge­bo­renen Schwes­ter­chen Roosi zu tun und mit zwei welt­rei­senden Profes­soren auf der Suche nach über­lie­ferten Volks­lie­dern. Ein netter Film ohne Aufre­gungen oder gar spannende Inno­va­tionen, der die Gunst der jüngeren Kinder (ab 5 J.) gewann und wie seine beiden Vorgänger fürs Kinder­kino verfügbar gemacht wird (Herbst 2019).

Ebenfalls aus Lettland, in Kopro­duk­tion mit Polen, kam der Zeichen­trick­film Jacob, Mimmi und die spre­chenden Hunde von Edmunds Jansons, der ein allseits bekanntes Thema – Abriss eines gewach­senen Stadt­vier­tels – in anspre­chenden wie origi­nellen Bildern erzählt. Der sieben­jäh­rige Jacob zeichnet gerne, vor allem Baupläne und Hoch­häuser, denn er möchte einmal Architekt werden wie sein Vater. Wegen einer einwöchigen Geschäfts­reise des Vaters muss Jakob für eine Woche zu seiner Cousine, was ihn nicht begeis­tert. Mimmi lebt mit ihrem Vater Eagle, einem etwas seltsamen, aber gutmü­tigen ehema­ligen Seemann und Piraten, in Maskachka, einem histo­ri­schen Vorort von Riga. Hier macht Jacob die Bekannt­schaft mit einem Rudel im wahrsten Sinne bunter Hunde, die sogar sprechen können und Boss, der größte von ihnen, sagt, wo’s lang geht. Jakob entdeckt mit Maskachka auch eine noch nie zuvor gesehene Umgebung, die aller­dings bereits von Manny Pie, einem mächtigen Bauun­ter­nehmer, bedroht wird. Der lässt schon mal schwere Baufahr­zeuge im Park samt Aben­teu­er­spiel­platz auffahren, um Platz zu schaffen für sein gläsernes Wolken­kratzer-Viertel. Da müssen sich die beiden Kinder zusam­men­raufen, um gemeinsam etwas dagegen zu unter­nehmen, was mit mutigen wie pfiffigen Aktionen und nicht zuletzt mit der Hilfe des spre­chenden Hunde-Rudels gelingt. Edmunds Jansons’ Lang­film­debüt, der auch als Illus­trator von Kinder­büchern tätig ist, entstand nach dem preis­ge­krönten Kinder­buch „Maskackas stasts“ der letti­schen Autorin Luize Pastore und ist ein rundum gelun­gener und fürs jüngere Kino­pu­blikum (6-10 Jahre) besonders geeig­neter Kinder­film.

Ganz weit weg, in ein tibetisch-buddhis­ti­sches Bergdorf im nord­in­di­schen Ladakh, der Berg­re­gion des Himalaya, führt der in jeder Hinsicht besondere Film Chuskit. So heißt das zu Beginn sechs­jäh­rige, furchtlos an allem inter­es­sierte Mädchen, das kaum erwarten kann, endlich wie der große Bruder in die Schule gehen zu können. Ein schwerer Sturz ändert alles, Chuskit kann nicht mehr laufen und ist fortan ans Haus gebunden, kann auch drei Jahre später ohne Hilfe nicht einmal das Bett verlassen. Nach alter Tradition hat der Großvater das Sagen in der Familie und für ihn ist an den Schul­be­such seiner Enkelin nicht zu denken, statt­dessen soll sie ihre Grenzen akzep­tieren. Doch Chuskit ist nicht nur klug und wiss­be­gierig, sondern auch selbst­be­wusst und stur. Und langsam regt sich – bei allem gebotenen Respekt für den Großvater – auch Wider­stand in der Familie. Der große Bruder orga­ni­siert beim Arzt in der Stadt einen Rollstuhl und baut einen mecha­ni­schen Lift, mit dem die Schwester endlich wieder allein das Haus verlassen kann. Nun ist nur noch der holprige Weg ein Hindernis, das mit der Hilfe der Dorf­be­wohner beseitigt wird. Sichtlich glücklich und stolz bewegt Chuskit ihren Rollstuhl in Richtung Schulhaus… Die Doku­men­tar­film-Regis­seurin Priya Rama­subban hat ihr Spiel­film­debüt nach einer wahren Geschichte reali­siert und auch die Erfah­rungen aus der Arbeit ihrer Schwester mit körper­be­hin­derten, gelähmten Kindern in Ladakh mit einbe­zogen. Der auf etlichen inter­na­tio­nalen Kinder­film­fes­ti­vals ausge­zeich­nete Film Chuskit beein­druckt in mehr­fa­cher Hinsicht: Zum einen durch seine positive Grund­hal­tung, mit der das beein­träch­tigte Leben eines Mädchens geschil­dert wird, zum anderen durch die atem­be­rau­bend schöne Land­schaft; und schließ­lich durch den unbe­dingten Wunsch des Mädchens, in die Schule zu gehen, der „Hunger auf Wissen“, was ein immer wieder­keh­rendes Thema in Kinder­filmen aus Indien, aber auch Iran oder afri­ka­ni­schen Ländern war und ist, was Kinder hier­zu­lande manchmal über­ra­schen wird.

Aus der nieder­län­di­schen Kinder­film­pro­duk­tion waren zwei Beispiele ausge­wählt worden, die stark diffe­rierten. Meine Wunderbar Seltsame Woche Mit Tess ist ein wunder­barer Film für junge Zuschauer (Regie: Steven Wouter­lood, empfohlen ab neun Jahren) mit der Leich­tig­keit von Sommer­fe­rien an der See und ernsten Fragen über Familie, Freund­schaft und überhaupt über das Zusammen-Leben, die sich der zehn­jäh­rige Sam und die etwa gleich­alt­rige Tess stellen. Den Film hat bereits Farbfilm-Verleih über­nommen – eine Film­kritik folgt bei Kinostart. Im anderen Beitrag aus den Nieder­landen, Super Miss (Regie: Martijn Smits nach der erfolg­rei­chen nieder­län­di­schen Kinder­buch­reihe „Super­juffie“, Alter­s­emp­feh­lung 6-10 J.), bewegt sich die allzeit fröhlich-naive Jung­leh­rerin Miss Josie, die mit einer myste­riösen Flüs­sig­keit in Berührung kam, immer wieder und völlig abrupt in gift­grünem Nebel­wirbel durch die Lüfte, schlägt irgendwo auf, wo die Handlung weiter­geht, kann plötzlich mit Tieren sprechen, hört deren Hilferufe in der Not und deckt im Zoo – im Nebel­wirbel recht­zeitig zur Stelle, schließ­lich auch mit Unter­s­tüt­zung von ein paar mitwis­senden Schülern – eine plumpe Entfüh­rung des Zoodi­rek­tors und einiger wert­voller Tiere auf. „Super Miss“ macht sprachlos mit seiner von Klischees durch­tränkten und letztlich unin­spi­rierten Handlung.

Ein Detek­tiv­a­ben­teuer auch für ein jüngeres Publikum (empfohlen von 6 – 11 J.) ist der norwe­gi­sche Film Mission Schat­ten­mann von Grethe Bøe-Waal, der ebenfalls auf einer in Norwegen beliebten Kinder­buch­reihe basiert. Die beiden Jungen Tiril und Oliver sind immer wieder als kleine Detektive unterwegs und aktuell einem rätsel­haften Fall auf der Spur, der bis ins Jahr 1897 zurück­reicht. Ihre Recher­chen führen sie in ein Zeitungs­ar­chiv, in die Gruft unter der Kapelle und mitten in Film­dreh­ar­beiten. Unter­s­tützt werden sie von einigen Erwach­senen aus dem Ort, von der blassen Pfar­rers­tochter und nicht zuletzt von dem gemäch­lich daher­tra­benden Spürhund mit den Schlapp­ohren und gutmü­tigen Augen. Das alles ist in einer sympa­thi­schen Weise kind­ge­recht insze­niert.

Invisible Sue, eine Verbin­dung von Action-, Super­helden- und Kinder­film, ist der vierte Film in der von den TV-Anstalten und Film­för­de­rern unter­s­tützten Initia­tive „Der besondere Kinder­film“, der seine Deutsch­land­pre­miere zum Abschluss des Münchner Kinder­film­fests im sehr gut besuchten Rio Film­pa­last hatte. Wie der Regisseur und Dreh­buch­autor Markus Dietrich im Gespräch verlauten ließ, ist er ein Science-Fiction-Fan seit seiner Kindheit, eine Leiden­schaft, die er nun mit seinen Filmen auslebt. „Sputnik“, ein Kinder­film über ein fantas­ti­sches Abenteuer im Herbst 1989, in dem ein Mädchen angeregt durch eine SF-Serie im Fernsehen, mit ihren Freunden eine Apparatur bastelt, mit der sie ihren in den Westen ausge­reisten Onkel zurück­beamen will und von der Wende überholt wird, war Dietrichs erster Spielfilm in dieser Richtung. Mit „Invisible Sue“ ist er nun in die Vollen gegangen: Nach einem Unfall im Labor, wo ihre Mutter als hoch­ge­han­delte Wissen­schaft­lerin arbeitet, kann sich ihre zwölf­jäh­rige Tochter Sue unsichtbar machen. Diese Erkenntnis muss sie erst begreifen, doch als ihre Mutter entführt wird, weiß Sue sofort, dass sie jetzt gefordert ist. Mit ihren Klas­sen­ka­me­raden App und Tobi beginnt sie die Spuren­suche, lernt ihr neues Talent einzu­setzen und trifft auf eine Verschwö­rung unge­ahnten Ausmaßes. Ein Fanta­sy­film mit schnellen Schnitten, über­ra­schenden, auch über­ra­schend witzigen Wendungen und Spannung bis zum Schluss. Dieser besondere Film spricht auch Nicht-SF-Fans an. Der Kinostart bei Farbfilm ist für den 31. Oktober ange­kün­digt – eine ausführ­liche Film­kritik folgt zum Start­termin.

Von den Kurz­filmen sei zum Abschluss der einzige Realfilm in diesem Programm erwähnt, der mich zugleich am meisten rührte: Von Der Liebe Zum Kino von Askar Nurakun UUlu (Drehbuch, Regie, Schnitt, Kirgi­sistan 2017, 10 Min.). In der von Bergen begrenzten, großen kirgi­si­schen Ebene sehen wir ein Auto über die Straße holpern, das im Dorf schon erwartet wird, nicht nur von einem kleinen Jungen auf der Straße, auch im “Kino“, einem in die Jahre gekom­menen, kleinen Mehr­zweck­raum, wo der Operateur sein beschei­denes Equipment aufbaut – einen VHS-Player, eine impro­vi­sierte Leinwand, und eine Video­kas­sette, die er bedächtig ins Gerät einschiebt. Derweil sitzen die ersten Besucher schon auf ihren Stühlen. Der kleine Junge will sich hinein­schmug­geln, doch die Türe wird vor seiner Nase geschlossen. Er versucht auf einem „Podest“, das er heran­ge­rollt hat, einen Blick durch das Fenster zu erhaschen, in dem Moment wird die Gardine zugezogen. Doch dann hat sich drinnen das Band in der Video­kas­sette verhakt und muss repariert werden. Die Besucher bleiben auf ihren Stühlen sitzen oder stehen draußen herum, der Junge erwartet die Rückkehr des Vorfüh­rers. Moto­ren­geräusch kündigt das Auto an, einer nach dem anderen geht in den Saal zurück, der kleine Junge bleibt zögerlich stehen – mit einer Hand­be­we­gung winkt ihn der Vorführer noch herein… Ohne Worte, nur mit ein paar Geräu­schen, ist „Von der Liebe zum Kino“ eine liebens­werte Hommage ans Kino.

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