28.02.2019
Berlinale 2019

It was the worst of times, it was the best of times

Répertoire des villes disparues
Einer der Männerbünde-Filme: Silberner Bär für Roberto Savianis Paranza dei bambini

Edelmann und Willmann verab­schieden sich von Dieter Kosslick und der Berlinale 2019

Von Anna Edelmann und Thomas Willmann

Im Vorfeld der Berlinale hatte man den Eindruck, dass für jede Pres­se­mit­tei­lung zu den mäßig inter­es­santen Filmen des Programms zwei bis drei Ankün­di­gungen im Mail­ein­gang landeten zu den mannig­fal­tigen Initia­tiven zu Gleich­stel­lung, Diver­si­fi­ka­tion und Welt­ret­tung durch Recy­cling­be­cher. Sehr oppor­tu­nis­tisch hat sich die Berlinale – seit ihr die boule­vard­taug­li­chen Stars und die filme­ma­chenden Idole der Cineasten abhanden gekommen sind – auf die Fahne geschrieben, das »poli­ti­sche«, das sozial »wachste« und enga­gier­teste unter den A-Festivals zu sein.

In der Praxis scheitert an diesen ja durchaus begrüßens­werten Zielen zumindest das Film­pro­gramm. Einer­seits rutschen zu viele Filme über eine bloße Themen­check­liste in die Auswahl, nicht nur ohne erkenn­bare Rücksicht auf künst­le­ri­sche Kompetenz auf diversen Ebenen, sondern auch ohne genaueres, vorhe­riges Hinschauen, was die Filme zu ihren Themen letzt­end­lich – ob absicht­lich oder verse­hent­lich – wirklich sagen.

Zum Auftakt: ein Ausrut­scher

Der erste massive Ausrut­scher war dann auch sogleich der Eröff­nungs­film The Kindness of Strangers.

Auf dem Papier ein herz­er­wär­mender Film über den notwen­digen Zusam­men­halt von Menschen in prekären Lebens­lagen. Auf der Leinwand ein in jeglicher Hinsicht, von Lone Scherfing so nicht erwartbar dilet­tan­ti­sches Debakel, dem es in keiner einzigen Szene gelingt, Figuren darzu­stellen, die wie mensch­liche Wesen sprechen und handeln. Man hat nicht das Gefühl, dass er seine Prot­ago­nistin – eine mittel­lose Mutter, die mit ihren beiden Söhnen vor dem gewalt­tä­tigen Fami­li­en­vater ausge­rechnet nach Manhattan flieht – bewusst als von der Situation völlig über­for­dert und deshalb irra­tional handelnd porträ­tieren möchte. Doch so sehr häuft er aus schierem erzäh­le­ri­schen Unver­mögen die nicht nach­voll­zieh­baren Verhal­tens­weisen, die – man kann es nicht anders nennen – strunz­dummen Über­le­bens­stra­te­gien, dass man jegliches Wohl­wollen und Geduld für diese Frau verliert. Womit der Film freilich genau den Leuten in die Karten spielt, die insbe­son­dere weib­li­chen Gewalt­op­fern eine nicht geringe Mitschuld und stra­fens­werte Unbe­darft­heit unter­stellen.

Das Thema 2019: Männer­bünde

Ande­rer­seits entpuppte sich als insge­heimer Themen­schwer­punkt dann doch wieder das altver­traute Kreisen um Männer­bünde, um das Ringen um Rang innerhalb männer­be­stimmter Soziotope.

Es sind Paral­lel­ge­sell­schaften mit eigenen Regeln, mit eigenen (Spitz-)Namen. Spitz­namen, die man sich entweder ruhmreich verdient oder deren Schmach man nie wieder ablegen kann.

Der Tiefpunkt dieser Filme war recht früh durch­schritten bei dem kläglich durch­schau­baren Versuch von Berlinale und Verleih, einen Skandal zu insze­nieren. Fatih Akins Der Goldene Handschuh soll laut Regisseur dem Frau­en­mörder Fritz Honka die Würde zurück­geben; ohnehin ein von vorn­herein frag­wür­diges Unter­fangen, bei dem man fast erleich­tert sein muss, dass es in der Praxis mit solchem Karacho gegen die Wand (ha!) fährt.

Heinz Strunks Roman­vor­lage ist wahrlich keine angenehme und leicht zu ertra­gende Lektüre, aber sie belohnt die Zumutung und ist in der tatsäch­li­chen Darstel­lung von Gewalt über­ra­schend zurück­hal­tend und schmerz­haft nüchtern. Der Film hingegen radiert jeglichen größeren histo­ri­schen Kontext und blei­benden Erkennt­nis­ge­winn aus und wählt statt­dessen lang­wei­lige Krassheit und krasse Lange­weile. Voll­kommen ins Lächer­liche zieht er sich letzt­end­lich selbst mit der absurden Regie­ent­schei­dung, den vier­zig­jäh­rigen miss­ge­stal­teten, vom Schicksal elend zermürbten Honka von dem 22-jährigen, virilen und hübschen Jonas Dassler mit Gumminase darstellen zu lassen, dem die freudige Unver­braucht­heit nur so unter der Kontakt­linse hervor­blitzt und der sich der Figur haupt­säch­lich über die Gumby-Sketche von Monty Python angenähert zu haben scheint.

Dieses Expe­ri­ment geht schon nicht auf, wenn Dassler allein auf der Leinwand rumpel­stilzt, und gleich zweimal nicht, wenn sich der maskierte Bub das Bild mit Männern teilt, die sich ihre Lebens­narben wirklich am Tresen vom »Goldenen Handschuh« hätten schlagen lassen können. Männern, denen man abnimmt, dass sie sich ihre derben Spitz­namen wie Soldaten-Norbert, Anus und Doornkaat-Willy verdient haben.

Freilich kann man über Männer­ge­sell­schaften auch gelungene Filme drehen.

In nicht unbedingt frau­en­be­stimm­teren Milieus bewegen sich Mid90s und La paranza dei bambini, der kali­for­ni­schen Skater­szene in den titel­ge­benden Jahren und respek­tive der Mafia in Neapels Stadt­vier­teln. Auch hier wird Prestige in Form von Spitz­namen verliehen und gefestigt.

Der Prot­ago­nist von Jonah Hills sympa­thisch-nost­al­gi­schem Regie­debüt Mid90s überholt sehr schnell den zuvor Jüngsten, Untersten in der Hier­ar­chie der Skater-Clique – es ist ein Affront für den Über­gan­genen, dass Stevie fix zu »Sunburn« wird, während er selbst über seinen Taufnamen nicht hinaus­kommt. So lässig und rebel­lisch gegen Auto­ritäten sich die Teenager geben, so ernst und strebsam konstru­ieren und vertei­digen sie ihre eigene Rang­ord­nung, defi­nieren sie sich über sie.

In Paranza dei bambini, der nicht zu Unrecht für Roberto Savianis Drehbuch mit einem silbernen Bären ausge­zeichnet wurde, gehören die »Kosenost­ra­namen« für die altei­ge­ses­senen Dons zum Genre. Wie der Film überhaupt einen sehr klas­si­schen Plot durch­spielt von Verfüh­rung, Aufstieg und Fall durch das orga­ni­sierte Verbre­chen. Dass jedoch der Held und seine Mitstreiter durchweg Jugend­liche oder gar Kinder sind, bringt nicht nur eine neue Note, sondern verändert die ganze Kompo­si­tion. Was der Film entgegen aller Erwar­tungen ausspart, ist der typische Übertritt ins Mannes­alter durch eine Feuer­probe. Nicht nur bleiben die Nachwuchs-Mafiosi konse­quent wirklich jugend­lich, völlig unbe­fangen legen sie oft sonst eher als typisch weiblich kodierte Verhal­tens­weisen wie exzes­sives Klei­dungs­shoppen, Selfies knipsen und gemein­sames Aufstylen an den Tag. Und Nicola begeht seinen ersten Mord sogar – vorgeb­lich zur Tarnung – wie selbst­ver­s­tänd­lich verkleidet als Frau. Der Film stellt das nie groß aus, so weit­ge­hend, dass er auf der Berlinale oft als austausch­barer Camorra-Film abgetan wurde. Was im Umkehr­schluss jedoch die gewohnten Männ­lich­keits­in­sze­nie­rungen des Genres neu ausleuchtet, die Perspek­tive aus dem gefes­tigten Lot kippt.

Im Grunde könnte man ja auch die Toten Hosen als einen Männer­club betrachten. So gäbe diese Band sicher genug Stoff für eine Doku über Rollen­bilder, Iden­ti­täts­suche und Testo­ste­ron­pegel in der Punk-Musik. Aber obwohl mit Cordula Kablitz-Post eine Regis­seurin hinter Weil du nur einmal lebst – die Toten Hosen auf Tour steht, bleiben solche tieferen Fragen Rand­no­tizen. Was dem eher glatten Film aber – zumindest im Umfeld dieser Berlinale – gelungen ist: einem eine Injektion Energie zu geben.

Der Doku­men­tar­film und sein Wirt, das Thema

Und damit fügte er sich in die erschre­ckend große Reihe von sehr konven­tio­nellen Doku­men­ta­tionen, die selbst filmisch keinen Kunst­an­spruch erkennen ließen, die einem aber zumindest aus zweiter Hand die Leiden­schaft für Kino kurz­zeitig wieder erwecken konnten. Was das restliche Programm aus erster Hand nur sehr, sehr selten vermochte. Es waren Filme, die ihre Begeis­te­rungs­kraft parasitär allein aus ihrem Gegen­stand zogen.

Es hätte schlimmer kommen können – Mario Adorf begleitet den jung­ge­blie­benen Alt-Star auf einem launigen, mit Anekdoten und Liedlein gepflas­terten Spazier­gang durch Städte seines wild bewegten Lebens… ja, so in etwa. Kritisch-analy­tisch nähert sich Dominik Wesseleys Film seinem Sujet nicht. Aber es war erstaun­lich erquick­lich, daran erinnert zu werden, wie lebendig und viel­fältig, avant­gar­dis­tisch und hinreißend trashig europäi­sches Kino mal war. Und was für großar­tige und esprit­volle Filme von damals man hätte anschauen können, wenn man nicht seine Zeit mit dem Berlinale-Wett­be­werb vertrö­delte.

Viel­leicht war die Program­mie­rung von What She Said: The Art Of Pauline Kael nichts als eine Maßnahme der Berlinale, um den anwe­senden Film­kri­ti­kern ein Gefühl von Wertig­keit und Lebens­sinn zurück­zu­geben. Biederer als diesen Zusam­men­schnitt von Archiv­ma­te­rial und Talking Heads zu einem unab­läs­sigen Dudelsound­track kann man einen Doku­men­tar­film kaum gestalten. Doch trotzdem lässt es einen wieder träumen, wenn Regis­seure wie Quentin Tarantino, Paul Schrader und John Boorman der legen­dären Großkri­ti­kerin des »New Yorker« huldigen, statt anders herum. Freilich: man wächst beim Schreiben über Filme an seinen Gegen­s­tänden…

Festival im Selbst­zer­stö­rungs­modus

Strahlend und funkelnd wie das Feuerwerk im Berlinale-Trailer hat sich Kosslicks Abschied wahrlich nicht gestaltet. Im Gegenteil: not with a bang, but with a whimper schien sich die Berlinale einfach aufzu­lösen.

Rück­bli­ckend hatte es etwas von einem Omen, dass die schlecht verar­bei­teten dies­jäh­rigen Festival-Taschen sich quasi mit Inbe­trieb­nahme in den Selbst­zer­stö­rungs­modus begaben, ausfransten, ihre Nähte rissen und sie in ihre Einzel­teile zerfielen.

Das Fehlen einer beglei­tenden Ausstel­lung von ange­mes­sener Dimension in der Deutschen Kine­ma­thek ist den meisten schon gar nicht mehr aufge­fallen. Aber die darge­bo­tene Handvoll Räume mit einer eher beliebig schei­nenden Auswahl an histo­ri­schen Pres­se­fotos stellt dann doch ein neues Minimum an Aufwand und Enga­ge­ment dar. (Und wir sagen das als Besucher der »Best Actress«-Ausstel­lung von 2015.)

Dass der Rote Teppich zum Schutze der Umwelt aus recy­celten Fischer­netzen gefertigt wurde, ist lobens­wert. Aber wir empfinden es als einen Schritt zu viel, ihn für kommendes Jahr wieder­ver­wertbar zu halten, indem man ihn einfach nicht abnutzt durch zu viele Gäste mit Massen­ap­peal.

Dass der Eröff­nungs­film quasi ein Total­aus­fall war, haben wir eingangs schon erwähnt.

Der letzte Wett­be­werbsflm hat das dann noch einmal zu über­treffen gewusst – und ist tatsäch­lich komplett ausge­fallen. Ob wirklich wegen tech­ni­scher Probleme bei der Post-Produk­tion oder – wie gemunkelt – aufgrund von Einspruch der chine­si­schen Zensur: Die Leere, die Zhang Yimous fehlender Beitrag hinter­ließ, sorgte dafür, dass man bereits am Freitag das Gefühl hatte, das Festival sei nun endgültig schon vorbei und man sich von der Abschluss­gala am Samstag etwas über­rum­pelt fand.

Aber zu dem Zeitpunkt war man ohnehin längst dazu über­ge­gangen, die Filme Filme sein zu lassen und sich mit realen, zumeist gleich­ge­sinnten, gleich desil­lu­sio­nierten Menschen zu treffen. So saß man dann gemütlich bei ein paar Bier zusammen, die Frage nach unver­zicht­baren Film­emp­feh­lungen war meist schnell mit einem allsei­tigen Schul­ter­zu­cken geklärt und schon stand einem wirklich netten Abend kein lästiges Kino mehr im Weg.

Aber viel­leicht war ja genau das der passendste Abschied für einen Festi­val­leiter wie Kosslick, dessen Film­aus­wahl nie unbedingt von cine­as­ti­scher Dring­lich­keit geprägt war.
Dem man aber bei aller Kritik nie den Vorwurf machen konnte, dass es ihm miss­glückt sei, seinem Festival ein mensch­li­ches Gesicht zu geben.

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