16.02.2019
Berlinale 2019

Was hätte SIE zu diesen Film gesagt...?

What She Said: The Art of Pauline Kael
Wie ein verfilmter Wikipedia-Artikel

Rob Garvers »What She Said: The Art of Pauline Kael« in der Panorama-Subsek­tion Dokumente

Von Sedat Aslan

Vor der Vorfüh­rung im Kino am Potsdamer Platz tritt der Filme­ma­cher vor sein Publikum und sagt nur folgende Sätze: „Hätte Pauline Kael gehört, dass jemand einen Film über eine Film­kri­ti­kerin drehte, hätte sie es vermut­lich verrückt gefunden. Wenn sie dann aber erführe, dass der Film von ihr handelte, hätte ihr das wohl sehr gefallen.“

Nun tritt Rob Garver ab, und sein Doku­men­tar­film im Panorama, „What She Said: The Art of Pauline Kael“, beginnt. Das einein­halb­stün­dige Werk behandelt Leben und Schaffen der berühmten Film­kri­ti­kerin, die besonders in ihrer wich­tigsten Phase ab 1968 beim „New Yorker“ die Film­kritik zu einer eigen­s­tän­digen prosai­schen Form führte, wie Wegge­fährten und Bewun­derer zu betonen nicht müde werden. Gerade in der Umbruch­zeit im US-Kino der 60er und 70er Jahre, Stichwort „New Hollywood“, war sie mit ihren später in mehreren Bänden gesam­melten, oftmals sehr umfang- und nicht minder geist­rei­chen Film­kri­tiken dafür mitver­ant­wort­lich, dass Filme wie Bonnie and Clyde und Regie­ta­lente wie Steven Spielberg und Martin Scorsese die Beachtung erfuhren, die ihnen von weniger progres­siven Kritikern verwehrt blieb, und welche Ihnen zu nach­hal­tigem Weltruhm verhelfen sollte.
Pauline Kael hatte nicht nur Einfluss auf Karrieren von Regis­seuren in ihrer größten Wirkungs­phase, sondern auch solchen, die sie später rezipiert haben. Besonders zu nennen wäre hierbei Quentin Tarantino, der im Film auch vertreten ist, und an einer sehr schönen Stelle verrät, wie ihn Kaels Bespre­chung zu „Bande à part“ von Jean-Luc Godard zu seinem eigenen künst­le­ri­schen Zugang inspi­rierte.
Neben der Tatsache, dass sie sich als Frau in einer männlich domi­nierten Branche, von dieser argusäugig betrachtet, an die Spitze der Film­kritik schrieb und ihr Urteil über Erfolg und Miss­er­folg an der Kinokasse mitent­schied, lässt der Film nicht unerwähnt, dass Pauline Kael durchaus schroff und streit­lustig sein konnte. Davor waren weder Genies wie Chaplin und Welles noch heute als Meilen­steine geltende Filme gefeit: Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey inter­pre­tierte sie negativ, ihre Rezension zu Claude Lanzmanns Shoah brachte ihr sogar den Vorwurf des Anti­se­mi­tismus ein.

Regisseur Rob Garver ist seine Recherche- und auch Monta­ge­ar­beit sowie seine Leiden­schaft für sein Sujet hoch anzu­rechnen. Ebenso, dass er es geschafft hat, die lange Zeit skep­ti­sche Tochter Kaels, Gina James, vor die Kamera zu holen – sie wertet den Film als zeit­ge­schicht­li­ches Dokument deutlich auf. Durch ihre Einblicke sowie die von ihr vorge­tra­genen Auszüge aus Kaels Texten wird deren spezielle Kunst, Sachen zu beschreiben, die man nur fühlen kann, erfahrbar.
Wie lässt sich aber ein doku­men­ta­ri­scher Film über eine solch einfluss­reiche Film­kri­ti­kerin erzählen? Dieser nahe­lie­genden Frage stellt sich der Film überhaupt nicht. Er findet keine besondere Form, sondern könnte prin­zi­piell von jedem anderen Menschen handeln. Es geht chro­no­lo­gisch vom Leben bis zum Tod, und wie es bei vielen neueren, gerade für Strea­m­ing­por­tale produ­zierten Doku­men­tar­filmen mitt­ler­weile Usus ist, wechseln sich auf diesem Weg rastlos Inter­view­se­quenzen, Archiv­ma­te­rial, Film­aus­schnitte, Foto­gra­fien und Voice-Overs ab, eine dahin­plät­schernde Musik untermalt den Bilder­brei fast unun­ter­bro­chen. Der Film ist zwar infor­mativ und als Start­punkt für eine Beschäf­ti­gung mit dem Werk der Kriti­kerin zwei­fellos lohnens­wert, aber völlig ohne Über­ra­schungen, er stellt keine Fragen und beant­wortet alle.

Es ist wahr­schein­lich, dass das Sujet des Films diesen bei aller Schmei­chelei selbst nicht besonders schätzen würde, denn Filme, die den Zuschauern alles erklären und ihnen keinen Freiraum bieten, hielt sie, wie mehrfach betont wird, für lang­weilig. Genau dies macht jedoch dieser viel zu biedere Film. Er ist durch und durch unkünst­le­risch, wie ein verfilmter Wikipedia-Artikel.
Nachdem der Vorhang gefallen ist, eine Zuschau­er­frage: wie der Regisseur nach seiner inten­siven Beschäf­ti­gung mit Pauline Kaels Leben die Möglich­keiten eines Spiel­films darüber einschätzt. Diese Ehre wäre vermut­lich selbst ihr dann doch ein wenig zu viel des Guten.

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